Harun Farocki: Leben-BRD [How to Live in the German Federal Republic] (1986)





»A SYMBOL WHICH INTERESTS US ALSO AS AN OBJECT IS DISTRACTING.«





museum of broken relationships




das in der nun schon über ein jahr andauernden erinnerung immer noch wachsende unangenehme [achselzucken, "doch nix kapiert"] der lektüre von didions "das jahr magischen denkens": wie darin dunne, der verstorbene, nicht vorkommt, keine schilderung, nichts, nur dieses im kreis rennende verlustgefühl didions, fast (irgendwie) beleidigt, dass er gestorben ist, pampt, wie eine fahnenflucht beschrieben, nimmt ihm den infarkt persönlich. unangenehm eben. irgendwann, dachte ich, mit jedem weiteren kapitel, muss dunne doch vorkommen, er kam aber nicht vor, als hätte es ihn gar nicht gegeben.

[daraufhin dunne-bücher gelesen und ihn sofort viel lieber gemocht als didion. in irgendeinem didion-essay-band schließlich einen nachruf auf einen ihrer freunde gelesen, passagen gefunden, die im magischen denken, dort auf dunne bezogen, standen, sofort "trauer-copy&paste" gedacht, unangenehm]

zwischen den jahren markus werners "am abhang", zwei, drei tage lang begeistert gewesen (das billige an mir: die begeisterbarkeit durch stil, virtuosität, jonglage), dann, am dritten, vierten tag plötzlich wütend: gedacht, dass man mit einer erzählung kontern müsste, dringend, in der die frau, ich-erzählend, diesen beiden pfeifen alles zurückgibt. jeder sie sich nach seinem eigenen bilde, aber jetzt eben - nicht mehr.

daraufhin bemerkt: meine zuneigung zu gerechten romanen, proust, pynchon, musil, joyce, bellow. seltsam.





le pingpong d'amour
dernière am 2.12.07 von 13:00 bis 03:00 uhr. € 10.
kosmos, karl-marx-allee 131 a, berlin









Klaus Jarchow fasst die midlife-crisis der ersten Blogger-Generation schön zusammen:

Das Bloggerleben ähnelt einer Schriftstellersituation viel mehr als einer kaufmännischen Situation. Im Web 2.0 kann man vielleicht gute Texte und Schreiber für viele Zwecke finden, aber eben keine Marktaufbauhelfer. So ziemlich alle Versuche, mit dem Bloggen gemäß ordoliberalen Gesetzen ‘Geld zu machen’, sind gescheitert oder sind gar nicht erst in die Füße gekommen.
Das aber heißt eben nicht, dass die Blogs selbst ‘gescheitert’ wären, denn sie erfüllen ihre genuine Aufgabe nach wie vor. Viele haben eine erstaunliche Zahl von Anhängern generiert, mit anderen Worten: Sie werden wirklich von vielen gelesen. Was wir von Presseerklärungen und Artikeln nicht in jedem Fall behaupten würden.

Und er giesst ein wenig Brandbeschleuniger nach:

(...) An diesem Punkt dann gibt es dann tatsächlich eine Seelenverwandtschaft mit Hans-Ulrich Jörges, dem Alpha-Journalisten: Beide möchten im Grunde die Siele dichthalten, damit der Pöbel nicht nachrücken soll.




i'm every woman, it's all in me





By showing us that anxiety is a mode of expectation, closely resembling desire, Freud allows us to understand why poetry, which loves love, also seems to love anxiety. Literary and human romance both are exposed as being anxious quests that could not bear to be cured of their anxieties, even if such cures were possible.<< (bloom: freud and the sublime.)





man kann sich mich als einen glücklichen menschen vorstellen.


... hier kommt es mir vor wie in new york, nein wie in paris, nein wie in hamburg ....


"dachtest du, dass sich dein leben noch einmal so sehr verändern würde?"


wir haben jetzt so viel miteinander zu tun, dass es nicht ausbleiben konnte, dass er mich eines abends bei der wantan-suppe mit dem namen seiner frau ansprach. worauf wir auf der stelle unsere klapphandies aufklappten und unsere frauen anriefen, um ihnen synchron zu erzählen, dass er mich jetzt schon mit dem namen seiner frau ansprach.


gebucht auf den red eye flights.

[jeder von uns hat sich von einem bettwarmen körper losmachen müssen, versonnen in einem taxi gesessen, hinausgestarrt in die nacht und sich dabei gefragt, wie lange das noch so gehen soll, wann er wieder nach hause darf, nicht nur an den wochenenden. jeder von uns kennt die verbindungen am montagmorgen und am freitagabend, die sechsuhrmaschine, die sechsuhrfünfzehnmaschine, jeder von uns kennt die montagvormittage, an denen man schwer wieder in die gänge kommt, dafür aber weich ist, und die freitagnachmittage, an denen die aufregung und die vorfreude einen unerwartet hochputscht und die müdigkeit vertreibt, und dann sitzen wir noch bis ein oder zwei in der früh am tisch und erzählen einander, wie es uns ohne einander ergangen ist, die ausführlichen fassungen diesmal, nicht die telefonversionen, die fassungen mit anschauen, um den tisch pesen, umarmen, küssen, fragen die anderen bedeutsamen anderen ab, wie geht es t., wie geht es k., und mit heruntergedimmteren stimmen: wie geht es dir eigentlich?]


