warum immer dann, wenn ich viel Zeit habe, in anderen Weblogs zu lesen, dort wenig geschrieben wird? Und umgekehrt?
Henryk Broders Buch Kein Krieg, nirgends gelesen, das sich die Positionen der deutschen Betroffenheits-, Unterschriften- und Pazifisten-Kartelle nach dem 11. September vornimmt. Alles darin ist richtig, aber auch völlig überflüssig. Dass Günter Grass, Johano Strasser, Bodo Steinbach et al. weder schreiben noch reden noch denken können, weiß man doch, und dass einer wie Willemsen, der die "Kontamination der deutschen Publizistik" (u.a. durch Leute wie mich) beklagt, der hiesigen Linken als Linker durchgeht, ist ja auch bekannt. Aber eine prima Sammlung von Schwachsinns-Zitaten und Schäbigkeiten ist Broders Pamphlet allemal. Sowieso wird die, glücklicherweise nicht besonders große zeitgeschichtliche Abteilung meiner Bibliothek immer entschiedener zu einem Handarchiv der Idiotien.
Gestern beim Nachhauseweg mit M. überlegt, ob man nicht für Bücher Oscars in allen möglichen Kategorien vergeben sollte. Sofort würde Literaturkritik wieder interessant werden. In der Literaturkritik nämlich kommen ja die Qualitäten, die einem beim Lesen wichtig sind, meistens zu kurz. Die besten männlichen und weiblichen Nebenfiguren zum Beispiel (bei mir ist es gerade der Professor Steffen in Sperbers Träne im Ozean), die besten special effects, die besten ersten Absätze, der beste Dialog, die beste supporting landscape usw.
Der Vorteil, den ein solches Verfahren hätte, liegt auf der Hand: Man nähme die Literatur als Handwerk, als Technik zur Kenntnis; man könnte sich über überschaubares Material streiten; und die Produzenten, also die Autoren, hätten endlich etwas, wofür sie sich selbst interessieren würden. Autoren interessieren sich nämlich nicht für Botschaft, geistigen Abhub und ähnlichen Unsinn (sonst wären sie Pfarrer, Sonntagsredner oder Reich-Ranicki geworden), sondern für Verfahrensweisen, Tricks und ähnliches.
Heute morgen dann im Autoradio ein Bericht über die Leipziger Bücherpreis-Gala. In fünf Minuten fällt ein halbes Dutzend mal das Wort "Oscar". Biolek kriegt einen, die Harry Potter-Autorin und Christa Wolf. Die Trophäe ist von Grass zusammengestümpert worden, und Frau Wolf warnt in ihren vier Sätzen Rede-O-Ton, man dürfe den Warencharakter der Literatur nicht zu wichtig nehmen. Gähn. Und alle im Saal haben sicher ergriffen geguckt dabei. Doppelgähn.
Nicht das, was ich mir vorgestellt habe.
Wenn ich damals schon ein Weblog gehabt hätte wie der Herr Hack sein metadiss, dann hätte ich sicher nicht meine Dissertation im letzten Drittel in die Ecke geschmissen. Bis jetzt habe ich mir immer eingeredet, es hätte daran gelegen, dass ich einfach zu spät kapiert habe, wie wenig die drohende akademische Ochsentour zu mir gepasst hätte, jeden Tag - und zwar bis zur Verrentung - Tafelschwammgeruch, Zeigefingehochstreck-Streber mit dem Bedürfnis, Plato oder Kant zu widerlegen (als ob es in der Philosophie darum ginge) und Typen, die sich weigern, Leselisten abzuarbeiten. Heute weiß ich, es lag nur daran, dass es damals noch keine Weblogs gab. Weblogs killt man nicht so schnell, deswegen kann man ein Diss-Log nicht killen, deswegen die Diss nicht schleifen lassen, eher im Gegenteil, man käme nie zum Ende mit ihr. Ach ja, bei mir ging es um die Mimesistheorie Adornos, genauer die Effekte des Verliebtseins für die Erkenntnis und die Geburt der Moralphilosophie aus dem Geist der Zwölftonreihe. Wäre immer noch ein gutes Thema, glaube ich.
Le Sofa Blogger bleibt jetzt hier.
