Neues über den Spitzelskandal der FPÖ und den Grad des Irrsinns, der in Österreich eben nicht zur Zwangseinweisung in die Heilanstalt führt, vielleicht, weil jeder weiß, dass dergleichen Irrsinn ohnehin unheilbar ist: Der Salzburger FPÖ-Chef Karl Schnell nennt die Ermittlungen der Polizei schlimmer "als bei der Gestapo". Und Kärntens FPÖ-Chef Jörg Freunschlag nennt den Innenminister, weil er die Ermittlungen - gegen Politiker seines Koalitionspartners - pflichtgemäß nicht behindert, einstellt, oder im Sande verlaufen lässt: einen "Judas". Was logischerweise bedeutet, dass er den Herrn Haider mit Jesus verwechselt.
Am beängstigenden in den Debatten über die deutsche Leitkultur, die jetzt laut CDU ja "Leitkultur in Deutschland" heißen soll, ist die immer wieder vorgebrachte Forderung, der Einwanderer müsse deutsch lernen. Auch die Grünen, jedenfalls deren Vorsitzende Künast, die statt der Leitkultur lieber "Verfassungspatriotiotismus" hätte, beharren darauf. Ganz so, als ob es im Grundgesetz die Verpflichtung gäbe, deutsch zu reden, halten sie es für illegal, wenn einer daherkommt und glaubt, er käme durch mit Türkisch, und kaum einer kommt auf die recht naheliegende Idee, es doch den Immigranten selbst zu überlassen, wieviel und wie gut sie mit den Einheimischen kommunizieren wollen. Der einzige, der das öffentlich gesagt hat, ist meines Wissens Maxim Biller in einer ntv-Talkshow, selbst ein Einwanderer, und einer, der besser deutsch kann als die mit dem Rohrstock fuchtelnden Ausländerpädagogen....
Wie Wirtschaft, old or new economy, immer schon funktioniert hat, erfährt man zum Beispiel in Raul Hilbergs "Vernichtung der europäischen Juden", einem Werk, das man wieder und wieder lesen muss, um alle Perfidien mitzubekommen (was zugegeben ein recht masochistisches Bedürfnis ist; aber ich kann mir dagegen nicht helfen, obwohl ich doch längst wissen sollte, wie lückenlos das Interesse, Profit aus der Welt zu schlagen, sich jene unterwirft). Das Zitat, auf das ich heute stieß, lautet:
"Obwohl die Juden in Güterwaggons transportiert wurden, buchte man sie bei der Reichsbahn als gewöhnliche Fahrgäste. Grundsätzlich beförderte man gegen Bezahlung jede Gruppe von Reisenden. Basistarif war der 3.-Klasse-Fahrpreis: vier Pfennig pro Streckenkilometer. Kinder unter zehn zahlten den halben Preis; Kleinkinder unter vier reisten umsonst. Gruppentarife (halber 3.-Klasse-Fahrpreis) wurden gewährt, wenn wenigstens 400 Personen zu befördern waren. Der entsprechende Fahrpreis wurde dem Antragsteller der Gruppenbeförderung in Rechnung gestellt. Im Falle der jüdischen Todeszüge war dies das RSHA. Für die Deportierten war der einfache Fahrpreis zu entrichten, für die mitreisende Bewachung musste eine Rückfahrkarte gelöst werden."
Eine merkwürdige Website, nicht zuletzt deswegen, weil sie einem beweist, wie boshaft man ist, erhält man denn Gelegenheit dazu: Bei Am I HOT or NOT? lassen ganz normale Amerikaner, meistens sind es Teenager, ihre Fotos von der community of netizens bewerten: Auf einer Skala von 1 bis 10 kann man sich dafür entscheiden, wie "hot" oder eben nicht jemand wirkt. Es begann bei mir, wie meistens, idealistisch. Ich gab den unansehnlichsten Mädchen die besten Noten, um ihr average rating in die Höhe zu treiben. Und dann ertappte ich mich doch dabei, dass ich bei den all american girls, die sich im Bikini präsentierten, zur 7 neigte oder mindestens zur 5. Und dann gab ich mir nach. Sehr aufschlussreich auch die Angaben über das last login der Leute, die ein Urteil über ihre Attraktivität wollen: 90 minutes ago, 2 hours ago, usw. Wie schrecklich, dauernd nachsehen zu müssen, was Leute, die man nie zu Gesicht bekommen wird, über das eigene Gesicht denken.
