Sie brachte mich dann doch zum Flughafen. "Ich dachte: wenn du abstürzst, ist dein letzter Gedanke vielleicht, dass ich dich nicht zum Flughafen gebracht habe."
"Ich hatte mal Haarausfall, da hat mir Hildegard von Bingen geholfen."
"But you are not Patrick Demarchelier."
Im Flugzeug K. getroffen. Sie erzählte, neulich wäre bei einem Meeting über mich gesprochen worden, jemand sagte, ich hätte "Kultstatus im Internet". Ach ja, sagte ich müde. "Und wo kann man das nachlesen?" Nichts öderes, als jemandem eine URL aufzuschreiben.
Jeden Morgen rauchend, Kaffee trinkend, die Emails aus der vergangenen Nacht lesend. Umzingelt von Handke, Hegel, Updike, Jock Sturges, dem Einzug der Gräser und Farne in den Garten. Schlechtes Gewissen, schlechtes Gewissen, du lebst ein falsches Leben. Jetzt, da ich es aufschreibe, die Beruhigung, dass ich auch völlig blind jedes Buch in diesem Raum wiederfände. Was könnte ein Blinder davon haben, dass er jedes Buch wiederfände?
Gebäude, denen man die Selbstmörder gleich mit ansieht.
Gestern morgens trafen wir uns auf dem Münchner Flughafen zum Frühstück, wir hatten einen Time-Slot von fünfzig Minuten. Sie erzählte von ihrer Fabriksbesichtigung in Italien. Die Belastbarkeit des Sofaleders werde ermittelt, indem man verschiedene Testflüssigkeiten über es kippe: Fernet, Kaffee, Coca Cola, Bier, Whisky, Martini. Ein Tee, ein Espresso, zwei Müdigkeiten, dann musste ich zum Flugzeug, ihr Flug ging erst eine dreiviertel Stunde später, in Hamburg wartete ich auf sie, so konnten wir an einem Vormittag gleich zweimal auf Flughäfen einander in die Arme fallen.
Beim Bordkartenvorzeigen spricht mich ein Junge, zwölf oder vierzehn, an: "Fliegst du auch nach München?", dann, als wir beide als erste ins Flugzeug steigen: "Wo sehe ich denn, wo ich sitzen muss?", offensichtlich sein erster unbegleiteter Flug. Gleich wieder die Erinnerung an den Kindheitstag, an dem mein Vater mich ins Kino ausführte und ich nach der Vorstellung auf der Straße meine Hand in die eines Fremden legte, der erst zwei, drei Sekunden später darüber erschrak, so spät, dass aus einem Irrtum schon eine Verlegenheit und die Möglichkeit einer Geschichte geworden war. Wie alt bin ich damals gewesen? Sechs, acht? Wie lange bin ich auf der Straße an der Hand meines Vaters gegangen - eine Berührung, die ich mir heute kaum noch vorstellen kann? (Und wann, aber das ist eine andere Geschichte, haben meine eigenen Kinder aufgehört, an meiner Hand zu laufen? Diese abgründigeren Stationen von Lebensgeschichte, Individuation...). Jedenfalls habe ich mich seit jenem Tag immer wieder gefragt, was geworden wäre, wenn der Mann vor dem Kino mich mitgenommen hätte und ich mit ihm gegangen wäre, in ein anderes Leben. Später, in der S-Bahn nach München, in der SZ Franziska Augsteins Porträt zum 75. Geburtstag Klaus Wagenbachs und darin die merkwürdige Wendung: "Es liegt ihm zuallererst in der Natur, die - was immer Genetiker sagen mögen - vom Elternhaus mitgeprägt wird."
