Donnerstag, 4. Januar 2001

Heute noch einen Doppelgänger aufgetan:

"Prof. Mag. Peter Praschl, der langjährige Obmann des ehemaligen Vereins Autohaus PS Reiter/Bad Vöslau entdeckte seine Liebe zum Judo im Jahre 1968 nach dem Bundesheer. 1972 wurde er Sektionsleiter des JC ATUS Baden, absolvierte im April 74 die Prüfung für den 1.Dan, im Apr. 75 für den Judo-Lehrwart und im Dez. 75 für den 2.Dan. 1975 übernahm er die Herausvorderung (sic!), den Vöslauer Judoverein aufzubauen."

Am tollsten ist "Peter Praschl wirft Harai-Goshi":

mein Liebling ist aber immer noch dieser Peter Praschl:





Mittwoch, 3. Januar 2001

Der Sofa Blogger Nachrichtendienst (danke Martin Virtel !!!) meldet heute:

O Tannenbaum, How Your Fiber-Optic Needles Glow: Neues von der Glasfasertechnik: 2001 kommt iTree, der künstliche Weihnachtsbaum mit Lichtleiterbeleuchtung vom Weltmarktführer Boto International Holdings aus Hongkong

Plan B From Cyberspace: Ein Fall von Reverse Engineering: Nerve, Inside und andere Web-Zines möchten plötzlich Papier bedrucken





Heute morgen, beim Crash-Gucken auf ntv, ein paar selbstaufmunternde Worte des Intershop-CFO. Der Mann, mit dem Meike vor ein paar Monaten ein - noch nicht gedrucktes - Interview darüber führte, wie es sich so lebt, wenn man als "ganz normaler" Mensch plötzlich mehr Geld hat, als man je ausgeben könnte.

Damals, sagt Meike, hatte er noch Intershop-Aktien für 70, nein warte, für 140 Millionen. Heute, lass mal rechnen, ist es eine Million.

Plötzlich kam er uns fast: normal vor.





Gestern, nachdem Billy gestorben war (sehr ökomisch, wie sie eine tragende Serienfigur in gerade mal eineinhalb Folgen beseitigt haben...), lag ich noch in der Badewanne und las im New Yorker eine Rezension über zwei (!) Bücher, die sich beide mit der Entstehung von "Kind of Blue" befassen, auch für mich a seminal record, die übrigens immer noch - nach 41 Jahren - zwischen 4000 und 6000 Stück im Monat verkauft. Klar, dass ich beide Bücher [ Kind of Blue: The Making of the Miles Davis Masterpiece von Ashley Kahn und Jimmy Cobb und The Making of Kind of Blue: Miles Davis and His Masterpiece von Eric Nisenson] bestellt habe, das bin ich meinem Nerdismus schuldig.

Eine schöne Ankedote in der New Yorker-review handelt von einem Mann aus Iowa, der die drei Stücke auf der A-Seite (Vinyl-Epoche...) so vollkommen, so unübertreffbar fand, dass er die Platte NIE umdrehte - aus Angst, die B-Seite könnte ihn dann enttäuschen.

Gibt es, frage ich mich, ein eindrucksvolleres Beispiel wahrer Liebe? Mir jedenfalls fällt keines ein.





Dienstag, 2. Januar 2001

Flop Tracker und Layoff Tracker. Da wünscht man sich doch zur Abwechslung mal deutsche me-too-Sites...





Montag, 1. Januar 2001

Weil man alte Jahre ordentlich bilanzieren soll, hier mein persönlicher unvollständiger Poll 2000:

Investitionsruine 2000: Vivi@n, die moderne Frauenzeitschrift aus dem Hause Burda. Pünktlich zum 30. Dezember 2000 eingestellt, nachdem auch die Abschaffung des @ im Titel nichts mehr gebracht hat. Das Sofa wusste es schon nach der premiere issue.

Website 2000: Die Euroranch. Jeden Tag eine gute Tat - ein guter Soundclip. Sehr oft: traurige Country-Musik. Runner-up: Langreiter.com. Auf keiner anderen Website steht so viel, das ich nicht verstehe, aber in mir so viel Sehnsucht erweckt, es zu verstehen.

Gesamtwerk 2000: Jenes von Heimito von Doderer. 39 Jahre lang nicht zur Kenntnis genommen, im vierzigsten ohne Vorwarnung angefallen worden. Anspieltip, wie es die PR-Idioten der Plattenfirmen formulieren: Die Wasserfälle von Slunj.

