In der Nacht, in der Thomas Klestil starb, saßen wir bei den zwei Lieseln und später in Das Möbel, wo ich schon auf dem Hinweg ein Marcel Prawy-Sackerl gekauft hatte, aber den Witz verstehst du nur, wenn du ein Wiener bist. Es tut immer ein bisserl weh, ein Wiener sein zu müssen, du kommst so schwer wieder los davon. Musst nur ein paar Tage da sein, willst gleich dein Exil wieder auflösen und retour übersiedeln in irgendein Mezzanin, und weißt aber eh, dass das nicht geht. Ist aber eh schön, wenn es ein bisserl weh tut. Und jetzt sitz ich da und hör mir Edu Lobo-Lieder an, weil die noch ein bisserl mehr weh tun und verfrans mich mit der Zeit. In Wien kriegst du gleich immer mit, dass das Imperfekt imperfekt und das Perfekt viel perfekter ist, versteht aber auch keiner. In der Nacht, in der der Thomas Klestil gestorben ist, sind wir bei den Zwei Lieseln gesessen, der Hensohannes und der Ghackgünter und die Katatonikbirgit und der Antvillerobert und die Motzmarianne und die Zugenewstgodany und der P3ktoby und der Tinytalkslauti und die FM4gerlinde und M. und ich. Die eine Liesel hat einen weißen Kittel getragen und ihre Fingernägel perfekt lackiert, und die andere Liesel hat nichts gehört, aber trotzdem so getan und das hast erst mitbekommen als die Schnitzel nicht gleich gekommen sind, aber wurscht. Nehmt ein Kinderschnitzel (Micky-Maus-Schnitzel), haben Robert und Tobi gesagt, das richtige Schnitzel derpackt keiner, also haben wir das richtige Schnitzel bestellt, eh klar, gekommen sind aber drei, also sechs, wir waren ja zwei. Bei den Marillenknödeln, das ist aber nur M. gewesen, waren es dann vier. So ungefähr ist das alles gewesen, du willst eines und kriegst drei oder vier, von allem, so eine seltsame Großherzigkeit, und hintendrein, im Exil, tut dir wieder zizalweis das Herz weh, und die Edu Lobo-Lieder machen es auch nicht besser, ist aber eh schön, wenn es ein bisserl weh tut. Günter hat wie immer, wenn ich ihn seh, ein bisserl geschimpft, über die Schweiz und den Boulevard, ich glaub, er braucht das, dass er sich das erst einmal rausschimpft, dabei siehst immer, dass er eh glücklich ist, Birgit neben ihm, siehst du gleich, hat auch gut ausgesehen, entspannt, geklärt, siehst du auch gleich, sowieso jede Menge Liebe am Tisch, hast auch gleich gesehen. Und Reden. Robert endlich und Hannes und Marianne, hab ich ja vorher nie gesehen gehabt, die Antville-Leute, Tobi hab ich ja schon gekannt, seltsame Menschen, kannst schwer begreifen, stellen dir so ein Antville hin, und das sind mindestens drei Schnitzel und vier Marillenknödel, und denken, das ist eh das Selbstverständlichste auf der Welt, und wundern sich, dass man sie bewundert, na ja. Jedenfalls. Über Eigentext reden und was das sein könnte und was man machen könnte, und ja klar, machen wir, sag ich aber später was dazu, passt hier nicht ganz rein, jedenfalls gleich Mitglied geworden, das erste zahlende, haben sie gesagt, und gerne, und wie, und Eigentext: schöner Club, sehr schöner Club. Und währenddessen sind von den anderen immer wieder so Gesprächswolken herübergeweht, Slauti mit diesem Kuh- oder Polgar-Zitat, weiß ich jetzt nicht mehr, dass die Österreicher schlechte Nazis sind, aber hervorragende Antisemiten, die Deutschen dagegen: ganz schlechte Antisemiten, aber gute Nazis, und Godany, 21. SSW oder jetzt vielleicht schon 22., die mir alle drei Datums mitgebracht hat und ihr wunderschönes Buch über die Große Flut, und diese seltsame Fernsehshow, deren Idee darin besteht, auf einem einzigen geraden Strich ohne jede Abweichung von Vorarlberg nach Wien zu gehen, und Schweizer Berge, in denen Abfangjäger aufbewahrt werden und so Zeug eben, weißt eh, wenn sich das so eingegroovt hat. Und die ganze Zeit über kann der Anruf kommen, dass es jetzt soweit ist und Thomas Klestil gestorben ist, wir haben es dann aber noch zu Das Möbel geschafft, ein Beisl, in dem lauter merkwürdige Möbel herumstehen, die alle nicht zusammenpassen und in dem man Marcel Prawy-Sackerl kaufen kann, verstehst aber nicht, wenn du kein Wiener bist. Im Möbel sind wir an einem Tisch mit einer Drehscheibe gesessen, wir haben die Aschenbecher und die Getränke kreisen lassen, schöne Trinkspiele hätte man sich ausdenken können oder Wortspiele oder was weiß ich denn, und dann ist der Anruf doch noch gekommen, wir müssen jetzt gehen, haben Robert und Slauti gesagt, der Klestil ist jetzt tot, und dann sind sie los zum ORF und haben die vorbereiteten Seiten auf den Server getan, und M. und ich sind dann auch bald gegangen, zu müde für mehr, vor dem Kanzleramt standen drei Polizisten und in der Hofburg war die Flagge schon halbmast, aber sonst war alles menschenleer, nur im Fernseher in der Beletage Hollmann haben sie auf beiden ORF-Kanälen Karajan gespielt, und ich hab gleich gedacht, meine Güte, die könnten ihm auch einen Zawinul spielen, His Last Journey vom Zawinul-Album, aber das geht nicht, weißt eh, und der Karajan hat immer diesen Staats-Scheitel gehabt und die forschen Wangenknochen und keiner hat ein Requiem so schmissig und zackig hingeballert wie er, das klingt immer gleich, als würd man von Kugeln durchsiebt, Staatsmusik halt, aber was weiß ich, was ich machen würde, wenn ich ein Staat wär, und jetzt, beim Schreiben hab ich auf meinem iTunes das Zawinul-Begräbnisstück angeklickt, ist eh schön, wenn es ein bisserl weh tut.






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In der Nacht, in der Thomas Klestil starb, saß ich in Zawinuls sehr schön geratenem Schuppen, irgendwer hat gespielt, auch gesungen; Joe hätt's besser gemacht dachte ich und im Taxi in den 9. Bezirk dann die Nachricht, die nicht aufzuhalten war und es war alles ein bisschen weh, sogar als Nichtwiener...


epithet of the day

"der mann, der vergaß, dass ich marillenknödel aß."


groß.


jetzt

hab ich hunger.