Montag, 5. April 2004

sonic nurse: großes album. die alte goo-euphorie wieder, nach all den jahren.





New Yorker > Sasha Frere-Jones: Doom's Day. Madvillain redeems the pretensions of independent hip-hop.





In Adrian Lynes Film "Unfaithful" (2002) fährt Diane Laine in einem dieser Vorortzüge, die in amerikanischen Filmen und Romanen recht häufig die kürzeste Verbindung zwischen Begehren und Entsagung sind, von ihrem Liebhaber wieder nach Hause, zurück zu Ehemann, Sohn, Wohltätigkeit, einem wohlgeordneten Leben. Und während sie so fährt, erinnert sie sich an alles, was an diesem Nachmittag geschehen ist; genauer: es ist wohl ihr Körper, der sich erinnert, und ihr Gesicht staunt darüber.

Der Rest des Films wird die Erinnerungen ihres Körpers wieder bändigen, und das macht ihn zu einem Scheißfilm. Der Ehemann kommt hinter die Affäre und wird den Liebhaber erschlagen; was gar nicht nötig gewesen wäre, weil sie ihn ohnehin verlassen hätte, des Ehemanns und des Sohns wegen; sie werden sich darauf einigen, mit dem Mord weiterzuleben, es ist ein glatter Tausch, ihre Schuldgefühle gegen seinen Mord, die Besitzverhältnisse wieder befestigt, Investitionssicherheit sozusagen: "Ich habe alles für diese Familie gegeben", sagt er und hält es für ein Argument.

Ein Scheissfilm, dachte ich also und gleich hinterher: kann man denn über all das - das Fremdgehen, den Möglichkeitssinn, den life changing sex - andere als Scheissfilme überhaupt drehen? Und ist nicht Adrian Lyne, von dem ich nur Filme gesehen habe, die ich nicht leiden konnte (9 1/2 Wochen, Ein unmoralisches Angebot, Fatal Attraction, Lolita) der allerbeste Scheissfilm-Dreher, den man sich vorstellen kann? Es ist, als wäre er von einem Welt-Propaganda-Ministerium dafür angestellt, uns das Durchbrennen zu vergällen. Ein paar Augenblicke lang darfst du das Gefühl haben, es gäbe Notausgänge, aber dann hält der Vorortzug doch wieder ganz fahrplanmäßig in deinem Leben.

[In meinem alternative ending wäre Diane Lane einfach nicht ausgestiegen oder gleich wieder umgekehrt, au ja, lass uns das noch einmal machen, und dann hätte sie von unterwegs Richard Gere angerufen und ihm gesagt, dass sie nicht wiederkommt, und Richard Gere hätte es verstanden, nicht gleich, aber nach einiger Zeit, und nach zwei, drei Wochen hätten sie einander wiedergetroffen und über alles gesprochen, und er hätte ihr angesehen, wie glücklich sie geworden ist und ihr alles Gute gewunschen, und man hätte ein Paar gesehen, das eine Tragik auf sich nimmt als eine, die mit dem Leuteumbringen zu tun hat & natürlich wäre für das Kind gesorgt gewesen & plötzlich hätten alle alles verstanden & diese klaren Gesichter gehabt, die Leute oft haben, wenn sie endlich etwas verstehen. Aber, ich verstehe das ja auch, das kann es in keinem Film geben: Dass eine Frau durch eine Lust auf irgendwas draufkommt und daraufhin desertiert und glücklich wird dabei, das darf es einfach nicht geben, obwohl es in Filmen sonst alles mögliche geben darf, aber wahrscheinlich würde es wirklich niemand ertragen, dabei zuzusehen, wie eine Frau glücklich wird, nachdem sie Sex mit einem, nun ja, nicht wirklich erwachsenen, albernen, kindischen, gut aussehenden Typen hatte, ah! das wäre gleich so schlampenmäßig und als ob es auf Sex so sehr ankäme und Orgasmen & das ist ja auch so eine Männerphantasie ist doch ein Typ dieser Lyne & diese Grausamkeit, dass jemand eine Wahl treffen könnte, die nicht nur der Moral, sondern auch dem [ist ja so] liebevollen Ehemann und dem [kann doch nichts dafür] Kind von der Fahne ginge. Aber einmal, ein einziges Mal möchte ich das sehen in einem Film, dass eine einfach durchbrennt wegen einem albernen Typen, der es nicht wert ist, und dann geht es gut aus. Warum soll es keine Filme geben, in denen das Durchbrennen von Frauen belohnt wird, und warum bloß habe ich das Gefühl, dass so ein Film endlich einmal kein Scheißfilm wäre?]

