Am Tag nach der Nacht, in der Thomas Klestil gestorben ist, haben wir gleich beim Aufstehen beschlossen, dass wir uns seinen Sarg in der Hofburg anschauen wollten, er war ja unser erster toter Präsident, ich habe mir also extra die schwarzen Jeans angezogen und vorher noch den Semmering-Staub herausgeklopft und gleich wieder darüber nachgedacht, ob vor dem Sarg meinem Körper etwas anderes einfallen würde, als ein Kreuzzeichen zu schlagen. Das ist ja so seltsam, dass der Körper manchmal keine Zeichen hat und sich an die alten halten muss, die dem Geist schon in der Kindheit verschollen sind.
Wir sind nicht gleich nach dem Frühstück hingegangen, der Sarg war ja noch nicht da, nur ein paar Fotografen, die auf sein Eintreffen warteten, und ein paar Menschen, die die ersten sein wollten, "noch nichts los", hab ich eine Frau in ihr Handy sprechen gehört, und ich mir gleich überlegt, ob sie im Lauf des Tages einen Würstelstand aufstellen würden oder Blumenverkäufer kommen würden, damit die Bevölkerung sich eindecken könnte mit einem letzten Blumengruß, da fällt mir gleich wieder ein, wie merkwürdig es ist, wenn ich zum Beispiel weiß, dass M. sich Pfingstrosen wünscht in so einem Fall, man denkt ja selten nach darüber, wie viel man voneinander wissen kann im Lauf der Jahre, und was für eine Last das ist manchmal, weil: ist ja nicht schön, so eine Todesvorstellung herumspuken zu haben, der Tod geht ja gar nicht, in so einem Alter, in dem ich jetzt bin, fangen ja die Menschen zu sterben an, da eine Hiobsbotschaft, dort eine Erwähnung, wenn ich mit den Eltern telefoniere, kannst dich noch erinnern an den und die, die oder der ist neulich gestorben, nichts zu machen.
[Und wie blöd so ein Bewusstsein ist: kaum schreib ich so etwas hin, schwulettet so eine Modefotografen-Stimme los in mir und die Hände wollen Modefotografen-Zeichen schlagen: "Tod? So kann ich nicht arbeiten". Aber das verstehst du nicht, wenn du nicht in einer Modezeitschrift arbeitest, das Vitalistische und die Schreckensstarre, wenn der Vitalismus merkt, dass es full stops gibt.]
Abschweifung, geh weg! hat, glaub ich, Anko in seinen Bergwerksbüchern immer gesagt, vielleicht war es auch der Knecht in einer seiner Classic Sofa-Geschichten, schöner Satz jedenfalls, aber ich glaub fast, in einem Weblog, das praktisch eine einzige Abschweifung ist, kommt man auch ohne ihn aus, vergiss die Übergänge, häufiger Fehler übrigens, dass Leute sich dauernd um Übergänge bemühen, kannst es ja auch einfach so sagen, das rockt dann schon, oder auch nicht, aber mit Übergängen hat das nichts zu tun.
Seltsame Sache übrigens: schreiben, während der iTunes-Randomizer die Songs aussucht. Plötzlich hast du die Stooges zum Schreiben, Wanna Be Your Dog, und was machst du jetzt?
Ins Museumsquartier, hab ich nämlich auch noch nie gesehen gehabt, nur in Travel & Leisure und so Zeitschriften, die ich immer lese. Jürgen Teller-Ausstellung zu, also zu Goya. Die Caprichos musst du dir dringend ansehen, ghack, wenn du noch in Wien bist, solche Bildunterschriften hat nie wieder jemand geschrieben, unglaubliches Zeug, so etwas sollte uns mal jemand durchgehen lassen. In den Schiele-Räumen gleich die Frage, wo denn die Akte geblieben sind. In Zürich habe ich die damals doch alle gesehen, und die alte Dame belauscht, die einem sehr viel jüngeren Herren privatim die Schiele-Akte erklärt hat in diesem Emigrantenwienerischsingsang, schau dir die spitzen Körper an, hat die alte Dame gesagt, so waren die Leut damals, die hatten nicht mehr als so spitze Körper und einen Hunger, übereinander herzufallen, und ich damals in Zürich, gerade von Hermann Burger kommend, der sich kurz danach umgebracht hat, gleich die alte Dame angesehen und mir ihre Hungererinnnerungen und ihre Übereinanderherfallerinnerrungen vorgestellt, schön, dachte ich, die erzählt ihm jetzt, wie sie früher gewesen ist oder noch immer ist. Das kriegst ja auch irgendwann einmal mit, dass dieser Jugendlichenvitalismus keine Ahnung hat und die alten Damen oft so eine Ahnung haben, vor der sich die Jugendvitalisten fast fürchten täten, und so hab ich mir damals in Zürich den Schiele beibringen lassen. Aber jetzt in Wien waren die einschlägigen Bilder alle weg, nur im Katalog, der da herumgelegen ist, haben die spitzen knochigen Körper an den einschlägigen Stellen alle noch geleuchtet, seltsam, dass das da nicht hing, obwohl, stimmt eh, man erschrickt sich ein bisschen, wenn man die im Original sieht.
