Henning Mankell: Die Brandmauer, Zsolnay 2001 Global operierende Globalisierungsgegnerhackerbande will das globale Wirtschaftssystem kaputtmachen, indem einer von den Hackern in der schwedischen Provinz eine magnetstreifenmanipulierte Kreditkarte in einen Geldautomaten steckt. Blöderweise erliegt der Mann einen Gehirninfarkt, die Bande wird nervös, bis nach Angola hinunter, bringt Leute um, alles geht schief, am Ende hat der Muffkopp Wallander den Fall aufgelöst, die Kontenströme gehen weiter, findet er auch doof, aber ist halt sein Job, weitermuffen. Gott, ist das öde.
Jean-Christophe Rufin, Globalia, Kiepenheuer & Witsch 2005. Die schöne neue Welt lebt unter Biosphäre-Kuppeln, alles klimatisiert und wohltemperiert, vom Klima bis zu den Temperamenten. Junger Mensch, damit nicht zufrieden, haut ab in die wilden Zonen da draußen zwischen den Kuppeln, lernt lauter wilde, aber authentische Leute kennen, Sonnenbrände, Hunger, echte Gespräche über den Sinn von dem allen, am Ende gewinnt das schöne neue globale alles beherrschende von Bill-Gates-ähnlichen benevolenten Daddy-Diktatoren aufgezogene System, aber immerhin kann der junge Mann mit seiner Ische weiter draußen bleiben bei den authentischen Leuten. Gott, ist das öde.
David Peace: 1974. Liebeskind, 2005
Poser!
Uwe Tellkamp, Der Eisvogel, Rowohlt Berlin 2005
Die Berliner Republik vor der Jahrtausendwende. Der arbeitslose Philosoph Wiggo Ritter lernt den Patentanwalt Mauritz Kaltmeister und dessen Schwester Manuela kennen. Kaltmeister hat den rechten Geheimbund Wiedergeburt gegründet, eine Art Antipöbel-Wutverein, dem Industrielle, Geistliche, ein einflussreicher Politiker und andere Stützen der Gesellschaft angehören. Nun will Kaltmeister die Wiedergeburt um einen bewaffneten Arm ergänzen, eine Art Rechte Armee Fraktion mit dem Namen Cassiopeia (das gleichnamige Sternzeichen gleicht einem W), die Warenhäuser sollen brennen, wie damals bei der RAF. Dabei macht Ritter, zuvor einverstanden mit dem Wiedergeburt-Programm (geistige Rundumerneuerung, Massenkulturhass, Demokratieverachtung, Elitestaat) dann aber doch nicht mit und schießt Kaltmeister tot, während die Kulisse, eine stillgelegte Fabrik, in die Luft geht. Hinterher liegt er mit schweren Verbrennungen in der Intensivstation und erklärt sich, dem Leser und dem Herrn Verteidiger: wie hat es bloß dazu kommen können?
Diese Erklärung, wie ein Philosoph zum Beinaheterroristen wird, ist der Tellkamproman, der jetzt da und dort als ein Symptom besprochen wird - für einen neuen dringlicheren Geist, für einen neuen höheren Ton in der Dichtung. Kein Popliteratenroman mehr, sondern ein Berlinerrepublikroman, in dem keine CD-Listen und keine Klamottenmarken und kein Herumsaufen mehr vorkommen, sondern die drängenden Fragen der Epoche, jedenfalls für die Deutschen, behandelt werden. Ein Roman, in dem der Spaß und die Ironie vorbei sind und sich endlich einer einmal dem Untergang stellt, der um uns alle spielt, musst ja nur ins Fernsehen schauen, was für einen Dreck sie da spielen, musst nur das Radio anmachen, was für einen Dreck sie da spielen, musst nur in einen Buchladen gehen, was für einen Dreck sie da stapeln, musst nur in einen Schuhladen gehen, was für einen Dreck sie dir da andrehen wollen, musst nur in ein Arbeitsamt gehen, was für begabte junge Menschen, die Besten ihrer Generation, da herumwarten und kein Auskommen finden. Als so ein Buch also wird der Tellkamproman da oder dort besprochen, als ein Menetekel, das er der selbstvergessenen Gesellschaft geschrieben hat. Dabei reden doch die Merkel und der Merz, solange er noch im Amt war, und der Stoiber und der Industrie- und Handelstag den ganzen Tag auch nichts anderes, so dass man für einen Klamottenmarkenroman schon wieder zutiefst dankbar wäre.
Falls man den Tellkamproman aber tatsächlich liest - denn wozu sollte man sich noch ein paar Epochenschelten und noch ein paar Ruckreden und noch ein paar Zustandslamentos zumuten - findet man aus der Verwunderung nur schwer wieder heraus. Das soll es jetzt sein? Dieser Trash, der dem, was er verdammt und womit er sich quält, so sehr gleicht?
Von den prononciert ausgesuchten Adjektiven abgesehen, hat Tellkamp eine Plotte geschrieben, auf jeder Seite ahnt man im Tellkampkopf den inneren Fernsehproduzenten, der eine To-Do-Liste abarbeitet: Vorstadtvilla, verkommenes Altbauloch, Bösewichter in Nadelstreifen, kinky Sex, mad scientists, Frauen, die's im Bett nicht ernst meinen, Kindheitstraumata, Explosionen, große Abschlussreden zu gezogenen Pistolen - alles, was in einen deutschen Fernsehkrimi hineingestopft wird, ohne dass er sich dagegen wehren könnte, kommt bei Tellkamp auch vor.
Ein Leser wie ich zum Beispiel, der zufällig auch Philosophie studiert hat, fragt sich nach spätestens fünfzehn, zwanzig Seiten, was das denn für einer ist, der als Philosoph durch den Roman gescheucht wird, ein Depp, der ständig die Philosophie mit Distinktionsgespreize verwechselt und mit ihr nichts anderes anzufangen weiß, als sich bei jeder Gelegenheit selbst zu attestieren, dass er ein geistiger und ein musischer und ein sehr ernsthafter Mensch ist. Damit fängt es schon an in dem Tellkamproman: Einer, von dem behauptet wird, dass er ein Philosoph ist, ist noch lange keiner. Dazu sollte er nämlich denken und analysieren und argumentieren können. Doch einem vom Format des Herrn Ritter würden selbst an einer überlasteten Massenuniversität bereits die Proseminararbeiten wieder zurückgeschmissen werden, weil die Philosophie schon lange nicht mehr ein Werkzeug dafür ist, sich selbst vornehm zu finden. Es ist bei Tellkamp wie so oft in der Unterhaltungsindustrie: Der Geisteswissenschaftler ist ein Maniker mit flackernden Augen und wundem Herzen, der keinen Tau hat von seiner eigenen Disziplin. In der Unterhaltungsindustrie hat die Geisteswissenschaft immer nur einen Gefühls-Dekorations-Job zu erledigen und nie einer Disziplin zu gehorchen, in der Unterhaltungsindustrie sitzen, lamentieren, denken Geisteswissenschaftler immer nur herum und sagen Sätze, die man sich irgendwo hinsticken und in einen Herrgottswinkel hängen könnte, aber in einem geisteswisssenschaftlichen Text nichts verloren haben. So ein Depp also ist der Tellkampromanphilosoph: einer, der ein ganzes Buch lang, in dem er sich unablässig bescheinigt, einen supertiefen Gedankenreichtum zu haben, keinen einzigen Gedanken denkt, den man für einen Gedanken nehmen könnte; einer, aus dessen Kopf bloß ekelige Wehleidigkeit herauskommt oder ekeliger Abscheu vor dem blöden Massenmenschen oder ein ekeliges Sichbesserdünken gegenüber der Welt der materiellen Zwecke, der interessengepeitschten Geldwelt, in der das Geistige die Dignität nicht mehr abbekommt, die das Geistige für einen Unterhaltungsindustriellen vermutlich nur solange haben kann, solange man es gegen die Welt hinausdeklamiert, ohne dass die Welt widersprechen dürfte. Kein Gedanke, ein ganzes Buch lang. Keine Analyse, keine Kritik, keine Argumentation, kein Urteil, keine Ableitung, nichts, was Philosophen seit reichlich über 2000 Jahren machen. Bloß Ressentiment, Selbsterhebung, Selbstbehauptung, Geschwalle.
Aufs Ganze gehen, neuer Ton, you wish! Wie in jedem schundigen deutschen Formelvorabendfernsehfilm und wie in jedem schundigen amerikanischen formula book, die Tellkamp so inbrünstig verachtet, kann er sich für den Weg seines Geisteshelden zum Beinahe-Terroristen auch wieder nur Motive vorstellen, die von jenseits des Nachdenkens stammen, in Urszenen, in der Pubertät, im Biografiemüll verkapselt sind. Ohne Motive kommt der Tellkamproman so wenig aus wie eine Erik-Ode-Kommissar-Folge, in der ja auch immer der Trinkspiel-Augenblick dräut, in dem beim Verhör in der Waldvorortvilla die kalte herzlose Pubertät des Verdächtigen ausgepackt wird. Nix kommt von nix, aber vom Nachdenken kommt es nie. Der Tellkampphilosophenvati nämlich ist ein Investmentbanker, und früher war er ein 68er und hat auch seine Ideale gehabt, da wird dem Tellkampleser gleich mitgegeben, dass das eine Sowasvonsau sein muss, doppeltböse. Damals in der Wiggofrühgeschichte haben die Ritters in Nizza gelebt, wurzellose globale Investmentbankersippschaft, nirgendwo schollig werdend. In Nizza hat die Mutter Wiggo irgendwann zum Maßschneider geschickt, damit er immer einen schönen Maßanzug tragen kann, und Wiggo hat sich in die Schneidereiangestellte verliebt, aber gleich nachdem er das erste zarte Liebesgefühl in seinem Leben verspürt hat, hat er beim Spazierengehen am Nizzastrand seinen Vati mit der Schneidereiangestellten beim Ficken belauscht, und dabei hat die Schneidereiangestellte zum Vati gesagt, sie glaubt, dass der Sohn sich in sie verliebt hat. Bumm, ist ein Trauma fertig, man kann es nicht anders sagen, immer sind die Alten da und nehmen einem die Gelegenheiten weg. Und es bleibt einem gar nichts anderes übrig als ein empfindsames Traumahascherl zu werden, das in eine Privatschule hineingesteckt und vom Vati für eine gute Karriere verplant wird, auch wenn man das selbst gar nicht mag, sondern lieber ein Philosoph werden und über die Welt nachdenken will, bloß nicht auch so ein entwurzelter Geldmensch werden, der überall herumzieht und überall Geschäfte macht und überall mit den Frauen herumschläft und die Mutti schließlich herzlos austauscht gegen eine viel jüngere Flitschen.
Damit hat es aber im Tellkamproman noch nicht sein Bewenden, da kommt wie in der Unterhaltungsindustrie immer noch etwas nach, da kommt die Wucht aus dem Auftürmen, da müssen dem Romanleser noch ein paar weitere Traumata des begabten Kindes hineingeprügelt werden, damit er denkt: na bumm, ein armer Hund, der Romanheld, kein Wunder, dass er so leidet. Also lässt Vati Wiggo in seiner Bank antanzen, um ihm die Flausen auszureden, kannst anfangen bei mir, 100.000 Anfangsgehalt, Philosoph, so ein Schwachsinn. Und hetzt ihm gar seine eigene Spitzenassistentin an den Schwanz, gehns Fräulein, denkt sich der Tellkamproman vom Philosophenvater aus, gehns Fräulein, würden sie bitte meinen Sohn verführen, damit der wieder einen Gefallen am Leben findet und nicht ein Philosoph werden will, falls Sie das schaffen, Fräulein, bekommen Sie auch den Job in Singapur. Und sicher macht die das und verführt Wiggo und fickt mit ihm in einer Wohnung, von der aus der Blick über den Bundeskanzlerpalast schweifen kann, und der Wiggo ist auch gründlich verwirrt hinterher und kommt ein wenig ins Straucheln mit seinem Philosophiewollen, aber dann sagt die Vatiassistentin, dass das jetzt aus und vorbei ist, all over now, Englisch, Entwurzelungssprache, war ein Spaß, war schön, aber jetzt nicht mehr, und ob er denn glaubt, dass sie das denn freiwillig getan hätte. Noch ein Trauma also für den armen Wiggo, superdick kommt das in so einem Symptomroman, Trauma galore.