[Handkes Linkshändige Frau manchmal, ja sicher. Aber auch nicht wirklich.]





The Homewood was designed by architect Patrick Gwynne in the 1930s as a home for himself and his family. It fully expresses the style and design ideals of the Modern Movement, while at the same time reflecting may aspects of the country house in the way it was used by the family.

As access to the Homewood is limited, this selection of virtual views has been created to give an impression of the spaces within and around the house. It requires the QuickTime plug-in

National Trust > Homewood: Virtual views

Via NYT: Mitchell Owens, In Britain, to the Bauhaus Born





She deleted everything in about three minutes. Having had a "ceremonial moving-on," she said, she felt empowered.

In predigital times, the end of a relationship might have been marked by the burning of letters. The ex would have been scissored out of photographs, and LP's too painful to hear dropped off in the nearest Goodwill bin. Or maybe everything would have been parked in a shoe-box way station under the bed. But modern life means that mementos of affairs of the heart reside on computers. And they can be expunged with brutal efficiency.

While the Internet has sped up modern dating and made encyclopedic records about love interests more readily available, the magic of digital erasure allows the other end of a relationship, the bust-up, to be just as seamless: the lovelorn can simply delete away the pain.

NYT > Anna Bahney: Zapping Old Flames Into Digital Ash









Sonntag, 4. April 2004

"Der 1,90-Meter-Mann hat so lange in der Windbranche gearbeitet, dass sein Outfit dem Aufbau eines Windrads gleicht: robuste Schuhe, dicke Cordhose, blaues Hemd, feines Sakko, Schlips von Versace - unten funktional, oben vom Feinsten." Schöne Geschichte von Max Rauner "Gegen den Wind" über die Fährnisse der Windkraft in Deutschland, Technology Review Nr. 4/2004





Samstag, 3. April 2004

lullaby (brahms)





Freitag, 2. April 2004

Throw money out of the window... ... or on your friends / Confetti made with diced up Dollar bills / Net weigh: 100$

atypyk





Die letzten Anrufe von Frauen kurz vor dem Abflug. Dass er sie nicht abholen muss, dass er das und das in der und der Schublade findet, dass er ruhig schon essen soll, ich hab eh so spät keinen Hunger, dass sie ja die S-Bahn nehmen kann. Ich muss jetzt ausmachen, sagt sie, gleich bin ich im Flugzeug, und die Stewardess wird schimpfen mit mir.

Samstagabendflüge, letzte Maschine, die merkwürdigsten, immer schon. Reisende, die keine Geschäfte am nächsten Tag haben, aber auch das Wochenende nicht ausnützen müssen, kein Geliebter, zu dem man schon Freitag abends müsste.

[Damals der Thanksgiving-Flug von San Francisco, als jeder einzelne, mit dem ich auf dem Weg zum Flughafen noch ins Reden kam, mir gleich erschien, als wollte er mich trösten, umarmen, einen Stuhl an seiner Tafel anbieten, aus Mitleid. Der Concierge im Hotel, der Verkäufer bei Sonoma, der Taxifahrer, die Check-In-Angestellte, die Stewardess. Wir waren Leute, die zu Thanksgiving im Flugzeug saßen statt bei ihren Liebsten zu sein. Albern, ist es nicht?]

Ich fliege zum Dinner nach München, wenn ich ankomme, sind die anderen wahrscheinlich schon beim Dessert, ihr müsst nicht warten, nein nein, wir warten, nein nein, fangt doch schon an, bitte. Habe ich in diesem Weblog je gesagt, dass Herr Jochen Wegner, München, einer der großartigsten, freundlichsten, bewundernswertesten, wärmsten und innig verehrtesten Menschen ist? Ich habe es ja nicht einmal ihm selbst gesagt.

Eigentümlich auch: dass ich immer mehr Dinge tue, die ich nicht täte, wenn ich nicht vor drei, zweieinhalb, ich weiß ich auch nicht mehr so genau, Jahren mit diesem Weblog begonnen hätte. Dabei fühlen sich Weblogs doch immer noch so unwirklich an.

