Freitag, 11. April 2003

saddam hussein (nach diktatur verreist)





Dienstag, 8. April 2003

Du bist hier: Willkommen Wissenschaft Aids Moralpanik

Zu dem von Luhmann beschriebenen Durchbruch der Aids-Thematik, die zu einer umfassenden Diskussion in der Öffentlichkeit führte, hat das Polit-Magazin Spiegel wesentlich beigetragen. Der Spiegel eröffnete die Debatte im Juni 1983 unter dem Titel "Aids: Eine Epidemie, die erst beginnt". Bereits die Bildbetitelungen und Zwischenüberschriften sollen Gefahr, Bedrohung und gesellschaftliches Chaos assoziieren lassen. Vergleiche zu Pest und Pocken werden gezogen, der Homo-Szene ein erhöhter Durchseuchungsgrad attestiert. Per Überschriften wird kräftig an der Dramatisierungsschraube gedreht: Neue Hatz wie auf Pestkranke im Mittelalter?, Wie die Pest: Homosexuellenkrankheit Aids, Seuche Aids, Aids: Die Bombe ist gelegt, die Hatz ist schon im Gange, Quarantäne, seuchenpolizeiliche Instrumente etc. Zum Flaggschiff der Berichterstatter von der "ärztlichen Front" - gleichermaßen im Spiegel und in der AIDS-Forschung publizierend - zählt der Arzt Dr. Hans Halter. Dem drohenden Weltuntergang wird geradezu das Wort geredet: "Seriöse Wissenschaftler befürchten, dass es in fünf Jahren weltweit eine Million Aids-Opfer geben könnte. Die Zeit führt eine scharfe Axt."12

Der Karriereverlauf des Themas folgt im Spiegel ganz der Luhmann’schen Prognose. Dem Durchbruch folgt der Höhepunkt im Jahre 1987, ein Jahrgang, in dem sich 229 Artikel über Aids im Spiegel finden. Die Ereignisse um das Ende der DDR und die deutsche Wiedervereinigung haben wahrscheinlich die Prominenz des Themas Aids in den Folgejahren verdrängt. Trotzdem publiziert der Spiegel noch auf verhältnismäßig hohem Niveau weiter (ca. fünfzig Artikel pro Jahr), bis 1996 deutliche Ermüdungserscheinungen sichtbar werden. Das mediale Interesse an der Berichterstattung über Aids hat deutlich an Boden verloren.

Spiegel Online: Experte warnt vor Komplettverseuchung Hongkongs

Es ist ein Horrorszenario: Binnen zwei Jahren, warnte der Mikrobiologe Samson Wong, könnte praktisch jeder der sieben Millionen Hongkonger mit der gefährlichen Lungenkrankheit SARS infiziert sein. Als möglichen Überträger der Seuche haben Forscher inzwischen Kakerlaken ausgemacht.

[...]

Unterdessen rätseln die Experten, wie sich die Seuche in dem dicht besiedelten Stadtteil Kowloon so schnell hat ausbreiten können. Menschliche Kontakte als alleiniger Grund seien nicht palusibel. Der stellvertretende Direktor der Hongkonger Gesundheitsbehörde, Leung Pak Yin, tippt auf Schaben: "Das Abwassernetz kann ein Grund sein. Es ist möglich, dass die Kakerlaken das Virus in die Häuser getragen haben."





Wir besuchen die Familie des Dorfvorstehers.

Sie wohnt in einer aus Brettern zusammengenagelten Hütte, die auf Pfählen steht wie fast alle Wohnhäuser in kambodschanischen Dörfern, Schutz gegen die Ratten, außerdem schafft es Stauraum für Mopeds, Fahrräder, Tiere, Handwerksarbeiten, in der Mittagshitze findet man ein wenig Schatten, Schatten ist wichtig hier.

Der Dorfvorsteher besitzt eine kleine Reismühle, die mit Benzin betrieben wird.

Benzin, die rote Sorte für die Mopeds, wird in Kambodscha in Einliterflaschen entlang der Straße verkauft, an Imbissstand-Zigarettenladen-Benzinshop-Kombinationen, die ihrerseits auch nur Bretterbuden sind.

Die Familie, Mutter, Vater, sechs Kinder, lebt in einem einzigen großen Raum, auf vielleicht zehn mal vier Meter Grundfläche. Das Dach ist aus selbstgemachtem Reet, da und dort ein wenig löchrig, sie werden es noch ausbessern müssen vor dem Monsun.

