Dienstag, 13. Februar 2001

Den Sichrovsky lernte ich kennen, als ich beim "Stern" Kultur-Ressortleiter und er "Stern"-Hongkong-Korrespondent und ein bekannter Autor bekannter antifaschistischer Bücher war. Manchmal telefonierte ich mit ihm, weil ich eine Geschichte aus Asien (wofür er zuständig war, für ganz Asien!, einer der besten Jobs, die man im Journalismus bekommen kann) haben wollte, japanische Autoren, dissidente chinesische Maler usw. "Wird doch eh nicht gedruckt", sagte der Sichrovsky, und wenn er ehrlich gewesen wäre, hätte er sagen können: "Ich werd doch nicht so blöd sein, nach China zu reisen, wenn ich doch mein fettes Gehalt in Hongkong mit Nichtstun verbraten kann." Irgendwann war er dann nicht mehr im "Stern", und ich bezweifle, dass viele überhaupt wussten, dass er je da gewesen war. Einige Jahre später tauchte er wieder auf: als Jörg Haiders Vorzeigejude - eine der traurigsten und schäbigsten Existenzen, die ich mir vorstellen hätte können, wenn ich mir das je vorstellen hätte können. Na ja. Jetzt schreibt der Sichrovsky das "Wörterbuch der Wende", und für Nicht-Österreicher sollte ich an dieser Stelle erklären, dass unter "Wende" die Machtergreifung durch die blauschwarze Koalition gemeint ist. Bislang gibt es zwei Folgen (beide vom Netz genommen), und damit der geschätzte Leser ermessen kann, wie tief einer sinken kann, der einmal passable Theaterstücke über die Kinder von Nazi-Verbrechern geschrieben hat, zitiere ich aus Sichrovskys neuem Sprachschatz bloß die Eintragung "Anti-Nazi: Ebenfalls durch einen orthografischen Kunstgriff manipulierte Antithese des "Narziss" - eines schönen Jünglings, der sich in sein eigenes Spiegelbild verliebt - und ist daher ein hässlicher Mann, der sein eigenes Spiegelbild nicht erträgt."





Die <a href="www.kingsofconvenience.com"">Kings of Convenience. Auch so ein Fund, der tagelang glücklich macht. Zwei Mittzwanziger aus Bergen/Norwegen, dem skandinavischen Ort mit dem ausdauerndsten Regen. Gegen den Regen sind die Lieder auf der CD "Quiet is the New Loud", die dieser Tage erschienen ist. Wirklich ist alles ganz leise, auf eine Art, wie man sie seit den "Protest Songs" von Prefab Sprout nicht mehr oft gehört hat. Man hört (oder bildet es sich zumindest ein), wie auf den Gitarren umgegriffen wird, dieses leichte Echo nachschwingender Saiten zwischen zwei Akkorden. Schöner Songtitel: "I Don't Know What I Can Save You From" . Hier sind MP3s: Toxic Girl | Singing Softly to Me | Winning a Battle, Losing the War





Ein Genre, also eine bestimmte Weise zu sprechen, versteht man eher, indem man es selbst zu sprechen beginnt und zusieht, was dabei geschieht; was macht es mit einem; passt es zu einem; passt man zu ihm; funktioniert es? Deswegen Le Sofa Blogger - ein Versuch, sich einer Sprechweise anzuverwandeln. Verweisen, zitieren, zitiert werden, indirekt sprechen, in Marginalien sprechen, talking in tongues, kommentieren, vor sich hin publizieren, durcheinander werfen, was nicht zusammen gehört, usw. usf. etc. pp. Und gelegentlich darüber nachdenken: was das bringt, ob das es bringt, wozu das alles und wozu ganz sicher nicht.

Machen wir bald. Und zwar darüber:

  1. Update-Zwänge, die mir nicht ganz geheuer sind. Ich muss heute noch mindestens einen Eintrag vornehmen, ich hab schon drei Tage nichts mehr geschrieben, die Leute werden enttäuscht sein und nicht mehr zurückkommen - obwohl es nicht viele sind, die das lesen, und obwohl sie Nicht-Updates ganz sicher überleben werden.