Nicht realisiertes Konzept 2000: Ein Filmclub auf der Reeperbahn. Es wäre so schön gewesen. Eines von den Wichspornokinos mieten, die kein Geschäft mehr machen, weil sich zu Hause vor dem Videorecorder viel gemütlicher masturbieren lässt. Einmal im Monat eine Sonntagsmatinée, wie damals im Wiener Stadtkino, sagen wir gegen 15 Uhr. Mit all den Filmen, die in Hamburg nicht gespielt werden: Eustache oder Melville oder meinethalben auch Hail! Hail! Rock'n'Roll. Und dazu das passende Catering. Wenn wir hundert eingeschriebene Mitglieder haben, die fuffzich Mark im Jahr bezahlen, müsste es zu schaffen sein. Wir haben gar nicht erst angefangen, das zu organisieren. Zu faul. 1999 waren wir zu faul für das "mobile Restaurant", 1998 für die "kollektive Bar" und das "Vorspeisenrestaurant nach dem Prinzip eines Running Sushi, aber mit Wiener Schnitzel und Kaiserschmarren". Mal sehen, welche Geschäftsidee 2001 nichts wird.

Ewige Wiederkehr des Gleichen 2000: Deutscher linker Antisemitismus. A.k.a. Antizionismus. Der durchschnittliche deutsche Linke hält Kinder, die mit Steinen nach Juden werfen, für Freiheitskämpfer. Reiht euch ein, Genossen, in die deutsche Leitkultur!

Zeitschrift 2000: Die Jungle World. Nie Fehler gemacht. Und den deutschen linken Antisemitismus beim Namen genannt.

Völlerei 2000: Sobanudeln. Sogar in klingonischen Rezepten.

Sich selbst erfüllende Prophezeiung 2000: Als beim 3Sat-Börsenspiel der schmierigste aller Neuer Markt Analysten (kann mir mal endlich jemand erklären, warum das nicht "Analytiker" heisst?) sagte: "Morphosys. Kursziel 1000". Als er es sagte, lag der Kurs bei 100 oder so. Danach nicht mehr. Wir hätten wirklich zu gerne gewusst, wieviele Morphosys-Aktien der gute Mann vor seinem Auftritt gekauft hat.

Trailer 2000: Dr. Thuneke, No-Nonsense-Internist, bei der Ultraschall-Untersuchung meiner Eingeweide: "Ach hier, da haben Sie einen Nierenstein. Damit Sie gleich sagen können, was es ist, wenn Sie vor Schmerzen schreien."

Geduld zahlt sich aus 2000: Die Balzac-Coffeeshops in Hamburg. 12 Jahre lang war hierorts Kaffee ein Synonym für dünne bittere Suppe. Jetzt nicht mehr. Grande latte to go. Und die Verkäuferinnen sehen alle verdammt gut aus.

Versäumnis 2000: Während ich in Thailand war, die Histoire(s) du Cinema von Jean-Luc Godard auf Arte. Kann mir jemand das Video kopieren? Zahle jeden Preis.

Selbstbewussteins-Booster 2000: Jeden Morgen auf dem Weg zum Büro an der Hamburger Scientology-Zentrale vorbeigehen. In den Schaufenstern dieses Vereins, der nichts zu verbergen hat, sitzen lauter Loser, die wirklich alle, jeder einzelne, wie Loser aussehen.

Natur 2000: Der Himmel über Bahrenfeld, von unserer Wohnung (5. Stock, 12 Meter Glasfront, 3 Meter hoch) aus beobachtet. Sieht aus wie von Turner gemalt. Nein, noch besser. Erhabenes galore!

Restaurant 2000: Ninja Crepes. Koh Samui, Thailand. Es schmeckt wie es heisst: instant paradise.

Bargain 2000: Progression Sessions Vol. 4 by LTJ Bukem Featuring MC Conrad (2 CDs) für VIER Mark im Zardoz auf der Ottenser Hauptstrasse.

Bewegung 2000: Weblogs, of course.

Kunstwerk 2000: Scanner bei sound a.k.a space in Hamburg. Eine Ausstellung von Sound-Installationen, musique ameublement, so etwas in der Art. Scanners Installation waren fünf (glaube ich) lange Regalbretter mit Tonbandcassetten, die die Leute vorbeigebracht hatten. Tapes also, wie es sie gegeben hat, ehe es mp3 gab. Tapes, auf denen man seine Lieblings-Headbanger-Mucke aufgenommen hatte oder die Stücke, mit denen man die neue Freundin flachlegen wollte. Ein stummes Archiv, das nur in der Imagination sang. Groß!

Unschuldslämmer 2000: Jetzt tun sie in Sebnitz alle, als gäbe es keine Rechten in der Kunstblumenstadt.

Ist zwar politisch nicht korrekt, es zuzugeben, aber trotzdem geilster Körperteil 2000: Der sensationelle Hintern von Cameron Diaz in Charlie's Angels. Harry sieht es genauso.

Unerfüllbare Sehnsucht 2000: Eine Rückenmassage von Lucy Liu. Um einer solchen Gnade teilhaftig zu werden, muss man sein wie Larry Ellison.

