Donnerstag, 28. Dezember 2000

Habe gerade meinen Schreibtisch aufgeräumt. Post weggemacht. Dabei ungefähr acht dot.companies (deutsch), die mir ihre Avatare, 3D-Assistenten, Virtual Friends herzlichst empfehlen (Beispiel: virtual friends. Meine erste Reaktion, wie immer häufiger: Wann wird das endlich aufhören? Meine zweite Reaktion sind Fragen: Was bedeutet das? Sagt mir das, dass das Internet noch immer nicht "angekommen" ist - ansonsten würde man es nicht immer noch in die Metaphern der Vor-Internet-Welt (Figuren, die dich an die Hand nehmen, dir alles zeigen, dir die Schwellenangst nehmen etc) übersetzen? Oder sagt es mir: Dass das Netz jetzt endgültig "da" ist - weil es so funktioniert wie die Vor-Netz-Welt - als "lass mal, wir drücken dir schon rein, was du wissen willst, wir zeigen dir alles, du musst selbst gar nichts machen, du brauchst nicht zu suchen, wir sagen dir nämlich, was du finden sollst"-Welt? Ist eine Technologie DA, wenn sie herunterreduziert ist? Oder ist eine Technologie da, wenn genügend Leute gelernt haben, was sie an Neuem ermöglicht? Am tragikomischsten finde ich ja die Versuche mancher Internet-Magazine, das Netz als eine Art Fernsehen vorzuführen und deswegen auf das Konzept der Internet-Programmzeitschrift zu setzen ("die nächsten 14 Tage Internet"). Aber vielleicht haben die ja sogar recht. Oder sind das nur die Versuche der Grossen, zu retten, was zu retten ist? Indem man den Menschen einredet, das Neue wäre nur more of the same old shit? Weiß auch nicht. Kann darüber mal jemand nachdenken? Vielleicht besteht Avantgarde ja heutzutage genau darin, das Neue kleinzukriegen aufs Alte?





Ich will hier nicht ins Prinzipielle und Sinnhubernde gehen, aber doch die Feststellung riskieren, dass Medien tendenziell immer weniger mit der Realität (jenseits der Medien) zu tun haben, sondern immer selbst-referentieller werden. Selbst-referentiell meint: dass der Journalismus sich immer mehr auf Journalismus (andere Artikel, journalistische Quellen usw,) bezieht und seine Funde nicht mehr jenseits des Journalismus überprüft.

Es gab dazu an der Salzburger Uni ein spannendes Projekt:

"Es wird im Forschungsprojekt zu überprüfen sein, ob die folgenden vermuteten Trends eher für eine Autopoiesis (Selbsterhaltung) oder aber für eine Auflösung des Journalismus stehen: 1. Die zunehmende Virtualisierung der journalistischen Quellen (Stichworte: Online-Journalismus, WWW, APA-Online, Teletext etc.) 2. Die zunehmende Autologisierung der journalistischen Recherche: Journalistische Recherche erfolgt zunehmend über die Rezeption anderer journalistischer Produkte 3. Die steigende Kybernetisierung der journalistischen Organisation: Journalistische Arbeitsroutinen sind zunehmend auf Arbeitsroutinen anderer journalistischer Akteure hin orientiert 4. Die wachsende Selbstreferenz der Inhalte: Journalistische Inhalte verwenden zunehmend andere journalistische Inhalte und Aussagen als Referenzen 5. Die Metamedialisierung der journalistischen Medien: Journalistische Medien berichten zunehmend über andere journalistische Medien Diese fünf mutmaßlichen Trends können zusammenfassend als "Autopoietisierung", also als steigende "Selbst-Reproduktivität" und Selbsterhaltung des Journalismus bezeichnet werden. Ihr stehen Versuche der Fremdsteuerung des Journalismus (durch Wirtschaft, Politik, Recht und auch Wissenschaft) gegenüber."

Auf der erwähnten Web-Page findet man auch Links zu einer Diskussions-Mailing-Liste und den Ergebnissen der Studie. Hochinteressant und milde verstörend, weil sich schnell der Alptraum eines geschlossenen journalistischen Systems einstellt, das seine urpsürnglichen Zwecke (nämlich über die "Wirklichkeit" zu berichten) ad acta gelegt hat und stattdessen andere Zwecke erfindet: die Produktion von Hypes und Thrills, guten "Stories".

