Donnerstag, 7. November 2002

habe ich in den letzten Wochen den angekündigten Krieg der Amerikaner gegen den Irak. Bis vor wenigen Minuten gelang dies gut. Zu abwegig ist die Vorstellung, die größte Macht der Erde würde mit offenem Visier ein nordafrikanisches Land attackieren um einen Diktator zu eliminieren. Dann sendete CNN Dabbeljus erste öffentliche Rede nach den amerikanischen Zwischenwahlen. Bush hat nun alle Mehrheiten, keine Skrupel und keine nennenswerte Opposition mehr. Wenn es denn öffentliche Gegenrede gibt, dann erfahren wir in deutschen Medien nicht aktiv etwas davon. Die Ansichten der Alliierten jucken Bush wenig. Ein zweiter Flugzeugträger ist unterwegs. Ich will mir nicht vorstellen was geschehen wird.

Das einzige Bild das ich lange Zeit besaß, stammt von Safa, einem auf Elba lebenden Maler. Ich bekam es geschenkt unter der Bedingung mir aus den vielen Bildern auf dem Tisch ohne lange zu überlegen ebenjenes auszusuchen, das mich unmittelbar anrührte. Dieses sprang mich an.

nachts, als die usaf bagdad bombardierte

Das Bild malte Safa in ebenjener Nacht, als im Fernsehen die Bilder zur ersten Bombardierung Bagdads liefen. Er hatte große Angst und betrank sich danach. Ich hatte große Angst. an diesem Abend, das erinnere ich. Ob Safa noch lebt, weiß ich nicht. Er war damals schon ein alter Mann.





Auch einmal schreiben müsste man über die merkwürdigen Trancen der Depersonalisierung, in die man durch medizinische Behandlungen geraten kann. Heute zum Beispiel, während ich mir die Halswirbelsäule durch eine Art Flaschenzug strecken ließ, hatte ich eine sehr aparte Out-of-body-experience, sah mich plötzlich, wie ein Beobachter mich gesehen hätte, mit nacktem Oberkörper auf einem Stuhl sitzend, den Kopf in Zaumzeug, von dem ein Seil über eine an der Decke befestigte Rolle zu meinem linken Arm ging, dessen Gewicht meinen Kopf nach oben zog, im Rücken eine Batterie Heizlampen, die die Muskeln lockern sollten. So saß ich da und sah mir zu und fragte mich, ob das, was ich da sah, eine Allegorie sei, und falls ja: wofür denn bloß? In der zweiten Runde lag ich bäuchlings auf einer Behandlungsliege, eine Frau klebte vier Saugnäpfe auf meinen Rücken, sagte: sie würde nun den Strom hochfahren, bis es kribbeln würde, ich sagte: ja, jetzt kribbelt es, dann ließ sie mich alleine in dieser Kabine, ich lag da, Strom fuhr durch meinen Körper, das Gerät machte merkwürdige Geräusche, in die ich abdriften konnte, irgendwohin, wenn ich nur wüsste, wo ich war. Ah, wie fremd man sich ist, diesem Nervenmatsch, der man ist.





Dienstag, 5. November 2002

Dieses Lied spielten sie, vier-, fünfmal am Tag, auf Radio Nostalgie, das wir nur bald nur deswegen so hysterisch hörten, weil sie immer wieder dieses Lied spielten, die Bee Gees, 1964, wie kann einem nur so ein Text einfallen, fragten wir uns, und warum spielt ein Sender an der Cote d'Azur bloß dieses Lied so oft?

I Started A Joke which started the whole world crying But I didn't see that the joke was on me, oh no I started to cry which started the whole world laughing Oh If I'd only seen that the joke was on me.