Vor dem toten Bundespräsidenten noch ein wenig im Aux Gazelles herumgesessen, gleich eine Schloßführung bekommen, immer noch ein Raum mehr, der sich geöffnet hat, und alle halb dunkel, und ja, stimmt schon, man müsst eigentlich den ganzen Tag in so einem Hammam herumschwitzen und herumklopsen, nach Geschlechtern getrennt, dann hätt sich das eh erledigt mit den blöden Lebenskonjunktiven, aber, ich glaub, das hält man dann auch wieder nicht aus, seltsam jedenfalls, dass man nie etwas aushalten würde, von dem man andererseits im ersten Impuls denkt, dass es das jetzt wäre, the thing to end all problems, egal jetzt.
Keine große Schlange vor der Hofburg, nicht wie bei Harry Potter oder dem Krieg der Sterne, die auf Halbmast gesetzten Flaggen trugen nun ein Trauerbändchen, gleich wieder nachgedacht über diese Archive und Befehlsketten, die so ein Staat für Eventualitäten unterhält, dass sich dann ein Beamter irgendwo in diesen Büros an das Präsidententrauerprotokoll erinnern und jemanden losschicken kann, um das Trauerbändchen für die Halbmastflagge zu holen. Die meisten, die in der Schlange zum Sarg warteten, hatten T-Shirts und Sommerkleider an, ein paar Billa-Sackerl, ein Kind mit Luftballon, eine Sicherheitskontrollschranke, Kaiserwetter.
[We are creatures, creatures of love, hat sich der randomizer gerade herausgesucht.]
Im Hofburgtreppenhaus standen in jedem Zwischenstock zwei Trauersoldaten, Paradeuniform, Paradegewehr, Helm, regloser Blick, Blinzelverbot, bleichgesichtig, der sonnenlose Sommer eben, sind die echt? fragte M., weil sie so wächsern aussahen, hatte ich ja auch gleich gedacht, weil sie so wächsern aussahen. Andererseits, wenn ich ein Staat wär, würd ich mir keine Kunstsoldaten heraussuchen, die übergewichtig sind oder kurzsichtig, die haben die sicher geschminkt, sagte M.
Ich bin ja schon einmal bei Thomas Klestil gewesen, beim lebenden, sechs oder sieben Jahre her, damals gab es ja noch kein Antville, das einen beim Erinnern helfen könnte, auf Einladung eines Vereins der österreichischen Auslandsjournalisten, dem ich nie angehört habe, in dessen Adressdatenbank ich aber stehe, also war ich mit meinem Bruder da, wir sollten irgendwie für den EU-Beitritt empfänglich geschmust werden, was ein wenig seltsam war, weil wahrscheinlich eh kein österreichischer Auslandsjournalist jemals gegen den EU-Beitritt gewesen ist, aber na gut, sind wir halt hingegangen und haben uns die Hofburg und die Präsidentenzimmer angesehen, deswegen hat mich das jetzt nicht mehr verwundert, dass ein Präsident in so einem Habsburg-Fundus regieren kann, und konnte jetzt den Abgeklärten machen für M., ja, so ist das eben bei uns. Und dann waren wir drin im Saal mit dem Sarg, eine rotweißrote Flagge drauf (Rotweißrot bis in den Tod [verstehst aber nicht, die Anspielung, wenn du kein Österreicher bist]), vier oder sechs Soldaten drum, ältere diesmal, die schon ein bißchen so ausahen, wie alte Diener in Radetzkymarsch-Verfilmungen immer aussehen, und hinter dem Sarg kleine in Form geschnittene Bäume, um deren dünne Stämme schwarze Trauerbänder gewickelt worden waren, und das sah so traurig aus, dass ich dann doch fast geheult hätte, und fast hätte mein Körper ein Kreuzzeichen geschlagen, grad noch, dass ich ihn zurückgehalten habe [und dabei die Erinnerung an die Kreuzzeichen, die ich an der Place de la Concorde bei den Resistance-Gedenktafeln geschlagen habe, weil mir auch da nichts anderes eingefallen ist], und dann haben M. und ich uns in das Kondolzenzbuch eingetragen und sind wieder bei der Hofburg hinaus und gleich zum Zanoni auf ein kleines gemischtes Eis.