Wieso, frage ich mich dabei, wieso müssen in den aufs Ganze gehenden Romanen dieser Ganzgehburschen die Frauen immer so zwanghaft geschlechtlich sein und den Romanhelden immer so eine Geschlechtsangst machen? Bei Kunkel ist das ja auch so gewesen oder bei Hoeullebecq. Dass denen nie eine andere Frau einfällt als eine, die ihr Geschlechtsteil berechend, lüstern oder sonstwie hinterhältig einsetzt und den Männern einen Geschlechtsdolchstoß gibt! Sind es denn nicht die Ganzgehburschen, die vor der Dekadenz und der Verkommenheit der zeitgenössischen Welt verächtlich ausspucken? Warum bringt dann ihr Kunst- und Zeitdiagnostik- und Verurteilungsgewolle nie etwas anderes zustande als diese Trashmädels, die ihre Pussies zu Panikattacken schmieden? Dass die immer noch so schreiben, als würden sie dem Theweleit Belegstellen für die Männerfantasien liefern wollen! [Wäre vielleicht eh gut, gäbe es einen dritten Männerfantasieband, Gegenwart statt Weltkrieg I: das Flintenweib in der Epoche des globalisierten Kapitalismus, transnational.] Im Tellkamproman jedenfalls hat es viele böse Pussyfrauen: die Schneidereiangestellte, die es mit dem Vati tut, und die 30jährige, die den Vati heiratet, und die Vatiassistentin, die nach Singapur will, und die Terroristenschwester, die kinky Revolversex haben will, und die eigene Schwester, die es mit dem Vati hält und mit einem Fernsehcomedy-Idioten lebt, und als der Wiggo schließlich verbrannt in der Intensivstation liegt, wird er von einer feministisch anagitierten Krankenschwester mit Bettpfannen und Stuhlgangfragen traktiert - das kann sich der Tellkamproman nämlich auch nicht ersparen, dass er der lästigen Krankenschwester einen Feminismus ankreidet, so wie er dem lästigen Vati ein 68-er-Bekenntnis ankreidet, das muss auch sein, unforced historische Vertiefung, drangepapptes Ressentiment. Und die einzigen Frauen, die gut sind im Tellkamproman, sind erstens Mutti, zweitens die Spachtelmassenfabrikantin, die ein apricotfarbenes Kostüm zu apricotfarbenen Lippen und apricotfarbenen Schuhen trägt, jede Menge color coordination, und eine andere Krankenschwester, die Eichendorffgedichte auswendig hersagen kann. Oh ja, es gibt sie, die sanfteren Frauen, sie haben kein Geschlecht, sie tragen Apricot und kennen Eichendorff. Schon klar, ein jeder kann sich ausdenken, was er will in so einem wuchtigen Roman. Aber manchmal macht man sich schon seine Gedanken darüber, ob die Erhabenheit eine Funktion der Geschlechterpanik ist.
Fair bleiben jetzt, Praschl. Es sind ja nicht nur die Frauen, die einen Terroristen machen. Das hier ist mehrdimensional, großes Ganzes, Motiv-Multitasking. Nächstes Trauma auf der To-Do-Liste: Arbeitsplatzverlust. Erstaunlicherweise hat es nämlich der Tellkampphilosoph dem Vater zum Trotz doch zu etwas gebracht; grandiose Dissertation über Thomas Morus geschrieben, danach vom Doktorvater zum Assistenten erkoren, alles prima. Doch dann schmeißt der Professor ihn von einem Tag zum anderen einfach raus, wegen irgendwelcher unbotmäßig reaktionärer Gedanken, ah! die Diktatur der politischen Korrektheit. Das ist es dann gewesen mit der Philosophie als Beruf. Jetzt sitzt Wiggo auf dem Arbeitsamt und muss sich sagen lassen, dass es noch nie gelungen ist, einen arbeitslosen Philosophen in ein philosophisches Arbeitsverhältnis zu vermitteln, lassen Sie sich doch umschulen, anders wird das nichts mehr mit einem Auskommen. So ist das nämlich, Job weg, einfach so, und was ist das denn bitte schön für ein Staat, in dem Fernsehcomedy-Idioten und Investmentbankerassistentinnen eine Wohnung und ein Auto und alles andere auch haben, aber ein ehrlicher Philosoph, der niemandem etwas zuleide tut und über ernste Fragen nachdenkt, kein ehrliches Auskommen mehr findet, sondern sich als subalterner Labordiener verdingen muss?
Jetzt ist er reif. Jetzt ist er ansprechbar. Jetzt ist er verführbar. Jetzt stiehlt sich der Mauritz Kaltmeister mühelos in seine wunde Seele hinein. Dass das System, das einen so begabten musischen Menschen wie einen Wiggo Ritter einfach ausspuckt, nur ein Dreckssystem sein kann, dazu muss der Kaltmeister ihn gar nicht erst lange überreden. Und dass eine Wiedergeburt, in der der Geist noch etwas wert ist und die Kulturmenschen das Sagen haben statt des Pöbels, ist ebenfalls ein Gedanke, der ihm schnell einleuchtet. Wo die Wiedergeburtsmitglieder doch so schöne Apricotkostüme tragen und ein Bischof zu ihnen gehört und sie so einen guten Benimm haben und die klassische Musik und die Linnésche Taxonomie schätzen. Und vielleicht ist es sogar richtig, dass wieder einmal ein Krieg hermuss, damit die Gesellschaft endlich wieder einmal durchgeschüttelt wird und den Mehltau abschüttelt, das öde Demokratische, das doch nur zum Massengeblöke und zur Pöbelherrschaft führt. Jetzt ist der Wiggo also fällig, und das alles nur, weil Paps vor vielen Jahren mit der Frau, in die der Sohn sich verliebt hat, geschlafen hat, umgedrehter Ödipus, böser böser 68er-Triebdämon.
Bequemerweise sind die Wiedergeburtler ja gar keine Nazis. Ein Nazi, ich?, schüttelt sich der Wiedergeburtler, mit derselben Geste, mit der sich auch ein Michael Ballack gegen die Schiedsrichterpfeife verwehrt, obwohl jeder im Stadion das Foul gesehen hat. Der Wiedergeburtler hat doch nix gegen den Juden, nix gegen den Ausländer und nix übrig für die Welteroberung. Die Sorte Krieg, die Kaltmeister sich herbeisehnt, ist einer gegen das Lasche, nicht gegen den Osten - der Geist soll einen Lebensraum bekommen, nicht das deutsche Volk. Und wenn die Wiedergeburts-Elitetruppe, zuerst zögernd, dann erleichtert die Nationalhymne anstimmt, dann aber eh nicht die Nazistrophen, kannst ganz beruhigt sein. Später, in der zweitschäbigsten und zweitbilligsten Passage des Tellkampromans, wird Kaltmeister in einer U-Bahn ganz alleine, sich beherzt auf Samurai-Kampfeskunst verlassend [oh! all die deutschen Fernsehkrimis, in denen die Bösewichter in Judoanzügen das Verkloppen trainieren!], einen Kampfhund schlachten und ein paar Skinheads fast tothauen, weil sie ein ausländisch aussehendes Paar bedroht haben. Da weiß der Leser: Der Nazi-Verdacht geht ins Leere, hier ist etwas anders zuhause, das wollmer mal festgehalten wissen, nicht wahr?
Was muss ein Rekrut machen, um seine Loyalität zu beweisen? Richtig: eine Mutprobe. Kaltmeister verlangt von Ritter, den Professor zu erschrecken, der ihn hinausgeworfen hat. Und so steigt in der allerschäbigsten und allerbilligsten Passage des Tellkampromans Wiggo in einem Clownskostüm in die Wohnung des alten Phiosophen ein, um dessen Heimkehr zu erwarten. Es stellt sich heraus: der Professor ist ein Messie, eine Drecksau, seine Wohnung mit Staub überzogen, Müll im Flur, eine einzige Müllhölle. Und im Arbeitszimmer stehen Heideggerbände! Obwohl er sich doch immer über Heidegger lustig gemacht hat! Als der alte Herr dann nach Hause kommt, beobachtet Ritter aus seinem Versteck, wie er im Bademantel durch die versiffte Wohnung schlunzt, wie er duscht, wie er ein Micky-Maus-Heft liest. Und dann sieht er auch die eintätowierte Nummer auf dem Arm des alten Herrn. Und beschließt, ihn nicht zu erschrecken, sondern sich leise wieder aus der Wohnung zu stehlen.
[Ja, es geht tatsächlich so schäbig im Tellkamproman zu. Als ich mir auszumalen versucht habe, wie an genau dieser Stelle die Tellkampimagination beschaffen gewesen sein muss, ist mir gleich wieder so klamm geworden wie jedes Mal, wenn einer die Auschwitzkarte zieht, Auschwitzkarte, weil das ja immer nur ein Spielzug ist, ein Signal, mit dem herumgefuchtelt wird an bestimmten Stellen, an denen Leute sich einbilden, dass jetzt ein Spielzug oder ein Signal fällig wird, und ich stellte mir dann Tellkamp vor, wie er über seinem Text gesessen und einen alten Mann in eine Badewanne hineingeschrieben hat, und er hat sich vorgenommen, ein junger Mann soll ihn gleich fürchterlich erschrecken, und wie kriegt er es jetzt hin, dass der junge Mann von seinem Vorhaben ablässt, und dann fällt Tellkamp genau ein Spielzug ein: er tätotowiert den alten Mann, den er sich ausgedacht hat, mit einer Auschwitznummer. Und genau an diesem Punkt, Auschwitz ex machina, fällt es einem so schwer, was einem doch sonst immer gelingt: der literarischen Imagination alles für – eben nur literarisch durchgehen zu lassen. „- na und, verdammt noch mal? Kann einer der im KZ gesteckt hat, nicht trotzdem ein Arschloch sein?“, lässt Tellkamp hinterher Kaltmeister dem Ritter sagen, nachdem der ihm von der Auschwitz-Nummer erzählt hat. Und einen Augenblick lang, nachdem ich das gelesen habe, habe ich mich gefragt, ob das vielleicht der Satz gewesen ist, den Tellkamp als allerersten hatte, der eine Satz, den er loswerden, in einem Buch haben wollte, but then again, solche Fragen stellt man nicht… (– Na und, verdammt noch mal? Kann einer, der bloß einen Roman geschrieben hat, nicht trotzdem ein Arschloch sein?) ]
Danach: Kaltmeister ist gründlich enttäuscht, Wiggo nimmt an einer Art Wehrsportübung teil und verliebt sich in Kaltmeisters Schwester, die sich ihrerseits verliebt, Kaltmeister wird immer manischer, Showdown mit großer Kaltmeisterterroristenverzweiflungsabschlussrede, Pistolengefuchtel, schließlich Wiggo, der Kaltmeister erschießt, aus fertig. In einem Sat1-Filmfilm wäre das Gebäude umstellt und ein Polizeihubschrauber würde über ihm kreisen, aber geht das zur Not auch so.
Sicher kann sich einer ausdenken, was er will. Ist doch eh nur ein Roman. Was mach ich aber mit den Ehnurromanen von einem Ehnurdichter, der sich in seinen Marketing-Maßnahme-Interviews ein Branding verpasst, in dem die Dichtung eine Dignität hat, vor der du lieber in Deckung gehst, so ernst meint die Dichtung das?
Das bin doch nicht ich, das ist doch nur meine Figur, komm mir doch nicht so unliterarisch daher.
Andererseits: ein bisserl Empathie geht alleweil.
Das rein Somatische an all den Figuren. Alles, was die gegen die Zeit, die Epoche, den Staat, das System haben - ist so etwas wie ein Jucken, eine Allergie. Die rechte Revolution wäre dann so etwas, wie sich zu kratzen. Oder endlich einen Pullover anziehen zu dürfen, der nicht juckt.
Worüber ich auch nachgedacht haben könnte, wenn ich nicht zu müde gewesen wäre: Warum Tellkamp in seiner Geschichte keiner einfällt, der die Fragen stellt, die jeder sich stellen würde, würde er mit so einem Kriegs- und Revolutionsprogramm anagitiert – wie so ein Elitedingsbums sich denn praktisch, alltagsmäßig ausgestalten ließe. Ich jedenfalls würde da ja nachfragen: Bittschön, Herr Kaltmeister, und wenn die Wiedergeburt dann gesiegt haben wird, wie stellen Sie sich das dann vor mit der Eliteherrschaft? Machen Sie da vorher Elite-Assessment-Center, ob einer auch hart und musisch genug ist für die hohe Aufgabe, würde ein Minister hinausgeschmissen, wenn er den Genetiv nicht beherrscht, würde man in ein Umerziehungslager kommen, falls man mit einer Britney-Spears-Platte oder einem Stuckradbarre-Buch erwischt würde? Und was würden Sie denn mit den arbeitslos gewordenen Investmentbankern oder den Fernsehcomedyidioten anfangen? Würden die dann Eichendorff-Gedichte vortragen müssen?
