Mittwoch, 9. Juli 2003

Das dunkle Tuch, die Sonnenbräune, die Effekte, das Jugendamtgelaber, der Holocaust, das Selbstdarstellersein-Genießen, das Doppelte-Maßstäbe-Anlegen, es ist alles da. Und, auch das, warum nicht, der Zentralrat der Juden schon im zweiten Satz. Und der andere Jude, der ihn nicht fallen lassen will, im letzten. Dazwischen: "in Paris geboren, Sohn von Holocaust-Überlebenden, sich in Deutschland nach oben gearbeitet". Ob das jetzt antisemitische Anhaftungen in szenetypischen Päckchen sind oder nicht, ist egal, sowieso wird jeder sie bestreiten, und nicht wahr, es gilt ja die Unschuldsvermutung. Wahrscheinlich ist ihr, der Meike Schreiber von Financial Times Deutschland das alles nur passiert. Und man kann sich sicher sein, sie steht dazu.

Auch an seinem schwersten Tag blieb er sich treu: Wohl kalkuliert und perfekt inszeniert wählte der Vizepräsident des Zentralrats der Juden die Rolle des reuigen Sünders. [...] bat demütig nur noch um eines: eine zweite Chance.

Es ist ein kurzer, aber effektvoller Auftritt [...]. In dunklem Tuch tritt nach vierwöchigem Schweigen und ebenso langem medialen Trommelfeuer ein braun gebrannter Michel Friedman ans Pult und formuliert seine Entschuldigung - ein zerknirschtes Mea Culpa ohne Einschränkungen: [...]

Mühelos füllt seine leidenschaftliche Stimme den mit schwitzenden Kamerateams vollgepackten Raum. Ein wenig drängt sich der Eindruck auf, als genösse der begnadete Selbstdarsteller selbst diese Rolle. Denn ist der Part zwar tragisch, so ist er doch - wie stets bei ihm - nicht gewöhnlich und unbedeutend.

Er müsse hinnehmen, dass er in gleicher Weise hart befragt werde, wie er es mit den Gesprächspartnern in seiner Fernsehshow gehalten habe. Nur lieber nicht im Hier und Jetzt: "Ich brauche noch Ruhe und Distanz", bittet er um Verständnis.

Worte vom Jugendamt

In bekannter Manier betont Friedman jedes Wort; lehnt sich mit den Ellenbogen auf das Pult, als müsste er übermütige Körpersprache dämpfen. Zum Thema Kokain wählt er Worte wie aus einer Broschüre des Jugendamts: "Drogen in einer Lebenskrise, auch in meiner Lebenskrise, sind keine Hilfe. Das sage ich vor allen Dingen jungen Menschen."

Der Schluss der Rede lässt kaum Zweifel zu: Mit Friedman, dem in Frankreich geborenen Sohn von Holocaust-Überlebenden, der sich in der Deutschland weit nach oben gearbeitet hat, ist noch zu rechnen. Fast flehend ruft er, als hätten allein die Journalisten sein Schicksal in ihren Händen: "Vergessen Sie nicht, dass das nicht der ganze Michel Friedman ist."

Sein Fall ist tief. Noch vor vier Wochen war der streitbare Anwalt, Politiker und Multifunktionär vor allem in seiner Position als Vizepräsident des Zentralrats der Juden eine der wichtigsten moralischen Stimmen Deutschlands, von vielen geachtet, von nicht wenigen aber auch mit Misstrauen beäugt. In seiner Talkshow "Vorsicht Friedman!" brachte der mit Abstand aggressivste Moderator Deutschlands Politiker ins Straucheln, verlangte Wahrhaftigkeit, die nun auch von ihm gefordert ist.

Flucht nach Italien

Als Anfang Juni in seiner Wohnung Kokain gefunden und der Verdacht laut wurde, er habe mit Prostituierten aus Osteuropa verkehrt, floh der sonst beinahe Omnipräsente nach Venedig und schwieg.

Der Auftritt am Dienstag dürfte der Tiefpunkt gewesen sein. Nach einer Karenzzeit wird Friedman in die Öffentlichkeit zurückkehren. Schon am Dienstag gab es viele Stimmen, ihn nicht ganz fallen zu lasen. "Die Zeit heilt alle Wunden. Nach einer gewissen Zeit wird er eine zweite Chance anstreben, und ich bin sicher, dass er sie bekommt", sagte Zentralratspräsident Paul Spiegel.





