Mittwoch, 10. April 2002

Kid Adorno: Ein Text über Adorno und Radiohead.





das es keine Natureigenschaft des Menschen ist, Staatsbürger sein zu wollen; dass Erniedrigung kein gutes Argument ist; dass Leute, die zusammengeschossen werden, nicht deswegen schon Recht haben; dass ich jeden, dem zu Israel/Palästina "Brille um Brille, Krone um Krone" einfällt, für mindestens einfallslos halte; dass Handelsanktionen gegen Israel mich an Kauft nicht bei Juden erinnern; dass das Gerede von den zwei alten Männern so lange nicht gilt, als die jüngeren Herren, die sonst so herumregieren, keine menschenfreundlicheren Ideen ausbrüten; dass Vorsitzende und Pfaffen, die in ihrem Staatsgründungskrieg Teenager zum Kanonenfutter machen, von mir aus gerne noch 20 Jahre belagert werden können.





Mittwoch, 3. April 2002

Ich bräuchte ein kleines Free- oder Shareware-Programm, mit dem man Ideen sortieren, organisieren, hierarchisieren kann, irgendetwas Mindmappiges, mit dem das Chaos ein wenig kleiner wird. Sollte auf MacOs 9 laufen, nicht besonders mächtig sein, in weniger als zehn Minuten erlernbar sein und ein diskretes Design haben (oder ermöglichen)? Für zweckdienliche Hinweise bin ich dankbar.

Update. Danke für die prompte Hilfe. In den Comments wird übrigens auch Windows-Usern mit ähnlichen Bedürfnissen geholfen.





wenn man draufkommt, dass in 300 Meter Entfernung ein Laden aufgemacht hat, in dem es Laksa, Pad Thai und Udonnudelsuppen gibt. Jetzt habe ich endlich wieder drei favorite Abhängeorte, die anderen beiden sind das Lapp & Fao und die Teufels Küche





Als das Netz noch Spaß machte, gab es Kaffeemaschinen, Telegarten, Fishcams. Heute geht niemand mehr hin. Wehklage in der NYT.





Zwei lange Artikel über Backpack Journalism, also über Journalisten, die als Solokämpfer recherchieren, aufnehmen, produzieren, texten, fürs Netz aufbereiten usw. Nicht uninteressant aus zwei Gründen. Erstens macht es Journalismus unabhängiger, subjektiver, unreglementierter. Was gut ist, solange der Journalist gut ist (meistens ist er nur mittelmäßig). Zweitens macht es Journalismus billiger; das wird die Medienkonzerne interessieren, eine weitere Gelegenheit, solide Recherche und Team-Kontrolle wegzurationalisieren. Backpack Journalism Is Here to Stay The Backpack Journalist Is a "Mush of Mediocrity"





Ein guter Artikel in der Neuen Zürcher, der sagt, was zu sagen ist: Zurück zur Opfergesellschaft. Verschiebungen in der deutschen Erinnerungskultur.

Zitat:

Anzeichen für eine Transformation der Täter- in eine Opfergesellschaft gibt es schon länger. Seit Mitte der neunziger Jahre ist zum Beispiel ein bis heute anhaltender «Zeitzeugenboom» zu verzeichnen. Der begann unter anderem mit der deutschen Antwort auf Steven Spielbergs Video- Archiv der Holocaust-Überlebenden, dem von Guido Knopp initiierten «ZDF-Jahrhundertbus». Mit Hilfe dieses mobilen Aufnahmestudios sollte die Zahl der damals 50 000 Zeugen des weltweit operierenden Archivs der Shoah Foundation von deutschem Boden aus übertroffen werden. Tatsächlich gibt seither eine nicht enden wollende Reihe ehemaliger BDM-Mädel und Frontsoldaten ihre Erlebnisse, Erfahrungen, ihre Leiden und Verluste (nicht aber ihre Taten) vor den Videokameras der Zeitzeugenambulanz zu Protokoll.
Die eindrucksvollsten dieser «Zeugnisse» werden häppchenweise als «authentische» Geschichtsgeschichten in die allfälligen Features über «Hitlers Helfer», «Hitlers Kinder», «Hitlers Frauen» und über die Vertriebenen einmontiert - womit die Leidenserzählungen der Deutschen beiläufig und beinahe unbemerkt wieder in das offizielle Erinnerungsinventar der Bundesrepublik eingefügt wurden. Bei all dem wird überdies der Eindruck vermittelt, die Erinnerungen eines ehemaligen Panzermannes der Waffen-SS hätten dasselbe Gewicht und die gleiche Dignität wie die Ausführungen des einen oder anderen Historikers, der scheinbar zufällig in derselben Sendung auch vorkommt.
So wenig der Umstand Beachtung fand, dass plötzlich wieder massenmedial vom Leiden der deutschen Bevölkerung unter Krieg, Bombardierung, Verfolgung und Vertreibung gesprochen werden konnte, so wenig wurde registriert, dass sich ungefähr zur selben Zeit ausgerechnet auf Seiten sich als kritisch verstehender Wissenschaften ein analoger Vorgang vollzog, und zwar unter dem Vorzeichen des «kollektiven Traumas». Der ursprünglich eng definierte und klinisch verstandene Begriff des Traumas war lange Zeit für die Beschreibung der psychischen Folgen reserviert, unter denen Gewaltopfer - und nicht zuletzt die überlebenden Opfer des Holocaust - zu leiden hatten. Die psychischen Probleme zurückgekehrter Vietnamveteranen liessen es dann in den siebziger und achtziger Jahren zunehmend sinnvoll erscheinen, auch Gewalttäter in den Kategorien des Traumas zu beschreiben. Allerdings wäre damals noch niemand auf die Idee gekommen, solche Kategorien auch auf nationalsozialistische Massenmörder oder gar auf Schreibtischtäter anzuwenden.




Genau. Schamlippen-Postings. Gestern und heute. Der Grund dafür steht bei Kythryne Aisling, den Hinweis verdanke ich dem wie stets gut unterrichteten Daze Reader. Und jetzt sollte ich wohl mein Schamlippen-Posting veröffentlichen. Ich habe aber keines. Nicht, weil mir zu Schamlippen nichts einfiele, sondern weil ich, was mir dazu einfiele, schon einmal geschrieben habe, an dieser Stelle.





Dienstag, 2. April 2002
Es gibt einen anderen Dornbusch, man muß ihn suchen – verkünden die geheimen Stimmen jener, denen die Schergen der alten und der neuen Herren auf den Fersen sind – und finden wir ihn nicht, so werden wir ihn pflanzen. Gesegnet seien, die so sprechen. Daß doch die steinigen Wege ihren Füßen nicht zu hart werden und ihr Mut nicht geringer als unser Jammer.
So sprach der Fremde, ehe er uns wieder verließ. Wir versuchten, ihn schnell zu vergessen, ihn und den bittern Geschmack seiner Hoffnung. Wir waren müde des ewigen Anfangs.
Aus Sperber wieder aufgetaucht, immer noch ganz benommen, immer noch elektrisiert. Ich werde darüber mehr schreiben und das Elektrisierte und das Benommene erklären müssen, für den Anfang nur so viel. An Sperber, der doch einen Abschied an den Kommunismus (jenen Stalins, des Kalten Kriegs, Katyns, des Irgendwas-in-einem-Lande) geschrieben hat, ist mir seit langem wieder zum erstenmal die Sehnsucht nach dem Kommunismus aufgegangen, die Sehnsucht nach einer Association der Freien, mit keinerlei Chancen auf Erfolg natürlich, aber die Sehnsucht hat er mir wieder gegeben. Die Großherzigkeit Sperbers beschämt einen sowieso ein ums andere Mal; er schafft es nicht nur, dass man sich inmitten eines Buchs, das sich lossagt vom Kommunismus, zum Kommunismus gezogen fühlt, er bringt es auch zuwege, dass man alten Aristokratinnen, die mit brechender Stimme Plädoyers für die Restauration der Monarchie halten, die Gefolgschaft erklären will, und nicht nur aus Empathie für die Verlierer der Geschichte, sondern wegen ihrer Untergangs-Hellsichtigkeit, die der hübschen neuen Nachuntergangs-Welt ein paar unangenehme Wahrheiten zu sagen hat. Na ja. Man müsste mehr sagen dazu. Später.




für das Buch. Das Weblog vermisse ich dennoch. Und das der Dedizierten ebenso.





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