Zwar ist noch nicht alles so eingerichtet und konfiguriert, wie ich mir das vorgenommen habe, aber das wird geschehen, wenn ich etwas mehr Zeit habe.
Es gibt zwei Gründe für unseren Einzug in antville.
Erstens zickt gelegentlich der neue Server, auf den wir vor einigen Wochen umgezogen sind. Das kann passieren, wahrscheinlich haben wir da und dort Mist gebaut, aber weder Herr Knecht noch ich finden die Fehler so schnell, wie wir sollten, um einen reibungslosen und vor allem dem Leser angenehmen täglichen Weblog-Betrieb garantieren zu können. Da ich weiß, wie sehr mich Redirects nerven, will ich sie auch unserer geschätzten LeserInnenschaft nicht länger antun.
Zweitens ist antville, wie ich nicht erst in den vergangenen zwei Tagen herausgefunden habe, ein ganz wunderbares Weblog-System, dessen Erfindern und Entwicklern ich jederzeit den Nobelpreis für Weblogsysteme verleihen würde. Nicht nur, weil sie da ein tolles Ding hingestellt haben, mit dem man alles mögliche anstellen kann, sondern weil sie mir immer auch wie die lässigsten Weblogsystemerfinder seit der Erschaffung der Erde vorgekommen sind; ich kenne sie leider nur virtuell, aber beim Lesen der diversen Antville-Guru-Weblogs haben mich sehr oft Liebes-, Bewunderungs- und Dankbarkeits-Impulse durchzuckt. Oh ja, ich bin dankbar. Man sagt das ja selten, wir alle haben uns längst daran gewöhnt, dass man die goodies, die man im Netz geschenkt bekommt, einfach nimmt und kein Wort darüber verliert, und die Menschen, von denen man diese goodies bekommt, erwarten es auch gar nicht, aber natürlich ist das schäbig von uns. Deswegen: Danke.
Was das Sofa betrifft, das ich, Schande über mich, schon viel zu lange nicht mehr aktualisiert habe - zu viel zu tun, zu interessiert an dem, was man mit einem Weblog machen kann, zu komplizierte Layouts, ach ja, all so Zeug eben - bleibt es auf www.digitalien.org. Und wieder einmal nehme ich mir vor, mir endlich die Zeit zu nehmen, um die zwei, drei nächsten Schritte, die mir vorschweben, wirklich zu gehen. Ich bräuchte wahrscheinlich eine ganze Woche dafür, oder die halben Nächte einer ganzen Woche, und na ja, mal sehen. Das Weblog-Archiv bleibt vorläufig hier, so unnavigierbar und unindiziert, wie es ist, sollte aber in absehbarer Zeit aufgearbeitet und mit einem Index versehen sein, wenigstens diese Arbeit habe ich schon zu zwei Dritteln bewältigt.
Ich weiß, wie lästig es ist, Linklisten zu ändern. Ich würde mich freuen, wenn der eine und die andere sich dazu entschließen könnten.
erschien mir heute, dass es eine Zeit gegeben hat, in der Wörter nicht unterstrichen oder farbig unterlegt wurden, wenn man mit dem Finger oder den Augen über sie fuhr. Dann fiel mir ein, dass das die Wörter ja noch immer nicht tun.
Aus keinem besondern Grund habe ich mich heute ganz plötzlich nach der Stimme von Axel Corti gesehnt.
Richard Kobayashi, farmer with cabbages, Manzanar Relocation Center, California / photograph by Ansel Adams.
"In 1943, Ansel Adams (1902-1984), America's most well-known photographer, documented the Manzanar War Relocation Center in California and the Japanese-Americans interned there during World War II. For the first time, digital scans of both Adams's original negatives and his photographic prints appear side by side allowing viewers to see Adams's darkroom technique, in particular, how he cropped his prints."
The Lego Michel Foucault comes with a Parisian library for younger children, or with the Lego San Francisco S&M Dungeon for older boys and girls. - Lego Theorists bei der theory.org
Na toll, dass ich morgen abends À nos amours nicht sehen werde. Okay, ich habe ihn auf Video. Video ist aber nur eine Notausgabe. À nos amours hat mich übrigens mit Klaus Nomi versöhnt. Manche Musik braucht einen Film, damit sie die Ohren öffnet. Weiß auch nicht, warum das so ist.
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