Die wichtigste Lektion, die ich im Journalismus gelernt habe, stammt von einem ihretwegen verehrten ehemaligen Textchef und lautet: "Hauptsache, die Scheisse blockt." Von Blocksatz, nicht, dass jemand auf falsche Gedanken kommt.
woher wissen eigentlich alle, wie sich das pentagon, die planungsstäbe und wer auch immer sich den einsatz "vorgestellt haben"? und dass das jetzt "anders als erwartet" läuft?
inzwischen. umsonst.
werden sie nie kapieren, wann man das verwenden kann und wann nicht.
Lass uns doch eine Geschichte über die neuen Ständertabletten machen.
Ja, okay. Wie wollt ihr das denn fotografieren?
Wir haben uns gedacht, wir machen mit Symboloptik auf, und dazu ein paar Infografiken. Hirn-Schwanz-Nervenbahnen, ein paar Pfeile dran, geht schon.
Gähn.
Ist eben ein sprödes Thema. Was sollen wir denn sonst machen?
Macht doch zur Abwechslung richtige Männer. Testimonials von Betroffenen.
Und die sollen über ihre Impotenz reden?
Ja, wieso denn nicht, ist doch nichts dabei, hast du doch selbst gesagt, dass das ein Massenproblem ist. Wieviele waren´s noch mal gleich?
Vier bis zwölf Millionen, schätzt die Pharmaindustrie.
Zwölf? Jeder vierte. Wahnsinn. Kann doch nicht so schwer sein, da ein paar zu finden, die sich fotografieren lassen.
Glaube ich nicht. Willst du dein Gesicht in der Zeitung sehen in einer Geschichte über deine Ständerprobleme?
Immer dasselbe mit euch. Ihr versucht es erst gar nicht. Na ja, dann fahren wir die Geschichte halt klein.
Und wenn wir uns ganz normale Typen suchen, die einfach allgemein etwas über ihre Potenz sagen? Wir ziehen die aus, und dann reden die über ihre Schwanzerfahrungen. Die müssen doch nicht impotent sein. Das macht wirklich keiner, über seine Schwierigkeiten reden, aber wenn du sie ergebnisoffen befragst, sehe ich da keine Probleme.
Und die flunkern uns dann vor, dass sie jeden Tag viermal Sex haben, und wir sollen das zu einer Story über Impotenzpillen stellen.
Genau. Damit man sieht, wie wichtig Potenz für Männer ist. Ist doch ein positiver Ansatz. Außerdem kriegen wir da sicher knackige Typen.
Und die wollt ihr ganz nackt?
Ja.
Schwanz auch?
Da sollen sich die einfach was hinhalten. Irgend so ein Potenzsymbol.
Bohrmaschine oder was?
Na ja, irgendwas. Jetzt hab ich´s: Wir fragen sie einfach nach ihrem ureigenen persönlichen Potenzsymbol. Und das setzen wir dann fotografisch um.
Und morgen kommt der neue Stern.
Time Magazine, 17.3.2003, Bound for Bagdad, Army General Tommy Franks, commander of the U.S. forces confronting Iraq. Dazu gibt´s die praktische Ausklappkarte mit dem Schlachtfeld.
New Yorker, 17.3.2003, Style Focus issue, auf dem Cover: Pablo Picasso, Guernica (Detail), davor geht ein roter Vorhang auf. Oder zu. Was weiß man schon?
