Kosmischer Staub aus der Meteoritensammlung des Naturhistorischen Museums zu Wien. Das Netz gibt nur behelfsweise wieder, was man empfindet, wenn man im Meteoritensaal steht, schier umzingelt von den Vitrinen, in denen vollständigkeitswütige Hofräte aus der Monarchie zusammengetragen haben, was von da draußen auf der Erde eingeschlagen hat. Nirgendwo sonst auf der Welt ist das Wispern der Steine vernehmlicher.
Eine wunderschöne Geschichte ist die alphabetische Liebeserklärung von Bernhard Chambaz in der aktuellen Monde Diplo, Notizen von einer Reise durch Zentralasien.
"Auf den 6 000 Kilometern kreuz und quer durchs Landesinnere macht man sich ein gewisses Bild von den Strassen und Schlaglöchern - die Verkehrswege sind in miserablem Zustand, seit kein russisches Manna mehr für ihre Instandhaltung vom Himmel fällt - und natürlich auch von den Fahrzeugen: Klein- und Lastwagen aller Art, aber auch Handkarren, Schubkarren, Planwagen, lauter Worte, denen bei uns keine Wirklichkeit mehr entspricht. Ein paar zufällige Eindrücke: ein Beiwagen ohne Kabine, der unter der Last einer Heufuhre zusammenbricht; ein Militärlaster, der Honig transportiert, kleine Kinder auf Fahrrädern und zu Pferde. Ich habe auch eine Strasse gesehen, die plötzlich breiter wird und als Piste für Flugzeuge dient, die Gott weiss was nach Afghanistan befördern. Das kirgisische Strassengefälle beträgt unterschiedslos 12 Prozent. Die Verwaltung muss die Schilder mit Mengenrabatt gekauft haben. Auch die usbekischen Gefälle sind unveränderlich, liegen aber bei 10 Prozent (ob der Rabatt bei 10 Prozent noch günstiger war, werden wir nie erfahren)".Kommt in die Sammlung der Versuche, sich die Welt mit Hilfe des Alphabets zu buchstabieren, zu Walter Abishs "Alphabetical Africa" und zu Milorad Pavics "Chasarischem Lexikon".
Das Museum der unerhörten Dinge ist eine poetische Konstruktion wie letztlich alle guten Archive; sie schaffen Welten und bilden keine ab. Hier allerdings bekennt sich einmal ein Museum zu seinem Konstruktionsprinzip. Und versammelt Exponate, denen man sofort wünscht, sie hätten ein Leben auch jenseits der Phantasmagorie: Walter Benjamins Schreibmaschine etwa, den Einschlag eines Gedankenblitzes, oder das nach Böhmen eingewanderte Ahoi. Si non e vero...
Wie sehr ich mir gelegentlich wünsche, ich könnte noch denken wie ein Kind, vor allem der Schrecken wegen, die das mit sich brächte. Heute übergab mir mein Sohn mit allem Stolz, dessen er fähig ist, eine Geschichte, um deren erste fünf, zehn Sätze ich ihn sofort mit einer Eifersucht beneidet habe, die einem Vater nicht ansteht (und die überraschenderweise den ollen Ödipus-Komplex möglicherweise ja doch noch revitalisieren könnte, mal sehen...).
"Ein junges Kind namens Jack wurde von einem alten Ehepaar im Dreck gefunden. Da sagte die Ehefrau: Wo sind deine Eltern? Der kleine Junge sagte ängstlich: Meine Eltern sind tot. Da fragte der alte Mann: Und wer passt auf dich auf? Eine geheime Gestalt, sagte der Junge. Eine geheime Gestalt? fragte die Frau, die viele Narben im Gesicht hatte. Daraufhin behielt das Ehepaar Jack bei sich. Nach einiger Zeit wurde Jack immer älter. Mit fünfzehn bemerkte er, dass er magische Kräfte besaß. Er konnte schneller als ein Auto laufen und höher als 20 Meter springen. Mit siebzehn kam er an die High School. Leider war da das Ehepaar, das ihn aufgenommen hatte, schon tot."Das sind Entwicklungsromane, die man auch gerne zustande brächte. Vorbei...
Bis jetzt war meine all time Tagebuch-Lieblingsstelle jene aus dem von Franz Kafka: "Heute nichts geschrieben, morgen keine Zeit". Jetzt bin ich schwer am Überlegen, ob nicht noch besser das Notat Arthur Schnitzlers ist, in dem es heisst: "Herrlicher Sommertag. Tiefe Melancholie"....
Etwas für Font-Liebhaber ist Hans Holbeins Todes-Alphabet. Zu finden auf der hervorragenden Website Medieval Macabre.
In den Wired News (Mac Lovers of the World, United) erklärt ein Apple Titanium Powerbook-Fan einleuchtend, warum das Teil rockt: "I mean, look at this thing," he said. "Did you see that button? It's a metal button. There's no plastic in this thing. It's all titanium and carbon-based metal. We're carbon-based -- so I mean, this thing is human."
Die Gottscho-Schleisner Collection ist eines der poetischsten und rätselhaftesten Archive, das ich kenne: Die Sammlung
"is comprised of over 29,000 images primarily of architectural subjects, including interiors and exteriors of homes, stores, offices, factories, historic buildings, and other structures. Subjects are concentrated chiefly in the northeastern United States, especially the New York City area, and Florida. Included are the homes of notable Americans, such as Raymond Loewy, and of several U.S. presidents, as well as color images of the 1939-40 New York World's Fair. Many of the photographs were commissioned by architects, designers, owners and architectural publications, and document important achievements in American 20th-century architecture and interior design."Was ich an diesem Archiv mag, ist jene Faszination, die man auch empfindet, wenn man nachts durch fremde Städte wandert und in Wohnungen guckt, deren Bewohner vergessen haben, die Vorhänge zuzuziehen. Das nebenstehende Foto ist eine von 100 Fundstellen auf die Anfrage "sofa" und hat die caption: "Mr. George Daub, residence at 2123 Delancey Place, Philadelphia, Pennsylvania. Living room sofa and dog."
Damit dem Schockwellenreiter der Kaffee nicht ausgeht, hier die "coffee"-Suchanfrage an die fabulöse Cartoon-Bank des New Yorker.
Apple, die Firma meiner Wahl versucht es mit Introducing the Titanium PowerBook G4: "just one inch thick" und so. Gestern sah ich Steve Jobs auf CNN, wie er meinte, das wäre jetzt aber noch dünner als der Sony Vaio. Ist das die neue Version von "wer pinkelt weiter"? Und warum - das ist eine Art geschmacks-soziologischer Frage - muss jetzt alles wieder aus Metall - und zwar nicht irgendeinem, sondern einem schicken - gemacht sein. Design-Magazine sind voll mit glänzenden Möbeln, die Autos sehen alle so aus (zum Beispiel das neue BMW Gelände-Cabrio), die Mikro-Roller für die dotcommer etc. etc. Sagt uns das was über einen Psycho-Trend? Spiegelflächen, Panzerstahl? Als Nachfolge-Trend des Transparenten?
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