Der Besitz der Familie, soweit ich ihn sehen kann: ein paar Klamotten, wahrscheinlich für jedes Familienmitglied eine zweite Garnitur. Ein Essgeschirr, für jeden eine Schüssel, zwei, drei Blechtöpfe. Kleinkram, das meiste in Plastiktüten verstaut und irgendwo ins Reetdach gesteckt, die Schulsachen der Kinder zum Beispiel. Und dann ein Fernseher, mitten im Raum, der an einer Autobatterie angeschlossen ist, Strom gibt es ja hier keinen.

Auf dem Fernseher Luxus: eine kleine Schale mit drei vier Tüten Sunsilk-Shampoo. In diesem Zusammenhang ein Zitat aus einem Interview mit der Autorin des Buchs "Asian Business Wisdom" über die Einführung der Sunsilk single-use sachets auf dem indonesischen Markt:

Unilever Indonesia is another company that uses smart pricing. To make sure all Indonesians can afford at least some of its products, Unilever introduced single-use sachets packets of Sunsilk shampoo and Rinso detergent for about four cents each. As a result, the company sold 2.9 billion sachets of Rinso and 3.8 billion of Sunsilk last year.
Wir sitzen auf dem Boden und treiben ein wenig Konversation mit Oat, dem ältesten Mädchen. Wegen der Kinder sind wir ja gekommen, um sie soll es gehen, die Zukunft Kambodschas.

Wie sieht dein typischer Tag aus?

Ich stehe um sechs Uhr auf. Ich hole Wasser vom Brunnen, kümmere mich um meine kleinen Geschwister, gehe in den Wald und sammle Feuerholz.

Feuerholzsammeln ist gefährlich. Möglicherweise liegen noch Minen herum. Letzte Woche hat es im Nachbardorf ein Mädchen zerfetzt, vor zehn Tagen haben in Tab Svay vier Jungs, Brüder, eine Mine gefunden und wollten sie ausgraben, damit der Vater Metall zu verkaufen hatte, jetzt liegen alle vier im Kinderkrankenhaus von Siem Reap, dort ist die Behandlung kostenlos, das Krankenhaus wurde von einem Schweizer Arzt gegründet, der jeden Samstag unter dem Namen Beatocello Bachsuiten und eigene Kompositionen auf dem Cello vorträgt, The Beat goes on! stand auf dem Plakat vor dem Klinikgebäude. Und vor einigen Tagen hat man im Dorf in einem Baum, den jemand - ich weiß nicht warum, vielleicht um Land zu roden - abfackeln wollte, gerade noch rechtzeitig eine undetonierte Handgranate entdeckt, sie steckt kaum erkennbar im Stamm, in ein paar Tagen werden die Entminer vorbeikommen und die Granate entschärfen.

Oder ich füttere die Tiere, sagt Oat.

Die Familie hat ein paar Hühner, ich kann mich nicht mehr erinnern, ob auch ein Schwein. Man darf sich die Tiere in diesem Dorf natürlich nicht vorstellen wie deutsche Tiere. Es sind jämmerliche Viecher, die Hühner sehen aus wie große zerrupfte Küken, die Schweine und Rinder haben keinen Speck auf den Rippen. Aber immerhin, es ist mehr als nichts.

Danach gehe ich zur Schule.

Oat ist in der zweiten Klasse, mit zehn. Bevor Angelina Jolie die Schule spendierte, gab es hier ja keine.

Was sind deine Lieblingsfächer?

Lesen und Schreiben. Geschichte. Rechnen.

Was willst du einmal werden, wenn du groß bist?

Lehrerin, sagt Oat.

Um Lehrerin werden zu können, muss man mindestens eine Sekundarschule absolviert haben. Die nächste Sekundarschule ist in Siem Reap, 40 Kilometer und eine Autostunde entfernt.

Könnten Sie sich denn leisten, Ihre Tochter auf die Sekundarschule in die Stadt zu schicken, falls sie sich als klug herausstellt.

Nein, lachen die Eltern, das geht auf gar keinen Fall. Das könnten wir nie bezahlen.

Also wird Oat keine Lehrerin werden können. So schnell erledigt sich das mit dem Träumen hier, unglaublich, dass man das mit dem Träumen dann doch nicht lassen kann.