Zum Aufwachen Espresso in einer Flughafen-Snack-Bar. Am Nebentisch zwei junge Männer, die beide einen Beckham-Bürzel tragen und auch sonst "völlig nachgemacht" aussehen (ohnehin müsste man einmal die Spielregeln und Spielregelverletzungen des Kopierens genauer untersuchen; das Affektive in den eigenen Reaktionen, von dem man nicht so genau weiß, wodurch es ausgelöst wird in der gnädigen Gleichgültigkeit, mit der man andere Menschen bloß als besetzte Orte im Geh- und Sichtfeld wahrnimmt und gleich wieder vergisst…). Der eine erzählt dem anderen ausführlich, was eine gewisse Birgit im Urlaub gemacht oder vielleicht auch nicht gemacht hat oder gemacht haben könnte, er weiß es nicht genau, er hat etwas gehört, Andeutungen, jemand hat etwas gesagt, aus dem er nicht schlau geworden ist, aber er war auch besoffen. Der andere, sachlicher: Es wird schon nichts gewesen sein. Der erste: Nicht im Bett, das nicht, aber sonst, irgendwas hat sie gemacht, da ist er sich sicher. Ganz plötzlich eine Sprungbildempfindung, wie sie mich öfter überkommen: Als spränge die vertraute Welt in einen Ort um, an dem man noch nie gewesen ist. Wie rätselhaft, dass Menschen darüber reden, dass Menschen andere Mensche irgendwo angefasst haben! Wie absurd, dass menschliche Körper Landkarten mit öffentlich betretbaren Zonen und No-Go-Areas sind! Die Verteilung von Berührungserlaubnissen und Zugangsprivilegien auf so einem Körper! Die Dramen, wenn ein Unbefugter irgendwo gewesen ist, wo er nicht hätte sein dürfen! Die Katastrophenkaskaden, die durch so eine Unbefugtheitsandeutung ausgelöst werden können! Merkwürdige Welt, in der eine Hand unter einem T-Shirt oder eine Knutscherei oder ein Händchenhalten oder eine Errregung so viel bedeuten können! (Und meine vollautomatische Parteinahme für Birgit; "ich kenne die doch gar nicht"; "weißt du doch nicht, was die beiden für eine Geschichte haben"; "ist doch nur ein Eigenname in der Unterhaltung zweier Fremder"…)
In der S-Bahn sitze ich mit drei Türkinnen, die Kopftücher tragen. Und High Heels, Jackie O.-Sonnenbrillen, schwere Uhren, die Kopftücher sehen aus wie von Paul Smith. Und schon kommt mir eine Wendung wie "Türkinnen mit Kopftuch" so albern vor wie etwa "Deutsche in Jeans".
Am Abend, ehe ich nach München flog, war ich bei der ersten Hamburger Kuschelparty. Kuschelparties, in New York erfunden, sind Veranstaltungen, bei denen Fremde sich treffen, um einander in den Arm zu nehmen, zu streicheln, zu liebkosen, aneinander zu drücken. Die Spielregeln sind rigide kodifiziert wie bei einem Franchising-System: Die Klamotten bleiben an, jeder kann jederzeit Nein sagen, ehe man jemanden berührt, muss man ihn fragen, ob ihm das auch recht sei, Sex ist verboten, Erregung aber erlaubt ("lasst es fließen, Energie ist gut"). Weil einem so ein Regelwerk aber nicht wirklich dazu ermuntert, sich mit Menschen, die man noch nie gesehen hat und von denen man die meisten auf der Straße auch jederzeit übersehen würde, auf eine Matratze zu legen, um mit ihnen Zärtlichkeiten auszutauschen, wird das Neinsagen, das Berührungsbitten, das Aufeinanderzugehen und das Kuscheln erst einmal anderthalb Stunden lang spielerisch eingeübt, so lange, bis niemand mehr ein weiteres Spiel aushält. Und so lag ich, als es ernst wurde, zuerst mit zwei Frauen, dann nur noch mit einer herum, umzingelt von 20 anderen, die auch miteinander herumlagen, und hatte eine im Arm und ließ mich von einer im Arm haben, mit der ich davor nicht mehr als zwei, drei Sätze geredet hatte, seltsam, dachte ich, wie sehr Handlungen, eine Praxis die Gefühle modellieren können, denn natürlich war ich so etwas wie "verliebt", man