-
Wo wollen wir leben ? Im fünften Stock & das Haus gegenüber hat nur vier. Und das einzige was man sieht, ist der Himmel. So leb ich jetzt. Zweitens: Sidney. Drittens: Im Netz
-
Womit verdienen wir die nächsten Jahre unser Geld (nachdem der 2 Mio Fall bisher nicht eingetreten ist)? Wird auch nicht mehr. Also wie bisher: Geschichten erzählen. Es braucht Geschichtenerzähler am Lagerfeuer, das weiß man aus jedem Western. Die Lagerfeuer sind die Monitore geworden.
-
Wo fahren wir im Urlaub hin ? Asien. Dorthin, wo man nichts versteht. Singsang und Zeichen. Und Hot Chili Clubs.
Sinn ist nichts, was NEBEN den anderen Dingen, neben dem Leben existiert oder auch nicht. Darum hilft es nichts, ihn zu fordern (reich mir doch mal den Sinn rüber...), zu postulieren (hey, ich hab hier ein wenig Sinn für dich...), sein Fehlen zu beklagen (wo ist denn der Sinn abgeblieben, verdammt noch mal...).
Sinn ist eher ein anderer Blick auf die Welt: ein elektrisierter, faszinierter, leicht verzauberter. Sinn ist: wenn es (was immer das ist, kann alles mögliche sein) groovt, wenn es fließt, wenn man plötzlich verbunden, verstöpselt, plugged ist. Was nicht funktioniert (weil wir dran nicht mehr glauben, ausser wir sind Schafsköpfe), ist, aus dem Sinn etwas GROSSES zu machen, was neben den wirklichen Dingen steht, eine Ethik, eine Moral, ein Glauben, etwas in der Art. Sinn ist eine Party, die plötzlich in Gang kommt, ein Modemgeräusch, ein kleiner Kiekser am Ende eines Refrains, das erste Mal Netscape 1.0, eine Stimme vom anderen Kaffeehaustisch rübergeweht. Kennt jeder von uns. Manchmal ist Sinnflut, manchmal Ebbe. In den Ebben neigt man dazu, wirklich ganz dolle viel Sinn haben zu wollen, aber gleich, her damit, es muss ihn doch irgendwo geben bei www.sinn.com. Und dann wird man zum Katzenjammer Kid.
Wie sähe eine Sinn-search-engine aus, wenn wir sie programmieren könnten?
Keine Ahnung. Ich weiß nicht, ob Medien noch so wichtig sind. So verbindlich. So seismografisch, dass sie spüren, was kommt. Und wer die sein könnten, die daraus dann etwas machen. So etwas wie die eine Öffentlichkeit gibt es ja nicht mehr
Die Medien, bei denen ich noch etwas Elektrisches empfinde, sind: de:bug. Zeitschrift für elektronische Lebensaspekte. Ich glaube: dass hier eine der Parties stattfindet, an denen man teilnehmen möchte. Viel Wissen, ganz vorne. Die Print-Ausgabe ist besser als die Website: Also an den Kiosk gehen. Die Financial Times. Weil sie sagen, was ist. Sehr nüchtern, sehr unterstating, sehr grausam faktisch. Das macht sonst ja keiner in Deutschland. Das imponiert mir. Ein Beispiel: Vor den Präsidentschaftswahlen in YU (bei denen dann Kostunica sich doch durchsetzte), merkte die FT als einzige deutsche Zeitung an, dass es wohl auch nicht besonders demokratisch sei, wenn der Westen schon vor den Wahlen beschlossen hatte, nur einen Präsidenten anzuerkennen (nämlich: nicht Milosevic), unabhängig davon, wer nun gewählt werden würde. Die SZ. Wegen ihrer merkwürdigen Mischung aus radikaldemokratisch, gut informiert und Lokalzeitung sein. Sonst in Deutschland: fällt mir nichts ein. Es gibt ein paar Sachen die ich mag (die Jungle World vor allem), aber Lead-Medien sind das nicht. Die Brandeins könnte es für die Nouvelle Economie sein, wenn sie nicht immer wieder zu gefühlig, selbstmitleidig, cluetrainig wäre und stattdessen nüchterner. Die Wirtschaftszeitungen rudern immer dem Markt hinterher, anstatt ihn zu erklären. Die Lifestyle-Zeitschriften wollen nur noch Wohlgefühl erzeugen und reflektieren sich nicht selbst - was wichtig, gut und innovativ wäre. Zeitschriften/Net-Magazines wie Wired, die Hotwired News, den Industry Standard, den Redherring, den Salon gibt es hier nicht (ich meine diese Mischung aus superinformiert, entertaining und weiter-denkend). Der Spiegel, der mal ein Lead-Medium war, kommt mir zusehends nur noch muffig und nicht mehr erkennend vor (was aber möglicherweise einem gesellschaftlichen Trend entspricht: dem allgemeinen Müde-Sein). Einen globaleren Approach hat in Deutschland trotz allen Geredes über Globalisierung sowieso kein Medium (wir wissen nichts über Asien, nichts über Afrika, auch die allerwichtigsten Dinge nicht). Sowieso setzen sich zunehmend die schlaueren Leute ihre Informationen aus 12 Newslettern, 5 Tageszeitungen und ein paar wenigen Zeitschriften zusammen, die alle extrem selektiv gelesen werden. Gut (und auf meiner Wishlist ganz oben) wären schlaue Digests aus Technik-, Ökonomie- und Global-Nachrichten, die jeden Tag infeed liefern.