Fair bleiben, Praschl: Das ist eine grauenhafte Kolportage, heißt es da oder dort in den Kritiken ja auch. Und dann kommt hintendrein gerne der Satz: „Aber sprachlich kann er was“. Nun ja. Man könnte ihn ja zitieren:
- Philosophie. Aha. Der alte Kaltmeister blies geruhsam den Rauch seiner Zigarre aus, neigte den Kopf nach hinten, ließ Rauchringe steigen, die im Halbdämmer des Zimmers wie in einem mäßig beleuchteten Aquarium aufschwammen, durch die herabgelassenen Jalousien einfallendes Licht durchtauchten, unter der hohen Decke, an der ein ausgreifender Leuchter in Gestalt eines Oktopus hing, zerflatterten. Dann sind Sie also auch ein geheimer Baumeister. Die Kunst des Staatsbaus scheint mir eine der schwierigsten Künste zu sein, die das Menschenwesen kennt. Ordnung und Unordnung, diese zwei Gefahren bedrohen unaufhörlich die Welt, sagt Valéry. Womöglich ist die Unordnung gefährlicher? Jedenfalls scheint mir heute einiges dafür zu sprechen... Möchten Sie noch einen Tee, Herr Ritter?
Die Welt, 13. August 2004:
Die Welt: In Klagenfurt wurden Sie aus durchaus nahe liegenden Gründen vor lauter Begeisterung gleich zur Reinkarnation von Claude Simon geschlagen.Uwe Tellkamp: Naja. Simon kenne ich zwar und mag ich auch, wie Lobo Antunes und Faulkner und Günter Grass. Aber wenn ich mich auf zwei Vorbilder festlegen sollte, wären das Thomas Mann vor allem und Marcel Proust. Weil beide Epiker sind und mich das Epische immer interessiert hat. Das Weltumgreifende, der Roman als Kapsel, als Botanisiertrommel der vergangenen Zeit.
Fühllosigkeitsliteratur.
Die Wahrnehmungsimpotenz von so einem.
Santiago Gamboa, Die Blender, Wagenbach 2005 (im Original 2002)
Ein Fernsehredakteur aus Paris, kolumbianischer Immigrant, zäher Zyniker, was sein Leben, die Frauen, das Fernsehen betrifft; ein kolumbianischer Literaturdozent und Romancier aus Austin/Texas, höchst erfolglos, aber davon überzeugt, in die erste Liga der Weltliteratur zu gehören, tagträumend von Susan Sontag-Botschaften auf seinem Anrufbeantworter; und ein vor der Emeritierung stehender Sinologe aus Hamburg, geschätzt in seinem Fach, penibel, lebensunerfahren und ein Zauderer, werden vom Autor nach Peking geschickt und, jeder für sich, jeder aus anderen Gründen, in eine mehrfach verwickelte Agenten-, Doppelagenten- und Kriminalgeschichte gehetzt. Es geht um ein kostbares Manuskript aus der Zeit der Tang-Dynastie, von der Sekte der "Boxer" (wie sie von den Europäern genannt wurde) als heiliger Text angesehen, verschwunden während des Boxeraufstandes, jahrzehntelang in einer französischen Kirche gebunkert, nun wieder aufgetaucht, die Nachfahren der Sekte wollen es verständlicherweise wieder in ihren Besitz bringen, die französische Kirche will es mit Hilfe der Botschaft und des Geheimdienstes außer Landes schaffen, damit es nicht zu politischen Verwicklungen kommt, eine Splittergruppe der Sekte will es ebenfalls haben, der Sinologie-Professor hat schon immer den Dichter geliebt, der es geschrieben hat, der chinesische Großvaters des Erfolglos-Schriftstellers hat es vor seiner Flucht nach Kolumbien einem französischen Leutnant zur Aufbewahrung gegeben, der Pariser Fernsehredakteur ist ohne sein Wissen vom Geheimdienst als Manuskript-Herausholer ausgeguckt worden, kurzum: völliges Chaos. Und Gamboa inszeniert es, immer noch eine weitere Drehung, immer noch eine Volte, manchmal fast slapstickhaft, immer höchst elegant, auf dem Weg burleske Liebesgeschichten und Sexszenen in die sowieso schon volle Geschichte stopfend, böse Witze über die lateinamerikanische Literatur reißend, er kann gar nicht genug kriegen, seinen Figuren und dem Leser noch was mitzugeben. Sehr lustig, sehr gewandt, sehr irrwitzig. Tolles Buch.
Medlar Lucan & Durian Gray, Die Kunst der dekadenten Küche. Ein Kochbuch für Ästheten, Gourmands und schräge Genießer, Edition Tiamat 2005 (Original 1995)
Das Pseudonym Durian Gray ist schon mal klasse (falls Sie nichts damit anzufangen wissen, fragen Sie im Asia-Food-Laden Ihres Vertrauens nach einer Durian). Der Rest auch. Eine Sammlung von Rezepten, die alle nicht gesund, nicht leicht, nicht Wellness, nicht vom Lebensmittelchemiker, Diätassistenten und Fitnesstrainer approbiert würden. Antikrömische Menüfolgen (Gebratener Flamingo, Mit Hirn gefüllter Tintenfisch, In Milch gemästete Schnecken), Rehabilitationen des Bluts, der Innereien und des Hautgouts, seltener verwandte, aber durchaus essbare Tiere wie Katze, Hund, Meerschweinchen. Dazu eine kleine, gut ausgesuchte Anthologie von Décadent-Texten über Orgien, Gelage, Bankette (Huysmans, Mandiargues etc.). Ein wenig zu sehr auf den shock value bedacht - wenn man sich ein wenig mit der cuccina povera auskennt, weiß man ja längst, dass Blutkuchen, Hoden, Seeigel, Insekten oder Nagetiere so selten nicht vorkommen in den Küchen der Welt -, aber das nimmt man gerne in Kauf. Es ist ja tatsächlich eine Schande, dass in einer Zeit, in der man sich vor Kochbüchern kaum noch retten kann, anständige Innereien- oder Blutwurst-Rezepte nur unter viel Mühe aufzutreiben sind.
Fritz J. Raddatz, Unruhestifter. Erinnerungen, List 2005 (zuerst 2003)
Herrje. Das ist eines der Bücher, von denen man nicht weiß, ob man sie für peinlich oder grandios befinden soll, für beides hätte man gute Gründe. Einer, der im deutschen Kulturleben von beträchtlichem Einfluss gewesen ist - als Verlagsleiter bei Rowohlt, Feuilletonchef und Autor bei der Zeit, schließlich als Publizist - erzählt sein Leben und legt das ganz merkwürdig an: als Verteidigungserinnerung, als würde er der Nach-und Nebenwelt präventiv die Korrekturfahnen lesen. Da und dort hätte man ihn missverstanden, da und dort hätte man ihm Unrecht getan, da und dort hätte man seine Mimikry an den Betrieb mit seinem Charakter verwechselt, da und dort hätte man der Gerechtigkeit nicht ganz Genüge, ihm gar Unrecht getan. Das ist selbstverständlich albern, wenn es von einem 70jährigen kommt, über den der Betrieb, an den er sich erinnert und an dem er sich abarbeitet, längst befunden hat, er sei bedeutsam gewesen - und es dabei auch bewenden lässt, weil man sich mit Leuten, die im Betrieb keine aktuelle Rolle mehr spielen, eben nicht weiter aufhalten will. Das ist es aber, was Raddatz zu kränken scheint. Er insistiert darauf, lange nach den Schlachten, die den Beteiligten wie den Zuschauern völlig egal geworden sind, noch einmal zu sagen, was seine exakte Rolle darin gewesen und weswegen er dieses und jenes getan oder unterlassen hat, als läge da einer nach seiner Pensionierung schlaflos im Bett und hielte seinen ehemaligen Vorgesetzten und Konkurrenten immer noch Klarstellungsreden. Ja sicher, er hat seinerzeit möglicherweise zu selbstherrlich die Geschäfte Rowohlts geleitet, so dass Ledig sich übergangen fühlen konnte - aber doch nur, um die Integrität des Verlags, des Ledigschen Programms zu bewahren; ja gewiss war die Erwähnung der Bahnhofsuhr im Goethe-Artikel ein veritabler Bock, aber es gab erstens zwei Gegenleser, zweitens, unter uns Komplizen, widerfährt das doch im Journalismus ständig, drittens, wie die Gräfin das gehandhabt hat: selbstgerecht bis zum Gehtnichtmehr, ganz miese Vorstellung. Es ist ein Angestelltenroman, den er schreibt, der Roman des Angestellten im Kulturbetrieb. Man schindet sich für die Fabrik, tagaus tagein, man ist betriebsam, man vernachlässigt das Privatleben, man macht sich zum Affen und alles mit, die Parties, die Flüge, das ganze Geldgezerre, man muss sich mit Leuten einlassen, für die man viel zu gescheit ist, man wird mit Ikea-Möbeln, Erbsenzählern und schlechte Sekretärinnen gedemütigt, und der Dank dafür sind bloß nur Rancunen, Missverständnisse, Spielfeldverweise. Das ist vielleicht das Merkwürdigste an den Memoiren eines Mannes, der ja immerhin Feltrinelli, Genet, Fichte, Updike, Hans Meyer, Johnson und weiß Gott wen nicht allen gut gekannt hat: in seiner Rückschau reduziert sich sein eigenes Leben auf den mickrigen Demütigungs-, Positionierungs-, Anpassungs-, Resistenz- und Terrain-Kram, den jeder andere mittlere und höhere Kader in jeder anderen Firma ebenso gut rekapitulieren könnte. Er hätte ja auch, nur so zum Beispiel, darüber nachdenken können, ob ihm sein Leben als gelungenes erscheint, er hätte ja auch, nur so zum Beispiel, seiner geistigen Entwicklung hinterher erzählen können, über Positionen, Haltungen, Debatten, Erkenntnisse; aber noch nicht einmal über seine eigenen Romane, immerhin eine erstaunliche Wendung, vermerkt er mehr, als dass sie in Frankreich euphorisch besprochen wurden, in Deutschland dagegen eher missachtet. Es ist traurig: Er scheint sich selbst kein Werk attestieren zu können, bloß eine Laufbahn. Andererseits ist es diese Reduktion aufs Führungszeugnishafte, die Raddatz Memoiren auf eine bestimmte Weise so grandios hellsichtig macht: denn natürlich ist der Kulturbetrieb genauso, wie Raddatz ihn protokolliert, ein Markt, auf dem es zu wenig Platz für zu viele Ichs gibt, die gegeneinander behaupten und einander belauern zu müssen sich einbilden, auf dem jeder Charakter, jede Persönlichkeit unmittelbar ein Mittel im Konkurrenzkampf ist und jede Zurücksetzung möglicherweise eine Zurückstufung, einen Geländeverlust signalisiert. Deswegen dieses ständige Sich-mit-den-anderen-Messen, von dem Raddatz auch in der Erinnerung nicht ablassen kann, die Geburtstagsparty von Grass, zu der kaum noch ein Jüngerer erscheint, dagegen sein Geburtstagsempfang im überfüllten Literaturhaus, usw. usf. etc. pp. Man möchte so eine Empfindsamkeit selbst nicht haben, aber sie ist seismographisch, ein fein gestimmtes Messinstrument für die Notationen an der Kulturbörse; Raddatz selbst bekommt das gar nicht mit, er beharrt bloß darauf, respektiert, gemocht, geliebt zu werden, wie Knörer das schon anderswo notiert hat, aber nebenbei erledigt er es, das durch und durch Warenförmige des Betriebs, dessen innerlich reservierter Mitspieler er gewesen sein will, genau zu protokollieren. Wenn man weiß, wie viel Verlogenheitspathos sonst dem Kulturleben hinterhergekleistert wird, kann man dafür recht dankbar sein.
(Außerdem. Ein paar grandiose Anekdoten, etwa die von Ledig, der sich für einen nächtlichen Reeperbahn-Bummel mit Genet eigens einen Lederanzug schneidern lässt, was jener trocken mit "Sie sehen aus wie ein Koffer" quittiert.)