kann das schwer vermeiden (nicht, dass ich etwas vermeiden hätte wollen), wenn man an Haaren riecht, in Augen hineinschaut, jemanden sich wohlig räkeln fühlt und mitbekommt, wie ein Atem sich verändert. Man lacht und kichert ein wenig miteinander, sagt einander, wie schön das gerade ist, nicht bloß, weil es unhöflich wäre, einander gar nichts zu sagen, sondern weil es wirklich schön ist, man verhandelt ein wenig miteinander, ob es denn für mich okay wäre, wenn sie sich fallen ließe, fragt sie, und ich muss lachen und sage, sie sollte jetzt um Gotteswillen keine Gerechtigkeitserwägungen anstellen, sie sagt, dass sie mit Männern aus Wien wohl Glück hätte, und was man eben sonst so redet in solchen Situationen (als ob man sonst solche Situationen erlebte), angenehm Unwichtiges, und irgendwann sind einem auch die Körperzonierungsregeln gleichgültig und umstreichelt man nicht mehr weiträumig die privater codierten Gegenden, mag schon sein, dass das jetzt nicht Sex ist, aber Kuscheln ist es vermutlich auch nicht wirklich, schon klar, dass Kuscheln so ziemlich das beste Wort ist, das man sich für solche Parties ausdenken konnte, weil es einen mit seiner militanten Harmlosigkeit gar nicht auf den Gedanken kommen lässt, das wäre etwas anderes als etwas harmlos Regressives. Dann wird das Licht wieder hochgedimmt, man braucht ein wenig, bis man sich wieder in der Welt der Körperdistanzen justiert hat, jeder gibt der Runde durch, wie es gewesen ist für ihn, man verabschiedet sich freundlich voneinander, und das war es dann. Am Heimweg traf ich noch J., die einzige, die ich gekannt hatte, ich teilte mir mit ihr einen Fisch, sie fragte, wie es mir gefallen hätte, es war gut, sagte ich, ob ich noch einmal käme, wollte sie wissen, nein, sagte ich, es käme mir ein wenig seltsam vor, in einer Geschichte nicht am Anfang anzufangen, dafür dann aber gleich wieder aufhören zu müssen und dass mir zum Beispiel so etwas wie eine Affäre "logischer" erschiene, aber das könne man doch, sagte sie, kein Problem, doch, sagte ich, willst du denn eine Affäre haben, von der du dir selbst oder deinen Enkeln erzählen müsstest, sie hätte auf einer Kuschelparty begonnen, & so mussten wir beide lachen.
Als ich das Hotel reserviert hatte - das Olympic im Glockenbachviertel, in dem ich seit 18 Jahren schlafe, wenn ich in der Stadt bin -, wusste ich nicht, woher auch, dass in München just an diesem Samstag der Christopher Street Day begangen werden sollte. Und so kamen mir auf dem Weg vom Sendlinger Tor in die Hans-Sachs-Straße unvermutet Männer in Kettenhemden, aufwendig aufgerüschte Transen und einer im weißen Engelskostüm mit federzarten Engelsflügeln entgegen, auf einem Stuhl vor dem Ivan, eine Hausnummer vor dem Olympic, saß ein Dicker mit nacktem verpelzten Oberkörper und glücklich alkoholrotem Gesicht und trug eine Plastik-Prinzessinnenkrone. Wenn Heten sich verkleiden und es krachen lassen, kommt meistens nur so etwas wie der VW-Betriebsrat heraus.
Gekauft: DeLillo, Players. Lethem, The Disappointment Artist. Surowiecki, Wisdom of Crowds. Für M. den Jane Austen's Guide to Dating. (Seltsam, dass wir alles miteinander teilen außer die Bücher, die wir lesen. Jane Austen, Edith Wharton, Nicholson Baker, Goethe, Shakespeare: bis auf das Nötigste kaum je gelesen, so wenig wie sie Updike, Faulkner, Handke, Proust, Fichte. Ihre Liebe zum 18. Jahrhundert oder davor, meine Liebe zum 19. und 20., Konversation vs. Psychologie, Zivilisation vs. Selbstzerfleischung, Garten vs. Stadt, Erwachsene vs. Adoloszente, irgendwo entlang dieser Linien. Und diese Überraschungen über die Schnittmengen, DeLillo, Kleist, Joyce.)
