Tab Svay, es gibt auch andere Schreibweisen, liegt 40 Kilometer außerhalb Siem Reaps in der Gemeinde Chub Ta Trav. Es ist die ärmste Gemeinde in der Provinz und die drittärmste in ganz Kambodscha.

Der Gouverneur würde uns nur zu gerne begleiten, sagt der Gouverneur. Leider hat er keine Zeit, die Amtsgeschäfte, Sie wissen ja.

Der Gouverneur trägt einen dunkelblauen Pyjama und seine kleinen Fingernägel sehr lang.

Über dem Schreibtisch des Gouverneurs hängen Fotos des Königs und der Königin.

Eine Angestellte serviert Wasser.

Er ist schon einmal in Deutschland gewesen, erzählt der Gouverneur, bei einer Entwicklungskonferenz in der Nähe Bonns, am Rhein. Der Wein. Das Bier. Das deutsche Volk. Die Freundschaft zwischen den Völkern.

Wir haben viele Fortschritte gemacht seit dem Ende des Kriegs, sagt der Gouverneur. In Siem Reap, es ist Ihnen sicher aufgefallen, wird ein neues Hotel ums andere errichtet.

Die Schreibtische wurden von den Vereinten Nationen spendiert.

Wir befinden uns in einem Land, das so arm ist, dass es sich sogar die Schreibtische spendieren lassen muss.

Der Amtssitz des Gouverneurs ist so groß wie ein deutsches Zweifamilienhaus.

Im Garten spielen ein paar Kinder.

Das Innere des Amtssitzes ist eine Art Großraumbüro.

Acht, zehn Schreibtische, ein paar Aktenschränke, es sind erst zwei Angestellte da, es ist gerade erst acht.

Am Eingang hängt ein Plakat, das den Kambodschanern erklärt, wie demokratische Wahlen funktionieren. Die nächsten nationalen Wahlen finden im Juli statt. Das Ergebnis steht schon fest, die People Party wird mit satter Mehrheit gewinnen, Hun Sen Ministerpräsident bleiben. Auch er war früher eine Zeitlang irgendwie mit den Khmer Rouge verbandelt, wie auch der König, so trennscharf sind die Fronten hier nicht, wenn man rechtzeitig abgesprungen ist, wird einem verziehen, im Internet stehen nun die Golfrekorde des MPs.

Der Gouverneur hat ein eigenes Büro, tiefe Ledersofas für Besprechungen, eine Art Schrein für Medaillen, eine kambodschanische Flagge. Ein netter Mann. Es ist nicht so wichtig, was er früher gemacht hat, es ist nur ein Höflichkeitsbesuch, man tauscht ein paar Sätze aus, hallo, hier sind wir. Er sieht aus, als hätte er es sich gerichtet. So sind die Leute, die den Fortschritt machen.

Da draußen in den Dörfern ist noch nichts zu bemerken von einer Friedensdividende.

Kurz nach neun sind wir wieder draußen. Es hat 37 Grad. Es ist April, der Vormonsun, der heißeste Monat des Jahres, jeder ein Dummkopf, der im April nach Kambodscha fährt.

Das Dorf liegt 40 Kilometer entfernt.

Für die vierzig Kilometer braucht man mit dem Auto eine Stunde, davon 40 Minuten für die letzten 15 Kilometer. Und sehr widerstandsfähige Bandscheiben, Cambodian massage wird Leak es nennen.

Während wir fahren, erklärt Leak, was wir draußen sehen.

Die Leute auf den Fahrrädern, sagt Leak, suchen in der Stadt Arbeit. Sie verkaufen ein paar Kokosnüsse, ein paar Kürbisse. Oder sie versuchen, sich auf einer Baustelle verdingen. Es wird viel gebaut in Siem Reap. All die Touristen, die die Tempel von Angkor Wat sehen wollen. Seitdem der Krieg zu Ende ist, kann man sie ja endlich gefahrlos besichtigen. Angkor Wat ist das einzige, was Kambodscha zu verkaufen hat. Abgesehen von Kindern. Kinder gehen auch gut, liest man da und dort. Ach, und man kann sich in Kambodscha ganz leicht das Gefühl kaufen, ein guter Mensch zu sein. Es gibt nicht viele Plätze auf der Welt, an denen das Gutsein billiger ist, es kostet bloß ein paar Dollar, die einem nicht weiter fehlen.

