Sonntag, 2. Juni 2002

Platz 1 bei wollte ich, Platz 1 bei Futurama Porno.





Babyblaue Seiten.





They say the working class is dead, we're all consumers now They say that we have moved ahead - we're all just people now There's people doing 'frightfully well' there's others on the shelf But never mind the second kind this is the age of self They say we need new images to help our movement grow They say that life is broader based as if we didn't know While Martin J. and Robert M. play with printer's ink The workers 'round the world still die for Rio Tinto Zinc And it seems to me if we forget Our roots and where we stand The movement will disintegrate Like castles built on sand Robert Wyatt, The Age Of Self, hier ein Real Audio (Ausschnitt)





Weil ich Bücher nicht wegschmeissen kann, obwohl viele von ihnen es verdient hätten, konnte ich heute in alten Martin Walser-Interviews nachlesen. Suhrkamp Taschenbuch 1871 (sic!), Auskunft: 22 Gespräche aus 28 Jahren. Sehr aufschlussreich: An seinem Geschichtsgefühl laboriert er schon seit 1986. Alles schon da, und zwar full monty. Wie er es nicht aushält, dass Nietzsche und Karl May im Ausland geboren sind, die Mutterkatastrophe Erster Weltkrieg, Versailles, und dass er das alles doch wohl sagen wird dürfen. Muss man sich mal vorstellen: Er darf seinen Seich also seit 16 Jahren sagen - Welt, Stern, öffentlich rechtliches Fernsehen - und tut immer noch, als dürfe er nicht. Na ja, egal.

Lustig sind die Interviewpassagen, in denen es aufs Territoriale hinausläuft; Geschichtsgefühle neigen ja dazu, stets aufs Territoriale hinauszulaufen. Und da sitzen sie dann, der Schriftsteller und die Journalisten und grübeln, was man jetzt berechtigterweise emotional einsacken könnte und was dann doch lieber nicht.

Drei Passagen:

I.

Also Nietzsche war kein Ausländer, aber jeder der heute in Sachsen an Nietzsches Stelle träte, wäre ein Ausländer. Da muß ich den Honecker fragen: Sind Sie wirklich für mich ein Ausländer, Erich Honecker? Und ich für ihn? Das kann ich ihm nicht abnehmen. Ich muß sagen, für mich hat Österreich seit 1945 wirklich nationale Identität entwickelt. Ich glaube einem Österreicher, daß er ein Österreicher ist, auch wenn, wie Sie sehr wohl wissen, mit Vorarlberg das Regionalistische für mich vielleicht im Vordergrund ist. Und ein Schweizer ist ein Schweizer. Aber für mich hat die DDR keine nationale Identität und die Bundesrepublik auch nicht.
II.
Ja gut, aber ich meine, die Abnabelung Österreichs, die kann man nun wirklich nicht mehr rückgängig machen, man kann sie fast nicht rückgängig machen wollen. Ich kann mir das nicht vorstellen. Ich erlebe, auch wenn ich in Wien bin, oder wenn ich österreichische Verlautbarungen in Literatur oder Politik zur Kenntnis nehme, dann erlebe ich auch das tatsächlich auf k. und k. zurückbezogen, daß sich von da bis jetzt etwas Nationales gebildet hat. Und das hat auch Literatur. Wenn man da einteilt, kann man sagen, die österreichische Literatur ist zwar deutschsprachige Literatur, aber hat ein anderes Klima. Jörn Laakmann: Von der Wiedervereinigung haben Sie sich gerade distanziert, ich glaube, Sie haben sie eher als eine Utopie, diese Idee eines wiedervereinigten Walser: eines vereinigten Laakmann: eines vereinigten, eines "einen" Deutschlands, wie Sie gerade sagten. Aber Sie wollen gleichzeitig nicht Österreich wiedereingliedern. Walser: "Wiedereingliedern" - dieses Vokabular ist nicht meines!
III.
In den letzten Jahren wurde ich, nachdem ich für die Wiederereinigung war, immer wieder polemisch gefragt: Ja, und Österreich? Und da fiel dann auch das Wort Anschluß. Aber das ist ja schon insofern grotesk, als eben die allmähliche geschichtliche Verselbständigung Österreichs in keiner Sekunde und in keinem Detail vergleichbar ist mit der schmerzlichen, brutalen Trennung, dem Auseinanderschneiden eines existierenden Ganzen, und sei es noch so länderhaft gewachsen und nachher förderalistisch strukturiert.
Das Wort Geschichtsgefühl stelle ich mir übrigens immer wie von Berti Vogts ausgesprochen vor: Gechichtsgefühl. Aber vielleicht habe ich das auch irgendwo gelesen....





