Mittwoch, 5. Juni 2002

vier gegen vier vier gegen vier und die anderen dürfen nicht mitspielen oder was doch nachher ja fangt an komm los los bist du bei uns Dennis ja Martin ganz schlecht bin ich bei dir Harald ja bin ich auch bei dir Harald ja alle spielen scheiße es ist arschkalt irgendwie beeilt euch mal hey hopp hopp komm Martin wo jetzt bei mir was Arme hoch Thomas du gehörst zu denen spielst du nicht mit Vatter was denn ich komme ja gleich wo spielst du denn zusammen wir beide cool der schießt eh sauber Thomas Vatter zieh die Socken an jetzt terminatormäßig oder gib mal her sieht gut aus Vatter ja Jürgen super zurück zurück komm schießen komm Leute will jemand anders mal

Aus dem wunderschönen Versepos Vier gegen vier [Haraldmichaelthomasjürgenmartin gegen Matthiasdennisdanieldamianrainer] von Michael S. Riedel in der neuen Ausgabe der Jungle World, die ich unter anderem solcher Versepen wegen innig liebe.

Stefan Ripplingers Text über Walsers Wallungen in derselben Ausgabe gehört zu den zwei besten in dieser Angelegenheit. Der andere beste stammt von Citoyen Vogts.





Aus einer Werbekampagne für Sofas.





Dienstag, 4. Juni 2002

Im Faz-Net gerade gelesen, dass Herr Walser jetzt nach Vorarlberg auswandern will. Blutmäßig wäre das eh kein Ausland für ihn, Vorfahren aus dem großen Walsertal. Aber wieso hat er denn dann immer nur so ein kleindeutsches Geschichtsgefühl gehabt, wenn er ein AEIOU hätte haben können, so vorfahrensmäßig? Ach ja, die deutschen Leser werden das AEIOU nicht verstehen können. Alles Erdreich Ist Oesterreich Untertan. Austria Erit In Orbit Ultimativ. Alle Eisenstädter Im Oasch, Ungustl. Oder so ähnlich.





Eva Menasse in der FAZ über Antisemiten in der österreichischen Sozialdemokratie.





Montag, 3. Juni 2002

Gewiss, nach ein paar Tagen schafft es wieder vor allem eines: zu nerven. Fortuyn, Möllemann, Walser. Erregungsschübe, die sich alle wieder abregen. Ein paar Dutzend Mal wird gesagt, was zu sagen ist, man sagt es selbst einige Male, und schon setzt wieder die Selbstverachtung ein. Selbstverachtung dafür, dass man diese Erregungsschübe nicht einfach ignoriert. Sie werden ja schon vergehen. Und man weiß ja: Je öfter man Möllemann sagt oder Walser, desto mehr trägt man zum Eindruck bei, sie wären wirklich wichtig - statt, wie man es für sich selbst schon längst beschlossen hat, unter dem Niveau jeder Kritik. Es ist ja das Perfide an all diesen Erregungen, dass man durch ihre Kritik immer nur zu Weiterverbreitung dessen beiträgt, was eingedämmt werden sollte. Also sollte man sich besser gar nicht erst einlassen mit all dem. Man gerät dabei nur an Leute, mit denen man sich nicht im selben Raum aufhalten will. Und wenn man sich einlässt auf sie, macht man nie gute Figur, man hat es oft genug an sich selbst konstatiert. 2002 noch gegen so etwas Schäbiges, Vulgäres, Enges zu argumentieren wie es schäbige, enge und vulgäre Ressentiments sind, kann man nur zum Preis der Selbsterniedrigung anfangen. Das Niedrige merkt man sich dann selbst immer sofort an.

Das ist das eine.

Das andere geht ungefähr so.

Es hört einfach nicht mehr auf. Neulich haben sie wieder einmal die Beneschdekrete durchgenommen. Einfach so. Ohne dass es dafür irgendeinen anderen Anlass gegeben hätte als jenen immergleichen - das schäbige Innenleben von Nationalisten, in denen die Geschichtsgefühle rumoren. Davor waren die Muslims dran, die deswegen problematisch sind, weil sie sich nicht integrieren, und deswegen verdächtig, weil sie sich assimilieren und möglicherweise Terroristen sind. Ach ja, und die Massaker der israelischen Armee, die es nicht gegeben hat, aber nachgedacht darüber, warum man so schnell die Propaganda der einen glaubt und die der anderen nicht durchschaut, hat man natürlich nicht. Die Leitkultur, der Nationalstolz, die neue Rolle in der Welt, die Humanitären Einsätze, das endlich Normale, das Wir in Deutschland auf den SPD-Plakaten, die Gabi-Zimmer-Sprüche über den deutschen Nationalstolz. All das. Alle zehn Minuten, zehn Tage. Wenn es gerade nicht auf Sendung ist, weiß man, dass es sich nur um eine Sendepause handelt. Das kleinliche Herumgezicke gegen die schwulen Ehen, die Guido Knopp Geschichtsschau, in der die Opis wieder vom Krieg erzählen dürfen. All das, unaufhörlich, eine Art Strom, der immer breiter fließt. Es kommt einem jedenfalls so vor. Man sagt eigentlich nur noch jedes dritte Mal etwas dazu und eigentlich nur noch auf den Meta-Ebenen. Wenn sie wieder einmal davon beginnen, dass man es nicht sagen dürfe, weil irgendjemand verböte, es zu sagen, während es doch einem dauernd in den Ohren summt. Als hätte man einen Hörsturz und so ein Tinnitus-Geräusch. Nur darüber sagt man also noch überhaupt etwas, stellt Fragen, von denen man sich erhofft, an ihrer Beantwortung würde sich es selbst widerlegen, man geht ja aus irgendeinem Grund noch davon aus, dass noch die üblichen Regeln der Logik und des Argumentierens gelten. Man versucht dahinterzukommen, worum es eigentlich in all dem geht, das ist ja das Rätselhafteste daran; was so ein Nationalist eigentlich haben will, und was er davon hätte, wenn er stolz sein dürfte, antisemitisch, normal, weniger Muslims im Lande, Kinder statt Inder oder eine Entschuldigung für die Beneschdekrete. Irgendeiner wird einem das schon sagen können, denkt man sich, aber es sagt einem keiner, wahrscheinlich wissen sie es selbst nicht.