  2. Merkwürdige Community-Rituale. Wer hat welchen Link als ersten gehabt, wer welches Weblog wann begrüsst. Manchmal die Vermutung: hier konstruieren sich Leute eine moderne mutual appreciation society, die den Vorzug hat, dass nicht besonders viel dazu gehört, appreciated zu werden.

  3. Die Institution des Backlinks. Weblog X hat mich jetzt schon viermal gelinkt, ich es noch nie. Muss jetzt aber mal sein, es gehört sich nicht, das nicht zu tun, Respekt und so weiter. Wenn man wollte, könnte man geschlossene Kreisläufe aus links und backlinks erzeugen: Loops also. Kann man mit Weblog-Material ähnlich komponieren wie in Musik: remixes, samples, loops? Mal sehen.

  4. Weblog-Sorten. Erstens: Expertentum und Service. Zweitens: Diarienhaftes. Drittens: Kommentare, Marginalien, Zitate, Fundstücke, Strandgut. Viertens: Weblogs, um ein Weblog zu haben.

  5. Die Linkliste als Instrument der Liebesbekundung und der Grausamkeit (dringend überarbeiten in den nächsten Tagen.....)

  6. Schlechtes Gewissen, wenn man zu wenige Links hat. Wird nicht gerne gesehen. Schon wieder: lauter neue Regeln. Wieso eigentlich?

  7. Wie man permanent versucht ist, sich auf irgendein Programm einzupendeln, obwohl man das Unternehmen mit dem Vorsatz gestartet hat, eben kein Programm zu haben, sondern einen Text schreiben wollte, der nur aus Fussnoten besteht, zu denen es keinen Lauftext gibt. Was bin ich jetzt eigentlich, wofür steht das, was denken andere, wofür es steht und ähnlicher Quatsch- dieses beschämende Bedürfnis nach taglines...

  8. Fragmentarischer werden. Intimer werden. Experimenteller werden.

  9. Mal sehen.





<a href="www.mole.de"">Yonderbois CD "Shallow and Profound" habe ich erst jetzt gekauft, wegen des Covers, das ein blau getöntes Schwarzweissportrait eines ernsten jungen Mannes in Jackett, weißem Hemd und breiter 70er-Krawatte zeigt. Ist ein Ungar. File under: Ja, worunter denn nun? Lounge, Acid Jazz, D and B? Keine Ahnung, ist auch egal. Leider gibt es in CD-Läden nie das Regal "Hybride", dann wüsste ich sofort, wo ich Entdeckungen machen könnte. Das Ungarische funktioniert, wie konnte die Welt bisher auf ungarische Lyrics verzichten? Es gibt eine Akkordeon-Version von Herbie Hancocks "Cantaloupe Island", die der Komposition sofort ihre Würde zurückgibt, die ihr von der Deppenband "US 3" gestohlen wurde. Jetzt ist es wieder so melancholisch wie es war, ehe man es für Londoner Yuppieclubs verramscht hat.





"Da das Medien-, respektive Fernsehbild in der Qualität seiner Information ein konstruiertes ist,als solches ein idealisiertes Abbild der Realität schafft, ist es grundsätzlich ein zu hinterfragendes und als Konstrukt als verdächtig einzustufendes. Dieses Idealbild, das vorgibt, verbindliche Realität zu sein, ist Bestandteil einer Metaebene, die auf die Vermittlung beliebiger und austauschbarer Inhalte abzielt. Durch diesen Trick wird die Medienwirklichkeit in ihrer scheinbaren Verbindlichkeit wiederum zu einem wesentlichen Bestandteil von Lebenswirklichkeit", sagt <a href="www.goldgruber.at"">Michael Goldgruber, Künstler in Wien, auf den <a href="www.euroranch.org"">Makotter aufmerksam macht. Die Serie <a href="www.goldgruber.at"">prime time geht, mit malerischen Mitteln, dem Verdacht nach und macht die Bilder wieder so unscharf, wie sie sind.