Abends Wohnungseinweihungsparty bei Jochen. 80, 100 Leute. Die Zentren: Balkon (Zigaretten), Küche (Alkohol), Esszimmer (ein Buffet für ungefähr 200 Leute, auf dem Weg hatte ich J. getroffen, der kurz vor Ladenschluss noch in den Supermarkt hetzte, um Leberkäse und Madeleines zu kaufen, weil der Thai-Caterer, bei dem sie bestellt hatten, "nur für Asiaten" geliefert hatte, das reiche nicht einmal zehn Minuten. Es stellte sich natürlich heraus, dass man nicht nur eine Party lang, sondern eine Woche davon hätte leben können. Als ich M. davon erzähle, lacht sie, weil ich genauso bin und jedesmal für zwölf koche, wenn vier kommen: "Was ist es mit euch Männern, genetische Großzügigkeit?" - "Die Höhle muss voll sein, sonst nagt die Angst vor dem Mangel. Man mag nicht um vier Uhr nachts betrunken zur Tanke."). Parties sind dann gut, wenn in der Küche so viele Leute sind, dass man nicht mehr zum Wein kommt. Das Wasserstellen-, Oasen-Prinzip von Community Building. Leute erzählen von ihren Berufen oder über die Berufe anderer Menschen. Die DJesse macht bei Focus Titelbilder: gut käme alles an, was mit Ich zu tun hat (Meine Intuition, mein Urlaub, meine Steuerersparnis usw.), die iMagazine-Generation, denke ich sofort und finde es völlig eingängig. Vor ein paar Wochen wäre ihr zum ersten Mal nichts mehr eingefallen, das habe sie tödlich erschrocken. Als ich frage, wie lange das gedauert habe, sagt sie: "eine halbe Stunde lang". Immer mehr Berufe, bei denen ich fünfzehn, zwanzig Minuten nachfragen muss, um einigermaßen zu verstehen, was die Leute tun, manchmal das Gefühl, dass auch die Leute es selbst nicht wissen (oder auch nur wissen können), Schnittstellen in Zusammenhängen, die viel zu groß sind, als dass man sie noch überblicken könnte. Der Wort-Markt. "Sitzt da und analysiert, welche Wörter er kaufen muss, damit seine Arbitrage gut ist." - "Einmal die Woche fliege ich nach London, dort sitzen die Anwälte." Auf dem Balkon Weblogger, rauchend, irgendwie vage cool, "ihr seid ja so ein komischer Club". Der Club, der alles aufschrieb. Vielleicht funktionieren Weblogs besser als Journalismus oder Literatur, weil Journalismus und Literatur eben nicht alles aufschreiben können, die Arbeit der Ent-Dichtung. Später werden wir sagen können, dass Anfang des 21. Jahrhunderts Leute darauf gekommen sind, dass man vor zu vielen Informationen und zu vielen Unordnungen keine Angst haben musste. Auf der Party viele Kinder, eine Etage tiefer, in Kniehöhe der Erwachsenen, es muss sein, wie durch einen Wald zu gehen, sofort der Wunsch, sich zwischen Riesen bewegen zu können, denen man nur bis ans Knie geht, wie die Welt dann wohl wäre. Stefan beruhigt seine Tochter, indem er sich mit ihr unter die Slideshow mit den Flickr-Squared-Circle-Bildern setzt, die Jochens Laptop an die Decke loopt; das hell auflachende Glück der Tochter, wenn sie die Gegenstände auf den Fotos erkennt, ein Nutelladosen-Verschluss, ein Duschkopf, ein Kanaldeckel, Wörter, die sich mit Bildern von Gegenständen verstöpseln, schon bist du glücklich wie nur was. Fabian Mohr kennengelernt, als ich ihn sah und seine Stimme hörte, keine Sekunde lang erstaunt gewesen, gleich gedacht, er sieht so aus und redet so, dass es "zu seinen Fotos passt", und ich möchte endlich einmal einen gescheiten Text darüber lesen, wie ein Autorenkörper und eine Autorenstimme dann in Autorentexten und Autorenfotos eingeht ("ohne dass man es wirklich merkt, aber irgendwie doch"), ihn sofort innig gemocht, die lost-brother-Empfindung, die ich ja auch bei Malorama und Hack sofort gehabt habe, sehr seltsam. Gegen halb zwei ins Hotel, in der S-Bahn erzählt eine, die auch auf der Party war und deren Namen ich vergessen habe (shame on me), vom langsamen Sterben ihres Hundes nach siebzehn Jahren gemeinsamen Lebens, zum Schluss habe er nachts alle zwei Stunden hinausgemusst. Wie immer, wenn eine Geschichte gut ist, gleich synchron begonnen, mir den Roman auszudenken, in dem eine ein Jahr lang jede Nacht alle zwei Stunden mit ihrem sterbenden Hund auf die Straße hinausgeht und ihm zusieht dabei, wie er sich quält, und immer verzweifelter darüber ist, dass er bald tot sein wird und ihn nicht einschläfern lässt, weil man niemanden einschläfern lässt, mit dem man siebzehn Jahre gelebt hat, und ihr ganzes Leben sich um die Pflicht herum organisiert, alle zwei Stunden mit einem sterbenden Lebewesen hinauszumüssen. Jetzt, erzählt sie, kann ich nicht mehr so gut schlafen, weil in meinem Zimmer niemand mehr auf dem Boden vor meinem Bett liegt und schnarcht, ich müsste mir schnarchende Männer suchen und sie vor mein Bett legen, damit ich wieder gut schlafen kann. Im Hotelzimmer noch ein wenig den NTV-Nachrichtentickerband-Meldungen hinterhergeguckt (die abzuzählenden Schafe der Gegenwart: Tote in London, Etappensieger bei Tour de France usw.), Westerwelle rät Merkel von einem TV-Duell mit Schröder ab, weil der die Medien meisterlich beherrsche. Bitch!