(Außerdem. Diese eine Passage über Augstein, bei der man sich auch noch eine Woche nach der Lektüre immer wieder fragt, warum er sich selbst und auch sonst ihm niemand - die zwei, drei Korrekturleser, die es wohl gegeben haben wird - in den Arm gefallen ist:
Verwunderlich dann doch der offenbar tiefsitzende Minderwertigkeitskomplex dieses mächtigen Pressetycoons. Er vergaß buchstäblich in keinem seiner Artikel eine Art Kellnerperspektive à la "Den habe ich doch jahrelang bedient" einzubauen. Ob eine Rezension der Genscher-Memoiren, er war natürlich ein "Freund", oder eine Replik auf Hans-Ulrich Klose - "Seine Tochter war mein Patenkind"-, was ja im Kontext der Diätendebatte wenig zu besagen hat; ob in einer Polemik gegen Robert Leicht, in der er "DIE ZEIT, deren Mitbesitzer ich mal war" einflocht, oder in einem Nachruf auf Horst Janssen, von dem er viele Kärtchen bekommen habe (als gebe es irgend jemanden in Hamburg, der sich hätte retten können vor diesen scheußlichen Schmierkärtchen): Augstein war, was Tucholsky den "Dabey-gewesen-Bey" nannte. Auch mit Bucerius - der sich vor ihm schüttelte: "Der Mann, der gegen mich prozessiert hat" - war er per Nachruf natürlich befreundet. Ein Splitter vom Holz des Literatenbaums, eine Eintragung im Tagebuch, hält mein Erschrecken fest:Im Zusammenhang einer Stelle, in der es um die Ich-Sucht Augsteins geht, länglich mitzuteilen, dass Nurejew (hat immerhin auch Rudolf geheißen....) mit einem gefickt hat: das hat was.)17. Januar 1993 Mit sonderbarer Entfernung hat mich der Tod von Rudolf Nurejew berührt. Es muss dreißig Jahre her sein, dass ich ihn im Amsterdam in einer Schwulenbar kennen lernte, ein interessant-knäbischer Mann, der mich ansprach. [...] Es war dann - falls es "elegant" im Bett gibt - eine elegante Nacht in seinem Hotel [...] (und ich hatte mich an seinem wahrlich makellosen Körper delektiert wie an einer köstlichen Speise - es war, ohne Zärtlichkeit, Sex pur, aber voller Grazie....)[...] Peinlicher ein anderer Rudolf. Augstein ist ertappt, als junger Mann im Völkischen Beobachter geschrieben zu haben; [...]
Joanna Briscoe, Schlaf mit mir, Bloomsbury 2005
Lelia, eine College-Dozentin für Französisch und Deutsch, und Richard, ein Feuilleton-Redakteur, noch nicht lange verheiratet und in Erwartung ihres ersten Kindes, beide in den Dreißigern und auf der schmerzhaften Schwelle zum Solide-Werden, das sie manchmal als Langweilig-Werden fürchten, geraten bei einer Party eines befreundeten Paares an eine Frau, die ihnen an jenem Abend nur aus den Augenwinkeln auffällt und keinen besonderen Eindruck macht. Sie ist eben auch da, wird vorgestellt, Sylvie, eine aparte Person von diskretem Geist und diskreter Schönheit; damit so eine bestürzend werden kann, muss man ihr erst eine Echokammer öffnen. Dafür wird gesorgt. Am Tag nach der Party beginnt Sylvie sich in das Leben der beiden zu weben, jeder bekommt seine eigene, berechnend abgezirkelte Mimikry: der Ehemann eine Literaturkennerin, die brillante Rezensionen schreibt, Gedichte zitiert, kokette Konversationen, den Wechsel zwischen Herausforderung und jähem Rückzug, irgendwann fällt sie über ihn her, immer ein wenig von oben herab, seine Ehemannskrupel geschickt verachtend, strategische Hinweise auf das, was er haben könnte, wäre er nicht so verzagt festgefahren in seinem Leben; seiner Frau dagegen gibt Sylvie eine andere Sorte Verführerin: die Warme, Schwere, wortloses Verständnis, Sorge, das Dabeisein, wenn die Schwangerschaftsübelkeiten einsetzen und die Geburtsängste wabern, kreatürliche Nähe, die sich leicht zu etwas Sprituellem hochjazzen lässt, Nur-Frauen-verstehen-was-Frauen-empfinden-Mystizismus. Sie braucht nicht lange, um beide rumzukriegen, er bekommt Blowjobs, sie weiche sanfte Haut, zartere Küsse, Aneinander-Liegen, beiden kommt es wie etwas Unentrinnbares vor. Und selbstverständlich weiß die Ehefrau nicht, dass auch der Ehemann mit Sylvie schläft, und umgekehrt. Am Ende stellt sich heraus: Sylvie wollte nicht beide, nicht ihn, nur sie; sie hatten schon als Mädchen etwas miteinander, sie ist Lelias nebelhafte Erinnerung an einen Frankreichaufenthalt, die immer wieder noch in ihren erwachsenen Träumen spukt. Sylvie hat sie ganz planmäßig gesucht und verführt, um sie wieder zu holen, aus ihrem verräterischen Leben, zu sich, der Frau, die sie immer geliebt hat, sie entführt sie, will, dass sie das Kind gemeinsam bekommen, kein Mann mehr. Aber dann kommt Richard, die Wehen haben schon eingesetzt, glücklicherweise noch rechtzeitig dahinter, die verrückte Nebenbuhlerin wird in die Flucht geschlagen, das Kind geboren, kann weitergehen, die Eheleute haben was gelernt. Die Synopsis sagt es schon: Das ist höherer Trash mit einem recht kläglichen Ende, aufs Verfilmtwerden hingeschrieben. Der Möglichkeitssinn sagt allerdings, dass man aus dem Plot viel hätte machen können; die dämlichen Lesben-Empfindsamkeits-Lügen raus, die abgeschmackten Kindheitsbegründungen weg, die notdürftig angepappte Entführungsgeschichte streichen, die Ehe draufgehen lassen: das wäre eine schöne Grausamkeitserzählung geworden, über das Perfide von Mimikry. Ist aber wahrscheinlich sehr albern, schon während des Lesens innerlich umzuschreiben.
Virginia Doyle, Der gestreifte Affe. Ein historischer Kriminalroman, Heyne 2005
Hamburg 1922, auf Sankt Pauli geht ein Serienmörder um, die Spuren führen zu Schiebern, ins organisierte Verbrechen, zu Auseinandersetzungen rivalisierender Zuhälter-/Nachtclub-/Drogen-Kartelle, zwischendrin wird ein Spartakistenaufstand niedergekämpft, am Ende wird der Mörder gefasst. Könnte - abgesehen vom Spartakistenaufstand - auch jetzt spielen, man würde dann halt emailen statt telegraphieren. Wahrscheinlich das Problem der meisten historischen Kriminalromane: Das Geschichtliche ist bloß draufgepappt. Man liest das so, wie man Fernsehfilme anschaut, die in der eigenen Stadt gedreht wurde, um des Lokalkolorits und der Wiederkennungsmomente willen. Aber, so fucking what, es sind eben doch nur billige Kulissen. Entbehrlich.
Max A. Höfer, Meinungsführer Denker Visionäre. Wer sie sind, was sie denken, wie sie wirken. Eichborn 2005
Ein lächerlicheres Buch habe ich lange nicht gelesen. Höfer ("Wirtschaftswissenschaftler und Politologe") beantwortet die nicht gestellte
"Frage, wer die Menschen sind, die in Deutschland die Debatten bestimmen. Unter mehr als 2000 Denkern, Meinungsführern und Visionären wurde ein Ranking ermittelt. Die Kriterien sind: Wie oft wird ein Denker in Zeitungen und Zeitschriften zitiert, wie stark ist seine Präsenz im Internet, und wie weit reicht sein Arm im Networking hinter den Kulissen?“Und so geht das dann dahin: Meinungsführer, Internetpräsenz, peinigend schlimme Sprache. Das Top-200-Denker-Ranking (Platz 31: Klaus Staeck, Platz 128: Fritz J. Pleitgen) ist das Ergebnis trister, aber immerhin "gewichteter" Erwähnungszählerei in 83 "meinungsbildenden Medien" (Spiegel, Geo, NZZ, Rheinische Post &tc.), bei Google ("über 50 Prozent Marktanteil") und - für den Vernetzungskoeffizienten - im Munzinger-Archiv. Dass diese Methode schon deswegen albern ist, weil sie nur die "Rangstellung" (also Erwähnungshäufigkeit) jener ermitteln kann, die dem Ermittler selbst eingefallen sind, hat Höfer nicht mitbekommen - so wenig wie den Tod Derridas (Platz 3 in der G-Liste; "G" für Geisteswissenschaftler) am 8. Oktober 2004, obwohl doch er doch jeden Toten aus dem Buch (Erscheinungstermin: Februar 2005) eliminiert hat; vermutlich hatte Munzinger noch nicht aktualisiert. Zu jedem der wichtigsten 60 nach seiner eigenen Methode ermittelten Top-Denker liefert Höfer ein kurzes Portrait, in dem er dessen Sendung im deutschen Geistesleben skizziert. Wie in Talkshows - nach deren Muster Höfer sich Debatten vorzustellen scheint - hat jeder seine Rolle zu spielen. Claus Peymann ist der "Regisseur des Radical Chic" (dass er weiß, woher die Wendung stammt, steht nicht zu befürchten), Harald Schmidt "der ergraute Dirty Harry", Gerhard Richter "der Virtuose des Scheins". So erbärmlich wie diese Brandings sind die Erläuterungen. Im Derrida-Porträt etwa leistet Höfer sich folgendes:
"Derrida begeistert besonders den Feminismus. Denn nach seiner Theorie ist der Westen nicht nur logozentristisch, sondern auch "phallokratisch": Der Mann werde als das Grundmodell der Menschheit genommen und die Frau als Abweichung davon betrachtet. Das kommt in der Sprache zum Ausdruck, wenn beispielsweise das Wort "Studenten" in der männlichen Pluralform verwendet wird, obwohl es doch Männer wie Frauen bezeichnet. In den Achtzigerjahren versuchen feministische Gruppen die Gesellschaft zu ändern, indem sie fordern, künftig nicht mehr Politiker und Polizisten, sondern PolitikerInnen und und PolizistInnen zu schreiben. Doch bleibt das "Innen" nur eine kurze Mode. Was sich aber sehr wohl in der Gesellschaft durchsetzt, ist die Auffassung, dass bestimmte Berufe keineswegs nur Männern vorbehalten sein sollten."Und so weiter und so fort, es ist so grotesk schlimm, dass man sich beim Lesen schämt.
Jorge Edwards, Der Ursprung der Welt, Wagenbach 2005 (im spanischen Original: 1996)
Ein Arzt, chilenischer Emigrant in Paris, schon in seinem siebten Lebensjahrzehnt, besucht mit seiner mehr als zwanzig Jahren jüngeren Frau das Musée d'Orsay und hat vor Gustave Courbets berühmtesten Bild, dem Ursprung der Welt, das einen räkeligen Teilakt zeigt, die Empfindung, dass Courbets Torso jenem seiner Frau gleiche - und gleich hintendrein, man weiß nicht recht warum, auch den Verdacht, dass nicht nur er selbst seine Frau so gesehen hat wie Courbet sein Modell, sondern auch sein alter und bester Freund Felipe, Säufer, Fresser und serieller Verführer. Doch ach! ehe er ihn zu seinem Verdacht befragen kann, begeht Felipe Selbstmord, Whisky und Schlaftabletten. Im Nachlass des Toten findet der gute Doktor (a) ein unverfängliches Portrait seiner Frau (mit der Felipe ein Emigrantenleben lang so innig befreundet war wie mit ihrem Mann) und (b) ein Aktfoto im Stile Courbets, also gesichtslos. Das treibt ihn um, das macht ihn verrückt, das lässt ihn gepeinigt gemeinsame Bekannte peinlich verhören, ob sie denn etwas wüssten über eine mögliche Affäre zwischen Felipe und der Ehefrau, und alle diesbezüglichen Beruhigungsversicherungen beruhigen ihn nicht. Als er schließlich, endgültig blöde geworden, die Frau selbst mit seinem Eifersuchtsrasen überfällt, erzählt sie ihm ohne viel Umstände: ja sicher, vier- oder fünfmal sei sie mit Felipe ins Bett gegangen, ja, er hätte sie fotografiert, ja, es wäre gut gewesen, ja, selbstverständlich hätte sie bei Felipe Orgasmen gehabt. Danach ist alles wieder gut. Nur, dass man nicht genau weiß, ob sie bei ihren Auskünften die Wahrheit gesagt hat oder erfunden, dem Doktor zuliebe. Schöne eheliche Burleske, sehr elegant und sehr gescheit.
