Montag, 18. März 2002

tito krleza und sadat spielen schach





Den ersten Hummer meines Lebens habe ich in Istrien gegessen. Das erste Mal im Meer geschwommen bin ich knapp hinter Pula. In Dalmatien habe ich zum ersten Mal in meinem Leben jemanden kennengelernt, der Nazis erschossen hat, einen alten schneidezahnlosen Herrn, der schöne Lieder sang. Das erste Mal beschwipst bin ich auf Rab gewesen, mit zwölf, Mischmasch nannte sich das, Orangensaft mit Rotwein. In den Tageszeitungen las man manchmal: Wenn einer von den deutschen Touristen nicht an sich halten konnte und ein Lied aus dem Songbook 1939-1945 sang, kam er in den Knast. Die Höhlen von Postonja. Der Slibo mit den Kids von der Milizarmee. Partizan Belgrad. Und was der Kärntner Heimatbund hasste, musste sowieso gut sein. Weiße Stadt. Peperoni im Zug durch Serbien, nie im Leben hätte ich denen gezeigt, dass mir das zu scharf war. Die Mikrominis. Die Basketballer überall, die Balkangeschichten. Ich hab sogar Kardelj gelesen. BdK hörte sich besser an als KP, viel besser. Selbstverwaltungssozialismus. Jaja, ich weiß schon, dass das nicht funktioniert hat, aber bitte schön, könnte mir mal jemand sagen, wie gut der Kapitalismus funktioniert? Na toll. Jugoslawien war der Staat, in dessen offizieller Ideologie die Rede vom Absterben des Staates war und von der Notwendigkeit, dass die Produzenten sich selbst organisieren. Und jetzt sagt mir mal, was an dieser Idee so falsch gewesen wäre (abgesehen davon, dass sie natürlich kompromittiert wurde davon, dass es ein Staat war, der vom Absterben des Staates sprach; nur welchen Quadratmillimeter Nicht-Staat gibt es denn noch?). Dann kam der tolle Fortschritt nach Jugoslawien, das Funktionierende, der Markt, der IWF, der Herr Tudjman in seiner Goebbels-Uniform und der ganze Scheiß, und jetzt gibt es kein Serbokroatisch mehr, sondern hübsch auseinandersortiert ein Kroatisch und ein Serbisch und Saudi-Moscheen und alles, was man halt braucht in der neuen Weltordnung, und das Kosova ist roma-, juden- und serbenfrei, und der Herr Michael Steiner regelt das schon, und Ösi-Polizisten können Leute verhaften, und das Geld ist wieder einsprachig und einschriftig, na toll, supersupertoll, habt ihr gut gemacht. Letzte Woche ist Jugoslawien abgeschafft worden. Das nehme ich, der ich mir Irrationalismen immer schon geleistet habe, sehr persönlich. So habe ich mir das Absterben des Staates nicht vorgestellt. Es wär mir lieber gewesen, Jugoslawien wäre der vorletzte gewesen. Na ja, interessiert ja eh keinen.





Schon klar, das folgende lange Zitat ist nicht wenig naiv, und beim Abtippen wollte ich oft dazwischenblöken, vom besseren Wissen zum Blöken angestachelt, wie es mir oft geschieht. Andererseits hat es mich traurig gestimmt, dass 30 Jahre später kein etablierter Schriftsteller solche Sätze schreiben, kein Film so beginnen, keiner solche Sätze anders als zynisch kommentieren, kein öffentlich-rechtlicher Fernsehsender einen Film, der so begänne, in Auftrag geben könnte. Die Zeiten sind nicht danach, sie zwingen niemanden zu solchen Sätzen. Und das kommt mir heute abend wie ein Verlust vor.

