Mittwoch, 27. August 2003

Tatsächlich: Wien scheint ein ausgewählter Standort für den "Angstraum" zu sein, gestern wie heute, theoretisch wie praktisch. Gestern und theoretisch verknüpft sich dies mit den Namen von Camillo Sitte [vgl.Kap. 3] und Sigmund Freud und der Entdeckung der modernen Krankheit namens "Agoraphobie". "Agoraphobie", Platzangst, diagnostiziert Esther Da Costa Meyer in "The Sex of Architecture", ist eine neue und sich ausweitende Neurose, die vorwiegend den Frauen zugeschrieben wird. Es ist eine städtische Neurose, die sie erstmals beim Wiener Stadtplaner Camillo Sitte thematisiert findet. Bei seinem Rettungsversuchs des städtischen Platzes benützte Sitte die anthropologische Erklärung, der Mensch habe Angst vor der "offenen Flanke", an der er leichter angegriffen werden könnte. (Sein Projekt sah deshalb vor, die Ringstraße in umbaute Plätze zu untergliedern. Der Stadtraum sollte also vom menschlichen Körper und dessen Aktionsradius her entwickelt werden.) Sigmund Freud fügte dem hinzu, daß die Angst vor der Querung großer offener Flächen sich aus der Verdrängung des Wunsches herleite, auf der Straße eine zufällige sexuelle Begegnung zu erfahren. Da Costa Meyer hält zwar nicht an so expliziten Theorien fest, doch meint sie: Agoraphobie als spezifisch weibliche Form von Stadtneurose stehe in engstem Zusammenhang mit der geschlechterorientierten Ausprägung der Stadträume und der spezifisch häufigeren realen Erfahrung der Frauen mit gewaltsamen Übergriffen. Diese städtischen "Angsträume" könnten also auch als lokale Abbildung unspezifischer Viktimisierungsfurcht aufgefaßt werden. [Esther Da Costa Meyer: La Donna è Mobile: Agorophobia, Women, and Urban Space, in: Diane Agrest u.a. (Hrsg.): the Sex of Architecture, New York 1996, S.141ff] - Und wie so vieles andere an der Moderne führt die Spur ins Jahrhundertwende-Wien zurück.

Siegfried Mattl: Die Stadt und/gegen die Frauen.





Mit der Wende von der Industrie- zur Konsumptionsgesellschaft ("consumer society") ist das Department-Store der Jahrhundertwende neu bewertet worden. Im Rückblick sehen wir das Großkaufhaus als einen Raum, der "Modernität" produziert, d.h. kulturelle Umgangsformen, die die neuen wirtschaftlichen und technischen Grundlagen der Massenproduktion und Dienstleistungen "verarbeiten" helfen. Die Träger dieser urbanen Kultur sind die Frauen, die durch ihr Kaufverhalten und ihre Geschmacksurteile erst die Bedeutungen und Sinnstiftungen beitragen, ohne die die komplexe Warenwirtschaft nicht existieren könnte. Damit die Department-Stores aber als der spezifische öffentliche Raum für die Frauen der Großstadt um 1900 gelten können, müssen sie im Einzelfall weit mehr bieten, als Ware gegen Geld. Tatsächlich versammeln die Großkaufhäuser ja die avancierten Bautechniken und Materialien der Zeit, sie beherbergen Gemälde- und Fotogalerien, Diskutier- und Schreibklubs, Orchestermusik in Restaurants und Cafés, Sportplätze, Ausstellungsräume, Vortragssäle, Reisebüros, Bankschalter und so weiter. Sie organisieren eine Welt der Seh-Lust, von Modeschauen bis zur Vorführung von "Lebenden Bildern", exotischen Theater-Szenen und Cineramen ... und sie bieten eine Art städtische Bühne, auf der sich die Frauen (der Mittelschichten) außerhalb der Kontrolle von männlichen Begleitern bewegen und beobachten können. Wenn die soziale Durchlässigkeit der modernen städtischen Gesellschaft mit der Erfindung und ständigen Erneuerung von "feinen Unterschieden" im Geschmack definiert ist, dann ist das Department-Store der Herstellungs- und Probeort dieses Pluralismus, der von den Frauen getragen wird. (Vgl. Mica Nava: Modernity´s Disavowal. Women, the City and the department-store; in: dies./ Alan O´Shea (Hrsg.): Modern Times. Reflection on a century of English modernity, London/ New York 1996, S.38ff)

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1905 nun traten die Wiener Kleinhändler und Gewerbetreibenden, diese Hauptstütze der regierenden christlichsozialen Partei, in die Phase des erbitterten Abwehrkampfes gegen die Großwarenhäuser ein. Über 3000 selbständige Kaufleute und Gewerbetreibende kamen im Rathaus zusammen, um in einer von christlichsozialen Mandataren gelenkten Resolution die Einführung einer 10 % Warenhaus-Umsatzsteuer zu fordern. Der Wiener, so hatte es bei ähnlichen Gelegenheiten schon gelautet, lege Wert auf sein Phäakentum, das sich mit Großkaufhäusern und deren "Pofelware" nicht vertrage. Und so wie stets bei diesen Gelegenheiten wurde (selbst von christlichsozialen Abgeordneten) das antisemitische Ressentiment bemüht. Der Abgeordnete Ernst Schneider zog überhaupt gleich eine Parallele zwischen Department-Stores, Moderne und Judentum, wobei er (unter allgemeiner Heiterkeit) als Begleiteffekt der Verhinderung von Großkaufhäusern die 18. Austreibung der Juden aus Wien in Aussicht stellte. [Meißl, a.a.O., S.74ff]