Ha Jin, Im Teich, dtv 2001 (im Original: 1998)
Nach Verrückt enttäuschend. Der Arbeiter und Freizeit-Kalligraph Shao Bin wird bei einer Wohnungszuteilungsrunde übergangen. Von da an führt er einen nervend rechthaberischen Kleinkrieg gegen die korrupten, intriganten und sowieso doofen Fabriksleiter und Orts- und Provinzparteiführer. Er schreibt Leserbriefe und Eingaben, beschwert sich bei den Chefs der Chefs, lässt nicht nach. Am Ende bekommt er, was er will, und einen neuen Job noch dazu, muss nicht mehr in der Fabrik stehen, sondern darf für die Propgandaabteilung pinseln. Na toll. Will man einen Roman lesen, in dem ein Unterhansel sich beim Oberhansel über die Mittelhansel echauffiert, bis er selbst zum Mittelhansel wird? Ich nicht. Ja gewiss, wahrscheinlich erfährt man darin, wie es im kontemporären China zugeht; aber das hatte man sich schon selbst gedacht, dass es auch dort zäh und kleinlich ist.
Peter Rühmkorf, Tabu II, Tagebücher 1971-1972, Rowohlt 2004
Rühmkorf hat eine Schreibkrise und schreibt darüber. Rühmkorf hat ein mickriges kleines Verhältnis mit einer Gymnasiastin, die sich gemeiner- und unverständlicherweise in ihn verliebt und deswegen rumzickt. Rühmkorf findet Ulrike Meinhof doof und schreibt darüber. Rühmkorf hat mit seinen Theaterstücken keinen Erfolg und schreibt darüber. Rühmkorf findet, seine Konkurrenten auf dem literarischen Markt sind überschätzt, und schreibt darüber. Unangenehmes Buch. Sehr unangenehmes Buch. Es fühlt sich so an wie sich früher die Tage angefühlt haben, an denen ich in Eppendorf einkaufen gehen musste, an den Strickpullovern aus den 70ern vorbei. Immer, wenn man instinktiv dachte, dass Eppendorf und die Strickpullover die besten Tage hinter sich hätten, fragte die Vernunft nach: ob sie denn je beste Tage gehabt hätten, und dann fiel einem immer nur ein Nein ein. Ohnehin ist nichts so sirupekelig wie Dichterselbstliebetagebücher.
Karl-Heinz Ott, Endlich Stille, Hoffmann und Campe 2005
Schöner Roman. Ein Spinoza-Spezialist steigt in Straßburg aus dem Zug, noch im Bahnhof wird er von einem ihm völlig Unbekannten angequatscht und danach bis zum Ende des Romans behelligt. Der Verfolger nistet sich bei ihm in Basel in der Wohnung ein, geht mit ihm jeden Abend bis zum Vollrausch trinken, macht das ohnehin mickrige Sozialleben noch kaputter. Eine Zudringlichkeits-, Belästigungs- und Grausamkeitsmaschine, von gut austarierten Perioden in Gang gehalten, beim Lesen fühlt man sich sehr, sehr hilflos.
Alina Reyes, Die siebte Nacht. Bloomsbury 2005.
Schmales Buch, ein literarischer Porno. Eine Frau (die Ich-Erzählerin) und ein Mann treffen einander sieben Nächte lang in einem Hotel. Es gelten strikte Regeln: in der ersten Nacht darf man einander nur sehen und zeigen, aber nicht berühren, in der zweiten die Spatzis nicht antatschen, in der dritten nur so und so weit gehen, usw. usf., in der siebten Nacht endlich Geschlechtsverkehr - eine andere Sorte Steigerung kann man sich in solchen Erzeugnissen schwer vorstellen. Das hätte ein schönes Buch werden können, wenn es nicht ein literarischer Porno geblieben wäre. Der literarische Porno zeichnet sich ja dadurch aus, dass er für das Anatomische immer die erhabenere Vokabel wählt ("Scham", "Geschlecht" undsoweiter), und der Porno zeichnet sich dadurch aus, dass ihm das Ficken für etwas so Tolles gilt, dass ihm davon das Hören, Sehen und Sprechen vergeht. Ich weiß auch nicht, warum pornografische Literatur es so selten hinbekommt, zu beschreiben, zu erzählen, zu schildern, die Einzelheit zu sehen; da fickt man unaufhörlich miteinander, aber am Ende weiß man nicht einmal, wie groß, wangenknochig, hüftknochig, muttermalig, blass, gesprenkelt, drahthaarig, fettlappig etc. pp. die Körper gewesen sind. Als wären die Wahrnehmungsapparate betäubt gewesen. Seltsam. Man sollte es glatt einmal selbst versuchen, am besten mit hässlichen, uninteressanten Menschen. Woran sollte literarische Pornographie sich besser erproben können, als uninteressante Menschen so fein gegeneinander zu justieren, dass dem Lesenden seine Wahrnehmungsapparate verglühen?
Ron McLarty, The Memory of Running, TimeWarner Books 2005
Geschenk von M., nachdem sie im Entertainment Weekly die Geschichte [pdf] gelesen hatte, die hinter diesem Buch steckt: "Memory of Running" ist die erste Veröffentlichung eines 57jährigen Audiobook-Vorlesers und Schauspielers, der sich mit seinen eigenen Texten ein Leben lang nur Verlagsabsagen geholt hatte, bis Stephen King während seines Krankenhausaufenthaltes die Audiobook-Version [zu der es doch geschafft hatte] hörte, den Roman dringend lesen wollte, aber nicht lesen konnte und deswegen in seiner EW-Kolumne das "beste Buch, das Sie 2005 nicht lesen können" rühmte. Ein übergewichtiger Mann in den 40ern, der sich eines Tages auf ein Fahrrad setzt und einfach losfährt, von Rhode Island nach Los Angeles, das musste etwas für mich sein…
Ist es auch. Man kann nicht anders, als diesen Smithy Ide zu lieben, 140 Kilo, rundum fettgepanzert gegen das Leben, traumatisiert vom Verschwinden seiner Schwester, die Nächte mit Brezeln und Bier verbringend statt mit einem Menschen. Dann sterben seine Eltern bei einem Verkehrsunfall, und gleich nach dem Begräbnis öffnet er einen Brief, in dem seinem Vater mitgeteilt wird, dass die sterblichen Überreste der verschwundenen Schwester in Los Angeles in einem Kühlhaus aufbewahrt würden, bis jemand sie abhole. Smithy schwingt sich besoffen auf sein Kinderfahrrad, das sein Vater in der Garage aufbewahrt hat, und fährt los, und ehe er merkt, was er da eigentlich tut, ist er schon zu lange unterwegs, um umzukehren. Auf seiner Fahrt wird er angefahren, angeschossen, hilft er einem Aids-Kranken beim Sterben, rettet ein Kind aus einem Schneesturm, wird er, zum ersten Mal in seinem fetten Leben, von einer Frau begehrt und beginnt er, zum ersten Mal in seinem traumatisierten Leben, jemanden auf eine andere Weise zu lieben als bloß hündisch ergeben und geduckt. So ungefähr. Das alles ist arg dick aufgetragen und sehr oft sehr sentimental und sehr oft nervt es gewaltig. Aber wehren konnte ich mich nicht dagegen.
Jason Starr, Twisted City, Diogenes 2005 (im amerikanischen Original 2004)
Die Thriller von Jason Starr - ich habe jeden gelesen - sind alle so gebaut wie die "Die Hard"-Filme mit Bruce Willis: Sie beginnen schlimm, und danach wird bis ans Ende alles immer noch schlimmer. Ein feines dramaturgisches Prinzip mit einem einzigen Fehler: Der Held überlebt den existentiellen Crash-Test immer; das ist bei Jason Starr nicht anders als in der "Die Hard"-Serie. So ist das Ende immer ein Downer - man fühlt sich betrogen, weil die Schraube eben doch nicht noch eine weitere Umdrehung macht.
In Twisted City wird die Geschichte des Wirtschaftsjournalisten David Miller erzählt, der in New York bei einer zweitklassigen Wirtschaftszeitung (Schwerpunkt: New Economy, Kollegen: Schwätzer, Blender, Snobs) arbeitet, weil er nach dem Tod seiner manisch (und zwar sehr manisch) geliebten Schwester vom Wall Street Journal gefeuert wurde - zu viele Trosträusche, zu oft verpennt, zu oft die Artikel vergeigt. Miller hat eine Freundin, die er schon lange nicht mehr leiden, von der er sich aber auch nicht trennen kann und die ihre Tage damit verbringt, seine Kreditkarten auszureizen, um nachts mit irgendwelchen Tänzern durch die Clubs zu sehen, von denen sie behauptet, sie wären schwul, was er aber nicht glaubt. Eines Abends - der Tag im Office war besonders öde, die Gedanken an die tote Schwester waren besonders peinigend -, wird ihm in einer Bar die Brieftasche geklaut - darin ein Foto seiner Schwester, das ihm sehr viel bedeutet. Am nächsten Vormittag wird er in der Redaktion von einer Frau angerufen. Sie hätte seine Brieftasche gefunden, das Geld wäre weg, aber alles andere noch da, er könne sie wiederhaben, für 1500 Dollar. Er fährt zu ihr in die Wohnung, ein heruntergekommenes Drecksloch; die Frau ist Fixerin und Prostituierte; während er versucht, sie herunterzuhandeln, stürzt ihr Freund (oder Zuhälter) in die Wohnung, rasend vor Eifersucht oder irgendeiner anderen Wut, im Kampf bringt Miller ihn um. Die Frau überredet ihn dazu, die Polizei nicht anzurufen, sie würde sich um die Entsorgung der Leiche kümmern, für Geld, versteht sich, er lässt sich darauf ein. Schwerer Fehler, denn natürlich beginnt sie ihn zu erpressen. Und natürlich entsorgt sie die Leiche doch nicht. Weswegen er das erledigen muss. Wobei er fotografiert wird. Vom einem Freund der Erpresserin, der gemeinsam mit dem erschlagenen Zuhälter die Brieftasche geklaut hat. Am Ende des Buches ist die Erpresserin tot, der Mann, der ihn beim Entsorgen der Leiche fotografiert hat. Und seine Freundin auch; sie bringt sich um, nachdem er sie endlich aus der Wohnung werfen wollte. Immerhin hat Mr. Miller es im Verlauf des Romans geschafft, zum stellvertrenden Chefredakteur des Drecksblatts befördert zu werden, bei dem er arbeitet. Aber das nützt ihm verständlicherweise nicht viel.
Schöner, zynischer Thriller. Bis auf die allerletzte Seite. Da sollte dringend noch etwas Schlimmes passieren. Tut es aber nicht. Und auf die familienpsychologischen Add-Ons hätte Herr Starr besser verzichten sollen.
Konrad Seitz: China. Eine Weltmacht kehrt zurück. btb 2004 (zuerst 2000)
Gekauft aus dem periodisch wiederkehrenden und mich diesmal in der Buchhandlung überfallenden Bedürfnis, etwas "über die Welt" zu erfahren (statt immer nur über Europa/USA). Seitz war Redenschreiber für Genscher, Planungschef im AA und zwischen 1995 und 1999 Botschafter in Peking. Er kennt sich also einerseits aus, hat aber andererseits einen geopolitisch reduzierten Blick und interessiert sich entschieden mehr für das Geschick des chinesischen Staates und seine Position in der internationalen Konkurrenz als etwa für das Wohlergehen der Bevölkerung; das muss einen nicht stören, aber man muss es bei der Lektüre in Rechnung stellen. Noch etwas soll nicht unerwähnt bleiben: Seitz schreibt - mindestens im Vergleich mit anderen deutschen Autoren in diesem Genre - außerordentlich gut; sein Stil ist transparent, elegant und erzählerisch; so häufig findet man das hierzulande nicht.
"China" erzählt die Vorgeschichte und Geschichte des immer noch dengistischen China. Der (einer erstaunlichen kulturellen Wehrlosigkeit geschuldeten) Zusammenbruch des Kaiserreichs unter dem Ansturm der imperialistischen Mächte; die Verelendung unter dem Regime der tollen und tollwütigen westlichen Zivilisation; Bürgerkrieg und maoistische Revolution; die barbarisch grausam erzwungene Industrialisierung unter Mao; die großen Sprünge des großen Vorsitzenden gegen die eigene Partei und die Bevölkerung; schließlich Deng, der Seitz' großer Held ist mit seinem Programm, es ist das eines im historischen Lauf vergleichsweise benevolenten Despoten, China kapitalistisch zu machen und es gleichzeitig immer noch als kommunistisch auszugeben. An vielen Passagen kann man nicht anders, als ihm Recht zu geben - verglichen mit der Kulturrevolution oder den vom Mao-Regime produzierten Hungersnöten ist Deng für Abermillionen ein Fortschritt gewesen, der das nackte Überleben gesichert hat; aber dann fallen einem doch immer wieder die Sonderwirtschaftszonen, die Arbeitslager und die Exekutionen in den Stadien ein, von denen bei Seitz dann die Rede eben nicht ist, es sei denn in Nebensatz-Andeutungen. Das letzte Viertel des Buches behandelt auf 150 Seiten die politischen und ökonomischen Entwicklungen seit Dengs Tod. BIP, Außenhandel, Produktionsverlagerungen und Investments der Transnationalen nach China, beginnende Erschließung des chinesischen Binnenmarkts, die neue Rolle als Ordnungs- und Weltmacht: alles sehr konzise geschildert, alles sehr eindrucksvoll. Es fehlt: wie es den Leuten (für die Seitz ersichtlich viel Mitgefühl aufbringt, die er mag, deren Kultur er schätzt, aber deren Unkosten er wohl für unvermeidlich hält) geht. Ein gutes Buch für einen wie mich, der von China nicht allzuviel über die Klischees Hinausgehendes weiß, aber eines mit Tunnelblick; das muss einen nicht stören, aber man muss es in Rechnung stellen.
