Tab Svay, es gibt auch andere Schreibweisen, liegt 40 Kilometer außerhalb Siem Reaps in der Gemeinde Chub Ta Trav. Es ist die ärmste Gemeinde in der Provinz und die drittärmste in ganz Kambodscha.

Der Gouverneur würde uns nur zu gerne begleiten, sagt der Gouverneur. Leider hat er keine Zeit, die Amtsgeschäfte, Sie wissen ja.

Der Gouverneur trägt einen dunkelblauen Pyjama und seine kleinen Fingernägel sehr lang.

Über dem Schreibtisch des Gouverneurs hängen Fotos des Königs und der Königin.

Eine Angestellte serviert Wasser.

Er ist schon einmal in Deutschland gewesen, erzählt der Gouverneur, bei einer Entwicklungskonferenz in der Nähe Bonns, am Rhein. Der Wein. Das Bier. Das deutsche Volk. Die Freundschaft zwischen den Völkern.

Wir haben viele Fortschritte gemacht seit dem Ende des Kriegs, sagt der Gouverneur. In Siem Reap, es ist Ihnen sicher aufgefallen, wird ein neues Hotel ums andere errichtet.

Die Schreibtische wurden von den Vereinten Nationen spendiert.

Wir befinden uns in einem Land, das so arm ist, dass es sich sogar die Schreibtische spendieren lassen muss.

Der Amtssitz des Gouverneurs ist so groß wie ein deutsches Zweifamilienhaus.

Im Garten spielen ein paar Kinder.

Das Innere des Amtssitzes ist eine Art Großraumbüro.

Acht, zehn Schreibtische, ein paar Aktenschränke, es sind erst zwei Angestellte da, es ist gerade erst acht.

Am Eingang hängt ein Plakat, das den Kambodschanern erklärt, wie demokratische Wahlen funktionieren. Die nächsten nationalen Wahlen finden im Juli statt. Das Ergebnis steht schon fest, die People Party wird mit satter Mehrheit gewinnen, Hun Sen Ministerpräsident bleiben. Auch er war früher eine Zeitlang irgendwie mit den Khmer Rouge verbandelt, wie auch der König, so trennscharf sind die Fronten hier nicht, wenn man rechtzeitig abgesprungen ist, wird einem verziehen, im Internet stehen nun die Golfrekorde des MPs.

Der Gouverneur hat ein eigenes Büro, tiefe Ledersofas für Besprechungen, eine Art Schrein für Medaillen, eine kambodschanische Flagge. Ein netter Mann. Es ist nicht so wichtig, was er früher gemacht hat, es ist nur ein Höflichkeitsbesuch, man tauscht ein paar Sätze aus, hallo, hier sind wir. Er sieht aus, als hätte er es sich gerichtet. So sind die Leute, die den Fortschritt machen.

Da draußen in den Dörfern ist noch nichts zu bemerken von einer Friedensdividende.

Kurz nach neun sind wir wieder draußen. Es hat 37 Grad. Es ist April, der Vormonsun, der heißeste Monat des Jahres, jeder ein Dummkopf, der im April nach Kambodscha fährt.

Das Dorf liegt 40 Kilometer entfernt.

Für die vierzig Kilometer braucht man mit dem Auto eine Stunde, davon 40 Minuten für die letzten 15 Kilometer. Und sehr widerstandsfähige Bandscheiben, Cambodian massage wird Leak es nennen.

Während wir fahren, erklärt Leak, was wir draußen sehen.

Die Leute auf den Fahrrädern, sagt Leak, suchen in der Stadt Arbeit. Sie verkaufen ein paar Kokosnüsse, ein paar Kürbisse. Oder sie versuchen, sich auf einer Baustelle verdingen. Es wird viel gebaut in Siem Reap. All die Touristen, die die Tempel von Angkor Wat sehen wollen. Seitdem der Krieg zu Ende ist, kann man sie ja endlich gefahrlos besichtigen. Angkor Wat ist das einzige, was Kambodscha zu verkaufen hat. Abgesehen von Kindern. Kinder gehen auch gut, liest man da und dort. Ach, und man kann sich in Kambodscha ganz leicht das Gefühl kaufen, ein guter Mensch zu sein. Es gibt nicht viele Plätze auf der Welt, an denen das Gutsein billiger ist, es kostet bloß ein paar Dollar, die einem nicht weiter fehlen.

Das klingt zynisch. Aber es sagt nur, wie verzweifelt das Land ist. In einem Land, das nichts hat, macht jede Kleinigkeit einen Unterschied. Man neigt dazu, sich lustig zu machen über die Leute, die sich das Gutsein ganz billig erkaufen. Dabei sind sie es, die hier für die großen Unterschiede sorgen. Manchmal für jene zwischen dem Verrecken und dem Überleben.

Die Leute, die auf einer Baustelle unterkommen, bekommen pro Tag einen Dollar.

Das durchschnittliche Monatseinkommen in Kambodscha liegt bei ungefähr 25 Dollar. Da, wo wir hinfahren, in den Dörfern, verdienen sie sechs oder sieben Dollar im Monat. Sie würden es sowieso nicht in die Stadt schaffen. Man braucht ja mit dem Auto schon eine Stunde. Und sie haben nicht einmal Fahrrräder.

Jetzt sind wir im Dschungel, sagt Leak.

Hier beginnt die Gemeinde Chub Ta Trav, ingesamt vier Dörfer, der staubigen Piste entlang aufgereiht, je weiter man fährt, desto größer die Armut.

539 Haushalte, 3088 Bewohner, davon 1582 weiblich. Aber hier sind penible Volkszählungen wahrscheinlich noch ein wenig sinnloser als an anderen Orten. Die Kindersterblichkeit. Die Geburtenrate. Die Lebenserwartung. Erst letztes Monat ist wieder ein Mädchen von einer Landmine zerfetzt worden. Da machen die Einerstellen im Zensus von vornherein keinen Sinn.

In jedem Dorf gibt es einen Polizeiposten. In Tab Svay gibt es eine medizinische Station, in der alle zwei Wochen ein Arzt vorbeischaut. In Chub und in Tab Svay gibt es, allerdings erst seit zwei, drei Jahren, Grundschulen, beide von Angelina Jolie spendiert.

Angelina Jolie, der Hollywood-Star, wie alle hier sagen, hat in den Tempeln von Angkor Tomb Raider gedreht, sich in das Land verliebt, ein kambodschanisches Kind adoptiert und zwei Schulen gestiftet.

Das alles klingt so grauenhaft billig, wenn man es in den Zeitschriften liest. Hier braucht man nur ein, zwei Tage, um zu verstehen, dass Angelina Jolie tatsächlich ein guter Mensch ist. Ein besserer jedenfalls als der, der die Geschichten über Angelina Jolies Liebe zu Kambodscha für billig befindet.

In einer besseren Welt behielte man recht mit seinem Hochmut den Almosen gegenüber. In einem Land aber, das so bettelarm ist, dass ihm die Grundschulen von Hollywoodstars spendiert werden müssen, kollabiert einem die Verachtung sofort.