Mittwoch, 12. März 2003

Amerikas Umgang mit gefangen genommenen mutmaßlichen Terroristen unter aller Sau, menschliches Verständnis für das umstrittene Verhalten des Frankfurter Vize-Polizeichefs Wolfgang Daschner im Fall des entführten und getöteten Jakob von Metzler. Der Polizeibeamte, sagt Schily der ZEIT, "hatte keine schlechten Absichten, als er Schmerzen androhte. Er handelte aus Sorge um das Kind. Das ist ehrenwert." In der Zeit.





Dienstag, 11. März 2003
pere ubu, the modern dance, 1978

Q: You often use the term "avant-..." in your comments. What does avantgarde mean to you? A: Nothing. Mostly I use the prefix "avant-" as applied to "garage." Avant-garage satirizes the idea of the avant-garde. We are midwesterners. Art is the thing that goes on album sleeves. (ubufaq)





Wir von der schwächeren Mannschaft machen uns über ihre Züge her & sagen, dass das alles keinen Sinn ergibt, so nicht und so auch nicht, alles falsch, wie die stärkere Mannschaft es anstellt & wenigstens das lassen wir uns nicht nehmen, ein wenig spöttisch, mit diesem verstockten Grinsen, das ihnen ein wenig, hoffen wir, die Stimmung verhagelt, die pedantische Verstocktheit, mit der wir ihre Rechnungen auseinandernehmen und dann davon schlürfen, wir, ihre Geschöpfe, wir ahnen es beide, unter anderen Umständen wären wir die Sieger und sie auf der Reservebank, aber so ist es uns lieber, diese kleinen Brötchen, die wir backen, diese unmaßgeblichen Anmerkungen, die wir noch hätten, letzte Restbestände aus den jüngeren Jahren, da wir uns noch einbildeten, das Spiel gewinnen zu können & sieh nur, was aus uns geworden ist, besserwisserische Männer in den mittleren Jahren, Bandscheibenvorfälle, tapern vom Computer zum Klo und retour, ziehen sich das Internet rein und recherchieren der stärkeren Mannschaft hinterher, das ist nicht fair, wie sie es immer wieder hinbekommen, ihre billigen Tricks und der Schiedsrichter sowieso bestochen, jetzt die Drohne, nächste Woche etwas anderes & bei dem, was wir wissen, könnten wir den Laden schon längst übernehmen, aber die Jahre auf der Tribüne haben uns mürbe gemacht & weißt du was, manchmal frage ich mich, ob ich mich nicht mit einem meinesgleichen zusammentun sollte, wir könnten Mann und Frau spielen und uns ineinander verlieben, Glaubensartikel endlich wieder statt Misstrauensvoten, & ich würde dich lieben, wie ich nie jemanden geliebt habe, und du mich, wie nie jemand mich geliebt hat, es bedürfte nicht viel, anfangs wäre es vielleicht ein wenig zäh, wir müssten das Verlieren und Zurückhöhnen abschütteln, aber dann könnten wir fliehen im Auto und ans Meer fahren, an den Leichenprozessionen vorbei, wir könnten einander ungeschmälert zubilligen und uns vorstellen, miteinander zu fliehen, es bliebe unter uns, kein Wort darüber, einander etwas vormachen, Flitterzeug und haufenweise Augenaufschläge, als wäre das Leben Augenaufschläge noch wert





Sehr guter Text von Diedrich Diederichsen über Adornos Verachtung von Jazz und Pop.





Simonladefoged





In the second chamber, all the sensory stimuli apart from smell will tell them that they are in one environment, such as an office, while the smell overwhelmingly communicates, say, the seaside.
Interview mit Neuroscientist Upinder Bhalla über Gerüche und ein olfaktorisches Museum.




Heute kann eine Schauspielerin gegen Atomkraft sein und trotzdem für Eon werben, kann der Spiegel über den "Terror der Lust" und die "Quasselbuden der Talkshows" lamentieren, selbst aber Wa(h)re Liebe und Kerner produzieren. Heute kann man gegen den Krieg und für den Schutz des Privatlebens sein und trotzdem Bild zum Geburtstag gratulieren, kann man in den Redaktionen mit Berichten über die Chemie-Unfälle bei Hoechst warten, bis die Hoechst-Anzeigen-Kampagne im eigenen Blatt abgelaufen ist, kann man Nachrichten "Action News" oder Kriegsvorbereitungen "Drohkulisse" nennen, mit "Showdown gegen Saddam" überschreiben und doch Grimme-Preis-würdig erscheinen. Von den heutigen Moralisten erwartet man keine Stringenz mehr. Die moralische Attitüde ist geblieben. Deshalb vergibt der Journalismus einen Egon-Erwin-Kisch-, keinen Karl-Kraus-Preis.
Heute könnte man diese Liste auch verlängern und in ihr noch ganz andere aufzählen, bis zu denen, die sich mit solchen Listen ihre Distinktionsbedürfnisse erfüllen und ihren Marktwert bewahren, wahrscheinlich sind Scheußlichkeitsaufzähler mit der moralischen Attitüde ja die einzigen Warenanbieter, die heute ihren Marktwert dadurch steigern können, dass sie ihn behaupten, heute braucht das Heute solche Aufzähler mehr als je zuvor, heute funktioniert man nur wie gehabt, wenn man die Gardinenpredigt mitgeliefert bekommt, mit der man sich einverstanden weiß, aber heute geht die Gardinenpredigt immer noch nicht weit genug, weil sie dann gegen den Prediger selbst gehen müsste, denn sich ihre eigene Lächerlichkeit ungezwungen eingestehende Menschen braucht heute immer noch keiner, schade eigentlich, aber was ich heute sagen wollte, ist, dass Roger Willemsen gestern in der Süddeutschen Zeitung über Karl Kraus schrieb, und einen vorspannfähigen Satz hatte er auch drin in seiner Verteidigung der Moral gegen die Attitüde, so etwas vergisst man als Profi heute selbstredend dann doch nicht:
Karl Kraus war ein ironischer Meister, sein Werk ist pointendicht wie kaum ein zweites in deutscher Sprache.
Hinreißend übrigens auch, wie die Verdammnis im Gewerbe dann wieder darauf hinausläuft, dass die falschen Gewerbetreibenden die Grimmepreise bekommen.




Interessant natürlich auch, aber eigentlich dann ja doch nicht.





Warum mich Gato Barbieri, der späte John Coltrane und Pharoah Sanders immer noch ganz automatisch Ejakulationen herbeiassoziieren lassen, obwohl das eine Assoziation ist, die sich sonst in keinem einzigen Zusammenhang bei mir einstellt, auch nicht in jenen, in denen sie nahe läge.





Beim Ausfüllen des Visaantrags bemerkt, dass Kambodscha ein Königreich ist, und sofort wieder diese Unwissenheitsscham empfunden, den Kambodschanern gegenüber.





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