Ha Jin, Verrückt, dtv 2004 (im amerikanischen Original 2002)
Noch ein China-Buch: Ein Roman des hochgelobten Exil-Autors Ha Jin, dessen Short Stories mir im New Yorker zwar öfter untergekommen sind, die ich aber nie gelesen habe, weil ich die Literatur im New Yorker immer überblättere; schwerer Fehler, ich weiß...
Verrückt erzählt die Geschichte Jians, eines Literatur-Studenten an einer Provinzuniversität, dessen verehrter Professor im Frühjahr 1989 einen Schlaganfall erleidet. Monatelang sitzt er jeden Nachmittag im armseligen Krankenhauszimmer, wäscht und füttert seinen Lehrer und hört dessen mäandernden Monologen zu, in denen sich, wild springend, ein chinesisches Intellektuellen-Schicksal ausspricht: Narrenkappe in der Kulturrevolution, Gängelung durch korrupte Parteifunktionäre, Resignation und Zermürbung. Irgendwann in diesen Monaten beschließt der Student, sein Studium fahren zu lassen; darüber geht die Verlobung mit der Tochter des Professors in die Brüche: sie will einen, der Ehrgeiz hat, keinen, der sich in Zweifeln verliert. Im letzten Viertel der Erzählung geht das Buch, dessen Krankenzimmeratmosphäre beim Lesen wie zähe Schmiere das Gemüt überzieht, plötzlich hinaus: Jian macht sich auf nach Peking, um mit den Studenten zu demonstrieren und gerät ins Massaker am Platz des Himmlischen Friedens, sieht zu, wie ringsum Studenten massakriert werden und kommt selbst mit knapper Not davon. Danach haut er ab, er will es nach Hongkong schaffen, ob es gelingt, erfährt man nicht mehr; ich nahm ein Zündholz mit schwarzem Kopf und verbrannte meinen Studentenausweis. Dann ging ich zun dem Laden und ließ mir einen Bürstenschnitt verpassen. Ohne langes Haar würde mein Gesicht schmaler wirken. Von nun an würde ich einen anderen Namen tragen.
Großes Buch.
Sempé, Das Geheimnis des Fahrradhändlers, Diogenes 2005 (erstmals 1996).
Geschichte des Fahrradhändlers Paul Tamburin, der jedes Fahrrad so gut repariert und abstimmt, dass man in der Umgebung Fahrräder nur noch tamburins nennt, selbst aber nicht Fahrrad fahren kann, weil ihm die Bändigung von Schwerkraft, Zentrifugalkraft und Beschleunigung nie geglückt ist. Eines Tages überredet ihn sein Freund Henri Feigenblatt (dem so treffende Portraits gelingen, dass man in der Umgebung jedes Foto Feigenblatt nennt) zu einer Aufnahme auf dem Rad. Tamburin stürzt eine Schlucht hinunter, liegt danach Monate im Krankenhaus; während des Sturzes aber hat zwar nicht Feigenblatt selbst, aber Feigenblatts Kamera ein heroisches Foto des Tamburin-Flugs aufgenommen, das weltweit bekannt wird und sowohl Tamburin als auch Feigenblatt berühmt macht - zwei Schwindler, denn auch Feigenblatt beherrscht eine wichtige Kunst nicht: im richtigen Augenblick auf den Auslöser zu drücken. Am Ende gesteht Tamburin dem Freund sein Nichtkönnen, beide biegen sich vor Lachen. Sempé habe ich schon als Kind gelesen, in den Büchern meiner Mutter mit ihrer Paris-Liebe des ehemaligen Au-Pair-Mädchens. Noch heute macht Sempé mich glücklich, weiß nicht genau, warum. Die Ordnung seiner Welt wahrscheinlich, das logisch-liebevolle Fundament seiner Soziologie, keine Ahnung. Wenn Menschen miteinander umgingen wie in Sempé-Geschichten (oder wenigstens so aquarelliert aussähen), wäre alles gut.
Lee Child, Der Janusmann, Blanvalet 2005 (Original 2003).
Jack Reacher, ehemals hochrangiger Ermittler bei der US-Militärpolizei, hat sich aus dem Geschäft zurückgezogen und in einer Selbstinszenierung vom Typus einsamer Krieger, der Welt müde verschanzt. Eines Tages läuft ihm auf der Straße ein Bösewicht aus vergangenen Zeiten über den Weg, ein verräterischer Geheimdienstler, der Reachers Meisterschülerin sadistisch abgeschlachtet hatte. Bis zu dieser Begegnung hat Reacher gedacht, der Bösewicht wäre tot; hatte er ihn nicht selbst über einen Abgrund ins Meer geworfen? So muss er, die Moral treibt ihn dazu, wieder tätig werden in der Sphäre des Bösen. Gemeinsam mit einer auf eigene Faust und ohne Deckung der Behörden ermittelnden Drogenermittlungs-Einheit zerschlägt er einen Waffenhändlerring (dass es nicht um Drogen geht, sondern um die Waffen für die Drogenhändlerkriege, stellt sich erst spät heraus), befreit gefangen genommene Agenten und bringt das Sühne-Werk von ehedem zum Ende, indem er den alten Feind nun aber wirklich umbringt. Typischer Pageturner, sehr filmisch, Schuss-Gegenschuss, viel Handlung, wenig, nun ja, Innenleben. Interessant dabei: das umstandslose Abknallen, das staatlicherseits mindestens geduldete, eher aber arbeitsteilig delegierte Vigilantentum. Dass wir es hier mit einem Helden zu tun haben, für den das Vollstrecken nie ein moralisches/juristisches, immer nur ein technisches Problem ist, wird nirgendwo in Frage gestellt, sondern vorausgesetzt beim Leser. Viriler Dreck. Die Verfilmung wird sicher ein Erfolg.
Butz Peters, Tödlicher Irrtum. Die Geschichte der RAF, Argon 2004.
Gelesen, weil es in der Jungle World interessant besprochen war - als die Arbeit eines Anekdotensammlers, der gar nicht auf die Idee verfällt, dass man die RAF auch politisch oder sonstwie analytisch betrachten könnte, und genau deswegen das eine oder andere besser versteht als die konkurrierenden Geschichtsschreiber. Stimmt alles. Das Problem dabei: 860 Seiten Aktenstudiumfleiss und Nacherzählungsakribie ermüden gewaltig. Schreiben kann Butz Peters auch nicht - wieder einmal diese nervende Atemlosigkeits-Simulation, wie Journalisten sie oft draufhaben ("Es gab Tote. Siebzehn"). Verdienstvoll an seiner Geschichte ist, dass sie die zweite und dritte RAF-Generation so ausführlich behandelt wie die erste. Und dass er die RAF wörtlich nimmt - das heißt, ihnen ihre diversen Strategiepapiere glaubt, also auch ihre Strategiewechsel verzeichnet (mindestens die Neuorientierung in der 3. Generation). Nützlich auch: so detailliert wie bei Peters hat man noch nicht mitbekommen, was für Vollidioten die RAF (von 1. bis 3. Generation) ausgemacht haben, dumme Killerspacken, die über den Zustand der Welt und ihre Bedeutung in ihr immer nur falsch, anmaßend, selbstverliebt gedacht haben. Wie jedes Mal, wenn ich etwas über die RAF lese, tiefer Widerwille, Enge-Empfindungen.
Hubert Fichte, Alte Welt, Fischer 1992.
Zum dritten Mal gelesen. Wieder diese Hochachtung, dieser Respekt, diese Bewunderung, diese Dankbarkeit, wie jedes Mal beim Fichte-Lesen. Diesmal: vor allem seine Feinheit, die verlässlich einsetzenden Impulse jedes Mal, wenn einer von den Unterschriftenkartell-Literaten ihn für das Unterschriftenkartell-Literatentum gewinnen will. Das Nicht-Pompöse seines Lebens, seines Schreibens, seines Wahrnehmens. Das genaue Wissen davon, was Dichtung ist und was nicht. Das Nicht-Denunziatorische seiner Indiskretion.
(Das Bürgerliche, das bei ihm viel eher überlebt als im Bürgertum.)
Denis Robert, Das Glück, rororo, 2005 (im Original 2000)
Dämlicher kleiner "erotischer Roman", soll in Frankreich ein Bestseller gewesen sein, tatsächlich findet man im Netz eine"Lire"-Rezension, die sich angetan gibt, beim NouvelObs eine kleine Hagiographie. Erzählt wird, was in diesem Genre sicher schon sechzehntausendsiebenhundertdreiundachzig Mal heruntererzählt worden ist, Mann trifft Frau, beide verheiratet, aber das Poppen ist so leidenschaftlich schamlos schuldlos ausufernd, blablablabla, und huch! sogar bei Partouzen und beim Autofahren und vor anderen und en plein air und mit sex toys. Zwischendrin die üblichen Mittelschicht-Substandard-Meditationen über Hingabe, über Leidenschaft, über da-lieg-ich-nun-ich-kann-nicht-anders, über was-sagt-das-jetzt-alles-über-mich (das sind die Parts, die Texte erotisch machen, das Äquivalent zum Strauchtomaten-auf-dem-Isemarkt-Kaufen auf sexuellem Terrain, le Distinktionsbedürfnis). Den nächsten, der sich einbildet, er wäre ein besserer Beschreiber als der unambitionierte Kollege, weil er ein Frenulum erwähnt, soll übrigens auf der Stelle der Blitz treffen. Das Allerdämlichste in Das Glück ist, dass er ihr Nicholsons Bakers Vox schenkt und sie hinterher anruft, um sich zu erkundigen, ob ihr das Buch gefallen hätte, und Überraschung! es hat ihr auch gefallen, und schon will er von ihr wissen, was sie anhat, und dass sie das jetzt auszieht, jetzt gleich, übers Telefon. Gott, wie schäbig.
Sándor Màrai, Die Glut, Piper, 1999 (erstmals 1942)
Der Roman, durch den Márai wiederentdeckt wurde (so heißt es; in Wahrheit wohl überhaupt erst "entdeckt"). Buchmesse 1999, Schwerpunkt Ungarn, danach auf den Bestsellerlisten.