List Magazine, New York. Bisher ist nur die premiere issue erschienen, eine zweite angekündigt, die <a href="www.listmag.com"">Website ist under reconstruction und unergiebig. Jede Geschichte ist eine Liste: 4 Seiten Gästeliste der Talk Magazine Launch Party, zwei Doppelseiten mit Flip Flop-Produktphotos, eine Story namens Recyclist, die unter anderem vorführt, wo Steven Meisel seine Modegeschichten für die Italian Vogue geklaut hat, eine FinaLIST betitelte Strecke über die Henkersmahlzeiten hingerichteter Mörder ("John Rook: 12 Hot Dogs [ate only three] ... William Andrews: Banana Split"), in der Abteilung JournaLIST dokumentiert ein serbischer Immigrant seine dental history ("I took the Fixodent and glued the three pieces of my bridge together neatly and put it back into my mouth...") , eine to do LIST mit Polaroids der Scouterin für das Macy Gray-Video "I Try" usw. Überraschenderweise funktioniert das. Die Frage ist, ob es als regelmäßige Zeitschrift funktionieren könnte oder bloß zum Manierismus werden müsste - wie Listen ja meistens, jedenfalls seit Nick Hornby seinen unseligen Einfluss auf die Kultur ausübt.





Ein weiterer Versuch, eine Zeitschrift zu machen, die sich einem einzigen Ordnungsprinzip unterwirft ist das Amsterdamer Re-Magazine. Erschienen sind bislang fünf Hefte, die <a href="www.re-magazine.com"">Website enthält leider bloß das Cover der kurrenten Ausgabe und eine Kontaktadresse. Die Nummer 5 hat zum Generalthema "Re-connect attempts" - also Familie, Yourself, Romanticism, Adolescence usw.

"Re-connect attempt No.9: Media" wird im Inhaltsverzeichnis so angekündigt: "Re-connect with an old issue of National Geographic. Say hi to a face in the magazine. Word count: 1.118 words". Zitat aus der Geschichte, die ein Essay über ein Lufthansa-Inserat ist: "What was it like to feature in Lufthansa advertisements? Were you recognized in the street? Dit it pay well? Or were you really a stewardess by profession? I mean, it's possible. Now, as we head into the 21st century, we value things that are real. We want authenticity. 'Experiences'. We want the representation to coincide with the reality, if you want the theory."

Spannend: Meta-Magazine. Gar nicht mehr erst so tun, als gäbe es direkte Zugänge, sich gleich auf das Indirekte einlassen und es neu zusammensetzen.

Auf der hinteren Umschlagseite (der U4, wie wir im Gewerbe sagen): bloß ein riesiges Etc. und die Paginierung "Page 84 out of 84". Jetzt ist die Zeitschrift zu Ende, beginnt etwas anderes. Sonst sagen Medien nie: dass sie aufhören. Sie wollen den Glauben erwecken, die Welt ersetzen zu können.





Freitag, 9. Februar 2001

XxSunflowersxx:Scheiss Boris! SO! InesFsc:sehe ich nicht so RondaS1050757917:geht mal wieder bye DieterSilvester:hallo wer kann mir helfen InesFsc:genau scheiss boris Leon kommt:SABRINA IST VIEL GEILER XxSunflowersxx:lol Sasuela:ist ja ekelhaft, mir reichts Dysan27:was für ein Probelm hast Du mit Deinen Compi XxSunflowersxx:la la la la la la EBSCH689420947:Aber hat nicht einer der so in der Öffentlichkeit steht eine verpflichtung uns gegenüber,oder können wir die M Christian23J5479:denke na und 5 millone oder mehr ,aber er kann noch immer ein Hotelzimmer nehmen für 4500DM in der nacht Leon kommt:fresse XxSunflowersxx:Ich hau mal wieder ab! Cu Boris schmunzelt:Scheiss? Ihr nehmt Sachen in den Mund, die nich nicht mal in die Hand nehmen würde DieterSilvester:geht immer aus Dysan27:der Rechner ? DieterSilvester:ja ja ja ja HKrystall:Sabrina sieht aus wie ein Affe, Barbara hat schöne Augen und Boris sieht aus wie ein geklontes Schaf Dysan27:haste mal die Stecker überprüft ? DieterSilvester:könnt ihr mal mit dem scheiss aufhören Boris schmunzelt:Es ist nichtjeder so schön wie du, Kristall Artful Dodger160:mit wem der was hatte geht doch keinen was an!!! DieterSilvester:ja dysan HKrystall:Danke Schnucki InesFsc:wer kinder macht soll auch wenigstens dafür zahlen DieZamia:mensch leute habt ihr keine andere problemen???? DieterSilvester:dieses baby von der ermakova der vater ist boris Dysan27:dann schätze ich mal Du hast vieleicht einen Kabelbruch ?

