Donnerstag, 2. Oktober 2003

romane: rache des kleinbürgers an den höheren ständen. sublimiert, symbolisch, ersatzhandlung, of course.





Mittwoch, 1. Oktober 2003

vorhin in einem großhandelsmarkt im hamburger umland. auch dort inzwischen eine "wellness"-abteilung. die besteht im wesentlichen aus rasierapparaten und hartplastikfußmassagewannen (marke "alaska"). dieser brachial-holistische pseudospiritualismus versucht, selbst dem schneiden der fußnägel noch irgendwelche tiefe anzudichten. was natürlich sehr schön in diese konjunkturlahme zeit passt: notwendigkeit wird zu luxus umgedeutet, das fehlen realer kaufkraft als askese recodiert. arbeitslosigkeit als transzendenz, hübsch personalisiert.





Bei Salon (day pass required) ein recht konfuses, aber in seiner konfusion, kommt mir vor, ziemlich interessantes lamento über alles mögliche: die neue sexlosigkeit, die selbstenterotisierung von guterzogenen, sensiblen, an amerikanischen universitäten studierenden männern, die aggressivität, die unter der sensibilität glimmt, das faken von klitoralen orgasmen, langeweile beim ficken durch geschlechtsangleichung und hierarchienverflachung und und und.

schöne sätze darin: "Another reason fucking is out of fashion is that it makes us feel too much.", "The women have won, if you've won when you have worse sex than your grandmother did." aber auch ganz krauses zeugs, über macht und wie superwichtig es sein soll, die gender roles auseinanderzuhalten, jedenfalls als fiktion. aber wahrscheinlich sind es die verwirrtesten texte, die am genauesten beobachten.

salon sex > Ann Marlowe: No intercourse, please -- we're enlightened. Sensitive, feminized and resentful, today's young men no longer have the sexual authority to please a woman -- no matter how much oral sex they perform.





alter bekannter, der mann, immer noch dämlicher als erlaubt. damals beim stern habe ich ihn blacklisted, weil er, sich als vom stern beauftragt ausgebend, bei plattenfirmen anrief, um interviews einzutüten. was nicht so gut kam, wenn wir einen tag später bei plattenfirmen anriefen, um interviews einzutüten...





ist mir gerade wieder eingefallen: sommersemester 95, proseminar "sein und zeit" beim gesamtverantwortlichen herausgeber der heidegger-ausgabe, das thema der "uneigentlichkeit". die "anonyme diktatur des man" wollte er in der ganzen breite des zeitungs- und zeitschriftensortiments auf das "widerwärtigste" am werk sehen. im zuge seiner weiteren ausführungen geriet er in einen fulminanten furor, mit spitzer stimme schrie er schließlich, man sollte "diesen ganzen schund" doch "einfach vernichten", und zwar "am besten verbrennen". daraufhin beschwerte sich eine studentin: sie hätte kurze zeit vorher ein praktikum bei amica gemacht und würde sich durch diese harschen verallgemeinerungen nun auch persönlich attackiert fühlen. darauf der herausgeber, reumütig errötend: "na gut, entschuldigen sie bitte, amica ist dann vielleicht eine ausnahme."





Cette collection composée par Bruno Decharme rassemble 170 des principaux créateurs du milieu du XIXe siècle à nos jours et recense 2000 œuvres environ.

association a b c d art brut connaissance et diffusion





t-shirt aufdruck, ebenfalls im hamburger schanzenviertel vorhin: "junge nutten eppendorf"





hamburger schanzenviertel, mittagspause. ein local drug user, mund halbvoll mit holstenbier, sieht auf der anderen straßenseite einen kumpel und brüllt dialektverbreitert unscharf: “ey, digga!“ rüber. in genau dem moment fährt auf einem winzigen kirschroten klappfahrrad ein dunkelhäutiger hüne vorbei. steigt ab nach kreischender rücktrittbremsung, klappt mit einem fußtritt den ständer aus, geht hin und schlägt dem hamburger local mit wucht eine linke gerade auf die nase. die sofort darauf aufplatzt und zu bluten anfängt. der geschlagene blickt den schwarzen fragend an. dieser, schon wieder auf seinem klapprad, antwortet: “nobody ain´t callin me nigga no more!“





Dienstag, 30. September 2003

Jörg Dünne: Weblog: Verdichtung durch Kommentar Via Funkenfeuer





am nachmittag die wurzelspitzenresektion absolviert, die noch fällig war. very funny. der eingriff fand in der hbec, der hohe bleichen esthetic clinic statt. im wartezimmer sofort die zwei anwesenden frauen gescannt und anhand der ausliegenden preisliste zu erraten versucht, ob sie zur mundwinkelglättung (ab 2000 €), zum ohrenanlegen (ab 2000 €) oder zum stirnlift (3000 €) erschienen waren; in ihrem blick stand natürlich auch eine umfangreiche verdächtigungsliste, bildete ich mir ein. unter den ausliegenden zeitschriften, die selbstredend nicht vom lesezirkel geliefert und deswegen aktuell waren (die kopftuchedition des sturmgeschützes), befanden sich unter anderem die annals irgendeiner plastischen-chirurgen-vereinigung und ein katalog mit den neuesten bmw-modellen. bei der besprechung des eingriffs wurde ich so zart behandelt wie eine frauke-ludowig-klientin, die ihr ästhetisches los in die hände eines nasenpapstes legt, musste darauf hinweisen, dass es sich ja nur um ein wenig gemetzel in meinem mund handelte. letzter satz, bevor es losging: "vor die kamera sollten Sie morgen nicht gehen". ich muss gestehen, ich fühlte mich geschmeichelt.

(ach ja, und zu hause vor der tiefkühltruhe habe ich lange überlegt, ob ich mir die fresse mit der tanqueray-ten-flasche, den eingelagerten maki-rollen oder den migräne-gelkissen kühlen sollte)

(ach ja, und in der apotheke, in der ich das antibiotikum kaufte, der slogan: "herzinfarkt - keine gute idee")

(ach ja, und in der redaktionsküche heute: eine mit lebensmittelfarbe auf himmelblau getrimmte torte zum fünfjährigen jubiläum von viagra. geschenk der pfizer-propagandaabteilung)





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