Es sei denn, natürlich, es baut hier irgendjemand noch eine zweite Schule, es findet sich ein Lehrer, und so weiter. Immerhin, es kommen ja Leute wie wir um die halbe Welt geflogen, um in einem kambodschanischen Dorf nach den Kindern zu sehen. Vielleicht wird ja doch noch etwas draus.

Wie ist deine Lehrerin? Nett.

Ist sie manchmal auch streng? Ja. Wenn wir uns nicht an die Regeln halten.

Bestraft sie euch? Sie zieht uns den Stock über die Finger. Aber es tut nicht sehr weh. Und es kommt selten vor.

Was sind deine Lieblingsspiele? Seilspringen. Und Verstecken.

Es fällt einem auf: Kein Spiel dabei, das etwas kostet.

Zwei Tage später beobachte ich, wie die Mädchen auf dem Dorfplatz Gummitwist spielen.

Einerseits: Sie haben die Gummis aus alten Gummiringen zusammengebunden. Andererseits: Wo haben sie eigentlich die Gummiringe her?

Noch nie in meinem Leben bin ich an einem Ort gewesen, an dem mir die Frage einfallen hätte können, wo Kinder alte Gummiringe herhaben. Oder die Frage, wie jemand so reich sein kann, dass er sich vier Portionspackungen Sunsilk Shampoo leisten kann. Es ist nicht so, dass ich mich für solche Fragen, diese Hinterherschnüffelwahrnehmungen, nicht sofort wieder verabscheue, hallo, alte aufgeklärte Mittelschichtpsyche, und wenn man jetzt noch die Selbstwahrnehmung thematisiert, ist man dann noch fieser, all die Metafragen, Mannomann.

Nach allem, was ich gelesen habe, kommt es mir sehr wahrscheinlich vor, dass man unter Pol Pot für Sunsilk Shampoo mit einer Spitzhacke den Schädel aufgeschlagen bekommen hätte. Man ist damals ja auch für den Diebstahl eines Maiskolbens umgebracht worden.

Fragen: Wo liegt der Nullpunkt der Ökonomie wirklich? Und wie würde "Die kleinen Unterschiede" von Pierre Bourdieu in Kambodscha aussehen?

So etwas denkt man hier. Man kann das Denken ja doch nicht lassen.





(Two men sift through garbage in a bin near Highbury Fields. They wear Islington Council reflective jackets and yellow gloves. They use long metal utensils)

Pete : So you come across lots of unopened bottles, don't you?

Phil : Bottles. Lots of cans.

Pete : You ever take them?

Phil : Tins once in a while.

Pete : Serious?

Phil : If they've still got the labels on.

Pete : Like a homeless guy would?

Phil : They're sealed tins, you know.

Pete : But you only take the ones with labels, yeah?

Phil : You could end up with mangoes if you don´t.

Pete : Or some freak who puts his shit in a tin.

Phil : Never seen that.

Pete : I wouldn´t take a tin. Couldn´t pay me to take a tin.

Phil : I never once heard of someone who would take time to put his shit in a tin and then seal that tin and put that tin in the garbage and think that someone would take it home.

Pete : You never know.

Phil : You can be sure of some things.

aj: one million tiny plays.





Der Dorfplatz: ein niedergetrampeltes Areal vor der Angelina Jolie-Grundschule. Ein paar Bäume, im Schatten ein langer Tisch mit zwei Bänken, ein wenig wie in einem Biergarten. Und drei Hängematten für das Dösen in der Mittagsonne, wenn nichts mehr geht, 41 Grad, 42 Grad, im Verlauf des Aprils wird es noch heißer werden.

Etwas abseits sitzen auf Campingstühlen drei Uniformierte. Der eine ist der reguläre Dorfpolizist, die beiden anderen sind aushilfsweise da, von irgendjemandem zu unserem Schutz abkommandiert.

