Gerade über folgende Passage gestolpert [aus: "Der Kapitalismus ist senil geworden". Ein Gespräch mit Samir Amin und Michael Hardt.]
L &W: Michael, Du scheinst eher geneigt, die Qualitäten des Anti-Nationalismus zu betonen.Mich gleich gefragt, ob es nicht der Denkfehler von, sagen wir mal: Sozialisten ist (deren Gemeinschaft ich mich als zugehörig imaginiere, auch wenn sie meistens eher einem Narrenhaus oder einem Distinktions-Wettbewerb oder einer Mensa, in der es immer nur Stammessen 3 gibt, gleicht als dem, was ich mir gerne nach Hause einlade), genau das zu wollen: sich eine Gemeinschaft vorzustellen, für deren Glücksvermehrung der Sozialismus in Gang gesetzt wird? Kann man denn nicht auch aus rein egoistischen Gründen Sozialist sein? Ich bilde mir ein, dass das erstens ginge, dass es zweitens entspannter und drittens vernünftiger wäre, aber ich habe noch nicht sehr gründlich darüber nachgedacht.MH: Absolut. Benedict Anderson hat dieses Schlagwort von der Nation als imaginierter Gemeinschaft geprägt. Leider ist die Nation mitunter die einzige Gemeinschaft, die die Menschen sich vorstellen können, wohingegen ich denke, daß es andere Möglichkeiten gibt, Kollektivitäten zu konstruieren. Der Einwurf, man möchte ja einerseits gegen alle Arten von Nationalismus kämpfen, die einzigen Alternativen seien jedoch ein islamistischer Internationalismus oder ein Internationalismus des neoliberalen Kapitals, dann halte ich dagegen, daß die Nation dennoch nicht der einzige andere Lokus der Identität ist und eine andere Alternative gefunden werden kann.
SA: Klasse ist eine andere.
MH: Klasse ist sicherlich eine.
SA: Und hoffentlich einflußreicher als Nation. Anderson hat recht, wenn er sagt, die Nation ist eine imaginierte Gemeinschaft, aber einmal imaginiert, wird aus ihr eine reale Gemeinschaft.
MH: Zeugt es nicht von einer Armut der Phantasie, wenn das die einzige Gemeinschaft ist, die wir uns vorstellen können?
eye wide shut: Fotografie und Design von Markus Schäfer.
Gestern beim Einkaufen all die "Der Kanzler kommt!"-Plakate gesehen, also gingen wir hin, Hamburg-Altona, Platz der Republik. Wir standen eingekeilt in einem Pulk von Leuten, bei deren Anblick ich unwillkürlich ein wenig pathetisch Salz der Erde dachte, manchmal frage ich mich, ob ich überhaupt noch nichtliterarische Assoziationen habe. Gewerkschafter mit Stoppt-Stoiber-Abzeichen, rote SPD-Luftballons (auf der Rückseite, obwohl man bei Ballons ja nur schwer von Rückseiten sprechen kann: Inhalt: Das Parteiprogramm von CDU/CSU), Transparente, auf denen gegen den bayerischen Reaktionär Stimmung gemacht wurde, Ver.di-Flaggen, ein Name übrigens, den ich immer noch für konterrevolutionär halte, eine Gewerkschaft, in deren Namen man auch Filterkaffee-Werbespots drehen könnte, hat sich schon aufgegeben. Gute Stimmung, aber viel schlechte Haut. Man sah, & ich betone, dass das nicht abwertend gemeint ist: die Massenbasis der SPD besteht aus Modernisierungsverlierern, die sich immer noch die Illusion machen, die SPD würde, räusper, Arbeiterklasseninteressen vertreten. Viele Kinderwägen mit merkwürdig sediert wirkenden Babies im Pulk, Dauerwellen, Blaumänner, forciert bunte Hemden.
Moderiert wurde die Veranstaltung von Friedhelm Mönter, einem NDR-Veteranen, an diesem Samstag besonders tuckenhaft, huch hier und huch aber da, ein wenig so wie Herr Morgenstern im Kaffeeklatsch, das ergab bei einer SPD-Wahlveranstaltung nicht wenige groteske Effekte. Herr Mönter also, der sich anhörte wie ein Kaffeefahrteneinpeitscher, der ollen Damen Komplimente macht, damit sie noch mehr Rheumadecken kaufen, bat Dariusz Michalszewski (zu faul, um die korrekte Schreibung nachzuschlagen) auf die Bühne, den polnischen Tiger, der gekommen war, obwohl ihm sein Trainer und sein Manager davon abgeraten hatten, so mitten im Aufbautraining für irgendeine Verteidigung eines WM-Titels eines von 500 Boxverbänden. Der Tiger: "Besonders gefällt mir an Gerhard Schröder, dass er sich so sehr für die Völkerverständigung einsetzt“.