Genau das passiert natürlich, und schon sind wir wieder bei der Börse, bei den inflationär gegründeten Old & New Economy-Blättern. Mit wenigen Ausnahmen handelt es sich dabei um nicht gerade an kühler Rationalität und profunder Sachkenntnis leidenden Magazinen, die gar nicht erst den Versuch unternehmen, ihren Lesern Wirtschaft zu "erklären". Stattdessen wird sie in "Chancen" umgedeutet: "Wie Sie jetzt doch noch Geld machen", "wie Sie den Crash überleben", "warum man jetzt einsteigen sollte" etc. Und die Quellen, auf die sie sich dabei beziehen, sind zweifelhafte ad hoc-Meldungen, PR-Meldungen, andere Magazine, die ihrerseits andere Magazine zitieren, ad infinitum.

So entstehen Hypes. Hypes vergehen auch wieder, das weiß man ja, insofern kann man es auch bleiben lassen, darüber nachzudenken. Mir allerdings stellen sich folgende Fragen:

  1. Wer gibt uns die Sicherheit, dass sich à la longue doch immer die (langweiligere) Mittelweg-Rationalität durchsetzt? (Mir fällt dazu nichts ein: statistische Fortschreibungen sind nicht wirklich rational).

  2. Ist eine Ökonomie denkbar, die nur aus Hypes besteht? (Think about it!)

  3. Stimmt die Vermutung: Je mehr Leute privat spekulieren, daytraden, auf ihren Reisen von Internet-Cafés aus ihre Depots umschichten, mit kürzeren buy-and-sell-Zyklen Gewinne "mitnehmen", desto wahrscheinlicher wird es, dass sie die Börse (also die National- und Global-Ökonomien) bestimmen - statt der rationaleren, in längeren Zyklen kalkulierenden, konservativeren, risikominimierenden klassischen Anleger?

  4. Wenn es immer mehr Leute gibt, die a. von Kapitaleinkünften leben (Erben, dot.com-Exiters usw.), b. viel Zeit haben, c. die Börse mit einer Party verwechseln, d. Thrills brauchen, e. kurze attention spans haben und f. gierig sind: Wie verändert das die Ökonomie, die Börse, die Party?

  5. Ist die Börse ein "beliebig skalierbares" Geschäftsmodell?





Schönes Zitat aus der neuen de:bug, auf die ich ja gelegentlich schon hingewiesen habe:

"Heutzutage ist es fast schon anstrengend, immer das neueste hippe Zeug zu erzählen, weil es im gleichen Sammelsurium auch in den Yahoo News oder in der Tomorrow steht, obwohl man es aus der Wired, Artbyte oder dem Mit-Magazin hat. Jeder schreibt halt von jedem ab. Wohin führt das nur? Wozu arbeiten, wenn meine Firma in der Börse abrutscht, weil mein Chef mal wieder bei den Real Time Criticism Portalen wie dotcomfailures oder fuckedCompanies.com verrissen wurde? Deshalb gehen die Firmen schon gar nicht mehr richtig Konkurs, sondern splitten sich in Cluster. Evite.com ist dann nicht mehr Ev, aber noch Ite.com. Kein Spaß, sondern schon so ähnlich bei ubo.net passiert. Ist die vielbeschworene economy crisis gar doch die Vorstufe für einen PostNetSozialismus?"
Der Artikel, in dem das steht - leider nicht im Netz, sondern nur am Kiosk oder per Kopie von mir -, beschäftigt sich mit dem, was kommt, 2001. Alles hochinteressant. Roter Faden: die voranschreitende Multiplikation der eigenen Persönlichkeit durch das Netz und die digitale Welt. Zwischendrin jede Menge Hinweise auf Software-Pipelines. Und natürlich die Prognose: dass P2P immens wachsen wird. Und ein kleiner Abschnitt über eBooks, an die ja die wenigsten glauben. Ich schon.





Sonntag, 24. Dezember 2000

Fröhliche Weihnachten!





