Montag, 12. Januar 2004
Unter den Flüchtlingen und Heimatvertriebenen, die nach dem Ende des II. Weltkrieges nach Steinfeld kamen, gab es eine Familie Krüger, die bei „Klapphaokens“ eine Unterkunft fand. Sie stammte ursprünglich aus der deutschen Siedlungskolonie Bergdorf, Kreis Kaul in Bessarabien.

Der älteste Sohn Hugo, ein Malergeselle, verunglückte am frühen Morgen des 3. Oktober 1957 auf der B 214 in Düpe. Er war bei dichtem Nebel mit seinem Moped auf einen abgestellten LKW geprallt. Dr. med. Paul Boskamp attestierte einen Schädelbruch, Schädelbasisbruch und andere Frakturen, die sofort zum Tode geführt hatten. Hugos Leichnam wurde etwas später provisorisch in der rechten Kammer des Leichenhauses am Steinfelder Krankenhaus aufgebahrt. Bald darauf eilte der Rest der Familie dorthin, was zu diesem frühen Zeitpunkt eigentlich ungewöhnlich war. Denn sicherlich hatte der Aufprall Hugos Gesicht furchtbar zugerichtet. Eine kosmetische Aufbesserung des Leichnams war noch nicht vorgenommen worden. Plötzlich erhob sich dort ein furchtbares Geschrei, in dem weibliche Stimmen überwogen. Als unmittelbare Nachbarn des Leichenhauses konnte ich diese schrillen auf- und abschwellenden Klagelaute einfach nicht länger ertragen und lief deshalb in die Gastwirtschaft von Bungen Guste, meiner Tante. Während ich ihr von meinem Erlebnis erzählte, trat plötzlich Vater Andreas Krüger in die Gaststätte und kaufte eine Flasche Schnaps. Er müsse damit wieder zurück in die Leichenhalle: „Die Mama beweint ihren Sohn.“ Das war und blieb meines Wissens die einzige Totenklage, die je in Stein-feld erhoben wurde. Doch damit ist die Geschichte nicht zu Ende.

Vor einigen Jahren erzählte ich – aus welchem Anlass auch immer – Helene Großmann-Bergmann, uns Steinfeldern besser als „Post Lene“ bekannt, von meinem Erlebnis. Und damit kommen wir zum zweiten Teil der Überschrift: Hugo Krüger wurde wenige Tage nach seinem Tod auf dem nördlichen Teil unseres Friedhofs nach dem evangelisch-lutherischen Ritus beigesetzt. Nach der Beerdigung traf sich die kleine Trauergemeinde zum Totenkaffee im „Hotel zur Post“. Post Lene hatte die Musicbox in den Nebenraum zur Seite geschoben, um etwa Platz für die etwa 25 Personen zu schaffen. Nachdem dem Kaffeetrinken trat Vater Krüger an Lene heran und bat sie, die Musicbox wieder anzuschließen – man wolle tanzen. Lene: „Mir verschlug es die Sprache. Tanzen – nach der Beerdigung? Wenn das die Leute hören!“ Sohn Oskar kam seinen Vater zur Hilfe und überzeugte Lene mit folgendem Argument: „Wenn in unsere alten Heimat ein Junggeselle stirbt, dann werden wir um seine Hochzeit gebracht. Deshalb tanzen wir nach seiner Beerdigung.“ Mit einem mulmigen Gefühl gab Lene schließlich ihre Einwilligung, die Trauergemeinde legte die neuesten Platten auf, man tanzte ausgelassen. Auch dieser Totentanz bleibt wohl einmalig in der Geschichte unseres Heimatortes.

Die Familie Krüger ist dann später in den Raum Karlsruhe gezogen. Ironie der Geschichte. Tochter Erika Krüger, von den US-Soldaten der Kaserne an der Dammer Straße heiß umworben, soll Mitte der 60er Jahre mit ihrem Partner (Bruder Oskar) Deutsche Meisterin im Rock & Roll Tanz geworden sein. Nachmieter bei den „Klapphaokens“ war übrigens ein August Lieche, der es bei seinen bekannten Wutanfällen pflegte, seine Ehefrau kopfüber in einem mit Wasser gefüllten Eimer zu drücken.

heimatverein steinfeld e.v > franz heinrich bunge: totenklage und totentanz





Sonntag, 11. Januar 2004

Starbuck Holger Meins auf dem iBook gesehen. Sofort wieder diesen Ekel vor illustrativem historischem Archivmaterial empfunden. Diese vollautomatischen Stimmungsheber-Sequenzen immer: Enteignet-Springer!-Demo, Schah-Demo, Ulrike-Meinhof-Talkshow-Schnipsel, dazu die vollautomatische Stimmungs-Musik, Progrock, Gitarrenläufe. Ach ja, und die Bombenteppiche auf Vietnam durften auch wieder mitspielen. Obwohl das ja ein Film ist, in dem Farocki und Bitomski interviewt werden. Oder ein Transparent auftaucht, auf dem der Name Chris Markers geschrieben steht. Also hätten die es ja wissen können. Und kein einziges Mal die Idee, dass so ein Film eine Untersuchung sein müsste. Kommt nur Guido Knopp raus. Dieselbe verdummte Propaganda, dasselbe Emotions-Marketing.