Das klingt zynisch. Aber es sagt nur, wie verzweifelt das Land ist. In einem Land, das nichts hat, macht jede Kleinigkeit einen Unterschied. Man neigt dazu, sich lustig zu machen über die Leute, die sich das Gutsein ganz billig erkaufen. Dabei sind sie es, die hier für die großen Unterschiede sorgen. Manchmal für jene zwischen dem Verrecken und dem Überleben.

Die Leute, die auf einer Baustelle unterkommen, bekommen pro Tag einen Dollar.

Das durchschnittliche Monatseinkommen in Kambodscha liegt bei ungefähr 25 Dollar. Da, wo wir hinfahren, in den Dörfern, verdienen sie sechs oder sieben Dollar im Monat. Sie würden es sowieso nicht in die Stadt schaffen. Man braucht ja mit dem Auto schon eine Stunde. Und sie haben nicht einmal Fahrrräder.

Jetzt sind wir im Dschungel, sagt Leak.

Hier beginnt die Gemeinde Chub Ta Trav, ingesamt vier Dörfer, der staubigen Piste entlang aufgereiht, je weiter man fährt, desto größer die Armut.

539 Haushalte, 3088 Bewohner, davon 1582 weiblich. Aber hier sind penible Volkszählungen wahrscheinlich noch ein wenig sinnloser als an anderen Orten. Die Kindersterblichkeit. Die Geburtenrate. Die Lebenserwartung. Erst letztes Monat ist wieder ein Mädchen von einer Landmine zerfetzt worden. Da machen die Einerstellen im Zensus von vornherein keinen Sinn.

In jedem Dorf gibt es einen Polizeiposten. In Tab Svay gibt es eine medizinische Station, in der alle zwei Wochen ein Arzt vorbeischaut. In Chub und in Tab Svay gibt es, allerdings erst seit zwei, drei Jahren, Grundschulen, beide von Angelina Jolie spendiert.

Angelina Jolie, der Hollywood-Star, wie alle hier sagen, hat in den Tempeln von Angkor Tomb Raider gedreht, sich in das Land verliebt, ein kambodschanisches Kind adoptiert und zwei Schulen gestiftet.

Das alles klingt so grauenhaft billig, wenn man es in den Zeitschriften liest. Hier braucht man nur ein, zwei Tage, um zu verstehen, dass Angelina Jolie tatsächlich ein guter Mensch ist. Ein besserer jedenfalls als der, der die Geschichten über Angelina Jolies Liebe zu Kambodscha für billig befindet.

In einer besseren Welt behielte man recht mit seinem Hochmut den Almosen gegenüber. In einem Land aber, das so bettelarm ist, dass ihm die Grundschulen von Hollywoodstars spendiert werden müssen, kollabiert einem die Verachtung sofort.








Die hiesigen Botschaftsgebäude von Ländern wie Kambodscha (hier "Kuba" in der Pankower Ibsenstr.) sind auch nicht grösser als Zweifamilienhäuser (nicht, dass das kritikwürdig wäre). Bei der "billigen" Hilfsbereitschaft Frau Jolies dachte ich gerade an "About Schmidt": Nur in den Briefen an "sein Adoptivkind" Ndugu gelangt Schmidt zu so etwas wie vorbehaltloser Offenheit, v.a. sich selbst gegenüber natürlich. Besonders gut fand ich dabei, dass der Film einem die Möglichkeit lässt, sich diesen Ndugu als karitative Fiktion zu denken.


Großartiger (oder, je nachdem, lächerlicher) Verleser / Mißversteher: Dachte gerade, du sprichst von Arno Schmidt, der angeblich also ein Adoptivkind mit Namen Ndugu hatte und in Briefen an dieses Adoptivkind zu so etwas wie vorbehaltloser Offenheit gelangt ist. Irgendwo ist was sehr gutes bei Adorno über die Unmöglichkeit von Mildtätigkeit, sowie die Unmöglichkeit, sie zu unterlassen. Medico, Kambodscha, Volleyball. Website von medico international.


Arno Schmidt und sein geheimes Adoptivkind, tolle Romanidee. Wobei Ndugu in diesem Fall wahrscheinlich ein kommendes Universalgenie wäre und im Mohikanerreservat lebte.


