Gestern abends mit M. beim Traitteur Wille noch ein wenig Grand-cru-Alkoholismus beobachtet. Die Spezies der schon ein wenig in die Jahre gekommenen Hamburger Immer-noch-Jungs, deren Vermögen aus einem Erbe stammt. Kordjacketts, Jeans, Seglerrunzeln, Rotweingesichter, Bäuche, in denen viel Foie Gras verarbeitet worden ist. Privatiers müssen nichts einziehen. Hierher müsste man kommen, sagte M., wenn man sich auf Jagd befände, Frauen lieben diese Don´t-give-a-shit-Männer, die sich nicht unentwegt anstrengen, man kann mit ihnen 20 Jahre lang Spaß haben und wäre danach eine wohlbestallte Witwe in immer noch mittleren Jahren. Um den besten herauszufinden, sagte sie, bräuchte man nur nachzusehen, wessen Kaschmirpullover die abgeschabtesten Ellbogen hätte. - Eine zweite Spezies: die Parvenu-Trinker. Sie kommen alleine, sie bleiben alleine stehen, gleich beim Ausschank, als hätten sie Angst, man enthielte ihnen die besseren Sorten vor, sie führen Buch über ihre Schlucke. Während der Hedonist einfach wegsäuft, was man ihm einschenkt - niemand käme auf die Idee, ihn unter seinem Niveau abfüllen zu wollen - und sich in seiner Konversation nicht stören lässt, macht der Parvenu aus dem Trinken ein Ritual der Selbstvergewisserung. Prüft die Farbe des Weins, rüttelt die Duftstoffe locker, nimmt Nasen, macht beim Trinken Bewegungen, als hätte er im Mund eine Umwälzpumpe. Ganz so, wie es im Feinschmecker und bei Siebeck gestanden hat. Er will was haben für sein Geld, er will seine Kennerschaft anbringen, es ist Kulturarbeit, die er da leistet, vermutlich könnte er aus dem Stegreif reden über terroirs halten, ein Schnäppchenjäger der Genüsse. Spaß hat er, das sieht man ihm an, nicht dabei, ohnehin ist Spaß für ihn ein Wort mit Odium. - Die Frauen dagegen sahen alle ein wenig so aus, als hätten sie esoterische Neigungen. - Gingen, als wir glücklich betrunken waren, bis auf Grauburgunder Selection A nichts Nennenwertes dabei, aber den kannten wir schon.
Stellen Sie bei der Gelegenheit fest, dass Sie mit Khakihose und blauem Hemd underdressed sind, liegt es daran, dass Sie den Hinweis auf der Einladung missverstanden haben: Informal bedeutet dunklen Anzug. Formal ist in Diplomatenkreisen nur der Smoking. Als Frau muss man wissen, dass man bei einer Einladung in Anwesenheit der spanischen Königin auf keinen Fall Weiss tragen sollte - das ist wie an einer Hochzeit, bei der Weiss für die Braut reserviert ist.
Viviane Manz: Finden Sie heraus, ob Sie der Ehrengast sind
TOKION: fashion and art magazine by the founders of the neo graffiti project
und dass sie in der nähe ihres bettes immer eine kate spade handtasche und henry james´ portrait of a lady hat.
m., die mich wie immer durchschaut, mir auf den kopf zusagt, dass es wie immer die kombination von libertinage und elitismus ist, die mich vollautomatisch meine formeln und tricks anwerfen lässt. und dann ein grinsen hinterherschickt, das der libertinage und dem elitismus auch nicht gerade fern steht. so macht sie das, über der feuilletée, zwei sekunden, länger braucht sie nie, um mich ergeben zu machen, für ein paar weitere ewigkeiten.
Jonas Phyllis Emil Linda Cloris Rafael Vincent Urs Wendelin Pippin Otto Jeremias Nele
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