Vertragsklausel 2000: "Der Verlag verpflichtet sich, keine Rezensionsexemplare an die Wiener Tageszeitung "Die Presse" zu liefern, so lange diese Andreas Mölzer als Kolumnisten beschäftigt." Andreas Mölzer ist Kulturberater Jörg Haiders. Die Klausel steht im Vertrag, den Meike und ich mit Droemer-Knaur über das Buch "Doppelpack" (buy it!) abgeschlossen haben, dem die Bild-Zeitung attestiert, es sei "Ally McBeal für Fortgeschrittene". Wo sie recht haben, haben sie recht...

Gadget 2000: Das Palm V Snap-On-Modem, im Duty Free des Abu Dhabi Airport gekauft.

Gefühl 2000: Ratlosigkeit.





Freitag, 29. Dezember 2000

Im New Yorker (alle Artikel hartnäckig offline, gefällt mir gut) ein schöner Text über Bürodesign: Alle Studien ergäben, dass Büros so gebaut werden müssen wie das East Village, wie es mal war. Kleine Apartments, aber permanentes street life. Dann flutscht es mit den Innovationen nur so. Man geht rum, quatscht mit Leuten, mit denen man sonst nie quatscht (dem netten Bagelbäcker, der entzückenden Coffeeshop-Verkäuferin, dem hinreissenden Datenbankprogrammierer), und danach hat man sieben gute Ideen. Das Problem ist nur: dass die meisten Büros gebaut sind wie suburbs. Jeder für sich, gated communities. Der New Yorker, der bekanntlich immer recht hat (ausser der blöde Sohn von Susan Sontag darf schreiben) bemerkt natürlich auch die Ironie: dass die Mittelschicht jetzt privat in suburbs lebt, aber in urban-like offices arbeiten will. Bis in die 50er hinein war es umgekehrt: man lebte im East Village, fuhr zum Arbeiten raus. Folge fürs Privatleben jetzt: da man im Job alles kriegt an social life, was man braucht, kann man privat zu Hause bleiben.





Immer noch gut. Hildegard ist immer noch da. Meine ewige Lieblingszeile lautet: "ich möchte von der Yacht aus die Küste verachten." In der Stiftung Sofatest haben wir ihrer schon einmal gedacht.

In Bielefeld wird für ein Symposion mit dem schönen Namen "Mediensalat" der Ulmer Hocker von Max Bill nachgebaut, in einer roten Version. Solange es noch Gestaltung hieß (an der Hochschule für Gestaltung in Ulm), war Design richtig gut.





Donnerstag, 28. Dezember 2000

Aus der Endlos-Serie "Was floppt". Diesmal: Das Talking.net. Die Geschäftsidee: Wer zu blöd ist, im Netz was zu finden, ruft eine Telefonnummer an, beauftragt einen "echten" Webguide (Erfurt, 8 Wochen Schulung) mit einem Rechercheauftrag, wird dann zurückgerufen oder zurückgemailt: Der Zug von Hamburg nach München geht dann und dann und kostet soundsoviel. Net Business, wo ich über diese famose Geschäftsidee gelesen habe (im Netz allerdings finde ich die Geschichte nicht, zu viel left-right-up-down-navigation...), schreibt, dass die TalkingNetAG bis jetzt 25 Mio in das Projekt gesteckt hat und 2001 noch mal 75 Mio investieren will. 500 Webguides sollen es insgesamt werden. Und sogar Parallel-Surfen soll angeboten werden: Wenn der überforderte User nicht weiterkommt beim Dildo-Bestellen im Online-Dildo-Shop, soll er anrufen, der freundliche Webguide sagt ihm dann per Telefon, auf welchen button dann man jetzt drücken muss und wo die Kreditkartennummer hingehört. Kostet 2,20 die Minute.

Wer hat eigentlich wann eingeführt, den User da draussen per default für einen Volldeppen zu halten? Ich glaube, dass es mit "Focus"-Geschichten, also im Print, begonnen hat, und dann mit "Mens´ Health" weitergegangen ist (wie bügelt man ein weißes Hemd fürs Meeting?). Irgendwann werden sie uns online das Zumpferl halten, wenn wir aufs Klo müssen. Oder so.





Heute zum 54.Mal in den letzten 2 Wochen einen Artikel lang Flash-Dissing gelesen. Und zum 32. Mal, nun ja, fast verächtliche, Bemerkungen über die Dominanz von "left side navigation". Kann es sein, dass die Muffigkeit der vom "more of the same" müde Gewordenen die wahre Triebkraft des Neuen ist? Die Kids wissen ja jetzt, dass man keine Flash-Sites mehr bauen darf und die Navigation nicht links hinmachen soll, bei Strafe der Uncoolness. Also was anderes machen.

Schön ist natürlich auch, dass es bald eine neue Muffigkeit geben wird: angesichts der nicht-mehr-links-stehenden-Navigationen, die wir im nächsten Quartal bedienen müssen. Dann wird man muffig wieder "standards" einklagen.

Könnte ein psychologisches Gesetz sein: Born to be cool = born to be muffig.





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