tales of two cities


das wochenende, an dem wir unsere wohnung einrichteten
das wochenende, an dem wir einander aus joan didions buch vorlasen


  • fehlt dir noch etwas?
  • ja, du.

heute morgen um halb sechs habe ich in hamburg auf der abflug-anzeigentafel nachgesehen, von welchem gate mein flug nach hamburg startet und bin ganz panisch geworden, ehe mir einfiel, dass ich doch gerade dabei war, nach münchen zu fliegen


t., die anruft und fragt, ob wir nicht auch etwas beim lieferservice bestellen wollten, sie käme ja nie über die mindestbestellmenge hinaus


das hochparterre ist wahrscheinlich die richtigste entfernung, die man zum leben einnehmen kann.


in vierzehn tagen bin ich sechsmal geflogen. aber am freitag fahre ich mit dem zug.


richtig ist ein richtiges wort.


kaum noch fernsehen. das letzte mal, als ich angeschalten habe, wurde bekannt gegeben, dass oskar pastior gestorben war. seltsam, dachte ich, dass der tod oskar pastiors in den nachrichten bekannt gegeben wird. dichter, die es nur einmal in die nachrichten schaffen, im augenblick, in dem sie aufgehört haben zu dichten.


dann habe ich damit begonnen, ihr übers telefon vorzulesen.


  • ich dachte, du bist in münchen
  • bin ich ja auch, nur nicht jetzt

das oktoberfest ist nicht so Ihr ding, sagte jemand.
nein, nicht so, sagte ich und hatte das gefühl, ihn zu enttäuschen.


stadt der distanzlosigkeit.

schweigepanik.

am nebentisch saß ein mann, der einer frau erklärte, dass er kein pessimist sei, ein optimist aber auch nicht, ein realist eben, immer gut damit gefahren, vielleicht ein wenig zu sachlich, das wisse er ja selbst, aber so sei er. dann ging er, mit ankündigung, er werde in fünf minuten wieder da sein, kam tatsächlich fünf minuten später wieder, setzte sich, sagte, er sei realist, ein realist eben.


bei den jungs von i love you but i've chosen darkness handelt es sich, erzählt caro, um brave familienväter aus texas, holzhaus, kind, ehefrau, der keyboarder unterrichtet englisch.


um eine stadt zu verstehen, sagt simone, muss man sich ihre verrückten ansehen.


das jahr magischen denkens


der taxifahrer, der die charles-de-gaulle-straße nicht kannte und und in sein navigerät "schal de" einzugeben begann


bei der spiegeltitelgeschichte über die verlotterluderwilderung des deutschen sofort lust auf eine aphasie gehabt.


wenn du getrunken hast, sagt sie, knirschst du nachts wie ein kiesweg.


die wir-freunde (im unterschied zu den ich-freunden, die man gegeneinander hat)


frauen ziehen sich entweder für sich, für männer oder gegeneinander an.


"wenn einer gut reden kann, sehen wir über seinen körper hinweg"


die regeln des vorgängers


ein schreiber (as in writer) zu sein ist etwas völlig anderes, als gut schreiben zu können


der nachmittag, an dem sie mich anrief, nur um mir zu sagen, dass sie mit mir, ich hoffe, das verletzt dich jetzt nicht, über marieluise scherer sprechen müsse, der abend, an dem sie mir im bett erklärte, was am text marieluise scherers nicht stimmte, an dieser oder jener stelle, das konnte sie nicht wissen, sagte sie, und hier ist etwas mit der zeitenfolge falsch, versteh mich nicht falsch, all diese sätze sind hammerhammerhammer, aber das hier ist einfach nicht richtig, und mit jedem ihrer einwände hatte sie recht, & ich wieder denkend, aber das geht euch nichts an


  • was heißt eigentlich ja auf russisch?
  • ich weiß nicht, ich weiß nur, was nein heißt.

[kindheit mit blutig gespielten händen in den sommerferien, er wohnte bei uns, damit er kontrollieren konnte, ob ich genug übte, sagte immer nur njet, njet, njet, njet, njet]


  • ich kann mich an dich nur mit einem blauen fleck am hals erinnern
  • ach das, sagt sie, lakonisch, das ist der geigerfleck, den hat doch jeder

dieses glück andererseits, jedes mal, wenn ein violinkonzert läuft und sie auf der stelle erzählt, was es ist, worum es geht, warum es gut ist, wann sie es gespielt hat, ob es schwierig zu spielen ist. eines nachts hat sie sich neben mich auf den boden gelegt (denn eine meiner angewohnheiten ist es, auf dem boden zu liegen, stundenlang, einfach so], ihre linke hand über meine rechte hand gelegt und dann mit meiner rechten hand den takt auf den boden geschlagen, jetzt jetzt jetzt, bis ich es begriffen hatte, das metronomische & die leichten abweichungen dabei, der mozartpuls.