Danach wurde Heidi Kabel auf die Bühne geschoben, Herr Mönter wurde noch tuckiger, begrüßen sie mit mir die Grande Dame des Volksschauspiels, die eben erst bezaubernde 88 Jahre jung geworden ist, und hach Heidi hier und hach Heidi da, wie machst du das bloß, und dann redeten sie ein wenig über den Garten Heidi Kabels in Nienstedten, wo Heidis Tochter Kleinheidi leckeren Zwetschenkuchen auftischt und die Krähen eine Zuflucht gefunden haben, und Heidi sagte: "Ich bin so fit, weil ich jeden Tag noch was mache", und dann sang Heidi zum Halbplayback drei Lieder, nämlich "Hamburg ich liebe dich", "Oma mit Schwung" und "Junge mit dem Tüttelband". Der Pulk, in dem wir standen, wurde immer genervter, man konnte die Frau ja nicht gut ausbuhen, immerhin war sie schon 88, aber sie nervte gewaltig. Keine Ahnung, wieso die SPD auf so etwas kommt, Pur und Scorpions könnte man ja noch verstehen, selbe Alterskohorte, aber na ja, sie werden das schon wissen.
Dann endlich war es soweit. Der Kanzler. Nein, noch nicht ganz, zuerst musste er von Olaf Scholz, SPD-Kandidat in Altona, vormals Hamburger Innensenator, angeteasert werden. Olaf Scholz also erinnerte erst mal an Helmut Schmidt, 1962, große Flut, empörte sich dann über dessen und seinen Nachfolger Roland Schill und dessen unmöglichen Bundestagsauftritt, und zwar, Originalton, weil Schill sich "nicht an die Leitungsanweisungen" von Anke Fuchs gehalten hat, und Anke Fuchs wäre ja die Tochter des ehemaligen Hamburger SPD-Bürgermeisters Nevermann, und deswegen sei der Schill-Auftritt noch abscheulicher gewesen, und dann sagte Scholz, dass auch der Inhalt von Herrn Schills Ausführungen skandalös gewesen wäre. Aha, wer hätte das gedacht.
Dann endlich doch noch, meine Damen und Herren, der Kanzler der Bundesrepublik Deutschland Gerhard Schröder, kam von hinten links auf die Bühne, legte sein Jackett ab, machte die Siegerpose, einmal, zweimal, dreimal, damit alle es auf den Film bekamen, und dann legte er los. 45 Minuten, wie soll man sagen, ein buntes Potpourri von SPD-Positionen, Hochwasser, keine Neuverschuldung, Arbeitslosigkeit (keine Erwähnung der Hartz-Kommission), Treibhausgase, Bildung, auch die Unternehmer in der Pflicht, unangenehme Begleiterscheinungen, die da aus Amerika herüberschwappen, keine Beteiligung an einem Krieg gegen Irak (der größte Applaus an diesem Nachmittag), ein paar Hiebe gegen die Springerpresse, und eine halbe Minute über die Toleranz, die die SPD bewiesen hätte mit der Anerkennung von äh Lebensverhältnissen von Leuten, die sich nicht so lieben, wie das für die meisten von uns üblich ist. 45 Minuten, das war´s dann, ganz passabel vorgetragen, eine Rede war das allerdings nicht, eher eine Aneinanderreihung von Losungen, aber war schon okay.
Heidi Kabel sang noch zum Abschied "In Hamburg sagt man tschüss".
Äußeres Erscheinungsbild. Nicht zu schade, die Cappuccino-Maschine zu bedienen. Energie auftanken. Kulturelle Schönheiten, wieder Wärme und Geborgenheit. Frohsinn, fit wie ein Turnschuh, beherzter Gefährte, aufmerksamer Kavalier. Fröhlicher Christ, hochkarätiger Brillant, sportlich-elegant. Heute komfortgieriger, aber immer noch abenteuerlustig. Niveauvoller Herr, Engel an deiner Seite. Seriös und erdverbunden. Smoking und Jeans. Engagiert und positiv denkend.