Es gibt, das ist mir schon auf dem Flughafen aufgefallen, viele Sicherheitsleute in Kambodscha. Vor den Mopedtaxifahrern paradierte ein Zwanzigjähriger mit Schlagstock und gut sichtbaren Handschellen auf und ab, er sah aus, als hätte er keine Probleme damit, den Schlagstock zum Einsatz zu bringen. Die Armee, wird Leak irgendwann in diesen Tagen erzählen, hat eine Stärke von etwa 150.000 Mann, lauter Freiwillige, Soldaten haben immerhin zu essen und eine Unterkunft in der Kaserne, alles Infanterie, die Marine besteht aus ein paar Küstenbewachungsbooten, die gelegentlich einen vietnamesischen Fischkutter aufbringen, die Luftwaffe, alte Migs und ein paar Helikopter, ist schon seit Jahren nicht mehr in der Luft gewesen, es fehlt an Geld, den Krempel zu überholen. Ansonsten: die üblichen Drittweltbewaffnung, chinesische Nachbauten russischer MGs und ähnliches. Unter der Herrschaft von Pol Pot, hat man gelesen, sind die Leute mit Spitzhacken und Hämmern erschlagen worden, weil sich die Khmer Rouge ihre Munition für die Vietnamesen aufsparen wollten; soviel zu den Vorzügen einer nicht hochgerüsteten Nation.

Die Dorfkinder sind zur Begrüßung angetreten. Wir sind ein wenig verlegen, sie sehr schüchtern, sie wissen nicht, was das alles soll, ich habe keine Ahnung, was ihnen erzählt worden ist. Wir bekommen Blumen überreicht. Wir versuchen, der Situation das Offizielle zu nehmen, machen Scherze, wahrscheinlich ist das immer so, wenn reiche Menschen plötzlich in ein armes Dorf einfallen. Ich kann mir gut vorstellen, wie unheimlich das alles für sie ist. Es ist ja auch für mich unheimlich. Man steigt in Hamburg in ein Flugzeug, hat sich auf dem Terminal noch die Che Guevara-Nummer von Stern Biografie gekauft, man hat während des Flugs noch ein wenig über Pol Pot und die Khmer Rouge nachgelesen, und einen Tag später steht man in einem armseligen Kaff und starrt armselige Kinder an, die einen anstarren. Wahrscheinlich könnte jeder Flugkilometer Dutzende kambodschanische Dörfer ein ganzes Jahr lang ernähren. Man weiß seit langem, dass man in einer Welt lebt, in der man ununterbrochen solche Rechnungen aufmachen könnte, aber man kann es immer noch nicht lassen, über solche Rechnungen zu staunen. All die Vermittlungen, all die Kurzschlüsse des Kapitalismus, sehr unheimlich, immer noch.

Was eigentlich soll man mit Blumen anfangen, die einem auf dem Dorfplatz eines kambodschanischen Kaffs übergeben werden?





Der Dorfplatz: ein niedergetrampeltes Areal vor der Angelina Jolie-Grundschule. Ein paar Bäume, im Schatten ein langer Tisch mit zwei Bänken, ein wenig wie in einem Biergarten. Und drei Hängematten für das Dösen in der Mittagsonne, wenn nichts mehr geht, 41 Grad, 42 Grad, im Verlauf des Aprils wird es noch heißer werden.

Etwas abseits sitzen auf Campingstühlen drei Uniformierte. Der eine ist der reguläre Dorfpolizist, die beiden anderen sind aushilfsweise da, von irgendjemandem zu unserem Schutz abkommandiert.

Es gibt, das ist mir schon auf dem Flughafen aufgefallen, viele Sicherheitsleute in Kambodscha. Vor den Mopedtaxifahrern paradierte ein Zwanzigjähriger mit Schlagstock und gut sichtbaren Handschellen auf und ab, er sah aus, als hätte er keine Probleme damit, den Schlagstock zum Einsatz zu bringen. Die Armee, wird Leak irgendwann in diesen Tagen erzählen, hat eine Stärke von etwa 150.000 Mann, lauter Freiwillige, Soldaten haben immerhin zu essen und eine Unterkunft in der Kaserne, alles Infanterie, die Marine besteht aus ein paar Küstenbewachungsbooten, die gelegentlich einen vietnamesischen Fischkutter aufbringen, die Luftwaffe, alte Migs und ein paar Helikopter, ist schon seit Jahren nicht mehr in der Luft gewesen, es fehlt an Geld, den Krempel zu überholen. Ansonsten: die üblichen Drittweltbewaffnung, chinesische Nachbauten russischer MGs und ähnliches. Unter der Herrschaft von Pol Pot, hat man gelesen, sind die Leute mit Spitzhacken und Hämmern erschlagen worden, weil sich die Khmer Rouge ihre Munition für die Vietnamesen aufsparen wollten; soviel zu den Vorzügen einer nicht hochgerüsteten Nation.