Eine etymtheoretische Zerlegung von "Ndugu" würde mir schon reichen.


sie lesen sowas nicht gern

weil sie überhaupt keine commentare von MIR wollen
und ich komme zu dem schluss, sie BRAUCHEN überhaupt kein feedback
und dennoch ist es mir ein anliegen zu sagen dass reiseberichte aus so fernen landen mir immer große freude bereiten
und weil ich grad dabei bin so unverfroren zu sein
sind sie ident mit dem praschl, verfasser der freizeit-kurier-commentare?


Wir alle brauchen Feedback, und das mit der Freude an Reiseberichten unterschreibe ich. Wieder ein Flecken Erde weniger, der einem noch Vorwand für eine wahnwitzige Fernreise werden kann (professionelle Vorwände erhalten Rabatt).

[EDIT:] So, wie das da steht, kann es nicht stehenbleiben. Möchte jetzt keinen Aufsatz übers (kurze und längere) Reisen und Zuhausebleiben, über Fremd- und Selbstwahrnehmung, über Kerosin und die Kambodschaner im Nachbarhaus schreiben, aber ergänzen, dass sich das da oben nicht in der Behauptung erschöpft, Berichte über Reisen seien dasselbe wie Reisen. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!


mich hätte ja eher dieses resignativ-nabelschauartig klingende "Wieder ein Flecken Erde weniger, der einem noch Vorwand für eine wahnwitzige Fernreise werden kann" gestört, aber wenn das mit dem EDIT-zusatz weggebremst ist, sei es mir recht.


Mach' meine Resignation nicht an!

Nee, im Ernst, "nabelschauartig" war es nicht gemeint, aber es konnte so klingen, danke. Worauf ich also hinauswollte, aber zuerst nicht -kam, ist das IMO entsetzlich weit verbreitete Missverständnis, (Fern-)Reisen seien unbedingt und jedenfalls das Gegenteil von Nabelschau. Und auf die - nicht jetzt, aber wer kann schon Garantie übernehmen für sich? - lauernde Gefahr, auch diesem Missverständnis zu erliegen.

Weggebremst?


Dann mach' sie doch aus!

Es mag lokale Unterschiede geben, und Zeitströmungen tun ihr Übriges (Übliches). Als ich von Fernreisen oder -aufenthalten wiederkehrte, war die unmittelbare Subumkulturstimmung eher so: die, die wegfahren, sind Eskapisten, Selbsttäuscher, usw. Je weiter wegfahren, umso mehr weglaufen vor sich selber. Es is ja eh überall wie daheim. Die nicht viel Intelligenteren, aber Beleseneren kamen auch mit Theorie daher: kannst ja eh nur dir selber begegnen in der Fremde, Kommunikation mit anderen unmöglich, iss eh alles deine Konstruktion.
Die etwas jüngeren Rumhänger in der Subumkultur sehen mittlerweile nichts mehr dabei, sich in der Ferne an Strände zu legen, an denen Mädels mit zusammengeflickten Gummireifen rumtanzen und so. Mit den Belesenen hab ich mich schon länger nicht mehr unterhalten. Sind ja wohl auch nur Konstruktion, meinige.


Über All-inclusive-Massentourismus reden wir gar nicht erst, nehme ich an, und auch nicht über die zehn Stunden Flug vor und nach langfristigen Auslandsaufenthalten zwecks Forschung oder Staudammbau.
Dann: Jeder Versuch, wie belesen auch immer, Wert oder Unwert von Fernreisen allgemeingültig zu bestimmen, erscheint mir so sinnvoll wie eine Diskussion übers Spazierengehen. Worauf man sich vielleicht einigen könnte, ist die Grundannahme, dass das Reisen (und zwar als im eigentlichen Sinn zweckfreies Verreisenwollen) kulturgeschichtlich recht eng mit der im 19. Jh. erblühten Idee des bürgerlichen Bildungserlebnisses zusammenhängt. Ob das in unserer Gegenwart - bisschen phony war das Bürgerliche freilich immer schon - noch in gleicher Weise für fruchtbar bzw. notwendig gehalten werden kann, scheint mir zumindest aus verschiedensten Gründen (migrierte Nachbarn, Fernsehen, Internet blabla, Ölkrise, Ozonloch blabla) bedenkenswert. Ich hänge der Auffassung an, dass Reisen, Unglücksfälle abgezogen, kaum schaden kann (dem Reisenden zumindest nicht), dass es aber ebenso keine Erkenntnis, Erfahrung oder was immer gibt, die sich nur auf Reisen erwerben liesse. Ausser z.B. dem Gefühl, wie sich 37° im April anfühlen. Es kommt darauf an, was zu erfahren oder zu erkennen man als Unverreister sich zutraut oder die Gelegenheit hat.