I looked at the skies running my hands over my eyes And I fell out of bed hurting my head from things that I said 'Till I finally died which started the whole world living Oh If I'd only seen that the joke was on me

I looked at the skies running my hands over my eyes And I fell out of bed hurting my head from things that I said 'Till I finally died which started the whole world living Oh If I'd only seen that the joke was on me Oh no that the joke was on me





The questions, discussion topics, and suggested reading list that follow are intended to enhance your group's reading of Jonathan Franzen's The Corrections, an unflinchingly honest yet ultimately redemptive chronicle of an American family. We hope they will help you approach the complex story of the Lamberts, which takes a hard look at the role of family in contemporary society and questions the effects of materialism in late-twentieth-century America.

  1. Consider the atmosphere of suburban St. Jude (named for the patron saint of hopeless causes) in comparison to the more sophisticated surroundings of Philadelphia and New York. Why has the Lamberts' neighborhood evolved into a gerontocratic refuge? "What Gary hated most about the Midwest was how unpampered and unprivileged he felt in it" [p. 178]. What negative and positive qualities are attributed to the Midwest? How are the characters shaped by the cities or towns they live in?

  2. What is the significance of "one last Christmas"? Is Enid's obsession with the holidays predictable for a mother of her generation or is it, as Gary fears, "a symptom of a larger malaise" [p. 148]?

  3. Why does it take so long for the Lamberts to acknowledge the seriousness of Alfred's illness?

Is Al's deteriorating mental health solely a result of Parkinson's disease? How are his physical and mental deterioration linked? "Irresponsibility and undiscipline were the bane of his existence, and it was another instance of that Devil's logic that his own untimely affliction should consist of his body's refusal to obey him" [p. 67]. Why are these ailments especially humiliating for Alfred?

  1. Novels written in the nineteenth century often have plots with many characters and story lines. Novels from the 1980s and 1990s often have spare plots with minimalist characters. What is the book's relation to these two models? Which elements of the book's style seem especially modern and which more traditional?

  2. What role does corporate America play in this story? Consider the Midland Pacific takeover, Al's connections with the Axon Corporation, and Brian's dealings with the W-- -- corporation. What are the lessons of Chip's Consuming Narratives class? Are they accurate and relevant? How should we view Melissa's critique of them [p. 42 -- p. 44]?

usw.

Jonathan Franzen, Corrections, Reading Group Guide





Betriebsräte sind eine feine Sache. Hätte nie gedacht, dass ich das nochmal gut finde. War mir bis dato völlig unklar, welche Möglichkeiten es gibt ... wäre ich Unternehmer, würd? mir grausen.





Montag, 4. November 2002

Wenn man nicht schlafen kann, macht man schwere Fehler. Man liest zum Beispiel doch noch Iris Radisch in diesem liegen gebliebenen Zeit-Literatursonderheft, das man vor Wochen gekauft hat: einen Text über David Foster Wallace, eine entsetzlich blöde Schwärmerei, nicht weil David Foster Wallace nicht zu beschwärmen wäre, sondern: weil es sich wieder einmal um diese Literaturkritiker-Variante des RTL-Promiboxens handelt, vor dem eine wie die Radisch sich doch sicher ekelt. David Foster Wallace, so geht ihre Beweisführung, ist gut, weil David Foster Foster nicht Robbe-Grillet, Grass oder Walser ist, und auch nicht Jonathan Franzen. "Jonathan Franzen" nämlich, so Frau Radisch, "ein gerade 40jähriger Amerikaner, verfasst unter Ovationen der Kritik eine Apologie des kleinfamilialen Dreiecks".

Na toll.

Im Spiegel habe ich neulich über die Corrections den verwunderten Satz gelesen, es käme darin kaum Sex vor. War auch toll.





Sonntag, 3. November 2002

Needless to say, the tour cost an arm and a leg, 280 pengos per person, it turned out after they made their calculations, but it was well worth it, and they decided to repeat the tour again the following year. But their dream was never realized because even the devil-may-care lawyers and doctors could feel the coming crisis, and after 1933, none of them felt very much like going to Germany. Still, of the five two managed to get as far as Mauthausen once, though they did not go by boat but mostly on foot. Pista Dick was also supposed to go with them, but a couple of weeks before they were to start off, he and his twin brother threw themselves out the fourth story window.

[The Regensburg Tour by Iván Bächer. The author is a journalist and novelist living in Budapest.]