Was man alles anfangen könnte mit seiner Holzfällerkraft, Zähne aus dem Kopfsteinpflaster ziehen, weiße Wale schleppen, und dann setzt man sich doch wieder nur auf ein Fahrrad ins Nirgendwo, den Blick auf 5-Kilo-Stemmerinnen getackert. Wie glücklich ausgepumpt man hinterher unter der Dusche steht, Seidenregen.





Gestern morgen bei einer Call-In-Radiosendung über Weblogs mitgemacht (bei mamassiv ist protokolliert worden). Die Sendung wurde in Köln beim WDR produziert, ich wurde aus einem Hamburger Tonstudio zugeschaltet. Sehr eigenartiges Körpergefühl: Wie man da alleine in einem kleinen schwarz ausgeschlagenen Zimmerchen sitzt, an einem mit Filz bezogenen Tisch, alles gegen Nebengeräusche abgedichtet, einen Kopfhörer übergestülpt, vor sich ein Mikrophon, bloß Ohr und Stimme. Dieses Wegdriften immer wieder, selbst während des Zuhörens und Sprechens. Manchmal Echos.





Samstag, 10. Januar 2004

großartig. john currin

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Freitag, 9. Januar 2004

sie sagt "motlei" statt "nochmal" und es ist ihr nicht beizubringen.





werde ich ihm seine wuchernden Nasenhaare mit einer kleinen Schere stutzen und mich damit in den äusseren Orbit unerwünschten Sozialverhaltens katapultieren. Der schiere Anblick lässt meine Nase jucken.





Mittwoch, 7. Januar 2004

Und dann würde ich gerne wissen, weshalb &%§$-Powerpoint nicht wie alle &%§$-Officeteile eine grottensimple Silbentrennung hat. Herrimhimmel: ich brauche keinen Multimediazirkus sondern nur eine pupsige Sil-ben-tren-nung. Jemand da, bei Microsoft?





"What the colon does in black tie the semicolon does in khakis," says William Germano, vice president and publishing director at Routledge. "What they have in common in most academic writing is that both tend to be markers of 'watch me do something complicated.'"

The Chronicle of Higher Education > No Mark of Distinction. Some publishers and scholars want to purge the colon from book titles; the only thing that's worse: semicolons . Via: AL Daily.





Dienstag, 6. Januar 2004

im vergangenen jahr ausnahmslos alle folgen des bachelors gesehen. immer noch nicht sicher, ob das ein genialer dokumentarfilm über das schicksal der romantischen liebe in der epoche der assessment centres gewesen ist oder doch wieder nur der übliche, jegliche erkenntnis verstopfende müll (ha! erkenntnis!). wie du dich abstrampeln musst für die chance, dass dir ein bankkaufmann eine rose gibt. das geht zack, zack, dass du draußen bist im rattenrennen. wie du deine assets präsentieren musst. wie du das hinkriegst, dass einer dich sich einerseits merkt (mein mission statement ist die lebenslust), andererseits aber nicht verwirrt ist von dir (die hat immer so unerwartet gewechselt zwischen ganz ernst und ganz lachen...). wie du deine konkurrenz im auge haben musst, damit auch ja keine vorprescht, damit du bei bedarf nachlegen kannst, damit du dich hochputschst für deine nächste chance, und du hast ganz wenige, vergiss das nicht. wie du die zeichen zu entziffern lernst, dass dich der jetzt anschaut, dass er dich eincremt, dass er mit dir im weintraubenbottich herumstampft, dass er mit dir im schnee herumkugelt. wie du dich dosieren können musst bei den außenkontakten, den alten patriarchen überzeugen, geh komm, lach noch ein bisserl. wie du das wegstecken musst, dass du schwenkfutter sein kannst und doch prinzessin sein willst. und, sag nicht, du hättest es nicht verdient. und geh komm, bewirb dich noch einmal. wird immer so sein. und sei froh, dass er dich nicht testficken wollte, und ja doch, du hättest es getan, wenn er es gewollt hätte, aber war das jetzt eine kavaliersgnade oder war das jetzt eine verschmähung. probezeit nicht verlängert. don't call me, we call you. don't come back on monday. und zwischendurch, da hast du dich verliebt, richtig verliebt, ich sag's dir, ich hab's genau gesehen, dabei warst du nur die ösiquotenbraut. musst keine angst haben, vergeht wieder.





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