Hier steht ein Gedicht ohne einen Helden. In diesem Gedicht gibts keine Bäume. Kein Zimmer zum Hineingehen und Schlafen ist hier in dem Gedicht. Keine Farbe kannst du in diesem
Gedicht hier sehen. Keine Gefühle sind in dem Gedicht. Nichts ist in diesem Gedicht hier zum Anfassen. Es gibt keine Gerüche hier in diesem Gedicht. Keiner braucht über einen Zaun
oder über eine Mauer in diesem Gedicht zu klettern. Es gibt in diesem Gedicht hier nichts zu fühlen. Das Gedicht hier kannst du nicht überziehen. Es ist nicht aus Gummi. Kein weißer Schatten
ist in dem Gedicht hier. Kein Mensch kommt hier in diesem Gedicht von einer Reise zurück. Kein Mensch kommt in diesem Gedicht hier atemlos die Treppe herauf. Das Gedicht hier macht keine
Versprechungen. In dem Gedicht stirbt auch keiner. In diesem Gedicht spürst du keinen Hauch. Es gibt keinen Laut der Freude in dem Gedicht hier. Kein Mensch ist in dem Gedicht hier verzweifelt. Hier
in dem Gedicht ist es ganz still. Niemand klagt in diesem Gedicht. Niemand redet hier in dem Gedicht. Hier in diesem Gedicht schlagen sich auch keine Arbeiter wund. Das Gedicht hier
steht einfach nur hier. Es enthält keine Schlüssel zum Aufschließen von Türen. Es gibt keine Türen in diesem Gedicht. Das Gedicht hier ist ohne Musik. Es singt keiner in diesem Gedicht, und
keiner macht hier in diesem Gedicht jemanden nach. Keiner schreit hier in dem Gedicht, flucht, fickt, ißt und nimmt ein Rauschmittel. Es gibt in diesem Gedicht keine bombastische Ausstattung
für dich. Das Gedicht hier geht nicht, liegt nicht, schläft nicht, es kennt keinen Tag, es kennt keine Nacht. Du brauchst hier in diesem Gedicht keine Rechnungen zu bezahlen. Es gibt keinen Hausbesitzer
in dem Gedicht hier, der die Miete erhöht. Es gibt keine Firmen in diesem Gedicht. Es gibt in dem Gedicht keinen Staat Kalifornien. Es gibt kein Oregano in dem Gedicht. In diesem Gedicht gibts
kein Meer. Du kannst in dem Gedicht hier nicht schwimmen. Das Gedicht, das hier steht, enthält keine Wärme, das Gedicht enthält keine Kälte. Das Gedicht hier ist nicht schwarz, es hat keine Fenster und
kennt keine Angst. Das Gedicht hier zittert nicht. Das Gedicht hier ist ohne Spiegel. In diesem Gedicht gibts auch kein Spiegelei. Einen Supermarkt gibt es hier in diesem Gedicht nicht. Das Gedicht,
das du hier liest, hat keine Titten und keine Fohse, das Gedicht hier ist völlig körperlos. Keiner stöhnt hier in dem Gedicht. Das Gedicht blutet nicht, es verschweigt nichts, das Gedicht hat keine Regel,
das Gedicht ist kein Zitat, für keinen. Hier in diesem Gedicht findet niemand einen Pfennig, und hier in diesem Gedicht fährt kein Mensch mit einem Auto. Keine Reifen quietschen um die Ecke.
In diesem Gedicht lutscht niemand zärtlich an einem Schwanz. Es gibt hier in dem Gedicht keine Lampen. Das Gedicht ist kein gelber Schal. Das Gedicht, auf das du hier schaust, hustet nicht.
Hier in dem Gedicht kannst du nicht küssen. Hier in diesem Gedicht wird auch nicht gepißt. Du kannst mit diesem Gedicht nichts anfangen. Das Gedicht besteht aus lauter Verneinungen. Die
Verneinungen in diesem Gedicht werden immer mehr. Hier gibts keinen Kiff in dem Gedicht. In diesem Gedicht lacht kein Mensch. Das Gedicht kennt keine Arbeit. Niemand sieht in diesem Gedicht Fernsehen.