Donnerstag, 21. Dezember 2000

Eine andere Frage. Hier ist das eine und das andere Mal vom Ziel gesprochen worden, von Kapitaleinkünften, also arbeits-los zu leben (der herbeigesehnte exit, 2 Millionen nach Steuern). Bedeutet das: dass sich keine "Arbeit" (jedenfalls keine bezahlte, das Leben finanzierende) mehr vorstellen lässt, die es wert wäre, länger als ein paar Jahre auf sich genommen zu werden? Und wenn das so ist: was sagt uns das, über die Gesellschaft, die Ökonomie, die Arbeit, die man in ihr machen könnte, und die Bedingungen, unter denen man sie machen kann?





Warum Sidney, hat Jan Morris, von dem die großartigsten armchair traveller-Bücher ever stammen, in seinem Buch über Sidney (leider out of print, aber ich verleihe meines) beantwortet: Er sieht in Sidney "not the most beautiful (city)...but the most hyperbolic, the youngest in heart, the shiniest."

Was noch für Sidney spricht:

  • Es ist eine Einwandererstadt. Die Immigration kam in mehreren Wellen: Italiener, Griechen, seit den 80er Jahren vorwiegend Asiaten. Eine Zeitlang war es die offizielle Politik der australischen Regierung, zu einer multikulturellen Nation zu werden, mit deutlicher Tendenz zum Asiatischen - gegen das Weisse, auf Europa Zentrierte. Eine Art nation building-Identitätsprogramm, das in den 90ern durch den Druck der alteingesessenen Weissen dann leider wieder kassiert wurde. Diese verschiedenen Schichten, Jahresringen vergleichbar, merkt man. Nirgendwo sonst, wo ich war, gab es so wahnwitzige fusions und Hybride wie in Sidney. Essen zum Beispiel. Während die meisten guten Küche ja den Versuch unternehmen, eine bestimmte Küche gut zu beherrschen, gibt es in Sidney eine ganze Legion von fusion cooks, die europäisch, australisch und asiatisch auf eine Weise kombinieren, die auf der Speisekarte erst einmal verrückt wirkt, beim Essen eine Entdeckung ist. (Falls Ihr in der Stadt seid, besucht unbedingt die Sailor´s Thai Canteen, das beste und stylisheste Restaurant, in dem ich je das Glück hatte, essen zu dürfen....).

  • Es gibt einen hohen SchwulenUndLesben-Anteil. Ein Wohlfühlgesetz meines Lebens lautet: Ich werde in Städten, in denen es viel entspannte Homosexualität gibt, nach spätestens 10 Sekunden glücklich - obwohl ich eine langweilige, entschieden monogame, entschiedene Hete bin. Keine Ahnung, woran das wieder liegt - vielleicht nur daran, dass solche Städten logischerweise liberaler sein müssen; vielleicht aber auch daran, dass SchwuleUndLesben einfach den besseren Geschmack haben und in Städten leben, die es verdienen, dass man in ihnen lebt - ich habe halt zufälligerweise auch keinen schlechten Geschmack. Wie auch immer: San Francisco, Amsterdam, Sidney haben sofort geknallt.

  • So viel Meer in einer einzigen Stadt kann man gar nicht glauben. Sidney ist in Wahrheit keine Stadt, sondern eine einzige riesige Vorstadt (Sidney ist doppelt so groß wie Peking und sechs Mal so groß wie Rom). Das liegt daran, dass der Sidneysider es nicht ertragen kann, wenn er nicht in unmittelbarer Nähe des Meers wohnt - und deswegen ein kleines Einfamilienhaus zwanzig Kilometer vom Zentrum entfernt jederzeit einem Loft in einem Wolkenkratzer vorzieht. Ich glaube, ich habe einmal gelesen, dass 90 Prozent aller Bewohner einen Fussweg von zehn Minuten zum Meer haben. Wenn man da ist, sieht man vor allem: suburbs, die sich in die Buchten schmiegen, meilenweit. Und am Ende aller Strassen glitzert Wasser.

  • Wenn man Surfer wäre, fände man tagtäglich Wellen, von denen man sich gerne abwerfen lassen würde.

So ist das mit Sidney. Da möchte man gleich wieder hin. Und nicht mehr weg.