Aus einem AOL-Chat über Boris, Babs, Daniel, Anna und wie sie alle heißen.





XxSunflowersxx:Scheiss Boris! SO! InesFsc:sehe ich nicht so RondaS1050757917:geht mal wieder bye DieterSilvester:hallo wer kann mir helfen InesFsc:genau scheiss boris Leon kommt:SABRINA IST VIEL GEILER XxSunflowersxx:lol Sasuela:ist ja ekelhaft, mir reichts Dysan27:was für ein Probelm hast Du mit Deinen Compi XxSunflowersxx:la la la la la la EBSCH689420947:Aber hat nicht einer der so in der Öffentlichkeit steht eine verpflichtung uns gegenüber,oder können wir die M Christian23J5479:denke na und 5 millone oder mehr ,aber er kann noch immer ein Hotelzimmer nehmen für 4500DM in der nacht Leon kommt:fresse XxSunflowersxx:Ich hau mal wieder ab! Cu Boris schmunzelt:Scheiss? Ihr nehmt Sachen in den Mund, die nich nicht mal in die Hand nehmen würde DieterSilvester:geht immer aus Dysan27:der Rechner ? DieterSilvester:ja ja ja ja HKrystall:Sabrina sieht aus wie ein Affe, Barbara hat schöne Augen und Boris sieht aus wie ein geklontes Schaf Dysan27:haste mal die Stecker überprüft ? DieterSilvester:könnt ihr mal mit dem scheiss aufhören Boris schmunzelt:Es ist nichtjeder so schön wie du, Kristall Artful Dodger160:mit wem der was hatte geht doch keinen was an!!! DieterSilvester:ja dysan HKrystall:Danke Schnucki InesFsc:wer kinder macht soll auch wenigstens dafür zahlen DieZamia:mensch leute habt ihr keine andere problemen???? DieterSilvester:dieses baby von der ermakova der vater ist boris Dysan27:dann schätze ich mal Du hast vieleicht einen Kabelbruch ?

Aus einem AOL-Chat über Boris, Babs, Daniel, Anna und wie sie alle heißen.





