Sehr gespenstische Geschichte über Bobby Fischer im Atlantic Monthly
Im Spectator: Die Geschichte einer Frau, die mit 55 beschließt, Escort zu werden. Was ein Euphemismus ist. Worüber sie schreibt. In zuweilen schönen bourgeoisen Sätzen:
To believe that a sexual liaison, because it is brief, must be loveless is to close one’s mind to possibility. My mind was wide open to possibility.
Die London Review of Books, für solche Sätze:
Moby-Dick avoids anything too obvious by devising the white whale as an enormous marine pallet, which is then stacked with anxieties about God and nature and human ambition, offset from time to time by Ishmael's debunkings ('Genius in the Sperm Whale? Has the Sperm Whale ever written a book, spoken a speech?'). Even so, the story remains a contest between Moby Dick, the thinking man's whale, in his 'pyramidal silence', and Captain Ahab, the thinking whale's man.
Claus Koch in der taz von gestern: Das Ende zahlreicher Räusche, ein Leitartikel, in dem sich recht, sagen wir: originelle Bemerkungen über Solidarität & die Notwendigkeit des harten Staates finden. Nein, das ist keine Satire, das ist ernst gemeint, so wie alle es ernst meinen, die sagen, was der Staat tun und wo er schneiden muss, Chirurgen überall, als gäbe es nur noch Ärztezeitungen. Herr Koch also, die Kursivierungen stammen von mir, aus den üblichen Gründen, Irrsinn im Irrsinn:
Nur noch Naive können darauf setzen, dass der Generationenvertrag, die vom Staat organisierte Zwangsorganisation, gebaut auf ungedeckte Schecks der Zukunftserwartungen, auch nur noch ein Jahrzehnt aufrechterhalten werden kann. Das bedeutet, dass der Staat immer öfter mit Steuermitteln einspringen wird, ohne doch das Steuer ganz in der Hand zu haben. Es wird ihm aber, zum Unwillen der Wähler, nichts übrig bleiben, als mit harten Direktiven einzugreifen, will er die unentbehrlichen Reste der organisierten Solidarität retten. Dafür muss er sich, weil er gegen einen Kranz von Interessen und Konsumegoismen kämpfen muss, stark machen.So trifft sich das alles unter den Sachzwängen wieder: der Parasitenhass mit der Konsumkritik, die Disziplin mit der Gemeinschaft derer, die im Urlaub & der Freizeit keinen Scheiß bauen, die Schädlingsbekämpfung mit dem Normgewicht, die Volksgesundheit mit der Einsicht ins Notwendige, die Solidarität mit dem Ausmerzen derer, die sie nicht verdienen. Na dann.Wenn es stimmt, dass rund die Hälfte aller Heil- und Pflegekosten aufs Konto von selbst verschuldeten Krankheiten geht, dann muss der Staat dort einen Schnitt machen. Wer sich im Skiurlaub ein Bein bricht oder beim Motorradrennen verunglückt, wer vom Riesenrad fällt oder sich vom Walkman das Trommelfell beschädigen lässt und dafür das Solidarsystem der Krankenkassen in Anspruch nehmen möchte, handelt asozial. Ihm muss die Solidarität verweigert werden, im Interesse der Vielen, die sich disziplinieren, um gesund zu bleiben und ihre Einkommensteuer bezahlen zu können.
Die zahlreichen Räusche, die sich die Massengesellschaft leistet und mit ihrem sozialschädlichen Konsum die Wirtschaft stimuliert, sind jahrzehntelang vom Sozialstaat begünstigt, ja direkt bezahlt worden. Wenn sich die Bürger diese Räusche versagen müssen, weil der Staat für die Folgen nicht mehr haftbar gemacht werden kann, wird es ein Riesengeschrei geben: von den Skiliftbetreibern und den Motorradbauern, von der Ferienindustrie und den Werften für die Vergnügungsschiffe der reichen Greise bis zu den Kliniken für die Entschlackung der unzähligen Überfetteten. Überflüssig würden Millionen von Arbeitsplätzen, die vom hilflosen Sozialstaat abhängig sind.
So ist es schließlich der Staat selbst, der die Entsolidarisierung der Bedürftigen betreibt, weil er von den unsolidarischen Verhaltensweisen der Konsumbürger aufrechterhalten wird.
Kurbelt einer die Scheibe runter "hey du Arschloch, kannst du nicht ...". Nein, kann nicht einsehen, weshalb ich ein Arschloch sein soll. Mit Glück und Geschick einem Sturz entgangen. Herzklopfen, Adrenalin, Schweißausbruch. Keine Gehirnerschütterung, keine Aufschürfungen, keine Schmerzen. Kein kaputtes Fahrrad. Es kam nicht zum Unfall, weil ich dem telefonierenden Lackaffen in seinem Leasingwagen auswich. Er hat einen Aussenspiegel weniger und einen schlechten Tag. Ich werde einen guten Tag haben. Die Schlaghand brummt ein wenig. Revolte? Gerne. Jeden Morgen neben den Straßenbahnschienen.
Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung fordert Ihre Leser zum Mitmachen bei der Revolte, der Revolution auf, als dritte Option nennt sie den Systemwechsel. Als Gründe für eine von den drei Veranstaltungen listet sie auf: "Lohnnebenkosten senken, Arbeitsmarkt flexibilisieren, Bürokratie verringern, Gesundheits- und Rentensystem erneuern".
Eine gewisse surrealistische Schönheit hat es ja, die Bevölkerung dafür anzuagitieren, für die Abschaffung des Kündigungsschutzes auf die Barrikaden zu gehen.
[1: massillan] [2: weil am rhein] [3: nähe carpentras] [4: verdon] [5: münstertal] [6: verdon]
Heute wieder in meiner Kabine gesessen, den Kopf im Geschirr, Streckung der Wirbelsäule, die sich zu arg gekrümmt hat beim Schuften für den Überbau. Wie blöd man aussähe, wenn man sich selbst sähe. Aus den Nebenkabinen die Hüftschmerzenbulletins der Damen in den besten Jahren, müssen wieder fitgemacht werden, wie ich, noch ein wenig funktionieren für den Rest der Lebensarbeitszeit. Danach noch zehn Minuten Elektrostimulation, Strom durch den Körper, Sie sagen, wenn es kribbelt, kurz der Gedanke: Das ist nur Training für die Exekution. Als ob man irgendwas dafür getan hätte, als Feind zu gelten. Bis nächste Woche dann, wieder ins Büro, weitermachen, na also, geht doch.
Texte jetzt: Ein Buch über das "Elend der Ironie". Ein anderes, dass "Schluss mit lustig!" heißt und die These verficht, dass man sich endlich von den soft skills verabschieden sollte, zugunsten von Leistung und Disziplin. Im letzten Spiegel ein Stück von Julie Zeh darüber, wie ihre Bekannten jetzt nicht mehr Karriere machen, Geld verdienen, teure Autos kaufen wollen, sondern stattdessen ein von der Oberflächlichkeit nicht mehr erpressbares Leben führen, nur noch bedarfsweise jobben, bei Aldi einkaufen und Teebeutel recyclen. Und noch immer das olle Popliteraten-Bashing da und dort.
Als ob Ernstdreinschauen & Arschbackenzusammenkneifen hülfe.
Ganz abgesehen davon, dass es billig ist, das Sinnhubern immer erst dann anzufangen, wenn man keine Kohle mehr hat.
Ich weiß doch auch nicht.
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