Davor an diesem Samstag: Paarglück. Aufstehen, endlich einmal ausgeschlafen, und M. sitzt nackt auf ihrem Thron, der Tee ist fertig, wie geht es dir, fragt sie, ich weiß es noch nicht, sage ich, ich hole mir Tee und gehe wieder ins Bett, ich hole mir wieder Tee, sie sitzt immer noch auf ihrem Thron, wir stehen im Bad, sie macht sich das Gesicht, wir machen, dass wir zu It's Fresh kommen, Taz Jungle World Lachsbagel (Weblog-Madeleine) Vogue, Paarglück, immer noch seltsam, dass es das gibt, sonst verkracht vertrackt sich das doch alles, wie man so hört.

Das Interessante an den langen Lieben: dass man nicht mehr nachdenkt über sie, das Chiffrenlose, Nominalismus, ein Bett ein Körper eine neue Frisur ein Frühstück. Die Sekunden der wahren Empfindung: sie alle sind sachlich.

Im Flugzeug nach München jetzt wieder, Springtexte, Weblogs sind Sprungprozesssionen von Texten, habe ich das schon gesagt?

In der FAZ [man sollte öfter fliegen, weil man dann endlich Zeitungen vollständig liest, jeden Futzel] ein Stück über das Fehlen der Extreme in der zeitgenössischen Küche, das Verschwinden des Bitteren, oder der Räuchernote. Es gibt keine Innereien mehr, es gibt nur noch das Kurzgebratene. Hey, denkt man sich, was ist das denn, so genaues Hinschmecken kann man doch sonst nie lesen. Der Mann, der den Artikel geschrieben hat, nie gehört den Namen & gleich wieder vergessen, imaginiert sich Gerichte, in denen die Extreme wieder vorkommen, Desserts mit Räucherfleisch kombiniert. Mist, und ich habe gerade jetzt drei Tage den Herd nicht. Es stimmt ja, man müsste das ganze von der Nouvelle Gesund Light Bambi Cuisine Begrabene wieder hervorholen, Blutwürste machen, Blutwürste mit Pistazieneis erfinden & dazu Crispy Fish. Na ja.

In München: Schnee.

Im Ipod: random all.

Barbara Lynn: You left the water running & now I can't turn it off

Gleich wieder diese dumme Wehmutsphantomschmerzensehnsucht, wie immer, sobald ich nach München komme, noch von dem Dreivierteljahr, das ich hier gelebt habe am Nymphenburger Kanal & die Nächte im Parkcafe & die double features im Werkstattkino & dem Altheimer Eck-Arbeiten & diesem panikruckfreien Dreivierteljahr in dem die Wörter flossen und die Körper ineinanderpassten & das Licht stimmte. Der einzige Text, den ich über München geschrieben habe, hat im Wesentlichen von Licht gehandelt. Seitdem: Trennungsschmerz eben.

Also (ein Trennungsschmerz-Sequitur-Also) das Olympic in der Hans-Sachs-Straße, der erste Ort, an dem ich damals in München gewohnt habe, ehe ich die Wohnung am Kanal fand. Immer noch dieses verwinkelte Hotel mit dem Wintergartenfrühstück und dem Zimmerbuch auf dem Nachttisch. Warum hat sonst nie jemand verstanden, dass es eine großartige menschenfreundliche Geste ist, wenn man auf einen Hotelzimmernachttisch irgendein neu erschienenes Taschenbuch hinlegt für den Gast, in das er sich hineinlesen kann, falls er nicht einschlafen kann, oder sich jedenfalls denken darf, dass er sich hineinlesen könnte, falls er nicht in den Schlaf fände? Es ist ja so einfach, wie du jemanden 16 Jahre lang dazu bringen kannst, in immer demselben Hotel nicht einschlafen können zu wollen, nachschauen, ob die Bücher noch da sind.

[Und habe ich eigentlich schon erzählt, wie ich bei meiner ersten Parisreise mit 17 von sieben Tagen die ersten zweieinhalb Tage nicht aus dem Hotelzimmer in diesem Banlieu herauskonnte, weil ich ganz dringend noch die Trotzkimemoiren zu Ende lesen musste, mit denen ich im Zug begonnen hatte, nur zweimal, um ein Baguette und zu trinken zu holen und damit das Zimmermädchen mir das Bett aufschlagen konnte?]

München jetzt wieder.

Taxi, zu Broeding.