Die Sätze übrigens stammen aus Peter Handkes "Chronik der laufenden Ereignisse", einem Script für einen Fernsehfilm, der 1971 vom WDR ausgestrahlt wurde. Für 3 € am Samstag geschossen, zusammen mit Hilde Spiels "Dämonie der Gemütlichkeit", ein Titel immerhin, der zu den Zeiten besser passt.

Jetzt erscheint auf dem dunklen Bild ein Rolltitel:
"1969. Alles ist im Umbruch begriffen. Kein Wert mehr wird als gesichert betrachtet, keine Ordnung mehr gilt als endgültig. Alle Vorstellungen von Gut und Böse, Recht und Unrecht, Wahr und Unwahr sind über den Haufen geworfen. Keiner mehr ist seiner Sache sicher. Eine heilsame Verwirrung hat überall eingesetzt und jedermann nachdenklich gemacht. Verstört beginnt man sich allerorten zu fragen, wie man denn leben solle.
Das Problem, wie man die Verhältnisse zueinander neu ordnen könne, geht an niemand vorbei; es beschäftigt die Menschen in den Betrieben, in den Büros, in den Warenhäusern: kaum einer von ihnen kann sich der Überzeugungskraft der neuen Ideen entziehen. Etwas muß geschehen! ist die übereinstimmende Auffassung; was aber geschehen muß, darüber wird allenthalben nachgedacht, und die Ergebnisse werden in nie gekannter Offenheit diskutiert und in Dialogen, die von allen Seiten - Lohnabhängigen und Lohnunabhängigen, Bemittelten und minder Bemittelten, Oben und Unten - mit der gleichen Einsicht in die Notwendigkeit veranstaltet werden, miteinander abgestimmt.
Mit brennender Sorge arbeiten die offiziellen Stellen an Plänen für eine gerechte Aufteilung von Kapital, Grund und Boden, Aufwand der Arbeitskraft, und damit auch an einer gerechten Aufteilung von Gedanken, Schmerzen und Freude. Jeder ist für jedermann offen. Immer mehr Individuen erkennen die Ursache ihres Unmuts, ihrer Alpträume; immer mehr Individuen verlieren die Scham, einander Fragen zu stellen; immer mehr Individuen erkennen an sich ein Bedürfnis, durch Fragen die Voraussetzung dafür zu schaffen, daß die Verhältnisse neu geordnet werden.
Wie also soll man leben? Wie miteinander leben? Wie einander und sich selbst lebend ein Bedürfnis sein? Wie falsche Bedürfnisse durchschauen? Wie echte Bedürfnisse erkennen? Wie die Schmerzen so im Gleichgewicht halten, daß sie notwendig zur Entstehung der Freude gehören? Und wie die Freude so im Gleichgewicht halten, daß sie nicht übermäßg schmerzhaft wird? Und wie Schmerzen und Freude so im Gleichgewicht halten, daß sie nicht beide die Gedanken verhindern? Und wie die Gedanken so im Gleichgewicht halten, daß sie gerade so schmerzhaft sind, daß man sich an ihnen gerade so freuen kann, daß man sie weiterdenken möchte? Wie soll man leben?"
Als der Rolltitel verschwunden ist, setzt sofort erregte Musik ein...





Mittwoch, 13. März 2002

fotos: melissa lyttle.





Alexander Kluge. In den Glossen, einem immer wieder gerne gelesenen Ezine zu Literatur, Film und Kunst am Dickinson College in Carlisle (USA) fast die Beiträge von und über Alexander Kluge übersehen: Ein langes Interview von Mitte 1999, ein kleiner Text über biographische Spuren im Werk, drei kurze Erzählungen - Heidegger | Ein Leitfaden, wie man glücklich wird | In den Tiefkellern der Museen am Spreeufer - letztere auch als Video und Audio zum Download.





jodi.





Looking for LOVE?





Dienstag, 12. März 2002

www.ctrlaltdel.org.





bureaudestruct. Alles mögliche, auch Fonts, auch free. Schön auch die official balduin website mit 100 % Groove.





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