Die Dorfkinder sind zur Begrüßung angetreten. Wir sind ein wenig verlegen, sie sehr schüchtern, sie wissen nicht, was das alles soll, ich habe keine Ahnung, was ihnen erzählt worden ist. Wir bekommen Blumen überreicht. Wir versuchen, der Situation das Offizielle zu nehmen, machen Scherze, wahrscheinlich ist das immer so, wenn reiche Menschen plötzlich in ein armes Dorf einfallen. Ich kann mir gut vorstellen, wie unheimlich das alles für sie ist. Es ist ja auch für mich unheimlich. Man steigt in Hamburg in ein Flugzeug, hat sich auf dem Terminal noch die Che Guevara-Nummer von Stern Biografie gekauft, man hat während des Flugs noch ein wenig über Pol Pot und die Khmer Rouge nachgelesen, und einen Tag später steht man in einem armseligen Kaff und starrt armselige Kinder an, die einen anstarren. Wahrscheinlich könnte jeder Flugkilometer Dutzende kambodschanische Dörfer ein ganzes Jahr lang ernähren. Man weiß seit langem, dass man in einer Welt lebt, in der man ununterbrochen solche Rechnungen aufmachen könnte, aber man kann es immer noch nicht lassen, über solche Rechnungen zu staunen. All die Vermittlungen, all die Kurzschlüsse des Kapitalismus, sehr unheimlich, immer noch.

Was eigentlich soll man mit Blumen anfangen, die einem auf dem Dorfplatz eines kambodschanischen Kaffs übergeben werden?





Montag, 7. April 2003

Tab Svay, es gibt auch andere Schreibweisen, liegt 40 Kilometer außerhalb Siem Reaps in der Gemeinde Chub Ta Trav. Es ist die ärmste Gemeinde in der Provinz und die drittärmste in ganz Kambodscha.

Der Gouverneur würde uns nur zu gerne begleiten, sagt der Gouverneur. Leider hat er keine Zeit, die Amtsgeschäfte, Sie wissen ja.

Der Gouverneur trägt einen dunkelblauen Pyjama und seine kleinen Fingernägel sehr lang.

Über dem Schreibtisch des Gouverneurs hängen Fotos des Königs und der Königin.

Eine Angestellte serviert Wasser.

Er ist schon einmal in Deutschland gewesen, erzählt der Gouverneur, bei einer Entwicklungskonferenz in der Nähe Bonns, am Rhein. Der Wein. Das Bier. Das deutsche Volk. Die Freundschaft zwischen den Völkern.

Wir haben viele Fortschritte gemacht seit dem Ende des Kriegs, sagt der Gouverneur. In Siem Reap, es ist Ihnen sicher aufgefallen, wird ein neues Hotel ums andere errichtet.

Die Schreibtische wurden von den Vereinten Nationen spendiert.

Wir befinden uns in einem Land, das so arm ist, dass es sich sogar die Schreibtische spendieren lassen muss.

Der Amtssitz des Gouverneurs ist so groß wie ein deutsches Zweifamilienhaus.

Im Garten spielen ein paar Kinder.

Das Innere des Amtssitzes ist eine Art Großraumbüro.

Acht, zehn Schreibtische, ein paar Aktenschränke, es sind erst zwei Angestellte da, es ist gerade erst acht.

Am Eingang hängt ein Plakat, das den Kambodschanern erklärt, wie demokratische Wahlen funktionieren. Die nächsten nationalen Wahlen finden im Juli statt. Das Ergebnis steht schon fest, die People Party wird mit satter Mehrheit gewinnen, Hun Sen Ministerpräsident bleiben. Auch er war früher eine Zeitlang irgendwie mit den Khmer Rouge verbandelt, wie auch der König, so trennscharf sind die Fronten hier nicht, wenn man rechtzeitig abgesprungen ist, wird einem verziehen, im Internet stehen nun die Golfrekorde des MPs.

Der Gouverneur hat ein eigenes Büro, tiefe Ledersofas für Besprechungen, eine Art Schrein für Medaillen, eine kambodschanische Flagge. Ein netter Mann. Es ist nicht so wichtig, was er früher gemacht hat, es ist nur ein Höflichkeitsbesuch, man tauscht ein paar Sätze aus, hallo, hier sind wir. Er sieht aus, als hätte er es sich gerichtet. So sind die Leute, die den Fortschritt machen.

Da draußen in den Dörfern ist noch nichts zu bemerken von einer Friedensdividende.

