Montag, 10. Juni 2002

A: Sie haben das Buch jetzt gelesen? B: Ja. Man will sich nicht nachsagen müssen, man hätte sich auf Schirrmacher verlassen. A: Und? B: Ein Scheissbuch. A: Das ist nicht, was ich wissen wollte… B: Was wollten Sie denn wissen? A: Ob es… B: Ob es antisemitisch ist? A: Ja genau. B: Das hängt ganz von Ihnen ab. A: Bitte? B: Sie können sich aussuchen, ob es antisemitisch ist oder nicht. A: Verstehe ich nicht. B: Es handelt sich - falls man von Literatur überhaupt sagen sollte, dass sie handelt - um eine Mordphantasie. Phantasiert wird, einen geldgierigen, ruhmsüchtigen, unerträglich eitlen, an der Literatur parasitierenden, jeden Tiefsinn verachtenden, nur an Gerede interessierten, mediale Macht missbrauchenden, zu reiner Liebe nicht fähigen, seinen Einfluss zu sexueller Erpressung benützenden Literaturkritiker zu töten. Der es phantasiert, ist kein Schriftsteller, sondern ein Dichter, von pastoralen Heimatgefühlen genährt, von hohen Idealen durchpulst, jederzeit bereit, für das Hohe das Risiko der Peinlichkeit auf sich zu nehmen - ein deutscher Dichter also. A: All das kommt mir nicht antisemitisch vor. B: Der Literaturkritiker, von dessen Tötung der Dichter träumt, ist ein Jude. A: Walser beteuert, es wäre ihm darum nicht gegangen. B: Das hätte ich an seiner Stelle auch beteuert. A: Wenn es ihm darum aber wirklich nicht gegangen wäre... B: Man kann nicht zufällig Jude sein. A: Jetzt machen Sie sich lächerlich. B: Und Sie stellen sich dumm. A: Sie wollen allen Ernstes sagen, dass Walsers Roman deswegen des Antisemitismus verdächtig ist, weil die Figur, deren Ermordung halluziniert wird, zufällig ein Jude ist? B: Im Leben ist man zufällig Jude - nebenbei genügt dieser Zufall Antisemiten für ihr Ressentiment. In Romanen ist niemand zufällig Jude. So wenig wie in Romanen jemand zufällig geistreich, ein Mörder, ein Bergbauer oder blond ist. In Romanen trifft der Autor vor jedem Wort seine Wahl. Walser hat sich dafür entschieden, sich einen deutschen Dichter zu phantasieren, der davon phantasiert, einen jüdischen Literaturkritiker abzuschlachten. A: Und das halten Sie für antisemitisch? B: Nicht notwendigerweise. A: Was denn nun? B: Walser könnte einen Roman über einen Dichter geschrieben haben, der eine schlechte Kritik so schlecht verträgt, dass in ihm zur Mordlust auch der Antisemitismus ausbricht; ein solcher Roman hätte davon handeln können (wenn Romane überhaupt handeln), dass der Weg von den Höhen der deutschen Dichtkunst zu den Niederungen der antisemitischen Mordphantasie so weit nicht ist. A: Sie sprechen im Konjunktiv. B: Weil Walser diesen Roman nicht geschrieben hat. Sondern stattdessen seinen Roman. A: Den Sie für antisemitisch halten... B: Es geht nicht darum, was ich von Walsers Roman halte. A: Eben noch sagten Sie, man könne sich aussuchen, ob Walsers Roman antisemitisch ist oder nicht. B: Falls man lesen kann, wird man sich schwer tun, zu übersehen, wieviel Signalflaggen in diesem Buch geschwenkt werden. A: Sie wollen jeden, der sich Ihrem Urteil nicht anschließt, zum schlechten Leser erklären? B: Darauf läuft es hinaus. Wobei ein schlechter Leser nicht notwendigerweise ein bösartiger, unfähiger oder dummer Leser ist. Manche, die nicht sehen, was da in Walsers Buch tobt, mögen auch arglos sein. A: Sie sind sehr selbstgerecht. B: Es geht nicht um mich. Es geht um dieses Buch. Ein Scheissbuch, wie gesagt. A: Mag sein. Aber Sie haben doch eben gesagt, .... B: Ich weiß, was ich gesagt habe. Das Problem ist, dass Walser tut, als wisse er nicht, was er gesagt hat. A: Verstehe ich nicht. B: Walser schwenkt Signale. Sobald man die Signale dechiffriert, behauptet er, es wären keine gewesen. A: Vielleicht waren es ja keine. B: Das würde ich an seiner Stelle auch behaupten. A: Woher wollen Sie denn wissen, was Walser mit seinen, wie Sie es nennen, Signalen bezwecken wollte? B: Ich weiß es nicht. A: Das immerhin geben Sie zu. B: Wenn ich Antisemit wäre, würde ich genau so reden wie Walser. A: Sie halten Walser also für einen Antisemiten? B: Ich halte Walser für jemanden, der fähig ist, sich einen Spaß daraus zu machen, als dubios zu gelten und nachher jeden, der ihn für dubios hält, für dubios zu erklären. A: Das verstehe ich nicht. B: Er geht soweit er gehen kann, ohne umstandslos der Verachtung anheimzufallen. Man muss sich seinetwegen Umstände machen. A: Das ist doch erlaubt. B: Als ob es darum ginge. A: Ihnen nicht. B: Walser fühlt sich offensichtlich gut, wenn er sich vormachen kann, man behandle ihn schlecht. In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung hat er ja einmal gesagt, im Verhältnis zu Reich-Ranicki befände sich die Literatur in der Rolle des Juden. Ich will mich lieber nicht fragen, wie eine Psyche beschaffen sein muss, die solche Geschichtsgefühle zuwege bringt. A: Dann wäre es doch am besten, Walser gar nicht erst zu behandeln. B: Ich befürchte nur, er würde in diesem Fall nur noch nachlegen. A: Diese Befürchtung ist durch nichts gedeckt. B: Von der Moralkeule bis zur Phantasie, jenen Juden zu erschlagen, der die deutsche Literatur als Juden behandle, hat er nicht allzu lange gebraucht. A: Weil er sich provoziert fühlte. Weil er trotzig ist. Man sollte ihn am besten nicht einmal ignorieren. B: Erstens wissen wir beide, dass Öffentlichkeit so nicht funktioniert. Zweitens sorgt Walser schon selbst dafür, nicht ignoriert werden zu können. Drittens wäre ihm das am allerwenigsten recht. Er würde sicher irgendeine Totschweigetaktik dahinter vermuten. A: Sie machen Walser bedeutsamer, als er ist. B: Vermutlich. A: Und das stört Sie nicht? B: Doch, sehr. A: Was also schlagen Sie vor? B: Nichts. A: Nicht gerade konstruktiv. B: Nein.