Heute kann eine Schauspielerin gegen Atomkraft sein und trotzdem für Eon werben, kann der Spiegel über den "Terror der Lust" und die "Quasselbuden der Talkshows" lamentieren, selbst aber Wa(h)re Liebe und Kerner produzieren. Heute kann man gegen den Krieg und für den Schutz des Privatlebens sein und trotzdem Bild zum Geburtstag gratulieren, kann man in den Redaktionen mit Berichten über die Chemie-Unfälle bei Hoechst warten, bis die Hoechst-Anzeigen-Kampagne im eigenen Blatt abgelaufen ist, kann man Nachrichten "Action News" oder Kriegsvorbereitungen "Drohkulisse" nennen, mit "Showdown gegen Saddam" überschreiben und doch Grimme-Preis-würdig erscheinen. Von den heutigen Moralisten erwartet man keine Stringenz mehr. Die moralische Attitüde ist geblieben. Deshalb vergibt der Journalismus einen Egon-Erwin-Kisch-, keinen Karl-Kraus-Preis.Heute könnte man diese Liste auch verlängern und in ihr noch ganz andere aufzählen, bis zu denen, die sich mit solchen Listen ihre Distinktionsbedürfnisse erfüllen und ihren Marktwert bewahren, wahrscheinlich sind Scheußlichkeitsaufzähler mit der moralischen Attitüde ja die einzigen Warenanbieter, die heute ihren Marktwert dadurch steigern können, dass sie ihn behaupten, heute braucht das Heute solche Aufzähler mehr als je zuvor, heute funktioniert man nur wie gehabt, wenn man die Gardinenpredigt mitgeliefert bekommt, mit der man sich einverstanden weiß, aber heute geht die Gardinenpredigt immer noch nicht weit genug, weil sie dann gegen den Prediger selbst gehen müsste, denn sich ihre eigene Lächerlichkeit ungezwungen eingestehende Menschen braucht heute immer noch keiner, schade eigentlich, aber was ich heute sagen wollte, ist, dass Roger Willemsen gestern in der Süddeutschen Zeitung über Karl Kraus schrieb, und einen vorspannfähigen Satz hatte er auch drin in seiner Verteidigung der Moral gegen die Attitüde, so etwas vergisst man als Profi heute selbstredend dann doch nicht:
Karl Kraus war ein ironischer Meister, sein Werk ist pointendicht wie kaum ein zweites in deutscher Sprache.Hinreißend übrigens auch, wie die Verdammnis im Gewerbe dann wieder darauf hinausläuft, dass die falschen Gewerbetreibenden die Grimmepreise bekommen.
Spiegel-Inhaltsverzeichnis:
Jack Nicholson brilliert in "About Schmidt" als galliger RentnerSpiegel-Vorspann, Seite 148:
In "About Schmidt" brilliert Jack Nicholson als frustrierter Pensionär.
toll: der mdr hat die naked news entdeckt.
• Stuffing hits the fan in Hello Kitty spatter • Smart phones dial up dynamic deal for shoppers • You gotta fight for your right to peddle your ass • Hell hole: 39 years of solitary confinement • Doting dog owners gone barking mad • Schoolgirls selling panties open avenue of danger • Cool kimono making a comeback -- with men! • King scratched in cathouse foul play • Louis' leathers lure lasses into luxurious lunacy • Schoolgirls playing filthy game of orgy roulette • What to do when Jong drops his dong • Raunchy photos slip through dirty hands into Net trap • Women just want security and communication guys • Chewed up cherries blossom again
Waiwai: Geschichten aus der japanischen Boulevardpresse.
Die jungle world hat ihre Website renoviert. Bis auf die Farbe des Untertitels, die an Menstruationsblutsymbolisierungsfarben in Tamponwerbespots erinnert, und einen Applet, der wie alle Applets ein wenig nervt, ist alles sehr schön geworden. Sieht so aus, als hätte man auch ein Weblog geplant: Bei den Buttons die noch nirgendwohin führen und im alt-Text ein "coming soon" verkünden, ist auch ein "/var/log". Sehr dankbar natürlich auch für den Geburtstagstext über Jean-Marie Straub.
Oh toll, Willemsen sagt immer noch: sublim. Oh toll, Beckmann sagt: Amerikanisierung des Wahlkampfs. Oh toll, Kerner sagt: Das Volk wählt den Bundeskanzler nicht. Oh toll, Willemsen sagt: sublim. Oh toll.
Das ist die Seite mit den merkwürdigsten Namen seit langem.
Jahresende: Jesus und Hitlers Stalingrad.
In other words, the mag was created purely for money by people with no real interest in magazines. These greedheads made the rounds of Manhattan's media conglomerates, pitching Rosie as the successor to Martha and Oprah in the new category of "celebrity-as-brand."Superlustige Geschichte über Rosie O'Donnell, Gruner & Jahr, Lawsuits und das Zeitschriftenmachen in der Washington Post.