Mittwoch, 20. Dezember 2000

Das war ich noch schuldig geblieben: Die Voluntary Simplicity Bewegung ist in den USA Mitte der 90er entstanden, ursprünglich wohl aus mehr ökologischen Motiven. Es geht darum, mit so wenig Ressourcen wie möglich so gut wie möglich zu leben. Da sind aber extrem viele Irre dabei, die einen fast masochistisch-asketischen, gesellschaftsfernen, freiwillig armen Lifestyle predigen und ein wenig an "Bild am Sonntag"-Geschichten über Hausfrauen erinnern, die mit 20 Mark im Monat auskommen.

Hier sind aus dem Open Directory ein paar Links: Voluntary Simplicity

Mir ist aufgefallen, dass es dasselbe noch einmal in einer upgraded Version gibt, in den höheren Ständen sozusagen. Das Motiv des Einfachen, Nützlichen, Puren, Ressourcenschonenden, Haltbaren - aber nicht unbedingt Billigen. Der Öko-Lupo, der New Beetle usw. Möglicherweise auch die Wiederbelebung der Sommerfrische. Eine Frauenzeitschrift, die davon lebt, ist Real Simple. Die Texte sind uninteressanter als das Layout der Print-Ausgabe: viele Closeups von "einfachen, puren Dingen". Wie bei Martha Stewart Living. Überhaupt die ganzen Wohnzeitschriften für die Neuen Mittelklassen, in denen es ja eher um Lifestyles geht als nur um Wohnungs-Foto-Strecken. Ich muss noch mal zu Hause in meinem Printarchiv wühlen, da sind noch ein paar weitere US-Magazine, die ein schickes "simple life" propagieren.

Vorstellbar ist auch ein Reisemagazin in dieser Art, der Four-Star-Backpacker oder so ähnlich.

Das alles passt übrigens prächtig zum Bohemian Bourgeois-Phänomen (Bobos..), das Jörg erwähnt hat. Hier sind einige brauchbare Links dazu: Bourgeois-Bohemian Rhapsody A Kinder, Gentler Overclass Bobos im Paradies: Die junge Bildungselite in den USA geht Konflikten aus dem Weg und mag das gute Leben. Die neue sanfte Elite: Wie Bobos in Amerika an die Macht kommen Invasion of the Bobos: Today's hip young elite have bohemian values and bourgeois ambition The evolution of Bobo: First came the hippie. Then there was the yuppie. Now meet their 21st-century offspring: the bobos, or 'bourgeois bohemians'. Peter York, left, the man who has spent two decades chronicling Britain's social tribes, casts an experienced eye over this new arrival

All diese Links stammen übrigens von einer Website mit einem merkwürdigen Namen, aber extrem brauchbaren Verweisen: Single-Dasein

Noch so ein Magazin für Bobo-Frauen, die schicke Nester bauen wollen: Simplycity





Dienstag, 19. Dezember 2000

Von Jochen (danke) bekam ich als Audiobook (of course a pirated copy) das Kommunistische Manifest, vorgelesen von Christian Brückner. Meaning: Robert DeNiro sagt, dass ein Gespenst umgeht in Europa. Wenn es nötig gewesen wäre, wäre ich jetzt noch überzeugterer Marxist als sowieso schon.





Lest von Barbara Vine a.k.a. Ruth Rendell den Roman Heuschrecken. Es geht darin auch um eine Art Party: Ums Über-die-Dächer-Gehen (statt auf dem Boden, den Strassen). Es sind die Dächer über London. Und die Leute, die darüber gehen, Nacht für Nacht, mit einer manischen Helligkeit, sind ein Mädchen namens Clodagh, ein Junge namens Silver und eine Art Heiliger namens Vim. Es gibt eine Art Geschichte, aber die ist nicht besonders wichtig. Wichtig ist: dieses elektrisierende Gefühl, das sich einstellt, über Dächer zu gehen. 600 Seiten lang. Erscheint auf deutsch im Februar bei Diogenes. Ihr werdet es lieben.





Gestern auf der Weihnachtsfeier. Um eins, als alle schon genug betrunken waren, um nicht mehr muffig zu sein von der blöden 80er-Jahre-Mucke, sagt eine vorwarnungs- und kontextlos: "Alle glauben, ich könnte jeden Mann kriegen. Ich krieg aber keinen. Ich krieg einfach keinen." Wie er denn sein soll? "Gut aussehen soll er. Und was lernen will ich von ihm können."





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