Sonntag vormittags im Platzregen zum Stadtmuseum, zur Ausstellung mit den Fotos von Regina Relang, Müncher Modefotografin, ab 1932 in Paris, bei Kriegsausbruch wieder in Deutschland, nach Kriegsende vor allem für Madame tätig. Interessant: wie auf ihren Foto oft ein Duell Geschichte vs. Style ausgetragen wird. Vorne die Märchen, im Hintergrund die Gespenstergeschichten. Frauen in Haute Couture vor dem Geröll des zerbombten München, manchmal sieht man Hintergrund Passanten in ärmlichen Nachkriegsanzügen, einmal steht das Modell neben einem Versuchs-Atomreaktor. Während der Nazi-Zeit, in Nazi-Illustrierten: Eine Reise-/Mode-Reportage über die Trachten kroatischer Frauen, eine andere über spanische Franco-Falangistinnen. Das waren die Leute, die die Serben und die Internationalen Brigaden massakriert haben, aber fesch ausgesehen haben sie dabei. Seltsam, so durch die Welt stapfen zu können, mit einem Sensorium für Faltenwürfe und Silhouetten, alles andere aus der Wahrnehmungs-Wiedergabe löschend, der Réfus im schönen Bild, in dem die Geschichte völlig stillgelegt, nur noch Deko ist. Mit einigen dieser Leute habe ich in den letzten fünfzehn, zwanzig Jahren ja hin und wieder gearbeitet, mein Erstaunen immer wieder über die Tribes, die in der Sahara, in den GUS-Ländern ein paar Tage lang Mode fotografierten, in zehn, zwanzig Kilometern Entfernung Geschützlärm, in Zelten oder auf dem Boden irgendwelcher kärglichen Unterkünfte schlafend, von lokaler Eintopfpampe und von mitgebrachtem Mineralwasser lebend, es immer schaffend, überall hinzukommen, wo sie hinkommen wollten, weil sie sich dort eine Landschaft, ein Licht, eine Foto-Stimmung schön vorgestellt hatten und schlafwandlerisch sicher das immer auch unbeschadet herunterspulend, ohne dass ihnen irgendetwas widerfahren wäre; ihr Erstaunen über mein Erstaunen, wenn ich mir nicht vorstellen konnte, warum man "so etwas macht", aber das Licht! und die Menschen dort! wie schön! Und sie meinten das immer ganz tief empfunden ernst.
Auf derselben Etage des Stadtmuseums eine Ausstellung zum Ende des zweiten Weltkriegs in München. Die Exponate: von Zeitzeugen zur Verfügung gestellte, hochprivate Gegenstände, auf Texttafeln wird erzählt, welche Erinnerungen sich in den Objekten verkapselt hat. Eine wollene kurze Jungshose, blitzweiß, Lederhosen nachempfunden, die Mutter der Erzählerin hat sie für deren Bruder gestrickt, eines Tages hat er entsetzliche Bauchschmerzen bekommen, der aufgesuchte Arzt wollte ihn nur gegen Lebensmittel behandeln, als er schließlich - zu Fuß - im Krankenhaus eingeliefert war, starb er, bei den Sachen des Toten auch die gestrickte Lederhose. In einer Vitrine: Ein winziges Stück Brot, fast schon zu Stein geworden, aus der Ration eines KZ-Gefangenen, der das KZ dann doch mit knapper Not überlebt und seinem Kind das Erinnerungs-Brot vererbt hat. Historische Auskultation, der Versuch, den Gegenständen ihre Geschichte abzuhören, abgründige Vorstellung, wieviel Erzählung an den winzigsten Objekten hängen kann, und wie wenig man ihnen das ansehen kann.