Centropa is the signature project of the Central Europe Center for Research and Documentation, a US-based non-profit corporation (Federal Tax ID 58-1970-134) with its headquarters in Vienna, Austria. We are an international team of historians, filmmakers, web designers, journalists, educators, photographers and Jewish community activists. Our goal is to create a window into Jewish history, and current events, in Central and Eastern Europe and the former Soviet Union.





Samstag, 2. November 2002

Fürs Samsara habe ich 70 Euro ausgegeben, nur des Wortes wegen. C?est pour le samsara, sagte sie, und schon habe ich kapituliert.





Als wir im Amphitheater von Orange mit Audioguides von Station zu Station prozessierten ("wenn Sie mehr über das römische Bühnenrepertoire erfahren wollen, wählen sie 61, sonst gehen Sie weiter zu 7", &tc.), dachte ich gleich, solche Audioguides sollte es ganz dringend für die Gegenwart gäben. Man käme an einem Menschen vorbei, und im Ohrhörer würde dir seine Geschichte erzählt werden, drei, vier Sätze lang, "das hier ist Olga S., im vergangenen Jahr ist ihr Mann gestorben, nun versucht sie sich mit Meeresrauschen zu betäuben, nachts träumt sie noch von ihm, dann läuft sie die Promenade des Anglais hinunter, wünscht sich, es wäre Winter und so kalt, dass sie ihren Atem sehen könnte, Wolken pustend, sich vermischend mit dem Äther"; oder: "Madame M., seit jeher mit Möglichkeitssinn ausgestattet, sie sucht hier Orangenöl, und jeden Morgen dehnt sie sich beim Sonnengruß, vier Sekunden ein, acht Sekunden aus, der Duft der Orangen erinnert sie an, sie weiß nicht genau, woran". Oder so ähnlich. Man würde den Menschen, deren Gesichten man hörte, bestimmt anders nachsehen.





Re-Magazine's main goal is to re-invent the format of a magazine as a form of personal expression. It is a personal magazine.

Seit ich es kenne, ist das Re-Magazine eine meiner Lieblingszeitschriften, sicher deswegen, weil es keine Zeitschrift ist, nicht wirklich, aber ihr Nichtzeitschriftsein mit den Mitteln einer Zeitschrift behauptet. Seiten, auf denen statt einer Paginierung "no page" stand, beispielsweise. Artikel, die nur davon handelten, wie und mit welchen rhetorischen Absichten in Artikeln Sätze zu anderen Sätzen führen. All so was. Klingt ein wenig meta, ist es aber gar nicht. Nur der Form bewusst.

In der neuesten Ausgabe wird, ein ganzes Heft lang, die fiktive Geschichte eines fiktiven Verschwindens einer fiktiven Person namens John (von "John Doe") erzählt. Ein Schauspieler mietet sich fünf Wochen lang in einer leeren Wohnung in einem baufälligen Haus ein, simuliert das Verschwinden aus allen seinen sozialen Kontexten, versucht seine Biografie zu vergessen, treibt so herum, nimmt Sekunden-Identitäten an, die nur Rezeptivität sind (Dialoge in Straßencafes belauschen, auf Ämter gehen und aufs Geratewohl Wartenummern ziehen und so weiter), verzichtet auf so etwas wie Struktur in seinem Leben. Ein Experiment also, eine Versuchsanordnung. Jemand eperimentiert damit, zu verschwinden, und berichtet darüber, samt Fußnotenapparat. Ich denke oft, dass Zeitschriften so sein sollten, Experimente, mittels derer man etwas über die Wirklichkeit herausfindet, statt sich von der Wirklichkeit betäuben zu lassen. Außerdem: Zeitschriften nur über eine Person. In diesem Fall ist es eine fiktive, aber Personen sind ohnehin immer fiktiv. Das neue Colors übrigens handelt auch nur von einem einzigen Menschen. Einer für alle, und dann auch wieder nicht. In gutsortierten Bahnhofszeitschriftenläden.





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