Das Gedicht trägt keine Uhr. Das Gedicht ist nicht zeitlos, Es braucht soviel Zeit, wie du brauchst, um das Gedicht hier zu lesen. Kein Wasserhahn tropft in dem Gedicht hier, und keiner verlangt
in dem Gedicht hier nach Zigaretten. Hier das Gedicht gibt kein Trinkgeld. Keine Toilette ist hier in dem Gedicht. Es gibt keine Stadt in diesem Gedicht. Hier in dem Gedicht wäscht keiner sich die
Füße. In die Schule zu gehen, ist hier in dem Gedicht nicht nötig. In dem Gedicht leckt auch keiner eine Möhse. Dein Geschlechtsteil richtet sich hier in dem Gedicht nicht auf. Du kannst hier in dem Gedicht
dich nicht hinsetzen und denken. Das Gedicht hier ist nicht der Staat. Es ist nicht die Gesellschaft. Es ist kein Flipperautomat. Das Gedicht hier hat keinen Hund. Mit diesem Gedicht kann sich keiner
identifizieren. Keine Polizisten fahren in diesem Gedicht herum und suchen nach einem Bruch. Eine Kuh liegt hier in diesem Gedicht nicht. Das Gedicht hier ist nicht gedankenlos. Das Gedicht hier ist nicht
gedankenvoll. In dem Gedicht erscheint auch kein Sommertag. Es ist niemals Dienstag in diesem Gedicht, es gibt keinen Mittwoch in diesem Gedicht, es herrscht nicht Freitag in diesem Gedicht und kein Donnerstag
fehlt in dem Gedicht hier. Es ist nicht Montag, Samstag und Sonntag in hier dem Gedicht. Das Gedicht hier ist nicht die Verneinung von Montag oder Donnerstag. Das Gedicht hört hier einfach auf.
[Brinkmann, ach ja, & es seine Orthografie]
habe ich mich in den vergangenen Wochen gefragt, was wohl Frau Stoiber dabei empfinden mag, wenn nun da oder dort steht, dass sie von ihrem Mann "Muschi" genannt wird. Und wie es solche Details eigentlich in die Öffentlichkeit schaffen. Man kann sich schon schlecht vorstellen, dass er gefragt wird, wie er seine Frau nennt, aber noch schlechter, dass sie das gefragt wird und darauf antwortet: "Muschi".
In der vergangenen Woche Neal Stephensons "Cryptonomicon" gelesen, von dem Herr Hack hierorts entschieden abgeraten hat, während Herr Knoerer es ebenso entschieden empfahl. Ich für meinen Teil mochte das Buch sehr gerne. Es gibt darin großartige Passagen über die Trance von Code-Knackern, es gibt darin ein umwerfendes Kapitel, in dem jemand während einer Messe darüber nachdenkt, wie er die einzelnen Noten einer Bach-Toccata, jede für sich, so transponieren muss, damit sie sich auf der völlig verstimmten Kirchenorgel richtig anhört, und es gibt darin eine ganz zarte Liebesgeschichte zwischen einem Code-Breaker und einer Taucherin, die sehr anders ist als die Frauen sonst so in der Gegenwartsliteratur: sachlich, nüchtern, unromantisch, gut sortiert, aber auf eine nicht kompromittierende Weise ergeben, fast so, als wäre ihre Liebe das Resultat eines logischen Schlusses (was wiederum, wie Logiker wissen müssten, nicht bedeutet, dass sie nicht leidenschaftlich wäre, eher: im Gegenteil). Merkwürdig, dass es in literarischen Texten sachliche Frauen so selten geben darf, dachte ich.
Irgendwann in den vergangenen drei Wochen habe ich festgestellt, dass mir aus keinem besonderen Grund jedes Interesse an dem, was man so Politik nennt, abhanden gekommen ist. Ich kann mich nicht einmal mehr dazu zwingen, & ich habe es versucht, irgendeine politische Emotion aufzubringen. Völlig entkoppelt von meinem System. Im Frühstücksfernsehen sehe ich mir fast jeden Tag die Portraitserie über irgendwelche Wahlkreiskandidaten an, stelle fest, wie kaputt die alle schon am Frühstückstisch sind, wenn sie ihre Frauen und ihre herausgeputzten Kinder vorführen, freue mich sekundenkurz darüber, dass Angelika Beer, die von mir am innigsten verabscheute Bundestagsabgeordnete, es nicht mehr schaffen wird, das war´s dann aber auch schon. Merkwürdiges Gefühl, so war das noch nie, und ich kann es mir nicht einmal erklären. Rationalisierungen ja - ist eh alles unter jedem Niveau jeder Kritik - aber die hätten ja bisher auch schon gegolten. Vielleicht hatte ich ja so etwas wie einen Mikro-Schlaganfall, der genau die drei Kubikmillimeter Gehirn ausradiert hat, die für politisches Interesse zuständig sind.
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