Nachmittags bei Beatrix und Jochen, schön mäandernde Gespräche, Kuchen, Kaffee, Kinder, Wolkengespräche, begrifflicher Modellbau.
Abends mit Joule und Marlene im Wirtshaus in der Au, ah! the girls!, wie sehr ich sie vermisst habe, Schweinsbraten, Knödel, Dirndl-Figuren, diese großartige Resistenz der bayerischen Welt, die dazu führt, dass in den Knödel-Wirtshäusern die Musik dann eben von Outkast kommt. Als wir bezahlen, sind es 18 Himbeergeist gewesen. Nachts träume ich von einer Navigation auf einer Flickr-ähnlichen Seite, eine Schlagwort-Liste, in der die libidinös aufgeladeneren Tags größer erscheinen, im Traum fahre ich mit dem Finger, der sich dabei in einen Browser-Finger verwandelt, über die Wörter, als Kind habe ich manchmal in die Bücher hineingefasst und die Bilder und hin und wieder auch die Wörter gestreichelt, jetzt im Internet ist diese Kinderfantasie verwirklicht, hinter jedem Wort kann man in eine andere Wortlandschaft stürzen.
Dieses mich manchmal ratlos machende glückliche Leben, das ich lebe.
Montag vormittags Geschäftsgespräche. Danach im Haus der Kunst Paul Mc Carthy's "Lala Land" und Robert Adams' "Turning Back". Im Erdgeschoss höhnische Territorialeroberungsgeschichten, ein Fort mit Planwagen, Piratenschiffe, Pornografie, it's about Landnahmen. In einem Raum liegt an eine Pumpe angeschlossen ein mechanical pig, die lebensgroße Nachbildung einer Sau, weiche pinke Kunststoffhaut, das Kunstschwein atmet Kunstluft ein und aus und öffnet und schließt dabei Augen und den Mund und röchelt ein wenig, vielleicht ist es die Übermüdung, vielleicht der Restalkohol, vielleicht bin es aber auch nur ich, plötzlich merke ich, wie ich dabei bin, in Tränen auszubrechen, Empathieüberflutung. Es wird nicht besser in der ersten Etage bei Robert Adams' Landschaftsfotografien aus dem immer noch fast nicht besiedelten amerikanischen Westen, karge Landschaften, containerhafte Häuser, die schon beim Einzug der Bewohner wieder am Kaputtgehen sind, die Pazifikküste, dahinter nichts mehr, wohin man go west könnte, harte wächserne Pflanzen, Obstbaumhaine, die einfach so in die Weite hineinwachsen. Du lebst ein falsches Leben! loopt es in mir, du lebst ein falsches Leben!, es ist moralisch gemeint, als ginge von den Silvergelatineprints ein moralischer Imperativ aus, Ethik der Abbildung, Transfiguration of the common place. Dass Aura durch die Reproduzierbarkeit verloren geht, habe ich Benjamin nie geglaubt. Seltsam übrigens, dass dieses Return-of-the-heroic-Malerpose, die jetzt überall abgefeiert wird, diese Aura nicht hat, Fuck-You-Regression, öde, born to be expressionistisches Kunsthandwerk. Vielleicht steckt das Auratische, Ethische in der Idee, im Gedanken, in der Konzeption, der modesten Abbildung dessen, was ist. Kunst als platonic platoon.
Im Flugzeug das Playboy-Bordexemplar gelesen. Die Pin-ups studiert und gedacht, wie verzweifelt das ist. Die Rüschenstrumpfbänder, die Spitzen, die airgebrushten Landestreifen, die Weichzeichner-Brüste, das big hair, die Mittelschicht-Boudoir-Bettwäsche, die pastellenen Vorhänge, die Geschrubbtheit, man meint, das KölnischWasser zu riechen, das in der Location versprüht worden ist. Was für ein Aufwand, damit so ein Playboy-Leser keinen Schiss mehr haben muss vor der Frau, in die er sich hineinträumen soll.
Abends sitzen M. und ich am Altonaer Balkon, schauen in die Elbe, wieder ein Paar, heruntergedimmte Gespräche, the good life.
kindheitsmüdigkeitserinnerungen auf dem weg zum flughafen: wie es sich anfühlte, morgens um fünf oder sechs auf die rückbank eines autos gepackt zu werden und acht, zehn stunden später am meer wieder aufzuwachen. wie es sich zwölf jahre lang anfühlte, jeden morgen um acht uhr wo sein zu müssen.