Dieses Foto widme ich Dr. Herczeg und seiner Theorie der Spermaisierung der Gesellschaft. Das Foto zeigt (m)eine Tasche, halbtransparenter Kunststoff, sehr milchig, sehr samtig, sehr eindrucksvoll, man will sich gar nicht vorstellen, wieviel Rohstoff da hineingeflossen ist. Meine Spermatasche, wie ich sie seit langem liebevoll nenne, war ein giveaway der Mailänder Möbelmesse.





Es gab eine Zeit, da das Bürgertum sich noch vernünftige Gedanken machte.

L'Abbé de Cournaud, De la Propriété, ou La Cause du Pauvre, Plaidée au Tribunal de la Raison, de la Justice et de la Vérité.





(c) Tom Baril, Gloxinia Tom Baril, Gloxinia.

Tom Baril, New Yorker Fotograf, 1952 geboren. Zum Beispiel: Botanica und Wasserfälle.





Sonntag, 9. Juni 2002

Zu den besonders dummen Begleiterscheinungen der postmodernen Mediengesellschaft gehören die Leute, die den Ausdruck postmoderne Mediengesellschaft erfunden haben. Sitzen dann rum in den talking heads-Sendungen, analysieren die Debattenkultur, sagen immer was von der Inszenierung der Debatten, raunen der Öffentlichkeit, die sie gegen die Medien in Schutz zu nehmen vorgeben, irgendwelche Verschwörungstheorien zu, fördern genau die Ressentiments, deren Förderung sie den Debatteninszenierungen vorwerfen und haben immer ein Bonmot parat, das man schon mindestens sechsmal gehört hat.





Mein Arzt hat mir immer zum Rauchen geraten. Er setzt immer hinzu: "Sie sollten unbedingt rauchen, mein Freund; denn wenn Sie es nicht tun, wird an Ihrer statt jemand anderer rauchen." Aus: The Musician's Day from Memoirs of an Amnesiac von Erik Satie





pierre molinier

Pierre Molinier





roman provinces

The main reason for protection was the threat of invasion from the Goths and Germanic tribes. Geschichte der Provinzen Moesia superior und Moesia inferior. Das ist, wo die gotischen Stämme immer noch ihre Truppen haben.





Donnerstag, 6. Juni 2002

wollte für das Besohlen eines Paares Haferlschuhe EUR 39,90 berechnen. Das sind 80 Mark für zwei neue Sohlen. Ich wurde sehr ärgerlich weil ich nicht wußte, über wen ich mich ärgern sollte.





schreibt WIRED.





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