Ein Fundstück aus dem ubu web: Jemand sucht den Kopf seines ermordeten Hundes - und produziert dabei einen genialen Slogan: very much want head return. Jenseits der toten Ling Ling gibt es freilich für Kopfrückgabe keine Belohnung. Vielleicht sollte man Zwangspfand erheben. Mag sein, dass mehr von den verlorenen Köpfen zurückgebracht würden.
Wenn wir schon dabei sind: Letzte woche sah ich im Mittagsmagazin ein Interview mit der grünen NRW-Umweltministerin Bärbel Höhn zum Zwangspfand auf Alu-Dosen. Zu all den Argumenten, die jedem einfallen könnten, der die Erhaltung der Welt für anstrebenswert hält, hatte sie noch eines parat, das mich sofort wieder davon überzeugte, dass die Welt bereits so irre ist, dass ihre Erhaltung nur die Qualen vermehrt, die Menschen einander antun können. Kinder, sagte Frau Höhn ganz begeistert, bekämen durch das Zwangspfand die Möglichkeit, sich etwas dazuzuverdienen. Einst waren sie ausgezogen, die Welt zu verändern; gelandet sind sie dabei, es für einen Fortschritt zu erklären, wenn die Kids die Bierdosen von Alkis aus der Natur pflücken. Realpolitik nennt sich das wohl. Es geht voran.
Gestern in einer SAT1-Quizshow. Ein Paar hat im Halbfinale das gegnerische Paar besiegt, weil die Frau bei der Stichfrage besser war. Nun müssen sie sich entscheiden, wer von beiden das Finale spielt. Der Mann sagt, ohne eine Sekunde zu überlegen: "Sie. Sie hat den ENDSIEG errungen." Das sind die Augenblicke, in denen ich doch davon überzeugt bin, dass es die deutsche Leitkultur gibt.
In Österreich tobt gerade einer der Skandale, von denen man seit Jahren hofft, sie würden die FPÖ Herrn Haiders für immer und ewig vernichten, und die einen seit Jahren belehren, dass sie die FPÖ und gerade das Haideristische an ihr umso stärker machen. Diesmal geht es darum, dass der Partei nahestehende Polizisten auf Veranlassung der FPÖ-Führung nachgesehen haben, was in den Polizeicomputern über diverse politische Gegner gespeichert war. Vielleicht nicht in jedem anderen Land, wohl aber in jedem zivilisierten Land wäre, was man bisher schon herausgefunden hat, Grund genug für den Rücktritt der Regierung, Parteiausschlüsse, Neuwahlen. In Österreich nicht. Das überrascht den nicht, der es kennt. Am unheimlichsten dabei ist, wie sehr der tollwütige Irrsinn der FPÖ dann doch immer nur eine realistische Einschätzung des österreichischen Nationalcharakters ist: Je übler sie pöbeln, desto genauer treffen sie die kollektive Seelenlage. - Gestern, bei einem Interview des FPÖ-Fraktionsführers Westenthaler, eines Mannes, der vermutlich auch bei einem Mahatma Gandhi unverzüglich Mordlust ausgelöst hätte, fiel mir zum ersten Mal auf, wie schön es allerdings wäre, wäre die FPÖ-Propaganda nicht die unverforene politische Lüge, die sie ist, sondern stattdessen die reine Wahrheit. Westenthaler nämlich sprach (obwohl es kein Sprechen war, sondern ein Bellen, ein Poltern, ein Pöbeln) von einer Verschwörung der "roten Brüder" gegen seine Partei. Ich habe eine solche Wendung schon lange nicht mehr gehört, seit Ewigkeiten nicht. Aber als er es sagte (und damit gleich auch die Brüderlichkeit verhöhnte) sehnte ich mich danach, dass es rote Brüder gäbe, eine Brüderlichkeit, die seinesgleichen verjagt. In ihren tollwütigen Ängsten weiß die FPÖ genau, woran sie scheitern müsste. Man muss ihr nur zuhören.