Es gibt natürlich etwas, das sich nur auf Reisen erfähren lässt: der bereiste Ort. Das ist so trivial wie faszinierend. Was sich von fernen Orten hier ansammeln mag (russische Nachbarn, indische Restaurantbesitzer, altgriechische Skulpturen hinter Glas im Museum, türkischer Raki im Kühlregal) ist immer gefiltert, durch Kanäle des glücklichen, unglücklichen, zufälligen, bewussten Transports, eben durch Kanäle.
Dort ist alles auf einmal, alles andere auch, und in unvorhersehbaren Mischungen. Knallbunte Thermosteekannen und Weintrauben und alte Höhlenmalereien und stinkende Autos und Uighuren in Mao-Anzügen und chinesische Fabriksarbeiter-Urlaubsgruppen an der Seidenstrasse und das Zeitgefühl, das sich nach tagelangen Busfahrten durch die Wüste einstellt und die ungarischen Wüstenbusse und die Wüstenklos und so. So in die Richtung. Unvorhersehbare Mischungen, unvorhersehbare Entwicklungen. Nicht Objekte, die man dort sieht und zu Hause nicht zu sehen bekäme, sondern Konstellationen, die es so nur dort gibt. (Klingt jetzt etwas zu trivial, krieg ich aber nicht besser aus den Fingern.)

Dass man weniger Regelmässigkeit und noch weniger Kontrolle hat. Das wäre vielleicht etwas, was Reisen bringt, und was nur Reisen bringen kann. Fernsehen kann das nicht. Die Abwägung dieser bürgerlichen Interessen mit den Fährnissen von Ölkrise und Ozonloch überlasse ich jetzt mal anderen.


Verstehe. Läuft das aber nicht doch immer wieder auf die pittoresk beschreibende Aufzählung "fremder", als fremd empfundener Landschaften, Gerüche, Töne usw. hinaus? Ist das Aufsammeln einer (je ferner, desto grösseren?) Vielzahl von Eindrücken schon das, was die Erfahrung ausmacht, oder bedarf es dazu noch einer (je individuell ausgeprägten) Empfänglichkeit? Was vermittelt mir die persönliche Begegnung mit einer spezifischen örtlichen Konstellation (jenes "dort" ist ja auch nur ein willkürlicher Ausschnitt, der dann für "die fremde Kultur" stehen muss), das nicht auch durch eine sehr gute, sehr ausführliche Beschreibung vermittelbar wäre? Ich möchte zwischen der Begegnung mit einer Konstellation (um dabei zu bleiben) und der Erfahrung durch eine Konstellation unterscheiden und behaupten, dass es mir u.U. gar keine neue Erfahrung vermittelt, nach China oder Ecuador zu fahren, wenn ich schon vorher weiss, dass die Normalitätserwartung, die ich aus "meiner" Konstellation zuhause ableite, ein notdürftiger Behelf ist.

Das Fernsehen können wir gern vergessen, war nur ein Teil der Aufzählung. Um Regelmässigkeit und Kontrolle zu verlieren, könnte man doch auch eine Woche obdachlos in Hamburg spielen, für ein anderes Zeitgefühl zu Fuss an die Ostsee laufen und, um "fremde" Armut zu besichtigen (mehr tut, wer das Geld zum Verreisen hat, auf Reisen auch nicht), die siebenköpfige libanesische Familie in der Neuköllner Zweizimmerwohnung besuchen. Ich wäre erst überzeugt, wenn mir jemand definierte, wie ein "bereister Ort" beschaffen sein muss, damit er als Reiseziel durchgeht.