Das Medienlog im Jonet, in der rechten Spalte: Sehr kompetent zusammengetragene Verweise auf Mediengeschichten.
oder du schreibst einen kommentar darüber dass es so schlimm auch wieder nicht ist und dass es eigentlich so schlimm nie ist und dass es nur eine deutsche lust ist immer alles schlimm zu finden und dass es immer schon krisen gegeben hat und dass uns selbstmitleid auch nicht hilft und dass in jeder krise eine chance steckt
und während du das schreibst fällt dir ein dass du das schon einmal geschrieben hast und dass du jedesmal wenn die stimmung im keller ist den auftrag bekommst einen kommentar über die deutsche lust am untergang abzudrücken
und du wünschst dir dass dir jemand den auftrag gibt einen kommentar darüber zu schreiben dass kommentare über deutsche befindlichkeiten auch nur ein klischee sind
und dann wünschst du dir wieder einmal dass jemand ein magazin gründet das ganz anders ist und du dürftest endlich sagen was du denkst und du hättest eine kolumne mit deinem foto von einem echten fotografen
und sie würden dein gesicht so anschneiden dass keiner sähe wie hoch deine geheimratsecken sind
und du müsstest nicht politisch korrekt sein
am besten wäre ja thomas ruff fürs foto oder lord snowdon ganz klassisch
und du hättest in jeder ausgabe eine ganze seite und unter deinem namen stünde: publizist
und dann fällt dir ein dass in deutschland natürlich niemand so ein magazin gründet
und dann setzt du dich hin und zündest deine rolfwinterpfeife an und schreibst den bestellten kommentar
du gehst da jetzt hin wo vor ein paar jahren krieg war du guckst dort nach wie es den leuten jetzt geht sonst guckt ja keiner nach den leuten du sagst in der anmoderation dass sie vergessen sind du hältst ihnen das mikro hin und dann fragst du sie ob sie wieder hoffnung haben und während sie sagen dass sie keine hoffnung haben nickst du mit dem kopf damit man sieht dass du mitgefühl hast sonst hat ja keiner mitgefühl und dann fliegst du weiter heim
der schlimmste reporter von allen
reporter brebeck
die reporter leder jacke für die
reporter krisenregion
die reporter kurz atmigkeit
das reporter mitgefühl
die reporter interviews mit den einfachen leuten
Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung fordert Ihre Leser zum Mitmachen bei der Revolte, der Revolution auf, als dritte Option nennt sie den Systemwechsel. Als Gründe für eine von den drei Veranstaltungen listet sie auf: "Lohnnebenkosten senken, Arbeitsmarkt flexibilisieren, Bürokratie verringern, Gesundheits- und Rentensystem erneuern".
Eine gewisse surrealistische Schönheit hat es ja, die Bevölkerung dafür anzuagitieren, für die Abschaffung des Kündigungsschutzes auf die Barrikaden zu gehen.
Wenn man nicht schlafen kann, macht man schwere Fehler. Man liest zum Beispiel doch noch Iris Radisch in diesem liegen gebliebenen Zeit-Literatursonderheft, das man vor Wochen gekauft hat: einen Text über David Foster Wallace, eine entsetzlich blöde Schwärmerei, nicht weil David Foster Wallace nicht zu beschwärmen wäre, sondern: weil es sich wieder einmal um diese Literaturkritiker-Variante des RTL-Promiboxens handelt, vor dem eine wie die Radisch sich doch sicher ekelt. David Foster Wallace, so geht ihre Beweisführung, ist gut, weil David Foster Foster nicht Robbe-Grillet, Grass oder Walser ist, und auch nicht Jonathan Franzen. "Jonathan Franzen" nämlich, so Frau Radisch, "ein gerade 40jähriger Amerikaner, verfasst unter Ovationen der Kritik eine Apologie des kleinfamilialen Dreiecks".
Na toll.
Im Spiegel habe ich neulich über die Corrections den verwunderten Satz gelesen, es käme darin kaum Sex vor. War auch toll.
Re-Magazine's main goal is to re-invent the format of a magazine as a form of personal expression. It is a personal magazine.
Seit ich es kenne, ist das Re-Magazine eine meiner Lieblingszeitschriften, sicher deswegen, weil es keine Zeitschrift ist, nicht wirklich, aber ihr Nichtzeitschriftsein mit den Mitteln einer Zeitschrift behauptet. Seiten, auf denen statt einer Paginierung "no page" stand, beispielsweise. Artikel, die nur davon handelten, wie und mit welchen rhetorischen Absichten in Artikeln Sätze zu anderen Sätzen führen. All so was. Klingt ein wenig meta, ist es aber gar nicht. Nur der Form bewusst.