Dienstag, 8. Juli 2003

transfert.net: société de l'information ist ein feiner nachrichtendienst mit gut sortierten meldungen über den abbau von bürgerrechten, privatheit, die fortschritte der überwachung, den stand der urheberrechtsdebatte und dergleichen mehr. selbstbeschreibung: "Transfert est une agence de presse associative, sans publicité. Nous éditons un site et un fil d'info quotidiens sur l'avancée des technologies dans la société. Enrichi d'outils de recherche et de veille, notre service est disponible par abonnement." (rss-feed)

Beispiel: Des documents confidentiels sur les "étiquettes intelligentes" circulent sur le web. Une ONG américaine prend les Big Brothers de supermarchés la main dans le sac. Eine ziemlich beunruhigende Geschichte über die Überwachung von Konsumenten durch "Radio Frequency Identification". Das Konsortium, das an dieser Technologie werkelt, heißt Audio-ID Center (Tagline: "Identify Any Object Anywhere Automatically"); die Bürgerinitiative, die dessen Pläne dokumentiert, nennt sich Caspian (Consumers Against Supermarket Privacy Invasion and Numbering).





Mirko Driller hat einen hervorragenden FAQ über Hörspiele geschrieben.





"handgemachte musik" braucht auch kein mensch.





Bored of the Beckhams: Wear with pride. Send your photo.





Montag, 7. Juli 2003

L’artMettrie ist eine im Netz lebende Maschine, die sich über Daten nährt und diese entropisch zu Rauschen und Darmwinden verdaut. Sie will mit Links und Texten gefüttert werden, um sich nihilistisch durch das Netz zu fressen





echtzeit: magazin des fb design der fh potsdam. vol #1: fehler. unter "presskit" kann man sich ein paar previews downloaden.





On the minibus trip, I noticed a dull moustachioed Belgian and a pair of German dykes. I like women licking each other. The dykes were called Pam and Barbara and I watched them play in the waves. Barbara's breasts were the most pert: they were probably silicon.
"Nice tits," I said, playing with myself.
"Thanks."
I watched TV in the hotel. The Yanks were taking over the world again. Being governed by fucking idiots is utterly disagreeable.

Der Guardian: Lanzarote by Michel Houellebecq. Condensed in the style of the original. Dort hat es auch eine Harrypotterkurzfassung.





Malte Lehming, der einen NYT-Artikel für den Tagesspiegel übersetzte, hat es nun - samt Rückübersetzung - auch in die Washington Post gebracht:

A New York Times reporter has gotten the Jayson Blair treatment, German style. Malte Lehming, Washington correspondent for the Berlin newspaper Der Tagesspiegel, has written a piece on "metrosexuals," a new moniker for heterosexual men who act feminine. It's little more than a German-language translation of a story last month by the Times' Warren St. John. The transatlantic heist was disclosed by another German paper, Taz, which noted that Der Tagesspiegel had criticized Blair's plagiarism and fabrications. St. John's lead: "By his own admission, 30-year-old Karru Martinson is not what you'd call a manly man. He uses a $40 face cream, wears Bruno Magli shoes and custom-tailored shirts. His hair is always just so, thanks to three brands of shampoo and the precise application of three hair grooming products." Lehming's story: "He does not look like a macho. Karru Martinson is 30 years old, uses expensive face cream and wears Bruno Magli shoes. He has his shirts tailored. His hair looks tip-top. No wonder: He washes it with 3 different shampoos and cares for it with special treatments." Lehming, who mentioned the Times twice in passing, also describes a woman from the story (named Marian) as if she were a man. "You caught me -- I made a big mistake," Lehming says. "There is no excuse for this mistake. I quoted my source twice, but not in an appropriate manner. I left readers with the impression that I experienced a lot of things that I did not. I feel very sorry for that." Stephan-Andreas Casdorff, the paper's vice chief editor, says that although the article was not an exact copy, Der Tagesspiegel "deeply regrets this mistake" and plans a formal apology to the Times. Says St. John: "Translation is the sincerest form of flattery. Even so, I think Mr. Lehming owes me one." Noting that columnists around the world have seized on the "metrosexual" idea, he says: "It seems like it would be more work to translate from English to German than to just write it up yourself."
Der Gawker dazu: Aside from the obvious ethical transgressions, you have to wonder how stupid one has to be to plagiarize a front-of-the-section article in one of the most widely read newspapers in the world.





Controlled Breathing, in the Extreme: Interessante Geschichte in der NYT über Mr. Bikram Choudry, der als erster auf die Idee gekommen ist, Yoga wie Starbucks zu betreiben, sozusagen System-Spiritualität. Mehr als 300 Studios weltweit, strikte Einhaltung der Standards, penibles Branding, jede Menge Konzessionen an die "westliche" Gesellschaft (zum Beispiel Yoga-Wettbewerbe).





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