Eine Automitfahrt Ende letzten Jahres, Schneeregen und Temperatur um null Grad. Unterwegs erzählt jemand von seinen Reiseeindrücken, es ging, glaube ich, um sechs Wochen Peru. Die unglaubliche Armut und die ebenso unglaubliche Gastfreundschaft der Menschen dort, die Naturschönheiten und -gewalten und so weiter, und wie toll sich der Regen unter peruanischem Himmel angefühlt habe, alles sehr eindrücklich, vor allem der Regen. Der Ort, wo ich hinwollte, wurde als erstes erreicht, und ich dachte, da steige ich mal gleich am Autobahnzubringer aus, kommen die anderen schnell weiter und mein Gepäck ist leicht und der Schneeregen ausserhalb der Grossstadt eine Erfahrung, die du auch nicht jeden Tag machen kannst. Wie gross war da das Erstaunen des Liebhabers des peruanischen Regens, ist doch viel zu kalt, da wird man ja ganz nass usw. Eine Winzigkeit nur, aber sowas meine ich: erstmal sechstausend Kilometer wegfliegen, um sich dann einreden zu können, der peruanische Regen fühle sich peruanisch an und nicht vor allem nass.


Wusst ich's doch, dass die Eindrucksgeschichte hier noch ihr Haupt erheben wird, und dass auch das Wörtlein "pittoresk" seine Zehen noch in diesen Kommentarbereich strecken würde. Um "Eindrücke sammeln" gings mir nicht. Ich wüßte auch gar nicht, wie man die sammelt, so aufsammelt und dann abspeichert und rubriziert, oder wie?

Sieht man Reisen unter dem Gesichtspunkt der Frage "was gibt/bringt mir das, was ich nicht auch daheim haben könnte?", dann scheint eine Betrachtung des Reisevorganges als ein Aufsammeln, Vermitteln, Mitnehmen fast unvermeidlich. Aber warum sollte man diesen Zugang wählen oder wählen wollen? Woher die Notwendigkeit, Bewegung in andere Weltgegenden rechtfertigen zu müssen? Nur wegen Flugzeugbenzin? Ist nicht die Frage, warum ich nach Peru fahren soll, um dies oder jenes zu erfahren oder zu lernen, genauso wie die, warum ich mit anderen Leuten reden soll, um dies oder jenes zu erfahren oder zu lernen, wo ich das doch auch aus dem Netz nehmen oder mit nochmal ganz anderen Leuten haben kann? "Ich wäre erst überzeugt, wenn mir jemand definierte, wie ein "interessanter Mensch" beschaffen sein muss, damit er als Treffensziel durchgeht."

Auf anderer Ebene kenne ich das ja auch aus der Befassung mit Philosophie: warum sich mit nichteuropäischer Philosophie befassen? Was können die mir sagen, was es nicht eh auch bei Aristoteles gibt? Was haben die voraus? Dahinter steckt so eine Leistungsperspektive auf Kulturen. Scheint mir bei den Reisen ähnlich.

Sätze der Art "... das kann ich auch daheim haben ..." - ja, klar. Irgendwo schwingt da der Gedanke mit: Menschen, die in die Ferne reisen, ignorieren das Daheim. Das scheint mir angreifbar. Gerade - pikanterweise - bei Überhaps-Strandliege-Fernreisen. Warum sollte sich jemand, der mal drei Wochen in Peru beregnet wird, nicht für die Neuköllner Armut oder den Neuköllner Regen interessieren? Was hätte die Neuköllner Armut davon, wenn sich Neuerfahrungswillige als Obdachlosenspieler zwei Wochen pro Jahr unter sie mengen? Warum sollte jemand, der sich für indische Philosophie interessiert, schon allein damit sein Desinteresse für und seine Geringschätzung von Aristoteles bekunden?

Dass Leute in der Ferne Sachen lieben, die ihnen zu Hause auf den Wecker gehen - ja mei. Ich mache mich auch sehr gerne darüber lustig, denke aber immer mehr, dass das eigentlich ein eher billig-blöder Witz ist und frage mich, obs nicht bald bessere gäbe.