Kurz nach neun sind wir wieder draußen. Es hat 37 Grad. Es ist April, der Vormonsun, der heißeste Monat des Jahres, jeder ein Dummkopf, der im April nach Kambodscha fährt.

Das Dorf liegt 40 Kilometer entfernt.

Für die vierzig Kilometer braucht man mit dem Auto eine Stunde, davon 40 Minuten für die letzten 15 Kilometer. Und sehr widerstandsfähige Bandscheiben, Cambodian massage wird Leak es nennen.

Während wir fahren, erklärt Leak, was wir draußen sehen.

Die Leute auf den Fahrrädern, sagt Leak, suchen in der Stadt Arbeit. Sie verkaufen ein paar Kokosnüsse, ein paar Kürbisse. Oder sie versuchen, sich auf einer Baustelle verdingen. Es wird viel gebaut in Siem Reap. All die Touristen, die die Tempel von Angkor Wat sehen wollen. Seitdem der Krieg zu Ende ist, kann man sie ja endlich gefahrlos besichtigen. Angkor Wat ist das einzige, was Kambodscha zu verkaufen hat. Abgesehen von Kindern. Kinder gehen auch gut, liest man da und dort. Ach, und man kann sich in Kambodscha ganz leicht das Gefühl kaufen, ein guter Mensch zu sein. Es gibt nicht viele Plätze auf der Welt, an denen das Gutsein billiger ist, es kostet bloß ein paar Dollar, die einem nicht weiter fehlen.

Das klingt zynisch. Aber es sagt nur, wie verzweifelt das Land ist. In einem Land, das nichts hat, macht jede Kleinigkeit einen Unterschied. Man neigt dazu, sich lustig zu machen über die Leute, die sich das Gutsein ganz billig erkaufen. Dabei sind sie es, die hier für die großen Unterschiede sorgen. Manchmal für jene zwischen dem Verrecken und dem Überleben.

Die Leute, die auf einer Baustelle unterkommen, bekommen pro Tag einen Dollar.

Das durchschnittliche Monatseinkommen in Kambodscha liegt bei ungefähr 25 Dollar. Da, wo wir hinfahren, in den Dörfern, verdienen sie sechs oder sieben Dollar im Monat. Sie würden es sowieso nicht in die Stadt schaffen. Man braucht ja mit dem Auto schon eine Stunde. Und sie haben nicht einmal Fahrrräder.

Jetzt sind wir im Dschungel, sagt Leak.

Hier beginnt die Gemeinde Chub Ta Trav, ingesamt vier Dörfer, der staubigen Piste entlang aufgereiht, je weiter man fährt, desto größer die Armut.

539 Haushalte, 3088 Bewohner, davon 1582 weiblich. Aber hier sind penible Volkszählungen wahrscheinlich noch ein wenig sinnloser als an anderen Orten. Die Kindersterblichkeit. Die Geburtenrate. Die Lebenserwartung. Erst letztes Monat ist wieder ein Mädchen von einer Landmine zerfetzt worden. Da machen die Einerstellen im Zensus von vornherein keinen Sinn.

In jedem Dorf gibt es einen Polizeiposten. In Tab Svay gibt es eine medizinische Station, in der alle zwei Wochen ein Arzt vorbeischaut. In Chub und in Tab Svay gibt es, allerdings erst seit zwei, drei Jahren, Grundschulen, beide von Angelina Jolie spendiert.

Angelina Jolie, der Hollywood-Star, wie alle hier sagen, hat in den Tempeln von Angkor Tomb Raider gedreht, sich in das Land verliebt, ein kambodschanisches Kind adoptiert und zwei Schulen gestiftet.

Das alles klingt so grauenhaft billig, wenn man es in den Zeitschriften liest. Hier braucht man nur ein, zwei Tage, um zu verstehen, dass Angelina Jolie tatsächlich ein guter Mensch ist. Ein besserer jedenfalls als der, der die Geschichten über Angelina Jolies Liebe zu Kambodscha für billig befindet.

In einer besseren Welt behielte man recht mit seinem Hochmut den Almosen gegenüber. In einem Land aber, das so bettelarm ist, dass ihm die Grundschulen von Hollywoodstars spendiert werden müssen, kollabiert einem die Verachtung sofort.





Samstag, 29. März 2003

Bin in Kambodscha. Deswegen vermutlich keine Updates bis zum 8.April.





Donnerstag, 27. März 2003

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Mittwoch, 26. März 2003

die liebe der deutschen zu michael moore.





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