Am Nachmittag ein zweiter Besuch im Dorf, diesmal bei einer ärmeren Familie, es ist ja nicht so, dass Elend sich nicht immer noch weiter abstufen ließe.

Das Haus war noch schiefer als die anderen im Dorf, ein Verschlag aus grob zusammengehauenen Brettern, von Termiten angefressen, im Boden Löcher, durch die man ein Schwein beobachten konnte, unwillkürlich hatte ich Angst, das alles könnte jederzeit unter mir zusammenbrechen, wie ich ohnehin in einen Modus des Dauervorsichtigseins geraten war: bloß nichts den Menschen hier kaputtmachen, bloß nicht husten, bloß nicht die Menschen hier anstecken mit der Erkältung, die ich mir im Flugzeug geholt hatte, die hier konnten es sich nicht leisten, dass etwas kaputt ging oder dass man sie mit irgendetwas ansteckte.

Zwei Tage später hielt uns eine alte Frau, kahlgeschoren wie fast alle alten Frauen im Dorf, ein Kind entgegen, bat uns, es nach Siem Reap zu bringen in das Krankenhaus des Cello spielenden Kinderarztes aus der Schweiz, das Kind glühte vor Fieber, die Augen pupillenlos, der Körper eine gummiartige Masse.

Gleich fragte ich mich, ob die alte Frau wohl lange damit zugewartet hatte, uns anzusprechen, ob wir wirklich alles richtig gemacht oder nicht doch den Eindruck erweckt hatten, man dürfe uns nicht bedenkenlos um einen Gefallen bitten.

Diese Ratlosigkeit, mit der ich drei Tage lang herumgestapft bin. Das drittärmste Dorf Kambodschas, eine karitative Organisation, die den Kindern hier ein paar Zukunftschancen eröffnen wollte, die sie aus eigener Kraft vermutlich nie hätten, und ich, der Journalist, der darüber berichten sollte, damit ein paar Leser spendeten, die nicht allzulange darüber nachdenken würden, wie verrückt eine Welt ist, in der die einen es zulassen, dass die anderen sich in einer Lage befinden, in der winzige Almosen immense Effekte haben können. Und wie lächerlich es war, dass ich mir darüber Gedanken machte, über diesen Unterschied, der darin liegt, dass ich an Konstellationen leiden kann, während sie an Unterernährung litten! Und wie lächerlich es war, sich über diese Lächerlichkeit Gedanken zu machen! Abends im Princess Angkor Hotel ließ sie sich prächtig wieder beheben. Nach ein paar Flaschen Angkor Beer unterhielt man sich wieder über mögliche Urlaubsorte, einfache Hotels an vietnamesische Sandstränden, die noch nicht von Touristen überlaufen waren, fragten wir uns, ob es möglich wäre, sich ein Tuk-Tuk samt Fahrer zu mieten, sich durch Südostasien karren zu lassen und darüber eine Reportage zu machen. Und selbstverständlich fiel uns nichts leichter, als die frisch angekommene Reisegruppe zu verachten, Öko-Kämpfer, die in der Lobby saßen und sich noch einmal hochputschten für ihre Mission, etwas gegen den Raubbau in Kambodscha zu unternehmen, denn es war so, dass die Abholzung des Dschungels durch die Armen die Artenvielfalt gefährdete. Ihr verdammten Arschlöcher, dachte ich sofort über sie, die meinesgleichen waren, Komplizen, aber hey!, empfand ich nicht die peinigendere Scham und den größeren Durchblick, sogar auf den Metaebenen, und fiel mir nicht immerhin auf, wie sehr das alles hier Idiotie war und Idiotie blieb, aus welcher Richtung auch immer man sie sich ansah, die schlimmste Idiotie von allen natürlich wieder der Gedanke, dass, letzten Endes, sowieso nur der Kommunismus daran etwas wirklich ändern konnte, alle Verhältnisse umstürzen, in denen der Mensch dem Menschen undsoweiter, und übrigens war hier das Allerschlimmste nicht, dass Menschen ausgebeutet wurden, sondern dass sie nicht einmal ausgebeutet, sondern einfach nur völlig ignoriert wurden, der Kommunismus also, auf den, wie immer, die Gedanken hinausliefen (oder war es denn denkbar, dass irgendeine Sorte von Kapitalismus irgendein Interesse daran haben konnte, das zu tun, was hier getan werden musste), aber dann fiel einem natürlich sofort wieder ein, dass wir uns in einem Land befanden, in dem die Kommunistische Partei es innerhalb von fünf Jahren geschafft hatte, auf die eine oder andere Weise zwei Millionen Leute umzubringen oder verrecken zu lassen.