Mittwoch, 7. Februar 2001

Ich gebe zu, das Folgende ist ein wenig ermüdend. Es dreht sich im Kreis, und man hätte es abbrechen können. Es abzubrechen, hätte indessen bedeutet, jemanden hinauszuwerfen. Vielleicht wäre das zärtlicher gewesen, ich weiss es nicht. Es war nicht so, dass sie mir nicht leid tat, und es gab Augenblicke, in denen ich sie gerne umarmt hätte, oder etwas in dieser Art, obwohl es hölzern und linkisch gewesen wäre. Aufgeschrieben habe ich es, weil es mir nicht aus dem Kopf geht. Das Gespräch nicht - und noch weniger die Ahnung, dass es viele solcher Mädchen gibt. Und dass sie alle jahrelang von einem zum anderen treiben, und jeder (ich nehme mich davon nicht aus) sagt ihnen irgendetwas, und nichts davon hilft ihnen. Selbst müssten sie sich helfen können, ich weiss das, und ich sage es oft genug. Aber das sagt man eben auch oft nur so. Das Perfide für 24jährige besteht ja darin: Alles, was gesagt wird, wird noch öfter als ernst gemeint - nur so gesagt. Ich wüsste nicht, wie es mir erginge, wenn ich da stünde, wo sie gerade steht. Es war einmal leichter, etwas ganz dringend zu wollen, bilde ich mir ein, auch wenn man möglicherweise nicht so leicht durchkam mit dem, was man konnte. Und dann muss etwas schief gegangen sein, wurde aus "ich möchte Texte schreiben, die die Welt erklären, die Menschen sehend machen, die Leser aufscheuchen" ein "irgendwas mit Medien". Man kann das den 24jährigen nicht vorwerfen, auch wenn man oft daran ist, sie zu rütteln und anzubrüllen, dass sie verdammt noch mal endlich aufwachen und endlich Leute wie mich herausfordern sollen (I swear, I miss that...) - ich befürchte, man muss es den Medien (also Leuten wie mir) vorwerfen. Was aus diesem Vorwurf allerdings folgen müsste, frage ich mich selbst.