In der neuesten Ausgabe wird, ein ganzes Heft lang, die fiktive Geschichte eines fiktiven Verschwindens einer fiktiven Person namens John (von "John Doe") erzählt. Ein Schauspieler mietet sich fünf Wochen lang in einer leeren Wohnung in einem baufälligen Haus ein, simuliert das Verschwinden aus allen seinen sozialen Kontexten, versucht seine Biografie zu vergessen, treibt so herum, nimmt Sekunden-Identitäten an, die nur Rezeptivität sind (Dialoge in Straßencafes belauschen, auf Ämter gehen und aufs Geratewohl Wartenummern ziehen und so weiter), verzichtet auf so etwas wie Struktur in seinem Leben. Ein Experiment also, eine Versuchsanordnung. Jemand eperimentiert damit, zu verschwinden, und berichtet darüber, samt Fußnotenapparat. Ich denke oft, dass Zeitschriften so sein sollten, Experimente, mittels derer man etwas über die Wirklichkeit herausfindet, statt sich von der Wirklichkeit betäuben zu lassen. Außerdem: Zeitschriften nur über eine Person. In diesem Fall ist es eine fiktive, aber Personen sind ohnehin immer fiktiv. Das neue Colors übrigens handelt auch nur von einem einzigen Menschen. Einer für alle, und dann auch wieder nicht. In gutsortierten Bahnhofszeitschriftenläden.
Jedesmal, wenn Nationalpastor Christoph Dieckmann mit dem anhebt, was er wohl für Nachdenken (oder Bedenken...) hält, möchte man in Deckung gehen, um nicht von seinen Sinn-Schrapnellen zerfetzt zu werden. Vor ein paar Monaten hat er sich die Juden vorgenommen, diesmal sind es die Ostdeutschen.
Wir werden am 22. September die erste normale gesamtdeutsche Wahl erleben. Nicht Alternativen, Nuancen stehen zur Entscheidung, und Milieus. Erstmals fehlt im Osten jegliche Heilserwartung, wie sie 1990 und auch noch 1994 Helmut Kohl entgegengetragen wurde, 1998 seinem Kontrahenten. Der Osten glaubt nicht mehr. Er blickt zu keinem großen Gönner auf. Er hat kapiert, dass die Politik der Wirtschaft gegenüber selten Weisungsrecht besitzt; falls doch, lässt Holzmann grüßen. Liberalität bedeute Hurra zum grenzenlosen Markt, dies erfuhr der Osten ausgerechnet im rot-grünen Jahrviert, Aktien würden den Klassenkampf beenden, und wer beizeiten Ich sage, melke die Welt. Das Ostvolk hat sich entflochten in Einzelkämpfer. Die Gesellschaft ist nicht länger Kollektivinteresse. Wie der Westen organisiert sich der Osten im Do ut des kleinteiliger Politik, in Kungeleien und Deals um Schlachtlizenzen für heilige Kühe. Jeder erhandelt das Seine, wie in Berlin, wo die Sozialisten ein Rosa-Luxemburg-Denkmal bekommen, die Maueropfer eins für Chris Gueffroy, die Wilhelminen ein Schloss und die Hertha-Fans eine vereinsblaue Aschenbahn. Deutungshoheit gewinnt keiner. Fühllos wie zu allen Zeiten kläfft die Köterstadt.Ach, und eine Wendung wie die vom wölfischen Kapital klingt schon sehr nach gekränkter Volksgemeinschaft.
"Wieder ein lautes Rauschen. Ich dachte, es wäre der Krieg. Aber vielleicht ist es die Klimaanlage."
Charles Jaco, CNN-Reporter beim ersten Krieg gegen den Irak, aus einem Hotelzimmer in Dharan, Saudi-Arabien.
Auf das leider etwas eingeschlafene Forum über die Untalentierten Journalisten wollte ich von der Waterkant aus immer schon mal mit einem taubeneigroßen Link verweisen. Mausklick genügt. Vielleicht aber auch nicht und Sie brauchen eine Registrierung, um zum Szenekenner zu werden.