[Dass ich den Klestil gemocht habe, damals, wegen seiner Eismiene bei der Angelobung dieser unglückseligen Regierung. Und wie albern es ist, jemanden für so etwas zu mögen, und wie metaphorisch: Schaust einmal ganz bös, aber die Welt geht weiter, als wenn du nicht böse geschaut hättest. Fast eine linke Erfahrung <ja, weiß ich eh, was du jetzt in die comments hineinschreiben könntest, letzter linker Student>. Und die Rede neulich beim Herzl-Kongress.]
Später beim Morawa dann noch dieses Plakat:

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Das fängt schon einmal damit an, dass sie nicht küssen können. Die einen rühren in dir herum wie blöd, die anderen halten dir so fad ihre Zungen hinein und vergessen sie dann. Und mit Tempo kennen sie sich auch nicht aus.
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Und warum sagt man ihnen das nie?
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Ist doch auch unsexy.
Frage, die ich vorgestern gestellt habe: "Wer ist eigentlich dieser Dave Winer?"
In der Nacht, in der Thomas Klestil starb, saßen wir bei den zwei Lieseln und später in Das Möbel, wo ich schon auf dem Hinweg ein Marcel Prawy-Sackerl gekauft hatte, aber den Witz verstehst du nur, wenn du ein Wiener bist. Es tut immer ein bisserl weh, ein Wiener sein zu müssen, du kommst so schwer wieder los davon. Musst nur ein paar Tage da sein, willst gleich dein Exil wieder auflösen und retour übersiedeln in irgendein Mezzanin, und weißt aber eh, dass das nicht geht. Ist aber eh schön, wenn es ein bisserl weh tut. Und jetzt sitz ich da und hör mir Edu Lobo-Lieder an, weil die noch ein bisserl mehr weh tun und verfrans mich mit der Zeit. In Wien kriegst du gleich immer mit, dass das Imperfekt imperfekt und das Perfekt viel perfekter ist, versteht aber auch keiner. In der Nacht, in der der Thomas Klestil gestorben ist, sind wir bei den Zwei Lieseln gesessen, der Hensohannes und der Ghackgünter und die Katatonikbirgit und der Antvillerobert und die Motzmarianne und die Zugenewstgodany und der P3ktoby und der Tinytalkslauti und die FM4gerlinde und M. und ich. Die eine Liesel hat einen weißen Kittel getragen und ihre Fingernägel perfekt lackiert, und die andere Liesel hat nichts gehört, aber trotzdem so getan und das hast erst mitbekommen als die Schnitzel nicht gleich gekommen sind, aber wurscht. Nehmt ein Kinderschnitzel (Micky-Maus-Schnitzel), haben Robert und Tobi gesagt, das richtige Schnitzel derpackt keiner, also haben wir das richtige Schnitzel bestellt, eh klar, gekommen sind aber drei, also sechs, wir waren ja zwei. Bei den Marillenknödeln, das ist aber nur M. gewesen, waren es dann vier. So ungefähr ist das alles gewesen, du willst eines und kriegst drei oder vier, von allem, so eine seltsame Großherzigkeit, und hintendrein, im Exil, tut dir wieder zizalweis das Herz weh, und die Edu Lobo-Lieder machen es auch nicht besser, ist aber eh schön, wenn es ein bisserl weh tut. Günter hat wie immer, wenn ich ihn seh, ein bisserl geschimpft, über die Schweiz und den Boulevard, ich glaub, er braucht das, dass er sich das erst einmal rausschimpft, dabei siehst immer, dass er eh glücklich ist, Birgit neben ihm, siehst du gleich, hat auch gut ausgesehen, entspannt, geklärt, siehst du auch gleich, sowieso jede Menge Liebe am Tisch, hast auch gleich gesehen. Und Reden. Robert endlich und Hannes und Marianne, hab ich ja vorher nie gesehen gehabt, die Antville-Leute, Tobi hab ich ja schon gekannt, seltsame Menschen, kannst schwer begreifen, stellen dir so ein Antville hin, und das sind mindestens drei Schnitzel und vier Marillenknödel, und denken, das ist eh das Selbstverständlichste auf der Welt, und wundern sich, dass man sie bewundert, na ja. Jedenfalls. Über Eigentext reden und was das sein könnte und was man machen könnte, und ja klar, machen wir, sag ich aber später was dazu, passt hier nicht ganz rein, jedenfalls gleich Mitglied geworden, das erste zahlende, haben sie gesagt, und gerne, und wie, und Eigentext: schöner Club, sehr