Auch gut (das dachte ich schon vor Jahren) wäre ein Lifestyle-Magazin für Sinnsucher (start making sense). Die Schwierigkeit dabei wäre: Religion, Esoterik und ähnlichen Mumpitz zu vermeiden, aber das Surfen so zu beschreiben wie eine Art netter Religion (aber eben nur eine Art). Ich beobachte seit längerem, dass da was kommen könnte: die ganzen Simplify-your-Life-Magazine, die es in den USA gibt und von der downshifting-Bewegung kommen oder so etwas wie das Ipuri-Magazin, das ja eigentlich nur ein Werbeblättchen für den Klamottenladen ist, aber von der Aufmachung und einigen Themen in diese Richtung zeigt (ohne sie zu finden...). Da könnte man drüber nachdenken.
Ist die Party vorbei? Nein, nur die Love Parade. Liebe & Parade ist sowieso eine Kombination, die nur in Deutschland jemandem einfallen konnte. Statt der einen gibt es jetzt viele Parties - at it was meant to be. Manche Parties feiert man sogar nur mit sich alleine, aber das ist eine andere Geschichte. Die New Economy der letzten beiden Jahren war nur ein Anlass für Old Economisten, mal ohne Schlips zum Meeting zu gehen und sich deswegen cool, so cool zu fühlen. Am Anfang, ehe jemand den Einfall hatte, damit trostlos reich werden zu müssen, ging es um das Vernetzen, von allen möglichen mit allen möglichen, und jetzt geht es wieder darum. Endlich.
Niemand hat gesagt, dass man mit dem Netz Geld verdienen und reich werden muss, nicht wahr? Vielleicht ist, was man mit dem Leben und in der Welt macht, sogar besser, wenn man es nicht macht, um Geld damit zu verdienen. Hundefutter-Portal-Errichter, Webmiles-Anbieter, general interest content provider - who needs them anyway? Nur gerecht, dass die jetzt auf die Schnauze fliegen. Parties kann man mit denen sowieso nicht feiern. Doch all das, was immer schon gut war am Netz, ist immer noch da und wird auch nicht vergehen: Jeder kann publizieren, ohne viel Geld, ohne Verlag, ohne Vertrieb. Jeder kann jedem zuhören, jeder jeden einladen, jeder mit jedem, potentiell zumindest. Das meiste davon ist, nun ja, nicht so wichtig, aber das gilt sonst ja auch. Es ist gut so: Dass nicht mehr DIE Musik, sondern VIELE gespielt werden. So kann man Party-Hopping betreiben. Und von der BertelsmannLoveParade geht man gleich wieder, wenn man das Buffet abgegrast hat. Zur besseren Party. Somewhere else.
Gestern in der WAMS: ein Artikel über Rolf Schmidt-Holtzens Content-Abteilung bei Bertelsmann. Was Bertelsmann alles tun will, um die contents der diversen Abteilungen noch und nöcher zu verwerten. Und wie man sich auf die Zukunft einpegelt. Zum Beispiel so: "Derzeit überlegen 14 junge Gehirne aus diversen Unternehmen des Konzerns in einer Klausur in Hamburg, welche Inhalte für den kommenden Telekommunikationsstandard UMTS interessant wären." Das fragen sich alle jetzt. Am Ende wird wieder dasselbe rauskommen: Wetterberichte, Börsenportfolios, die Nachrichten, Suchmaschinen, regionale Informationen. Mit UMTS wird es eben Bilder und Filme geben. Aber wieder nur DIE Filme und Bilder, die man alle schon gesehen hat. GEO-TV-Kurzfilme über das Land, in das man fliegen will. Und Fernsehprogramm-Trailer. Gähn. Doppelgähn. Knecht wird sagen, er hätte immer schon gewusst: dass es keine anständigen Contents für UMTS gibt. Und dass deswegen UMTS ein Flop sein wird. Kann schon sein. Ich glaube, dass "die Leute" ihre eigenen Inhalte machen werden. Und dass es nur darum gehen wird. Statt uns GEO-Filmchen und Fernsehprogramm-Trailer runterzuladen, werden wir eigene Filme machen können und eigenes Fernsehen. One-to-One. Von mir zu dir. Ganz privat. So stelle ich mir das vor. Und es amüsiert mich, dass Inhalts-Konzerne in eine Technologie investieren, die sie tendenziell überflüssig machen könnte. Aber vielleicht habe ich ja unrecht.
In Thailand beginnen die 20- und 50-Baht-Noten knapp zu werden. Wieso? Weil sie von den Parteien gehortet werden, um den Stimmenkauf fuer die Wahlen am 6.Januar 2001 zu finanzieren. Source: Bangkok Post, 23.11. .