Eine Skyline wie ein Theatervorhang. Er würde sich öffnen, und dann würden Geschichten losgehen. Ich verstehe ja auch nicht, warum es diese Theatervorhänge kaum noch gibt. Man saß vor ihnen, im Zuschauerraum tuschelte und raschelte es noch, und der Vorhang bewegte sich leicht in einem Luftzug, von dem man nicht hätte sagen können, woher er kam. Manchmal bemerkte man, dass hinter dem Vorhang jemand vorbeilief. Dann endlich wurde er aufgezogen, und der Blick fiel auf etwas, das man sich ganz anders vorgestellt hatte. Und das Drama begann. Ich könnte mir ganze Theaterstücke vorstellen, die hinter dem Vorhang stattfinden. Man hört, ahnt, spürt sie bloß, und alles, was es zu sehen gäbe, muss die Vorstellung sich ergänzen. Stimmen, die von links nach rechts wandern, Geräusche, die man ihren Quellen zuordnet, Gesichter, die man sich ausmalt. Wie man als Kind vor der Tür des Zimmers stand, in dem der Weihnachtsbaum geschmückt wurde. Als die Tür dann aufging, war der Baum nie so schön wie in der Vorstellung, die man sich gemacht hatte. New York allerdings hat nicht enttäuscht. Der Vorhang ging auf, und die Geschichten gingen los, an jeder Straßenecke. Vielleicht aber hätte ich aber so stehenbleiben sollen, am anderen Ende der Brooklyn Bridge. Und nur den Geräuschen, dem Hämmern der Stadt zuhören, die ich mir dazu ausgemalt hätte. Wer weiß?
Was für ein Glücksgefühl das war. Eine neue Platte aus der Hülle nehmen. Nur mit den Fingerspitzen anfassen. Jedenfalls bei den ersten paar Malen. Später wurde man nachlässiger. Auflegen. Den Staub vom Saphir pusten. Normalerweise müsste man jetzt den Tonarmhochhebhebel betätigen. Aber so lange kann man nicht warten. Man legt händisch auf. Wird schon nichts schiefgehen. Oder doch. Aber das hört man erst nach zwanzigmal, und vielleicht mag man dann die Platte eh nicht mehr. Wenn man sie mag, ist es einem egal, dass es knackt und knarzt. das erste Stück ist meistens sowieso nicht das beste. Die besseren Stücke haben sie sich früher immer aufgehoben. Wenn bei den CDs dagegen nur ein Stück gut ist, ist es das erste. Weil es bei den meisten CDs, die gemacht werden, auf die ersten 15 Sekunden ankommt. Die Plattenfirmen schicken einem das genauso. Mit einem Begleitbrief, in dem es heißt: Anspieltip - track one. Sie wissen genau, dass wir wissen, dass es Schund ist, dass wir höchstens 15 Sekunden zuhören werden, und wenn es dann nicht rockt, wird die CD nie wieder einen Abtastlaser fühlen. Deswegen ist es das erste Stück. Deswegen sind es die ersten 15 Sekunden des ersten Stückes. Deswegen muss für die ersten 15 Sekunden des ersten Stückes ein Produzent her, der früher geniale Loops gemacht hat. Da hat die Plattenindustrie eine geringe Chance, dass man dem beschissenen Rest doch noch zuhört. Es muss mit einem Effekt losgehen.
In den einen ist man von Anfang an. In den anderen kommt man nie an. Tokyo: hat nie angefangen, nie aufgehört. Ich weiß gar nicht, wo Tokyo war, oder was, oder wann. Schoss bloß im Kopf zu einer Stadt zusammen. Diese windschiefen Holzställe neben den Stadtautobahnen. Die Hochhäuser in der Entfernung. Kamen nicht näher. Ich auch nicht. Bis ich wieder weg war.