Hui, also das Flugzeugbenzin: Hab' mir das Thema ja selber eingebrockt mit der "wahnwitzigen Fernreise" - man könnte ja auf die Idee kommen, dass mit jedem aus-Jux-für-29€-nach-London-Flug der nächste Befreiungskrieg in Mittelost fünf Minuten näherrückt, oder dass unsere lieben, lieben Enkelkinderchen mglw. alle Hautkrebs haben werden oder dass es ein gewisser Widerspruch ist, alle zwei Jahre nach Malaysia zu fliegen, es aber gleichzeitig für fahrlässig zu halten, wenn jemand, was auf dasselbe hinauskommt, ein Auto mit 35l/100km bewegt. Wer immer diese bürgerlichen Reise- gegen andere Interessen abwägt - wir müssen es nicht selber tun, weil wir ja ohnehin wissen, dass das alles auf eine törichte Bescheidenheitsethik hinausläuft, mit der unsere beste aller Welten keinen Millimeter weit verbessert werden kann. Ausserdem: Im Urlaub macht man schon mal eine Ausnahme.

Davon ab gibt es, soweit ich sehe, gar keinen Widerspruch: ich behauptete nicht, Reisende ignorierten stets das Daheim (nur, weil ich in diesem einen Fall den Eindruck hatte), du behauptetest nicht, Daheimbleibende seien stets ignorante Nabelbeschauer, richtig?

Das abwehrende "Irgendwo schwingt da der Gedanke mit..." hast du dir schon selber dazugedacht, und darin allerdings schimmert noch die bei aller Historizität des Gegenstands einseitig positive Betrachtung des Fernreisens durch, die ich weiter oben als verbreitetes Missverständnis ansprach. Es ging mir ja (ausnahmsweise!) nicht darum, einen blöden Witz zu machen (hey, ich hab' ihn um seine sechs Wochen Peru beneidet, aber nicht um das, was er draus gemacht hat in diesem Moment).

Der Neuköllner Armut ist durch Neuerfahrungswillige im Zweifelsfall genauso wenig geholfen wie den Uighuren in Mao-Anzügen. Es kann immer nur der Neuerfahrungswillige neue Erfahrungen machen, "hier" so gut wie "dort".

Übrigens, wozu gibt es die leidige Arbeitsteilung, fände ich es persönlich am angenehmsten, ich dürfte weiterhin im angenehm klimatisierten Neukölln meinen Naherkundungen nachgehen, während Frau Katatonik schillernde Berichte ihrer tropischen Fernstudienaufenthalte ins Camp übermittelte, von mir aus das ganze Jahr über.


Ach ja. Lassen wir dann eben, was wir nicht tun wollen.


dankedankedanke! das fernreisethema schleppe ich schon so lange mit mir herum, ohne es jemals in so überzeugende worte packen zu können. bitte weiterdiskutieren, ich weiß immer noch nicht, wem ich den heiratsantrag machen soll (und ob mich die hochzeitsreise zu fuß an den wannsee oder in der concorde zum kogalla-wewa führen wird)!


Selbstverständlich Kogalla-Wewa & Wannsee!

"Freilich ist eine Reise nach Indien heutzutage kein Kunststück mehr; ist doch in unserer reiselustigen und reiserührigen Zeit kein Theil der Erde mehr von Touristen verschont: die entferntesten Meere durcheilen wir auf den bequemen Luxusdampfern der Gegenwart in verhältnißmäßig kurzer Zeit mit weniger Umständen und weniger Gefahren, als vor hundert Jahren die gefürchtete, heute alltägliche 'Reise nach Italien' begleiteten. Selbst 'die Reise um die Weit in achtzig Tagen' ist schon ein gewohnter Gedanke geworden und viele angehende Weltbürger, die das nöthige Geld dazu besitzen glauben sich durch eine solche 'Weltreise' in weniger als Jahresfrist eine umfassendere und vielseitigere Bildung zu erwerben, als durch den zehnjährigen Besuch der besten Schule. Eine 'Reise nach Indien' kann demnach - zumal die beste Literatur über dieses wunderbare Land in Fülle vorhanden ist - an sich keinen besonderen Anspruch auf Theilnahme mehr erheben und es bedarf wohl einer eigenen Rechtfertigung, wenn ich in diesen 'Indischen Reisebriefen' die Leser einlade, mich auf meiner halbjährigen Fahrt nach und durch Ceylon freundlich zu begleiten."

Auch Ernst Haeckel, 1883 und alles Nötige zu Historizität und Relativität des Reisens gesagt.

Vielleicht wäre der erste Schritt, dieser unfruchtbaren Entgegensetzung von Wegfahren und Daheimbleiben zu entsteigen, die Annahme, dass Ferne nicht immer mit räumlicher Distanz zu tun habe.