Gestern beim Nachhauseweg mit M. überlegt, ob man nicht für Bücher Oscars in allen möglichen Kategorien vergeben sollte. Sofort würde Literaturkritik wieder interessant werden. In der Literaturkritik nämlich kommen ja die Qualitäten, die einem beim Lesen wichtig sind, meistens zu kurz. Die besten männlichen und weiblichen Nebenfiguren zum Beispiel (bei mir ist es gerade der Professor Steffen in Sperbers Träne im Ozean), die besten special effects, die besten ersten Absätze, der beste Dialog, die beste supporting landscape usw.

Der Vorteil, den ein solches Verfahren hätte, liegt auf der Hand: Man nähme die Literatur als Handwerk, als Technik zur Kenntnis; man könnte sich über überschaubares Material streiten; und die Produzenten, also die Autoren, hätten endlich etwas, wofür sie sich selbst interessieren würden. Autoren interessieren sich nämlich nicht für Botschaft, geistigen Abhub und ähnlichen Unsinn (sonst wären sie Pfarrer, Sonntagsredner oder Reich-Ranicki geworden), sondern für Verfahrensweisen, Tricks und ähnliches.

Heute morgen dann im Autoradio ein Bericht über die Leipziger Bücherpreis-Gala. In fünf Minuten fällt ein halbes Dutzend mal das Wort "Oscar". Biolek kriegt einen, die Harry Potter-Autorin und Christa Wolf. Die Trophäe ist von Grass zusammengestümpert worden, und Frau Wolf warnt in ihren vier Sätzen Rede-O-Ton, man dürfe den Warencharakter der Literatur nicht zu wichtig nehmen. Gähn. Und alle im Saal haben sicher ergriffen geguckt dabei. Doppelgähn.

Nicht das, was ich mir vorgestellt habe.