schöner Club. Und währenddessen sind von den anderen immer wieder so Gesprächswolken herübergeweht, Slauti mit diesem Kuh- oder Polgar-Zitat, weiß ich jetzt nicht mehr, dass die Österreicher schlechte Nazis sind, aber hervorragende Antisemiten, die Deutschen dagegen: ganz schlechte Antisemiten, aber gute Nazis, und Godany, 21. SSW oder jetzt vielleicht schon 22., die mir alle drei Datums mitgebracht hat und ihr wunderschönes Buch über die Große Flut, und diese seltsame Fernsehshow, deren Idee darin besteht, auf einem einzigen geraden Strich ohne jede Abweichung von Vorarlberg nach Wien zu gehen, und Schweizer Berge, in denen Abfangjäger aufbewahrt werden und so Zeug eben, weißt eh, wenn sich das so eingegroovt hat. Und die ganze Zeit über kann der Anruf kommen, dass es jetzt soweit ist und Thomas Klestil gestorben ist, wir haben es dann aber noch zu Das Möbel geschafft, ein Beisl, in dem lauter merkwürdige Möbel herumstehen, die alle nicht zusammenpassen und in dem man Marcel Prawy-Sackerl kaufen kann, verstehst aber nicht, wenn du kein Wiener bist. Im Möbel sind wir an einem Tisch mit einer Drehscheibe gesessen, wir haben die Aschenbecher und die Getränke kreisen lassen, schöne Trinkspiele hätte man sich ausdenken können oder Wortspiele oder was weiß ich denn, und dann ist der Anruf doch noch gekommen, wir müssen jetzt gehen, haben Robert und Slauti gesagt, der Klestil ist jetzt tot, und dann sind sie los zum ORF und haben die vorbereiteten Seiten auf den Server getan, und M. und ich sind dann auch bald gegangen, zu müde für mehr, vor dem Kanzleramt standen drei Polizisten und in der Hofburg war die Flagge schon halbmast, aber sonst war alles menschenleer, nur im Fernseher in der Beletage Hollmann haben sie auf beiden ORF-Kanälen Karajan gespielt, und ich hab gleich gedacht, meine Güte, die könnten ihm auch einen Zawinul spielen, His Last Journey vom Zawinul-Album, aber das geht nicht, weißt eh, und der Karajan hat immer diesen Staats-Scheitel gehabt und die forschen Wangenknochen und keiner hat ein Requiem so schmissig und zackig hingeballert wie er, das klingt immer gleich, als würd man von Kugeln durchsiebt, Staatsmusik halt, aber was weiß ich, was ich machen würde, wenn ich ein Staat wär, und jetzt, beim Schreiben hab ich auf meinem iTunes das Zawinul-Begräbnisstück angeklickt, ist eh schön, wenn es ein bisserl weh tut.
nächstens mehr.
but if jesus is busy it's uselesss don't complain stake your claim don't blow your fuses cause it's always the same story until judgement day feeling high up in april an' shot down in may
so if jesus is busy it's useless don't be cruel just stay cool mend your fuses keep your head high, don't panic 'cause we all have to die yes'n jesus, he always knows why
[danke an alle für 1001 tage]
... und dann noch die Frage, ob man den ganzen Laden von Quark auf InDesign umstellen sollte.
Heute die 17.354te Haarspange zurück ins Haarspangentöpferl im Bad getragen.
beim gmail werden die accounts über eBay versteigert. Ich dürfte jetzt auch jemanden einladen. Will jemand?
liebes internet-tagebuch: heute habe ich meinen ipod zerschossen, und zwar unrettbar. das problem dabei: ich habe auf dem ipod sehr viel mehr musik [nämlich 26irgendwas gb] als auf den beiden rechnern, hinter denen ich sitze. das ibook hat ja nur 30 gb, der quicksilver zwar genügend speicherplatz, aber ich seit jeher keine disziplin für backups und synchs. jetzt sitze ich blöd herum, kopiere die files vom ipod auf meine alte usb-festplatte, die auch nur 20 gb hat und von dort auf 2 verschiedene itunes auf 2 rechner. dann erst den ipod auf die werkseinstellung resetten. und die musik wieder zurückspielen. und die usb-festplatte und die itunes wieder löschen. vielleicht sollte ich ja doch einmal eine anständige festplatte kaufen. die folder-struktur auf dem ipod ist übrigens großer unsinn, dem urheberrecht geschuldet. liebes internettagebuch, ich finde es toll, was ich dir alles erzählen kann.
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