  • Wie findest du meinen Text?
  • Wie findest du ihn?
  • Gut.
  • Wieso?
  • Ich weiss nicht. Er gefällt mir eben.
  • Hast du ihn dir schon einmal laut vorgelesen?
  • Wieso?
  • Wenn du ihn dir laut vorlesen würdest, kämst du aus dem Lachen nicht mehr heraus. Ich habe schon lange nicht etwas so Grottenschlechtes gelesen.
  • Was gefällt dir daran nicht?
  • Alles. Nichts an diesem Text ist erträglich.
  • Ich habe ihn aber schon anderen gezeigt, und denen hat er gefallen.
  • Entweder sind sie feige. Oder sie verstehen nichts von Texten. Oder sie wollten höflich zu dir sein. Es wäre aber noch unhöflicher, dich zu belügen.
  • Was ist denn daran so schlecht? Gefällt dir die Sprache nicht?
  • Über die Sprache müssen wir gar nicht erst reden. Es beginnt schon viel früher. Es beginnt bei deinen Wahrnehmungen. Es gibt in deinem Text keine Wahrnehmungen, sondern nur Wahrnehmungsleichen.
  • Versteh ich nicht.
  • In der ersten Zeile sprichst du von einer flackernden Neonreklame.
  • Was ist daran falsch?
  • Wie oft in deinem Leben hast du eine flackernde Neonreklame gesehen?
  • Oft.
  • Ich habe dich gefragt: wie oft im Leben? Nicht: wie oft in schlechten Filmen?
  • Einige Male.
  • Wie oft also?
  • Na ja.
  • Höchstens zweimal.
  • Na ja.
  • Alles in deinem Text ist so. Die Finger sind zittrig. Die Nacht ist dunkel. Gegenüber ist ein Hotel. Die Liebe macht ihn schutzlos.
  • Was ist daran so schlimm?
  • Dass du entweder keine Wahrnehmungen hast, oder dass du dir keine Mühe mit ihnen gibst.
  • So schlimm?
  • Groschenromane sind so, "Mein Bekenntnis" und ähnlicher Schund. Das kannst du nicht ernst gemeint haben.
  • Ich habe es gern ein wenig schwülstig.
  • Es hilft dir nicht, dir das einzureden.
  • Was soll ich an dem Text ändern?
  • Nichts. Du sollst ihn wegwerfen.
  • Oh Gott.
  • Und dann setzst du dich noch einmal hin und schreibst ihn neu. Und dann kommst du noch einmal, und ich werfe ihn wieder weg. Und das machen wir so lange, bis er gut ist.
  • Ich weiss nicht.
  • Warum glaubst du, dass es anders ginge?
  • Ich weiss nicht. Andere können das ja auch.
  • Sie lügen.
  • Ich weiss nicht, ob ich das schaffe.
  • Es bleibt dir nichts anderes übrig, wenn du schreiben lernen willst. Du kannst dich ja auch nicht einfach an ein Klavier setzen und eine Sonate spielen. Du musst erst Tonleitern üben.
  • Glaubst du, dass man das Schreiben lernen kann?
  • Viel davon. Das musst du herausfinden. Es geht nicht anders.
  • Jeder?
  • Nein. Aber man muss es versuchen. Erst dann weisst du, ob du schreiben kannst.
  • Ich weiss nicht, ob ich das will.
  • Warum bist du dann hier?
  • Ich muss endlich was schaffen.
  • Was heisst das?
  • Die letzten Jahre waren so herb.
  • Erzähl doch.
  • Meine Mutter ist gestorben. Mein Großvater auch, zwei Monate später. In meinen Armen.
  • Warum schreibst du nicht darüber?
  • Ich kann nicht.
  • Wieso nicht?
  • Es macht mich depressiv. Ich wirke nur so, als wäre ich nicht depressiv. Du kennst mich nicht. Das ist nur eine Maske.
  • Du brauchst keine Maske. Warum schreibst du nicht über dein Leben? Das ist doch ein Stoff, den du kennst.
  • Ich mag nichts mehr damit zu tun haben. Ich bin froh, dass ich mich aufgerafft habe, nach Hamburg zu gehen. Die letzten Monate waren so krass. Zu viel Koks.
  • Dann schreib, wie es ist mit zuviel Koks. Was es macht. Was es mit deinem Körper macht, was es mit deiner Nase macht, was es mit deinem Sex macht, was es mit dir um acht Uhr morgens macht, um zehn Uhr...
  • Um zehn hab ich nur geschlafen.
  • Du weisst schon, was ich meine.
  • Es würde mich runterziehen, wenn ich darüber schriebe.
  • Wie hat dein Großvater ausgesehen? Wonach hat er gerochen? Wie haben seine Hände ausgesehen? Was hast du mit ihm geredet, als er in deinen Armen lag und starb? Wie war sein Begräbnis?
  • Ich kann das nicht.
  • Du kannst es aber auch erzählen.
  • Ich kann aber nicht erzählen, wie es wirklich war.
  • Wieso?
  • Es ist immer so schwammig.
  • Wenn du daran arbeitest, wird es immer weniger schwammig sein. Es wird dir gut tun.
  • Es zieht mich runter. Ich habe so lange gebraucht, bis ich es geschafft habe, jeden Morgen aufzustehen und irgendetwas zu tun.
  • Dann schreib darüber, wie es ist, jeden Morgen aufzustehen.
  • Wenn ich das schreibe, mag ich aber nicht mehr aufstehen.
  • Du willst aber schreiben können?
  • Ich weiss nicht, ob ich es kann.
  • Warum willst du schreiben können?