Und dann fragt man sich wieder: Dazu wirklich nichts sagen? Denn wenn man nichts sagt, wird es immer wieder so weitergehen, immer noch eine Umdrehung mehr, immer noch eine neue Schäbigkeit. Oder würde das aufhören, wenn man nicht widerspräche? Und sollte man es darauf ankommen lassen, die Wirklichkeit den Beweis dafür antreten zu lassen, dass das alles eh nicht so gemeint ist, dass es nur darum geht, dass die sich endlich mal ausmähren wie in so einer Art Urschreitherapie? Oder soll man versuchen, um den einen oder anderen von denen zu kämpfen, vielleicht kann man den ja davon überzeigen, dass er Unsinn denkt, vielleicht hat er ja noch dieses Vertrauen zu Argumenten, das man selbst noch, recht muffig, aber immerhin immer noch teilt - und wartet einfach auf die besseren Argumente und ließe sich von ihnen auch überzeugen? Aber wie soll man das machen, mit Leuten, die sich selbst sagen, es ginge ihnen nur darum, etwas sagen zu dürfen, was sie eigentlich selbst gar nicht sagen wollen, aber halt ums Recht dazu? Und die auf den Einwand, sie hätten dieses Recht doch erwiesenermaßen schon längst, sich auf Eindrücke, Empfindungen, einen Groll berufen, die alle völlig inkommensurabel gegenüber Argumenten sind? Was soll man mit Tabubrechern machen, die Tabus brechen wollen, die schon längst keine mehr sind, und das auch nur prinzipiell, aufgrund eines angeblich demokratischen Rechts darauf, Tabus brechen zu dürfen?

Keine Ahnung. Ich weiß nur: Freude macht das nicht. Okay, Politik muss das ja auch nicht. Aber ist es nicht sehr deprimierend, dass einem nichts mehr einfällt, was einem an Politik auch nur annähernd Freude machen könnte.





Was hielten wir denn von einer "Empire"-Lektüregruppe auf Antville?

Regeln in den Kommentaren. Frage noch einmal nach oben gezogen, von Sonntag auf Werktag.





Sonntag, 2. Juni 2002

The Library of Bernadette Tavernin.





Ror Wolf: Gerd Müller

Ich rede nicht viel, sagt Gerd Müller, aber wenn ich den Mund aufmache, dann hören Sie meine Meinung. Er verzichtet auf einen Schlafanzug und schläft auf dem Bauch. Er sagt: achtundachtzig Minuten herumstehn ist nichts für mich, das ist nicht nach meinem Geschmack. Müller, ein Frühaufsteher, der morgens die Semmeln holt, kann auch Kaffee kochen. Er hat beide Arme gebrochen, einen Wadenbeinbruch und mehrere Bauchmuskelzerrungen; die Rißwunden an seinen Beinen kann man gar nicht mehr zählen. Zu Hause lebt er ziemlich bescheiden. Er sagt: ob ich berühmt bin ist mir ganz wurscht. Niemals hätte er eine Frau mit dicken Beinen geheiratet. Kein Wunder, daß dieser Mann nun zwei Stücke Kuchen aus der Einkaufstasche holt: für Dich, mein Liebling, das magst Du doch. Ehefrau Uschi ist die liebenswerte Sekretärin von einst geblieben, auch wenn sie heute einen Nerz, einen Persianer und einen Ozelot besitzt. Die Wände sind mit dunkelbraunem Stoff bespannt; und während der Bomber seine Brötchen mit Marmelade bestreicht, liest er vornehmlich Würdigungen seiner Arbeit. Er war ein armer bescheidener Webergeselle, er sagt: ich tue nur meine Pflicht. Äußere Zeichen sind da ein dunkelblauer Mercedes 450 SE, sein Besitz in Straßlach, der Bungalow mit Schwimmbad, Sauna, Solarium und seine Werbeagentur. Die alten Freunde von früher sind auch noch heute seine Freunde. Am Abend bespricht er bei einem Glas Whisky mit Cola noch einmal alles mit seiner Frau: den Tag und seine Entscheidung. Nun ist Gerd müde. Er spricht nicht mehr viel. Gute Nacht, häng bitte noch Deine Hose über den Bügel. Um 23 Uhr gehen bei Müllers die Lichter aus. Ein Tag im Leben geht zu Ende.
Dazu: Lektüreerfahrungen von japanischen und deutschen Lesern. Ende des Monats wird Ror Wolf übrigens 70.





Nach seinem Tod wurde ein umfangreiches Tagebuch (17.000 Seiten) entdeckt, das A. seit 1839 geführt hatte. Die beiden sorgfältig zusammengestellten Bände "Fragments d'un journal intime" sorgten bei ihrer Publikation 1882-84 für ein europaweites Echo. Mit seiner desillusionierten Sicht der eigenen Existenz, dem Rückzug in die Innerlichkeit und dem Hang zur Selbstkritik wirkte dieses Werk prägend, insbes. für die Literatur der franz. Schweiz. Von hier.





That´s me:

Economic Left/Right: -2.25 Authoritarian/Libertarian: -7.33
Der Political Compass testet, auf welcher Seite man steht. [via @cetera, ein Weblog mit schönen Links.]





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