Vorgestern gab es einen Gefängnisausbruch. Zehn Häftlinge, neun von ihnen Burmesen, nahmen drei Gefängniswärter als Geiseln und machten sich in einem dieser Toyota Minibusse auf zur burmesischen Grenze, verfolgt von Sondereinheiten und Journalisten, an den Rösler/Degowski-Fall erinnernd. Es kam, wie es kommen musste: Kurz vor der Grenze griffen die Anti-Terror-Kräfte ein. Neun tote Geiselnehmer, zwei leicht- und eine schwerverletzte Geisel. Das alles wäre nicht so interessant, wenn gestern in der Bangkok Post nicht gestanden hätte, dass unmittelbar nach der Geiselnahme der Minister- und der Polizeipräsident beschlossen hätten, dass diese Geiselnahme, zur Abschreckung künftiger Verbrecher, für die Geiselnehmer TÖDLICH auszugehen hatte. So viel zum Stand des Rechts hierzulande. Noch irrwitziger ist für mich der Umstand, dass so etwas auf Seite 1 der "Post" steht, die Politik und die Polizei also keinen Wert darauf legen, zu verheimlichen, welche Sorte Politik und Polizei sie sind. Der Leser SOLL es wissen. Zur Abschreckung.
Draussen pisst es. Immer wieder. Zuerst stechen die Moskitos, dann beginnt der Wind zu wehen, und zehn Sekunden später ist der Regen da. So geht das ein paarmal am Tag, wie immer im November auf Koh Samui. Der Regen fühlt sich an wie flüssige Seide, ganz anders als jeder Regen, der sonst auf einen niedergegangen ist. Was nicht heißt, dass er nicht machtig wäre. Er IST mächtig. Aber er hört so schlagartig auf wie er beginnt. Zehn Minuten danach ist alles aufgetrocknet, und wir nehmen wieder unsere Positionen am Pool des Central Samui Beach Resorts ein.
Im Norden Thailands ist eine Initiative für illegale burmesische Arbeiter an die Öffentlichkeit getreten. Wie in jeder zweiten Nachricht geht es um das ingeniöse System von Korruption, das hier herrscht. Die Fabriksbesitzer holen die burmesischen Hungerleider ins Land, damit die für noch weniger Geld als Thais die Jobs erledigen, über die die Thais schon hinaus sind. Das geht nur, weil man sich mit der schlecht bezahlten Polizei arrangiert hat. Jeder weiß von den Illegalen, niemand unternimmt was gegen sie, jeder profitiert davon. In den Fabriken gibt es sexual harassment, gegen das sie sich nicht wehren können. Und am Tag vor dem Zahltag verhaftet die Polizei die Illegalen - damit die Fabriksbesitzer keinen Lohn bezahlen müssen. So läuft der Deal hier, Akkumulation von Vermögen, das irgendwann einmal legal sein wird.
In den letzten drei Tagen gab es eine Debatte darüber, ob es korrekt war, dem Golfspieler Tiger Woods, der eine Thai-Mutter hat, ein Ehrendoktorat in sports sciences zu verleihen, anlässlich seiner Teilnahme an den Bangkoker Johnny Walker Classics. die "Nation" meint, dass Tiger gut Golf spielt, hätte nichts mit seinem Thai-Sein zu tun. Die "Post" befand: Tiger hätte in allen Interviews klar gemacht, wie sehr ihm Thailand am Herzen läge. Nun ja. Man nimmt, was man kriegen kann.
Außerdem steht die International Space Station genau am 73. Geburtstag des Königs über Thailand. Nur, damit Ihr das jetzt wisst. War Aufmacher in der "Post" und in der "Nation" vor zwei Tagen. Es las sich, als stünde sie absichtlich dort. Ich habe nicht begriffen, ob die Amerikaner und die Russen sie hingeschickt haben, um den König zu ehren, oder ob der Geist des Königs sie über Thailand gebeamt hat.
Am 6. Januar sind in Thailand Parlamentswahlen. Gerade läuft die Eintragungsfrist für die Parteilisten, auf denen die einzelnen Parteien ihre Kandidaten bekannt geben. In den Berichten darüber - die alle plain to the facts sind - erfährt man über praktisch jeden wichtigen Kandidaten, welche Korruptionsuntersuchungen gegen ihn stattfinden oder stattgefunden haben, aus welcher Partei er in seine gegenwärtige gewechselt hat, für welche Bestechungen, Durchstechereien, illegalen Unternehmen, Geldwäschereien er schon mal bekannt war. Interessant dabei ist: Man erfährt das alles, und es scheint keine Wirkung zu haben. All diese Typen werden immer an der Macht sein, die einen oder die anderen, scheissegal. Insofern ist die Pressefreiheit hierzulande etwas merkwürdig Schimärisches: Es gibt sie, die Journalisten erfüllen sie mit Leben, aber so f***ng what? Mir scheint, dass die Thais ein wenig weiter sind als wir.
Nächste Seite