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Erst 1977/79, mit dem Konkurrenzdruck der "Shopping City Süd" an der Stadtgrenze zu Vösendorf im Rücken, begann sich Wiens Handel zu modernisieren. In Meidling eröffnete (1979) der U 4 – Parkshop mit 6.500 m Verkaufsfläche für 59 Geschäfte und Ossi Schellmanns Discothek "U 4" im Keller, wo sich (mehr oder weniger) die "Wiener Szene" neu gründete, im Wohnpark Alt-Erlaa der "Kaufpark" (mit 10.700 m und 45 Geschäften), in Kagran das "Donauzentrum". [Profil, Nr.39/1979] Das war deshalb geradezu spektakulär, weil sich die Öffentlichkeit, pointiert gesagt, mit der tendenziellen Monopolisierung des Handels durch den "Konsum", also die partei- und gewerkschaftsnahe Genossenschaft abgefunden hatte, in deren Unternehmensphilosophie für die feineren Funktionen der Warenwirtschaft, d.h. für deren Kommunikationsaspekte kein Platz vorgesehen war. Zwar gab es schon in den 60ern vereinzelt Boutiquen, die pret-a-porter Mode internationaler Designer verkauften, doch bedurfte es erst einer Revolution des Geschmacks, um eine kritische Dichte zu erzeugen, die Wien wieder, und zeitgemäß, zu einer Stätte der Konsumtion und des Luxus machte. Für die 70er konnte die Zeitschrift "profil" noch penibel die Handvoll Unternehmen auflisten, die Cerutti (1977), Armani (gleichfalls 1977), Yves Saint Laurent (1979) und Versace (1980) nach Wien gebracht hatten, aber in einem Zug damit mußte man Karl Lagerfeld zitieren, der angeblich meinte: "Was da in den Schaufenstern hängt sind Lampenschirme", keine Mode. [profil, Nr.8/1983] Erst das langsame Driften der Alternativen Szene hin zu kommerziellen Strategien, die paroxystische Kreativität der Hochschule für Angewandte Kunst in den Jahren 1979 bis 1981, das plötzliche Auftauchen (und ebenso schnelle Verschwinden) von new-wave-Lokalen wie dem "Ring" oder dem "Kajevsky", schließlich die Etablierung von life-style-Magazinen und die ideelle Verbindung all dessen mit einer urplötzlich expandierenden, für Wien so unerwartet kreativen Werbe-Industrie schuf das Klima, in dem Wien rasch Abschied nahm von den traditionellen Konsumverhalten und auf eine Weise "modisch" wurde, daß ausländische Besucher angesichts der Dichte und der Eleganz kleinteiliger Spezialgeschäfte, die die City visuell dominieren, "Reichtum" als Charakteristikum Wiens am Ende des 20. Jahrhunderts nennen.

Siegfried Mattl: Die Stadt als Text (Vorlesung Universität Wien WS 2001/02) > Aus der Urgeschichte der shopping-malls





two other angels, forced into a numb existence of stone

friedhof sankt marx





glückskeksmaschine





Panic Encyclopedia: The Definitive Guide to the Postmodern Scene





Mein Name ist Jens Thiel. Ich bin 31 Jahre alt, 1,86 m gross, habe Haarausfall und mehrere Unternehmen gegruendet. Tags helfe ich anderen Menschen das mit den Unternehmen auch zu tun. Von dem Geld, das ich damit verdiene, kaufe ich mir Zigaretten, blaue Airwaves Kaugummis, hochwertige Herrenoberbekleidung und Schallplatten. Im Grossen und Ganzen glaube ich, wir leben wirklich in der besten aller moeglichen Welten.

aus den referrers: superloft>leute>jens





i.

ein nachtwindsucher unsere fernsehantenne einsam trink ich bier

(h.c. artmann aus: nachtwindsucher. österreichische haiku)





Zunächst wird bei der Behandlung des Wurzelkanals der betroffene Zahn aufgebohrt (trepaniert) und mit kleinen Nadelinstrumenten gereinigt. Zwischendurch wird mit desinfizierenden Lösungen gespült.

Je nach Schmerzzustand wird der Zahn vorübergehend mit einer medizinischen Einlage versehen. Dies kann eine antibakterielle Paste oder ein kortisonhaltiges Präparat sein.

Der Wurzelkanal wird nun weiter aufbereitet, bis trockene Späne aus dem Kanal kommen, d.h. kein infiziertes Material mehr im Kanal ist. Die Aufbereitung kann mit Handinstrumenten oder maschinell erfolgen.

Die Aufbereitungslänge sollte 1 mm vor der Wurzelspitze enden. Dies lässt sich mit einer sog. Röntgen-Messaufnahme überprüfen.





The letter [...] came one day in a small red mail-cart to its destination in Charlottenburg. And six weeks later Willie himself was there. Old snow lay on the pavements, with paths of yellow sand and salt in the middle, and scatterings of dog dirt on the snow.

v.s. naipaul: half a life





Robert ist tot.

Gut so. Ging mir gewaltig auf die Nerven, der Knilch.





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