  • Ich will eben.
  • Schreiben ist großartig. Das Beste, was ich kenne.
  • Ja, du.
  • Wenn du es willst, kannst du es vielleicht auch schaffen. So schwer ist es ja auch wieder nicht.
  • Ich bin schon so alt.
  • Wie alt bist du denn?
  • Und, was ist das Problem?
  • Ich müsste schon irgendwo sein, glaube ich. Die anderen schaffen das ja auch.
  • Um die anderen geht es jetzt nicht. Wie schnell glaubst du denn, müsstest du schreiben können?
  • Ich weiss nicht.
  • Wenn du jetzt anfängst zu arbeiten, bist du vielleicht in fünf Jahren so weit, dass du zufrieden sein kannst mit dem, was du schreibst.
  • Oh Gott.
  • Es ist aber so. Übrigens geht es nicht darum, was andere über das denken, was du schreibst. Ziemlich sicher können sie es ebenso wenig.
  • Und wie soll ich es dann lernen?
  • Du kannst mir deine Texte zeigen. Ich werde dir sagen, wie sie sind. Du musst mich nicht für rechthaberisch halten - ich habe recht. Oder such dir jemand anderen, der so ist wie ich und dich nicht einfach durch Höflichkeit loswerden will.
  • Ich weiss nicht, ob ich das schaffe.
  • Wenn du in Japan Sushikoch werden willst, musst du auch erst ein paar Jahre Reis waschen. Und dann erst darfst du zum ersten Mal Fisch schneiden.
  • Aber ich bin schon 24.
  • Was magst du einmal werden, wenn du groß bist?
  • Schauspielerin. Auf einer Bühne stehen.
  • Warum wirst du dann nicht Schauspielerin, sondern Journalistin?
  • Ich habe mich bei der Ernst-Busch-Schule beworben. Die haben mich auch zum Vorsprechen eingeladen. Ich bin vor Angst nicht hingegangen. Und dann habe ich jetzt in Hamburg an der Stage School einen Workshop gemacht. Die haben mir einen Vertrag angeboten. Kann ich mir aber nicht leisten.
  • Also ist die Schauspielerei geknickt?
  • Ja. Kann man so sagen.
  • Und wie bist du auf Journalismus gekommen?
  • Ich hab da in Berlin eine Bekannte gehabt, die für Sat1 was gemacht hat. Bei der bin ich mitgelaufen. Leute interviewen, recherchieren. Das hat mir Spaß gemacht.
  • Also Fernsehen.
  • Ja. Eigentlich schon.
  • Warum bist du dann hier?
  • Im Fernsehen muss man ja auch schreiben können. Danach habe ich übrigens noch ein Praktikum bei der Bild.
  • Dass du da schreiben lernst, kann ich mir nicht vorstellen.
  • Ich brauche ein Volontariat. Ohne Volontariat kannst du doch sowieso nirgendwo anfangen. Und wie soll ich ein Volontariat bekommen, wenn ich nicht Praktika mache?
  • Ich habe auch nie ein Volontariat gemacht. Aber ich bin auch nicht aus Deutschland...
  • Die Uni halte ich jedenfalls nicht mehr aus.
  • Was machst du an der Uni?
  • Ich habe sieben Semester Jus studiert. Weil meine Mutter sich das eingebildet hat. Und jetzt studiere ich Pädagogik, Soziologie und Politikwissenschaften. Im, warte Mal, dritten Semester.
  • Was interessiert dich daran?
  • Woran?
  • Pädagogik, Soziologie und Politikwissenschaften.
  • Nichts. Ich muss studieren, sonst bekomme ich meine Waisenrente nicht mehr.
  • Aber warum studierst du gerade das?
  • Weiss auch nicht. Jeder sagt dir etwas anderes. Wenn man Journalist werden will, soll man doch irgendetwas Allgemeines studieren. Ich war sogar schon bei der Berufsberatung, aber da waren lauter Trantüten.
  • Das einzige, was du als Journalist können musst, ist zu beobachten und zu schreiben. Und zwar das Besondere und nicht das Allgemeine. Lass dir nichts einreden.
  • Aber was soll ich denn machen?
  • Du musst erstmal herausfinden, was du willst. Und dann musst du daran arbeiten, irgendwann einmal zu können, was du willst. Anders geht es nicht.
  • Ich weiss nicht.
  • Du kannst doch reden. Du kannst doch erzählen. Du hast mir doch gleich bei unserem ersten Gespräch von deinem Doppelleben erzählt. Du musst nur einigermaßen so genau schreiben lernen wie du sprechen kannst.
  • Ich kann doch gar nicht sprechen.
  • Doch.
  • Mein Wortschatz ist doch so beschränkt.
  • Nicht, wenn du sprichst. Nur wenn du schreibst.
  • Ich habe aber das Gefühl, dass ich nie das ausdrücken kann, was ich eigentlich sagen will.
  • Deswegen musst du schreiben. Weil du beim Schreiben alles immer durchstreichen und noch einmal schreiben kannst. Bis du schreiben kannst, was du ausdrücken willst.
  • Vielleicht werd ich ja Viehhändlerin. Vielleicht geh ich am besten zurück in mein Dorf.
  • Nein. Du gehst nach Hause und schreibst deine Geschichte noch einmal.
  • Ich weiß nicht.




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