Freitag, 31. Mai 2002

Der Verschreiber "unredigiertes Rezessionsexemplar", gerade in einer Diskussion über das Walsersche Samizdat-Werk gelesen.





Ich habe nicht das Buch selbst, nur zwei Rezensionen über es gelesen (im Tagesspiegel und in der taz): Der Rostocker Literaturwissenschaftler Moritz Baßler hat eine Studie über den "Deutschen Pop-Roman" geschrieben und beschäftigt sich darin mit dem "neuen Archivismus". Zitat aus der taz-Besprechung:

Das Paradigma, das Moritz Baßler dagegen propagiert, ist das eines neuen Archivismus. Die Popliteraten and friends, sagt er, archivieren "in geradezu positivistischer Weise Gegenwartskultur, mit einer Intensivität, einer Sammelwut, wie sie im Medium Literatur in den Jahrzehnten zuvor unbekannt war". (...) Laut Moritz Baßler "operiert der neue Archivismus - implizit oder explizit - mit der Prämisse, dass die Kultur der Gegenwart und somit unsere Sprache - und damit die Sprache jeder möglichen Literatur - immer schon medial und diskursiv vorgeformt ist". Um Namen zu nennen: Andreas Mand, Matthias Politycki, Max Goldt, Benjamin von Stuckrad-Barre, Thomas Meinecke, Rainald Goetz, Joachim Lottmann, Thomas Kapielski, Andreas Neumeister - wahrlich ein Kanon, den MRR auch nicht mit spitzen Fingern anfassen würde! - schreiben für Moritz Baßler notwendig eine "Literatur der zweiten Worte, die im Material einer Sprache des immer schon Gesagten arbeitet". Dies ist die Literatur, der Baßler seine Sympathien entgegenbringt.
Es lässt sich gar nicht vermeiden, dabei auch an Weblogs zu denken. Mir geht es ohnehin so, dass ich Weblogs immer deutlicher als eine neue Literaturgattung in the making wahrnehme (und zum Beispiel nicht als eine neuartige Form des Journalismus). Mal sehen. Ich werde das Buch lesen und hier berichten.





popantville: als würde es für mich gemacht.





Das Dummstellen, sagen: so hätte man es doch gar nicht gemeint, sagen: das hätte man doch nicht nur nicht geahnt, sondern auch nicht ahnen können, das Unschuldigsein, das Beteuern, das Wundern, sagen: man wäre doch lange genug im Geschäft, da hätte das doch schon früher jemand bemerken müssen.

Man müsste das in Grundgesetz aufnehmen: Jeder hat ein Recht darauf, sich selbst zum Deppen zu erklären.





... ein Reihenhaus das Ende allen Fragens, und eine große, ganz geheime Lust des allergrößten Verzichts: Leben wie eine Raupe, immer auf das Nächste gerichtet; nichts Wichtigeres, als sich eine Tasse Kakao zu machen und dann ein Käsebrot; den Mantel vom Haken nehmen, den Schlüssel in der Tür drehen, das Fahrrad aus dem Schuppen holen und zur Arbeit fahren. Elke Schmitter, Leichte Verfehlungen, Berlin Verlag 2002.





gebe ich zur Kenntnis, daß mich diese elende Fußballweltmeisterschaft einen feuchten Kehricht interessiert. Die Welt ist kein Fußball und die FIFA keine NGO.





Nächste Seite