Sie sind erst beim dritten oder vierten Gang, ich kann noch einsteigen. Es ist eine Tafel mit 16 oder 18 Menschen, ich kenne drei, vier, fünf, Günter ist da, Beatrice, Volker Lange, Annette, Jochen natürlich. Jochen hat Glamour Investment betrieben und Emails an uns alle verschickt, in denen er uns einander interessanter beschrieben hat, als wir sind ("Peter Praschl, editor-at-large Amica, best-known German weblogger, philosopher, Jack-Nicholson-kind-of-Austrian, brilliant cook"), so dass wir alle gar nicht anders konnten, als schon Tage vorher neugierig aufeinander zu sein. Ich sitze zwischen TV journalist and actor, dancer (ballet, jazz, Tango); sword fighter und math professor, Trader, Wall Street critic, essayist, too fast of a thinker for most of us, does not eat mammals ("including humans") & drei Stunden später sitzen wir immer noch so & manchmal auch nicht. Die Wörter, die Sätze, das Lachen, das Perlen, das Glucksen, es ist nicht oft so, dass 16 oder 18 oder wie viele auch immer, die einander nicht kennen, so fließen können, es geht über Fernsehkameras, Kinder, Wien, den Regen, auf welche Stühle sich Frauen in Wartezimmern setzen, Digitalkameras, Dr. Schnitzler, Dr. Freud, Manhattan, schwarze Schwäne, das Theater, ob englische Texte sich ins Österreichische besser als ins Deutsche übersetzen lassen & gelegentlich fotografieren wir einander mit unseren Digitalkameras.

Das Buch, das Jochen geschrieben hat, ist sehr schön. Es redet einem mit einer gewissen Schadensfreude das Schicksaldenken aus und schenkt einem dafür heiteren Stoizismus.

Im Hotel bin ich dann lange nicht eingeschlafen. M. erzählt am Telefon von ihrer ersten Ruderbootfahrt, wie flach man auf dem Wasser sitzt, wie schnell so ein Boot durch das Wasser schneidet, wie bald man sich in dieser Bewegungsfolge aufgehoben fühlt (kurz der Gedanke, dass man Bewegungen anziehen kann wie einen Mantel, eine Jacke). Endlich Cicero gelesen, lange nachgedacht, warum um alles in der Welt man eine politische Zeitschrift, die staatsmännisch, bürgerlich usw. sein will, ausgerechnet Cicero nennen will (C., der ewige Loser, das Standgericht, der Kampf gegen den Aufstand mit den Mitteln des Rechtsbruchs, die Polizeiaktion, you name it, kleines Latinum eben, keine Ahnung von gar nichts). Das Beengte, das zu eng Schlipsige, das Langweilige, das Moralbloßbeschwörerische da drin, das ewige Fuchteln statt des Argumentierens, das aufrecht an einem Tisch sitzende, Haltung annehmen und doch nur sitzen wie in einem Gipskorsett. Die erschreckend ungelenke Glosse des Chefredakteurs, man hat ein paar Atemzüge lang Mitleid mit ihm: Ob es ein Leben ohne Ironie geben könne? Ja, es gibt, aber ist scheußlich.

Der kalte Münchner Morgen, das Wintergartenfrühstück.

Dann hinaus zum Tegernsee, Schneegipfel, Phantomschmerzen gleich wieder.

Wir essen draußen, im Schnee, der blinde diabetische Hund, Lammbraten, Rosmarinkartoffelschüsseln von Hand zu Hand weitergegeben, habe ich in diesem Weblog schon gesagt, dass Frau Stefanie Czerny, Tegernsee, ein hinreißender, bewunderungswürdiger, großartiger Mensch ist, Wörter, Sätze, Glucksen, Lachen, Wein, Rosmarinkartoffeln, Lebensgeschichten, Proust-Zusammenfassungen, Schulterbrüche, indische Nähmaschinen, Derivatgeschäfte, Jack Nicholson, Apfelstrudel, der show-off-Faktor, Muttergemälde, Milchlebensleistungen, Peter Handke, mein erstes Buch als junges Mädchen, Bauernschrankbuddhas, gelungenes Leben, der show-off-Faktor, die Bibliothek der menschlichen Natur, Carnapunterschätzung, Wittgenstein, Heuristik, Schneestapfspaziergänge, die Desertionsfantasien, und würden Sie eher mit Tom Cruise oder mit Jack Nicholson schlafen, die Notwendigkeit, Philosophie deinem Doorman erklären zu können (oder es ist keine), Bücher nach Farben geordnet, schwarze Reihen, rote Sektoren, gelbe Segmente & sie geht hin und findet auf der Stelle jedes Buch, das sie sucht, first law: du musst jemanden haben, den du beeindrucken willst, eine Frau zum Beispiel, dann strengst du dich gleich an, du willst ihr das schönste Buch schreiben, das du zuwege bringst.