Die Geschichte: Henrik, General im Ruhestand, ein 75jähriger Eremit, Witwer seit mehr als 30 Jahren, erwartet auf seinem Schloss in den Karpaten (der Mann ist reich) seinen Jugendfreund Konrád, den er vor 41 Jahren und 43 Tagen zuletzt gesehen hat. Konrád ist damals überstürzt aufgebrochen, ohne Erklärung, ohne Abschied. Nun soll Gerichtstag abgehalten werden. Eine Nacht lang essen und trinken die beiden Herren miteinander, und während sie das tun, führt Henrik seinem Freund, als den er ihn immer noch führt, einen Monolog auf, den er lange, lange, lange, mehr als sein halbes Leben lang, sich selbst immer wieder vorgesprochen hat, in dessen absentia, aber im Wissen, dass er am Ende aller Tage seinen Adressaten schon finden wird. Konrád schweigt dazu, bis auf ein paar nicht weiter wichtige Sätze; es geht auch nicht darum, dass er etwas sagt: er sitzt da, um sich etwas anzuhören, nicht für Gegenreden. Was Henrik vorträgt, ist die Geschichte des Tages vor Konráds Abreise und der Zeit danach, von der Konrád nichts weiß. Beide sind sie damals auf der Jagd gewesen, und auf einer Lichtung hatte H. gefühlt und gewusst, aber nicht gesehen, dass K., der Freund, der Bruder, sein Pollux, in seinem Rücken das Gewehr auf ihn anlegte und auf seinen Hinterkopf zielte statt auf den Hirsch, der vor ihnen beiden auf der Lichtung stand. Eine halbe, eine ganze Minute ging das so, zwei Freunde, von denen der eine hinterrücks auf den Hinterkopf des anderen anlegte; dann verschwand der Hirsch, der Schuss fiel nicht, das Gewehr wurde wieder gesenkt, kein Wort fiel. Danach noch ein Abend zu dritt, eine rätselhafte Unterhaltung Konráds mit Henriks Frau, ein Abendessen, das nicht recht in Gang kam, ein Abschied wie immer. Am nächsten Tag ist K. verschwunden, H. inspiziert seine Wohnung, in der er nie zuvor war, es ist die Wohnung eines Künstlers, nicht eines Soldaten - der er wie H. doch damals gewesen ist -, und während H. sich in der Wohnung des verschwundenen umsieht, trifft auch seine Frau ein, fragt, ob K. abgereist sei, er bejaht es, sie sagt "Feigling" und macht sich wieder auf den Heimweg. Danach ist die Ehe, ohne dass darüber gesprochen würde, zu Ende, die Frau bleibt im Schloss, H. zieht in ein Jagdhaus ein paar Kilometer entfernt, kein Wort mehr zwischen den beiden, bis zum Tod der Frau acht Jahre später. So in etwa trägt es H., lange geprobt, seinem Freund vor, verschlungener, Détail um Détail, mäandernd und doch immer wieder im Kreis, Konrád widerspricht nicht, kein Dementi, in keinem einzigen Anklagepunkt, und wenn ihm einmal eine Frage von H. gestellt wird, bekommt er die Zeit nicht, sie zu beantworten, darum ist es auch nicht zu tun, die Antworten sind alle schon gegeben, K. hat nichts anderes zu tun, als sich das alles anzuhören, und all die Antworten, die er geben könnte, reichten ohnehin nicht aus, die Abgründe wieder zu schließen; die Frau, die beide liebten (oder auch nicht), ist tot, die zwei, die sie überlebt haben, der eine ihr davongelaufen, der andere vor ihr verkapselt, haben überlebt. Das ist ihre Schuld, kein Gespräch könnte daran etwas ändern, über einem Grab taugt eine Versöhnung nichts. Am Ende des Essens gibt man einander manierlich die Hand und geht seiner Wege, Konrád zurück nach London, Henrik zurück in sein Schloss, jetzt können beide sterben. Eine Gespenstergeschichte also; und man tut sich nicht schwer darin, in ihr allen möglichen Gespenstern beim Spuken zuzusehen. Das Jahrhundert. Das untergehende Ethos einer Aristokratie/Bürgerlichkeit, über das die Geschichte hinwegmarschiert ist. Die ausgesprochenen und die unausgesprochenen Kontrakte, die allesamt gebrochen werden, was bleibt, ist die Gefasstheit, mit der man den Konkurs eröffnet. Das löst sich nicht auf, nicht mehr, Alb bleibt Alb und sitzt den Leuten auf der Brust, c'est tout, kein Pardon, keine Entsühnung. Andererseits: did not work for me, not at all. Was Márai hier gemacht hat, kommt mir billig vor, erschlichen. Eine Maschine konstruieren, wenn sie fertig ist, anschalten und ihr beim Funktionieren zusehen. Der konstruktive Imperativ, den anderen nicht sprechen zu lassen, ist zugleich ein so verdammt billiger Trick (und wie bescheuert ist das eigentlich von mir, einem Roman in die Konstruktion grätschen zu wollen… andererseits: so liest man nun einmal, als Pflichtverteidiger des Materials… ). Mein alter Hang zu den fehlerhaften Geschichten, der anderen Sorte Spuk, dem Spuk des Materials, das sich gegen den Autor richtet. Und die Wahrheit der Geschichte ist natürlich, dass auch Márai mit dieser Geschichte schäbig über eine weibliche Leiche gegangen ist. [Die erste Hälfte des Buchs dagegen, alles vor dem Eintreffen dessen, der sich seine Anklage, sein Urteil, seine mildernden Umstände abholen muss; die erste Hälfte also, die nicht Monolog ist, sondern von außen erzählt, in einer merkwürdigen Distanz zwischen Nah- und Totalaufnahme: sagenhaft gute Prosa.]
sándor márai, tagebücher 1984-1989, piper, 2002
traumatisierende lektüre. márai notiert verfall und verluste. seine frau lola, in den aufzeichnungen immer nur l. genannt, stirbt anfang januar 1986 (alter, ausgezehrtheit), danach hält er noch drei jahre durch, er weiß selbst nicht, wie und warum, ehe er sich, mit 89, erschießt. zwischen l.'s und seinem eigenen tod sterben, in budapest, seine zwei übriggebliebenen brüder (alter, ausgezehrtheit) und, ein paar blocks entfernt, sein adoptivsohn (42, jähes herzversagen gleich nach dem aufstehen). das jahr vor dem tod l.'s: ihre zunehmende blindheit, ihre zunehmende taubheit, ihre häufiger werdenden zusammenbrüche, ihre zunehmende entkräftung, ein sturz im zimmer nebenan, ein gebrochener arm, der nicht mehr recht zusammenwachsen will, einlieferung ins krankenhaus, abende bei einer fast ständig bewußtlosen, den geliebten körper waschen, putzen, bereden, streicheln, füttern, manchmal ein wacher blick, manchmal ein halbsatz, manchmal eine antwort ("hast du schmerzen?" - "nein"), ihr letzter satz, wochen vor dem tod: "warum sterbe ich so langsam?" sein eigener verfall, die müdigkeit beim gehen von einem zimmer ins andere, die trippelschritte, die anhaltenden autokolonnen beim überqueren der straße, das eine auge völlig blind, im anderen ein glaukom. nachts noch lektüre, ungarische literaturgeschichte, die essays edmund wilsons, marc aurel, ungarische lyriker. nach ihrem tod die lektüre ihrer tagebücher, notizhefte, 120 in einer kiste. nachts träume von einer hotline, vermittels derer er mit ihr kommunizieren kann, schriftbänder, die durch sein bewußtsein laufen, totenticker. der kauf eines revolvers und 50 schuss munition. ein kurs bei der örtlichen polizei, beim ersten termin rechtsbelehrung darüber, unter welchen umständen man auf einbrecher schießen darf, beim zweiten termin schießübungen. er will es nicht verpfuschen, vorher üben. zu den jubiläen (heute ist l. vier wochen tot, drei monate tot, ein jahr tot) einträge über sie, wie sie war, wie sie ihm fehlt, dass religion eine gemeinheit ist, nichts taugt, dass nichts mehr etwas taugt, an allen anderen, immer sporadischer werdenden eintragstagen auch über l. der letzte eintrag 12 wochen vor dem schuss, auf den er sich lange vorbereitet hat: es sei jetzt bald soweit. im nachwort noch, eher nebenher, eine bemerkung über die immensen schwierigkeiten der transkription der tagebücher: márai, schon fast ganz blind, hat mit der schreibmaschine geschrieben - und oft die falschen tasten erwischt.
[beschlossen, sie zu überleben. man kann es keinem antun, nicht zu überleben.]
Seit Weihnachten:
T. C. Boyle, Dr. Sex, Hanser, Februar 2005
John Milk, erster Assistent des Sex-Forschers Alfred Kinsey erzählt nach dessen Tod seine und seines Herrn Lebens- und Forschungsgeschichte - manischer Empirismus, Feldstudien in der community of investigators, Fummeln und Unaussprechlicheres mit Mr. und Mrs. Kinsey. Ein ödes Buch. Boyle will wieder einmal zeigen, dass Absolutisten einer reduktionistischen Weltsicht durch ihre Borniertheit der Wahrheit, sich selbst und ihren Mitmenschen alle mögliche Ungemach einbrocken. Als ob man das nicht schon längst gewusst hätte. Unangenehm ist die Aufdecker-Schmutzwühler-Ironie: guckt mal, was Herr Doktor Sex sich für erotische Freizügigkeiten und psychologische Schweinereien geleistet hat, und in Wahrheit war das alles ja nur eine Strategie zum fucking for free mit den Gemahlinnen der Forscherkollegen (und den Forscherkollegen selbst). Wie schon beim Kellogs-Buch: Boyle kann keine historischen Romane. Historische Romane aus der Besserwisser-Sicht des Nachgeborenen sind immer eine überflüssige Übung. Den naturalistischen sex craze Kinseys einer bloß desillusionierenden Kritik zu unterziehen ("die Gefühle hat er aber nicht bedacht"), macht die Sache noch langweiliger. Wenn Boyle wenigstens etwas gegen Sex hätte; er hat aber nur etwas gegen das ideologische und wissenschaftliche Operieren mit ihm, gegen die Vermengung von Dienst und Schnaps, gegen die doppelte Buchführung.
Wilhelm Genazino, Liebesblödigkeit, Hanser, Februar 2005
Ein freischaffender Apokalyptiker in den späten 50ern (Wochenend-Seminare für Sinnbedürftige in besseren Hotels, Vorträge an konfessionellen Akademien etc.) hat seit Jahren fein austarierte Liebesbeziehungen zu zwei Frauen, die voneinander nichts wissen. Weil erstens das Alter dräut und zweitens das Gewissen immer wieder rumort, nimmt er sich vor, eines dieser Verhältnisse abzuschaffen und sich für das andere zu entscheiden. Die Abwägung darüber, welche Frau es denn nun sein soll, führt zu nichts. Also bleibt alles, wie es ist. Enttäuschend, vor allem, wenn man Genazino seit langem von Herzen verehrt. Alles in diesem Roman ist erbarmungslos heruntergebrochen auf Marotten, Tics, Idiosynkrasien. Ein zunehmend zauselig Gewordener möchte sich sein Zauseltum als savoir vivre retten und deswegen das Leben neu schlichten, das aber schlichtet sich auch ganz von selbst. Kleinkunst, nicht mehr. Und das verstimmende Gefühl, es mit einem Genazino-formula book zu tun zu haben. In den geliebteren Genazino-Büchern war das Marottenhafte immer eine Funktion, ein Symptom, eine Konsequenz gewesen. Jetzt ist es an die Figuren bloß angepappt. Seltsam.
