Mittwoch, 27. November 2002

Sex zum Beispiel kommt fast gar nicht drin vor, das finde ich schon mal sehr erfreulich.





Dienstag, 26. November 2002

Quecksilbrigkeit.





Im Alter von 40 bis 50 Jahren pflegen Menschen eine seltsame Erfahrung zu machen. Sie entdecken, daß die meisten derer, mit denen sie aufgewachsen sind und Kontakt behielten, Störungen der Gewohnheiten und des Bewußtseins zeigen. Einer läßt in der Arbeit so nach, daß sein Geschäft verkommt, einer zerstört die Ehe, ohne daß die Schuld bei der Frau läge, einer begeht Unterschlagungen. Aber auch die, bei denen einschneidende Ereignisse nicht eintreten, tragen Anzeichen von Dekomposition. Die Unterhaltung mit ihnen wird schal, bramarbisierend, faselig. Während der Alternde früher auch von den anderen geistigen Elan empfing, erfährt er sich jetzt als den einzigen fast, der freiwillig ein sachliches Interesse zeigt.

Zu Beginn ist er geneigt, die Entwicklung seiner Altersgenossen als widrigen Zufall anzusehen. Gerade sie haben sich zum Schlechteren verändert. Vielleicht liegt es an der Generation und ihrem besonderen Schicksal. Schließlich entdeckt er, daß die Erfahrung ihm vertraut ist, nur aus einem anderen Aspekt: dem der Jugend gegenüber den Erwachsenen. War er damals nicht überzeugt, daß bei diesem und jenem Lehrer, den Onkeln und Tanten, Freunden der Eltern, später bei den Professoren oder dem Chef des Lehrlings etwas nicht stimmte! Sei es, daß sie einen lächerlichen verrückten Zug aufwiesen, sei es, daß ihre Gegenwart besonders öde, lästig, enttäuschend war.

Damals machte er sich keine Gedanken, nahm die Inferiorität der Erwachsenen einfach als Naturtatsache hin. Jetzt wird ihm bestätigt: unter den gegebenen Verhältnissen führt der Vollzug der bloßen Existenz bei Erhaltung einzelner Fertigkeiten, technischer oder intellektueller, schon im Mannesalter zum Kretinismus. Auch die Weltmännischen sind nicht ausgenommen. Es ist, als ob die Menschen zur Strafe dafür, daß sie die Hoffnungen ihrer Jugend verraten und sich in der Welt einleben, mit frühzeitigem Verfall geschlagen würden. [Horkheimer/Adorno, DA]





Montag, 25. November 2002

Endlich wieder eine schöne Suchanfrage. Platz 45 bei meine tochter ist nicht gut in der schule, und wenn ich sage lernen macht sie es nicht. Zusatzauskunft von Google: "Alle Wörter ab "nicht" wurden ignoriert, da Suchanfragen auf 10 Begriffe beschränkt sind. Die folgenden Wörter kommen sehr häufig vor und wurden daher in Ihrer Suchanfrage ignoriert: ist in der und ich es."





Wenn Föhn ist, dann steht am Horizont Richtung Gebirge ein schwefelgelber Streifen. Die Wolken stauen sich. Die Luft ist klar. Nicht sichtbare Watte hüllt die Aufregung ein. Die Menschen sind merkwürdig. Ein jeder scheint ziellos in Eile zu sein. Bei Föhn wird man vergesslich und grundlos hektisch. Junge Frauen schlagen mit schicken Kleinwagen einen Vollkreis auf der Straße. Als sei es das Normalste auf der Welt, die Richtung mit einem Stunt zu ändern. Sicher haben sie etwas vergessen. Vielleicht den Herd auszumachen. Oder Strümpfe anzuziehen. Die Aggressiven werden von den Duldsamen auf das Übelste beschimpft. Straßenbahnfahrer fallen aus der Rolle und produzieren bizarre Ansagen. Fahren eine Station zu weit und halten nicht. Das wundert nicht. Um den Flughafen im Nebelmoos kreisen Linienflieger wie Schnaken um eine Glühbirne. Als ob der Luftdruck das Fliegen erschwerte. Gesetzte Radiosprecher werden blödsinnig kindisch. Wer kann, fährt zum schwefelgelben Streifen, in das Auge der Erscheinung. Bricht aus, fährt Ski und sieht die Irren von oben an. Ein jeder jammert. Und keiner weiss weshalb.