Was das kranke Kind betrifft, das verstand sich von selbst, fünf Minuten später war es im Jeep, ins Kinderkrankenhaus unterwegs, kann sein, dass unsere Anwesenheit ihm das Leben gerettet hat, kann sein, dass es im Krankenhaus starb, ich habe vergessen, mich später nach seinem Zustand zu erkundigen.

Die Familie, die wir besuchten: Eine Frau, ihr Vater, sechs Kinder. Der Mann war in der Armee, kam alle paar Monate auf Besuch, ließ manchmal ein wenig Geld da, meistens aber nicht, hatte längst eine Neue an seinem Garnisonsort. Die Frau war 38, sie sah jünger aus, trotz der sechs Kinder, vielleicht lag das aber auch nur an ihrer Magerkeit, an einem anderen Ort, in anderen Klamotten hätte man sie leicht für eine gut erhaltene Enddreißigerin gehalten, sehnig, gute Wangenknochen, gutes Gesicht, macht noch was für ihren Körper, lässt sich nicht gehen.

Wenn sie 38 ist, dachte ich, muss sie ihre eigene Kindheit unter den Khmer Rouge verbracht haben. Wie ist es Ihnen damals ergangen, ließ ich sie durch Leak fragen.

Als ich zehn war, erzählte die Frau, es muss also 1975 gewesen sein, im Jahr Null, haben sie mich einmal bis zum Hals eingegraben. Nur der Kopf stand noch heraus, und die Sonne brannte.
Wieso?
Sie sagten, sie wüssten, dass ich Tapiokawurzeln gestohlen hätte.
Und?
Ich habe sie nicht gestohlen.
Nein, ich wollte wissen, wie Sie da wieder rausgekommen sind.
Ein anderer von ihnen hat gesagt, ich hätte das Tapioka nicht gestohlen. Dann haben sie mich wieder ausgegraben.
Was ist mit Ihrer Mutter geschehen?
Meine Mutter ist verhungert. Aber das war später.
Sie sagt, übersetzte Leak, dass ihre Mutter irgendwann aufgehört hat zu essen. Es ging darum, dass die Kinder ihre Rationen bekamen. Also, sagte Leak, ist sie absichtlich verhungert.

Wir werden mit den Frauen auch über Geburtenkontrolle reden, sagte später jemand.
Aber die Kinder, sagte ich, sind ihre Zukunftssicherung.
Du hast die Frau doch gesehen, wie mangelernährt die war. Und dass mangelernährte Frauen mangelernährte Kinder zur Welt bringen, kann man sich ja leicht ausrechnen. Wenn sie statt sechs vier Kinder hätten, würde es den Müttern und den Kindern besser gehen.

Aus welcher Richtung man die Idiotie auch ansah, sie blieb immer gleich idiotisch, am alleridiotischsten aber waren die Gedanken, die man sich über sie machte.






Darf man fragen, in wessen Auftrag Sie nach Kambodscha gefahren sind und wo Ihre Reportage zu lesen sein wird? Ich vermute einmal, dass diese überaus interessanten Beiträge in Ihrem Blog nicht das einzige Ergebnis Ihrer Reise sein werden und hoffe doch gleichzeitig, auch der "offizielle" Artikel möge ebenso eindringlich weil subjektiv und erkenntnisreich sein. Oder ist es nur, weil ich mich wiedererkenne in diesen Überlegungen, diesem Verdrängen und diesem immer wieder aufkeimenden Hass auf die eigene Selbstreflexion und Sucht nach Ironie.


Kurze Kritik der Kambodscha-Texte

Die Kambodscha-Sachen lese ich mit einem gewissen Unbehagen - nicht durchgängig, aber doch an manchen Stellen. Wenn, wie oft betont wird, die Befindlichkeiten des erzählenden/berichtenden Ichs unwichtig, nebensächlich, idiotisch, luxuriös, ja angesichts des überwältigenden Elends in Kambodscha geradezu grotesk sind - warum ist es dann nicht möglich, auf sie zu verzichten? Sind sie vielleicht doch kostbarer als behauptet? Die Überreflektion wirkt teilweise wie ein Beschwichtigungsrap, der evtl. Kritikern des Unternehmens den Wind aus den Segeln nehmen soll. Captatio benevolentiae, mit anderen Worten. Ich meine damit nicht die Emotionalität, die zum Ausdruck kommt, ganz bestimmt nicht. Eher die zu oft wiederholte Versicherung, man wisse um die Albernheit des ganzen Unterfangens. Die versteht sich von selbst. Die Zustände in Kambodscha nicht. Ich habe hier nichts zu wünschen, und trotzdem wünsche ich mir, dass die hervorragenden Texte mehr "sagen, wie es war" - aus der Sicht des Reisenden.