Sándor Márai, Wandlungen einer Ehe, Piper, 2003 (ursprünglich 1941/1948)
Das erste Márai-Buch, das ich gelesen habe, weil die Signora Reski es mir so schön ans Herz gelegt hat. Erstaunlich, wie glücklich man gleich wird, wenn man es mit einem Roman zu tun bekommt, von dem man das Gefühl hat, er hätte "mit einem selbst" zu tun, er ginge einen etwas an (was immer das bedeutet). Und wie mir gleich aufgefallen ist, dass es so wenige Romane gibt (oder ich so wenige kenne), in denen es um die Liebe der mittleren Jahre geht, um das Eheliche. Hier geht es nur darum. Péter, ein von seiner Biografie zum Fabriksbesitzer gemachter Bürger, Ilonka, dessen erste, und Judit, dessen zweite Frau erzählen in je einem Drittel des Romans in langen Monologen ihre Versionen der Geschichten, die sie miteinander hatten, dazwischen liegen jeweils ein paar Jahre (zwischen dem ersten und zweiten Drittel der II. Weltkrieg). Die Stationen gehen ungefähr so (oh, Ödnis der Zusammenfassung…): I. Ilonka erzählt in einer Konditorei bei Pistazieneis einer auf Heimatbesuch weilenden Freundin die Geschichte ihrer Ehe mit P., die zehn Jahre zuvor geschieden worden ist. Es ist eine Ehe, die für sie zuerst nagend, dann unerträglich assymetrisch ist: Sie liebt ihn mehr als er sie, er ist stets ein wenig fern, unnahbar, in einem Habitus der Distanziertheit gefangen; sie nimmt das lange hin, aber nur scheinbar, in Wahrheit versucht sie ihn zu verstricken; er merkt es, entzieht sich umso mehr ins bloß formelhaft Höfliche, Korrekte, man kann ihm nichts vorwerfen. Sie bekommen ein Kind, er bemüht sich, es zu lieben, in einer Mischung aus Verzweiflung und Pflichtgefühl; nach zwei Jahren stirbt es an Fieber; sie weiß, nach dem Tod des Kindes hat sie ihn endgültig verloren, gesteht sich selbst ein, das Kind nur um seinetwillen geliebt zu haben, als Mittel, ihm näherzukommen, Hoffnung, er werde ihr sich endlich nähern. Bei einem Ferienaufenthalt in Meran eröffnet er ihr, er hätte begriffen, einer zu sein, der nicht so sehr geliebt werden wolle; sie könnten miteinander leben, aber sie solle sich bemühen, ihn nicht mehr so sehr zu lieben. Eines Tages entdeckt sie durch einen Zufall in einem Fach seiner Brieftasche ein Seidenband, findet bald heraus, dass es in seinem Leben vor ihr eine andere, die Richtige, gegeben haben muss, beschließt, ihn sich zu erobern, identifiziert die andere Frau auch schließlich: es ist Judit, das ehemalige Dienstmädchen der Familie, die immer noch bei seiner Mutter lebt. Kurz danach ist Judit verschwunden, die Ehe wird aufrecht erhalten, ein stabiles Arrangement aus zuvorkommenden Manieren und bloßem Nebeneinanderherleben, verkarstet. Dann kehrt Judit zurück, ruft an, lässt sich P. geben. Gleich danach verlässt er I., für immer. II. Péter, der Ehemann aus dem ersten Teil, erzählt einem Freund bei viel Wein die Geschichte seiner zweiten Ehe - und deren Vorgeschichte. Als er noch bei den Eltern gelebt hat, hat er, in einer Art Leidenschafts- und Desertions-Schub, Judit, dem Dienstmädchen der Familie, erklärt, warum er nicht um ihre Hand anhalten könne - und ihr damit seine Liebe (oder was auch immer), von der sie nichts ahnte und die sie nicht erwartete, überhaupt erst eröffnet (um sich in derselben Bewegung gleich wieder gegen sie zu verschließen). Judit ihrerseits nimmt den Antrag - den er ja nicht gemacht hat, jedenfalls nicht im Indikativ, sondern nur im Konjunktiv samt anschließendem Indikativ-Dementi - nicht an, weil er, P., ihr "zu feige" sei. Er geht auf seine Fabrikanten-Lehrjahre in Ausland, kehrt nach vier Jahren wieder, übernimmt die Fabrik des Vaters, heiratet Ilonka (die Erzählerin des ersten Roman-Drittels), verschreibt sich selbst das Etui einer Bürgerlichkeit, von der er längst schon ahnt, dass sie im Aussterben begriffen ist. Irgendwann kommt seine Frau dahinter, dass Judit, immer noch Dienstmädchen bei seiner (längst schon verwitweten) Mutter, ihm ein stärkerer Konjunktiv gewesen ist als sie ihm je Indikativ sein konnte, vertreibt Judit, er vergisst sie beinahe, ohnehin ist er jemand, in dem alles Abschied ist, ein Konkursverwalter der eigenen Klasse und der eigenen Möglichkeiten (die Kunst, die Leidenschaft, das commitment). Dann kehrt Judit zurück, lässt sich mit ihm verbinden, meldet sich - sie war in England - mit "hello", er legt auf, zieht aus, kehrt nie wieder zu Ilonka zurück, lässt sich scheiden, um anderntags Judit zu heiraten. Bald kommt er darauf, dass sie ihn bestiehlt: sie kauft manisch ein, Kleider, Hausratsplunder, Schmuck, rechnet nicht korrekt ab mit ihm, bringt die Differenz für sich auf die Seite; er registriert es, spricht es an, er nimmt es hin, es stört ihn nicht weiter. Eines Nachts, after fucking, sieht er ihr ins Gesicht, nimmt endlich wahr, dass sie ihn bloß bedient. Er lässt sich wieder scheiden. End of story. III. Judit, die zweite Ehefrau, die Richtige, erzählt nach dem Krieg in einem Zimmer in Rom, ihrem Liebhaber, einem Schlagzeuger, ihre Version der Geschichte. Waren die ersten beiden Drittel des Romans Spiegelbilder (die bürgerliche Ehe, Sittlichkeit, Pflicht, Entsagung, Selbsterziehung, &tc. pp.), wird nun der Spiegel zerschlagen. Was J. betreibt, ist die Beschreibung einer Klasse (und weil sie genau ist, ist sie besser, als eine Analyse es wäre). P. (und seine erste Frau und seine Mutter und sein Vater und sein bester Freund, der Schriftsteller Lázar) sind alle nur noch die Exempel, als die sie der Außenstehenden erscheinen müssen, mögen diese Exempel sich noch so individualistisch dünken; Tauschgesellschaft eben; die Reichen haben tolle Kloschüsseln, Parfum, das nach dem Heugeruch stinkt, dem man als Arme entkommen will, eigene Hühneraugenpfleger, und sie lassen ihr weibliches Dienstpersonal vom Hausarzt auf Geschlechtskrankheiten examinieren, für den Fall, dass der Sohn der Familie einen Drang empfindet; die Reichen können sich Psychologien leisten, und auch, sich ihrer Frauen zu entledigen, wenn der Psychologie nicht Genüge getan wird. That's what I learned from life, my little drummer, he wanted to fuck me, I let him pay, he did not like when he noticed that he had to pay, they don't accept having to pay for their illusions, so he filed a divorce, ah, you know, he was fair in his compensations, but they are so, I dunno, now let's kiss, my little drummer… End of story. So ungefähr geht das bei Márai, in meiner Synopsis jedenfalls, andere Leute werden darin eher den Untergang Europas, des Bürgertums, die Melancholie-Sedimente, das Schnitzlerhafte, das Thomasmannhafte für wichtig befinden, und das alles nicht zu Unrecht. Was mich ein ums andere Mal getroffen hat, in lauter kleinen, aber nachhaltigen Chocs, sind diese Dämonien der Liebe, die Márai auffältelt - und von denen in den Romanen, die ich sonst lese, selten die Rede ist. Die Abgründigkeiten von Sex: ja klar, überall, gähn; die Beschwörungen des Erotischen: Dauer-Hausse, blue chips der Literatur, ist ja auch billig, Ramsch, Verliebtsein, amours fous, die Faszination von cock & pussy kann man so leicht behaupten wie sonst kaum etwas. Bei Márai dagegen wird das Regime der Liebe, das sonst kaum einer in Frage stellt (außer die öden Evolutionsfritzen, die alles auf das Puckern der Gene reduzieren wollen), angegangen; dass es eine Zumutung ist, jemanden zu lieben, zum Beispiel; eine Eitelkeit, eine Vermessenheit, eine Hoffart. Und jedes Mal, wenn so ein Satz fällt in diesem seltsamen Parlando (das einem immer wieder einmal auf die Nerven fällt), zuckte ich zusammen und dachte: stimmt vielleicht (und wie ist das bei mir? … und bin ich auch so?), und irgendwann im ersten Drittel gibt es diese Passage, in der die wackere brave Frau so etwas wie den Anflug einer Selbsterkenntnis hat und zum Priester beichten geht und ihm dabei erzählt, wie sehr sie darunter leidet, dass ihr Mann sie nicht ebenso sehr liebt wie sie ihn (ohne dass sie, irgendjemand, überhaupt wüsste, worin das Genug-Lieben oder Gerecht-Lieben oder Genauso-Lieben denn bestünde), und der Priester hört ihr eine Zeitlang zu, & dann sagt er: "Ja, dann leiden sie eben." Ja, eben.
Marcelle Sauvageot, Fast ganz die Deine, Nagel & Kimche, Februar 2005 (Original 1933)
Auch so ein Verhängnis-der-Liebe-Buch. Eine Frau, 30, Französischlehrerin in Paris, begibt sich in ein Sanatorium, um ihre Tuberkulose zu kurieren - es wird ihr nicht gelingen, 1934 stirbt sie. Kurz vor ihrer Abfahrt hat der Mann, den sie liebt, mit ihr Schluss gemacht. Nun schreibt sie ihm einen langen, langen Brief. Das Buch ist dieser Brief, kein Roman, sondern tatsächlich ein Abschiedsbrief, Abrechnungsbrief, nach dem Tod Marcelle Sauvageots veröffentlicht und damals von Leuten wie Paul Valéry oder Paul Claudel hoch gelobt. Mit Grund: Fast ganz die Deine ist von einer sehr genauen Bitterkeit und von einer Unerbittlichkeit, die nicht nur dem Adressaten, sondern auch dem Leser arge Gewissensbisse macht.
Zwei Zitate: Wenn Ihnen danach ist, einen ganzen Tag lang ins Wasser zu spucken, um Kringel zu machen, wird die Frau, die Sie liebt, den ganzen Tag an Ihrer Seite bleiben, ohne etwas zu sagen, und Ihnen dabei zusehen, wie Sie Wasserkringel machen; sie wird glücklich sein, weil Ihnen dieser Zeitvertreib gefällt. Und wenn Ihnen jeden Tag danach ist, Wasserkringel zu machen, wird diese Frau jeden Tag dabeisitzen und Ihnen zusehen. Sie haben hinzugefügt, ich würde das nicht fertigbringen. das muß ich wohl oder übel zugeben. Ich würde erst einmal versuchen zu schlafen oder selbst irgend etwas zu tun; wenn das nicht ginge, könnte ich es mir nicht verkneifen, Ihnen zu sagen, daß sie ein Dummkopf sind und daß Sie mich lieber küssen sollten.
Es ist eigenartig, wie oft ein Mann in dem Moment, da er sich mit der Frau zu verbinden gedenkt, die er seit langem liebt, plötzlich von moralischen und gesellschaftlichen Prinzipien heimgesucht wird. Er liebte diese Frau, weil sie stark, unabhängig und voll eigenwilliger Gedanken war; wenn er ins Auge faßt, sie zu heiraten, verwandeln sein Beherrschungswille, seine Eigenliebe und seine Sorge um die öffentliche Meinung die Stärke in Revolte, die Unabhängigkeit in Stolz und schlechten Charakter, die eigenwilligen Gedanken in Egoismus und Ansprüche. Er weist darauf hin, daß das Leben aus alltäglichen kleinen Vorfällen besteht, denen man sich beugen muß und angesichts derer man sich eine "vernünftige Einstellung" zulegen muß. Es empfiehlt sich, die Rollenverteilung von vornherein zu klären, denn die Zeit der Kinderspiele ist vorbei.
Frank Schulz, Kolks blonde Bräute, Haffmans bei Zweitausendeins, 2004 (erstmals 1991)
Hält man lange Zeit für eine Biersäufer-Burleske, ist auch eine, musst oft lachen, weil so albern und so norddeutsch, kippt dann irgendwann um in so eine Alkoholiker-Tragödie und glücklicherweise wieder retour, so etwas glücklich Ausgestandenes, Ehe jetzt, Kinder jetzt, nur noch manchmal, ganz selten um die Häuser, besser so, gerade noch dem Kaputtgehen entkommen. Sehr gerne gelesen. Ich bin da aber befangen, ich hab sieben Jahre gegenüber der Glocke gewohnt, die bei Schulz Glucke heißt, und zehn Fußminuten vom Maibach, das im Buch als Reibach vorkommt, samt Piranha-Aquarium, Lokalkoloritwiedererkennungsglück, bin ja auch manchmal bei dieser Hamburger Polizeirevier-Serie glücklich, weil das Serien-Polizeirevier bei mir um die Ecke liegt. Hätte ich aber wahrscheinlich auch so gerne, sehr gerne gelesen.
Peter Leissl, Die legendären Anstiege der Tour de France, Covadonga 2004
Drin ist, was draufsteht: 20 Gipfel, auf die Tour de France-Fahrer sich quälen, Streckencharakteristiken, Bergprofile mit kilometergenauen Prozentangaben, entscheidende Antritte, legendäre Etappen, schöne Schwarzweißfotos, dazu Porträts legendärer Bergfahrer und Tabellen. Gut geschrieben, solide Recherche, liest man gerne, wenn man die passende Obsession in sich spuken hat.
Oliver Lubrich, Reisen ins Reich 1933-1945, Eichborn, 2004
50 Texte von Ausländern, die zwischen 1933 und 1945 das nationalsozialistische Deutschland bereist haben - als Journalisten und Korrespondenten (Simenon, Shirer usw.), als Schriftsteller (Sartre, Genet, Camus, Beckett, Isherwood, Thomas Wolfe), als Diplomatentöchter (Martha Dodd), als Nazi-Sympathisanten und -mitkämpfer. Großartige, gespenstische Anthologie, man wundert sich, dass es das nicht schon längst gibt.
Julie Orringer, How to Breathe Underwater, Knopf 2004 (erscheint Ende Februar als kiwi-Paperback)
Phänomenal gute Kurzgeschichten über Kindheit und coming-of-age. Literarisch nicht weiter erwähnenswert, classical mode eben, unerhörte Ereignisse, Anfang-Mitte-Ende, handwerklich einwandfrei - aber ohmegod, kann die beobachten, hat die tolle Figuren, sieht die Sachen, hat die einen Seismographen für Kindheits- und Pubertätstragik. Toll.