Sonntag, 24. November 2002

Der kleinbürgerliche Putschismus. Letzte Woche hat sogar der gute Herr Grandits in der 3sat-Kulturzeit die durchaus nicht ironisch gemeinte Frage gestellt, ob uns nun "nur noch ein benevolenter Tyrann retten" könne. Die Volksgemeinschaft, die da gerade geboren wird. Das Baring-Getobe gegen "Zynismus", "Spielertum" etcetera. Die Mittelstand-Apologien. Und die neuen Christiansen-Lippen.





Gerade die Vorstellung von Korkwänden in kleinstädtischen Teenager-Zimmern, vollgepinnt mit Berlin- und Londonadressen aus Zeitschriften, für die nächsten Sommerferien.





Beuteschema: Bourgeoise Frauen, die sehnsüchtig schauen.





Zwei Wörter, keine Ahnung woher, Verleser, oder aus Müdigkeit.

  • Kältespiele
  • Nahkauferfahrung (... so etwas wie Nahtoderfahrung ...)




Die Zeitregulierung im Schachspiel hinkte der allgemeinen Entwicklung auf dem Weg zur Zeitdisziplin stets hinterher. Noch beim Londoner Turnier 1851, als die Eisenbahnen schon pünktlich auf die Minute verkehrten (oder zumindest Verspätungen gegenüber einem existenten Fahrplan produzierten), gab es im Schach keine Zeitbeschränkung. Einzelne Partien dauerten damals bis zu 20 Stunden. Im Wettkampf mit Paul Morphy brütete Louis Paulsen mitunter zwei Stunden über einen einzigen Zug. Es ist aus heutiger Sicht nicht ohne Interesse, wie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts versucht wurde, die Zeit organisatorisch wie technologisch in den Griff zu bekommen.

Die Regel, dass Zeitüberschreitung den Verlust der Partie zur Folge hat, hat sich erst nach langem Zögern und Experimentieren herausgebildet. Zunächst wurde versucht, die Zeit für einen einzelnen Zug oder eine Zahl von Zügen zu beschränken. Der Mehrverbrauch konnte durch das Bezahlen einer Buße vom Spieler erkauft werden. Die (häufig uneinbringlichen) Bußgelder, Zeitbudgets und Zugzahlen variierten allerdings stark. Erst der 1924 gegründete Weltschachbund FIDE setzte nach und nach einheitlichere Zeitmaße durch.

Die Versuche, die Zeitdisziplin durchzusetzen, blieben im 19. Jahrhundert natürlich nicht unwidersprochen. Am bezeichnendsten für das Ende der Laissez-faire ist jene Geschichte, die sich beim Wiener Turnier 1882 zugetragen hat. James Mason überschritt gegen Henry Edward Bird die Zeit. Bird reklamierte jedoch nicht, und am Mason gewann die Partie. Wilhelm Steinitz, der direkte Konkurrent Masons um den Turniersieg, protestierte beim Schiedsgericht, worauf dieses Bird den Sieg zusprach. Etwas hatte sich verändert, wie bei den Regulativen der Arbeitszeit in den Fabriksordnungen 19. Jahrhundert: Musste um 1860 der so genannte blaue Montag, den die Facharbeiter in Lokomotiv-Fabriken gerne feierten, noch explizit verboten werden, so findet sich um 1890 nicht einmal mehr ein Verbot desselben.

Ernst Strouhal: Schach im Zeitalter der Ungeduld. Aus: Karl - das kulturelle Schachmagazin, sehr fein.





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