Wenn man etwas wiederholt denkt, warum sollte man es nicht wiederholt äußern dürfen?


Es geht nicht um "dürfen". Zum Dürfen habe ich hier gar nichts zu vermelden. Ich glaube, ich persönlich würde klarer sehen, das ist alles.


die kritik teile ich. es ist, beim schreiben, immer wieder meine eigene. die sache ist bloß: beim schreiben käme es mir ebenso falsch vor, diese zirkel nicht zu machen. die pseudoauthentizität, die ich dabei empfinde, wenn ich mich mal zu einem satz zwingen will, der sich nicht gegen sich selbst wendet. das andere ist: es gibt ja zwei kambodscha-texte. den einen hier, und einen, der journalistischer sein und im oktober erscheinen wird. der eine hier hat andere absichten, unter anderem jene, diese ganzen wahnsinnigen rückkoppelungen zu machen, und wie diese rückkoppelungen dem "sehen" immer wieder im weg stehen. außerdem: ich bin in der schilderung von fünf tagen kambodscha erst am nachmittag des allerersten tages. ich wusste auch nicht, dass sich das so auswachsen würde, als ich begonnen habe (und das eigentlich nur, damit ich das alles selbst nicht vergesse). was den "beschwichtigungsrap" betrifft: ich weiß es nicht; ich würde ja eher denken, es ist ein rap, der es eher schaffen würde, gegen mich aufzuhetzen als über mich zu beschwichtigen. wenn ich von meinen idiotien spreche, meine ich das schon so: wörtlich.

aber, wie gesagt, die kritik teile ich.


Ich lese den Text vom 27.4. mit dem größten Interesse gerade nicht an der Veränderung der Zustände in Kambodscha, sondern an der zur Sprache gebrachten Unmöglichkeit, eine Erfahrung in ein Medienjournal zu integrieren. Diese Dilemma bringt der Autor Praschl nicht hervor. Er macht es nur wohltuend offenbar im Vergleich zu interdisziplinären Online Chats über afrikanische Bürgerkriegsstaaten oder den Borderline-Reflexionen der Irak-Warblogs. Wer in einem Metareflexionsmedium, das seine Legitimation ausgerechnet aus seiner deprofessionalisierenden Privatheit bezieht, über Verhungernde schreibt, kontrastiert seinen abendlichen Menüsiebenteiler nach nur vier Stunden Sicherheitsabstand mit einer politisch nur erfaßbaren, aber nicht zu heilenden Katastrophe. Das Idiotische, so die Schlußfolgerung des Autors, ist das Denken, das sich als Metaaltklugheit über die Phänomene legt und dem man nicht entkommt, so lange man als bloggender Zuschauer über Schiffbrüche schreibt. Wozu man keine Alternative sieht. Ein peinliches Elend. Und statt Spendenaufruf nun unsere Einsicht in unsere mit der Beschreibung deckungsgleiche Lektürehaltung. Regt man sich darüber nicht auf, weil man mitgefangen ist?


@MH

Ich mag ja den Vorwurf der Befindlichkeit nicht so gerne. Er suggeriert so etwas wie: überflüssige, selbstbezogene Emotionalität. Was meistens aber gar nicht der Fall ist. Sondern eher der Versuch, die Wucht einer persönlichen Erfahrung angemessen zu artikulieren - gegen alle sich unmittelbar sofort einstellenden Rationalisierungen, Argumentketten und reflexhaften Metatextanwendungen als Theoriereferate.

Im Gegensatz dazu aber finde ich das Eintauchen in die Subtilitäten von Selbstwiderspruch und Lebenslüge - auf denen wir alle wahrscheinlich mehr oder weniger geschickt dahindümpeln - im Gegensatz dazu also, finde ich die Betonung des persönlichen Erfahrungscharakters fast immer interessanter.

Selbst wenn sie in Peinlichkeiten münden sollte - was im LSB zwar nie passiert -, aber die eingebaute Absturzmöglichkeit eines solchen balancierenden Vorgehens darstellt, wenn es wirklich ernstgemeint ist. Die Grenze, um die eine solche Haltung produktiv herumtänzelt. Um nicht im schon immer fertig geschrieben vorliegenden, gefahrlos rhetorisch geschlossenen Text zu verbleiben.