& so müsste es immerzu sein, immerzu weitergehen [ & wieder diese fixe Idee, dass das Buch, das ich nie schreiben werde für die Frau die ich beeindrucken sollte, mit einem Essen enden müsste an einer langen Tafel, an der die Überflüssigen einander Geschichten zustecken wie man einander Taschentücher Wollfäustlinge Strandkieselsteine Liebeszettel zusteckt heimlich in Manteltaschen ehe sie wieder anderswohin ziehen, aber wie kriegt man in so etwas einen Zug hinein, diese fixe Idee, dass ein Roman so sein könnte wie ein Weblog sein kann, fade in fade out, etwas, das man einem anderen in die Manteltasche hineinschmuggelt, damit der es dann findet und nicht genau weiß wie das da hineingekommen ist] & genau so müsste das sein

Stoicism, sagt Nassim, später im Braustüberl, umzingelt von Carnivoren: stoicism. Das Angenehmste am Stoizismus, sage ich, Beef tartar & bavarian beer: dessen modesty. Arrogance, sagt Nassim. Modesty is, sage ich: always arrogant. You can't beat Montaigne.

(Liest keine Tageszeitungen, nie. Schaut nie Fernsehen, nie. Trader, sagt er, so useless. Brauchte Sicherheit, sagt er, habe Mathematik studiert. Bin Levantiner, sagt er, es gibt keine Levante mehr. Meine Eltern, sagt er, zuerst reich, dann durch den Krieg völlig verarmt. Ich wollte reich werden. Keine Tageszeitungen, nie, sagt er, wozu. Jeden Morgen, sagt er, sage ich mir, was für ein Idiot ich bin, ich muss mir das sagen, sonst beginne ich mir Sachen einzureden. Du kannst nichts wissen, sagt er, nicht wirklich, alles, was jetzt ist, hätte dich ins Irrenhaus gebracht, wenn du es behauptet hättest, dass zwei Flugzeuge in Wolkenkratzer fliegen und ein paar tausend Leute töten, dass der Zins bei einem Prozent liegt, alle zwei, drei Jahre ist etwas dabei, das mir einen großen Scheck ins Postfach legt, Geld, sagt er, so useless für das Glück, Warren Buffett, sagt er, nachher kann man sich immer leicht Biografien zurechtphantasieren, sein nächstes Buch, sagt er, wird von Biografien handeln, das Elend des Historizismus aufs eigene oder fremder Leute Leben verwandt, am Montag ruf ich meine Investoren an, sagt er, und sage ihnen, ich hätte keine Lust mehr, was kann das für eine Frau sein, sagt er, um derentwillen man aus Wien weggeht, ach ja, sagt er, imaginary Austria, wie dieser Doktor Zweig? Ja, sage ich, er hat dann in Brasilien Selbstmord begangen.)

Langer schwerer traumloser Schlaf.

Randomness lunch.

Schwarze Schwäne, Zahlenblindheit.

& dann gehen, Abschiede, so voll, wie man ist, das kriegt man dann ja nie hin, den Leuten sagen zu können, wie schön man das gefunden hat und wie gerührt man gewesen ist von all dem & dankbar, ja sicher sagt man das, aber wie sehr...

durchgerauscht noch schnell, Fünf Höfe, Pumashop-Schuhanordnungen, Münchner Show-off-Frauen, gibt es ja in Hamburg nicht, das Versacehafte, Theatralische von so einer Stadt, wie man das auch vermissen kann,

would you like to hear my voice sweetened with emotion,

im Flugzeug das heulende Kind, Druckveränderungen, Empathieschübe,

am Ausgang M., ganz unerwartet, ich hab so einen Hunger und du weißt ja gar nicht, wie sehr ich mir jetzt Zitronengras einbilde,

langer schwerer traumloser Schlaf.

Gestern nachts dann: theFrank kennengelernt, achtuhrabends bis dreiuhrmorgens, das sind, lass mich mal rechnen, sieben Stunden für ein erstes Date, beendet vor einem blau leuchtenden Bombay Sapphire Schrein, es hätten auch siebzig oder siebenhundert Stunden sein können,

& so könnte müsste sollte dürfte es immerzu sein, hab ich das schon gesagt,

Sprungprozessionen,

so in etwa eben,

heute dann: M., ein Satz, um den ich sie beneide, "es wäre schön, wenn man jedes erotisch durch erratisch ersetzte", & ich habe ihr gleich geantwortet, dass ich ab sofort bitte am liebsten ein Erratikdarsteller sein möchte.





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