"aber ich habe mich davon nicht brechen lassen."
"ich bin journalist geworden, nur um nicht früh aufstehen zu müssen."
der leserbrief vergangene woche in der hamburger morgenpost, in dem jemand (meiner erinnerung nach "ein mann, was denn sonst?") seine wut über den einfall deponierte, die schulen erst um neun uhr morgens beginnen zu lassen: wir könnten es uns ja leisten, wir in deutschland. währenddessen aber steht der chinese noch früher auf und tunkt uns noch weiter ein, wir werden schon sehen, was wir davon haben, doch wenn wir es endlich sehen, ist es schon längst zu spät. [die globalisierung als gelegenheit, den inneren faschistischen cockerspaniel gegen den kuschelstaat loszuschicken, auf die verweichlichten leute, die immer noch nicht begriffen haben, was die stunde geschlagen hat. & jedes mal fällt mir an den wutleserbriefschreibern auf: zu welcher kaltbitternis sie sich sprachlich feinkalibrieren, "wir haben es ja", ihre lippenspannung davon, zusehen zu müssen, wie andere angeblich ihren spaß haben (wobei der spaß oft nur darin besteht, dass es ihnen immer noch nicht elend genug geht, um die bitternis des verweichlichungskontrolleurs in empathie umschlagen zu lassen). man kennt das noch aus der diskothek, dort gab es auch immer die zwei, drei verbitterten spaßbeobachter, die sich, jeder für sich, mit ihren chinin-gesichtern, am dancefloorrand postiert hatten und dabei zusahen, wie die auf dem dancefloor einander antanzten, einander an die körper gingen und in irgendwelche geschichten hineintrieben. "fast schien es einem, sie wären nur gekommen, um uns zu hassen." ["und wie wir, wenn wir sie überhaupt bemerkten, gleich ungehalten wurden, weil sie uns die stimmung verdarben, obwohl sie doch nichts anderes taten, als muffig da zu stehen."] & wie sie witterten, wir würden später [wenn sie schon wieder zu hause waren & ihre reden an die menschheit hielten, weil man den schauhass doch nicht länger als zwei, drei stunden durchhält] schönen casual sex miteinander haben, oder jedenfalls dachten, wir könnten später miteinander schönen casual sex oder etwas noch schöneres haben, denn es ist ja die möglichkeit, die den faschistischen cockerspaniel anschlagen lässt, nicht erst das eintreten der wirklichkeit]
[& jetzt erst, in meiner müden unkonzentriertheit, denn auch heute bin ich zu früh aufgestanden und habe ich zu wenig geschlafen, jetzt erst fällt mir auf, dass die kritik an der pop-literatur wahrscheinlich oft genug das ressentiment des verächtlich am dancefloorrand stehenden vergnügungs-musterers gewesen ist, dem nicht eingehen wollte, dass man mit einer schönen oberflächlichen casual literatur so gut durchkommen kann, während anderswo [& früher, in den heroischen epochen] die autoren gründlich schaffen müssen, & gleich hat der popliteraturkritiker noch einen leserbrief gegen kracht geschrieben und dessen uncodiertes vergnügen verachtet. vielleicht sind die zeitungen nur dazu da, damit journalisten ihre leserbriefe abgedruckt bekommen.]
jedenfalls saßen wir punkt 6:30 im flugzeug nach wien, einfach so, weil sie sich zum geburtstag gewunschen hatte, wieder einmal josef hader zu sehen, nachdem ihr ein josefhadersatz eingefallen war, kein besonders guter satz, wenn man mich fragt, aber da hatte ich schon die flugtickets und das hotel bestellt und versucht, haderkarten zu bekommen, was nach einer woche auch funktionierte, weil anko so nett war, für uns einen anruf zu tätigen, danke anko,
[& man kann so einen satz gar nicht mehr hinschreiben, weil in einem sofort eine danke-anke-endlosschleife in heavy rotation zu rotieren beginnt und einen noch mürber macht, "dass sie es immer wieder schaffen, einen mit ihren blöden sätzen zu penetrieren, die man ein ganzes leben lang nicht mehr loswerden wird", & jetzt stell dir vor, dann bist du 70 und hast einen kurzzeitgedächtnisschaden, aber das langzeitgedächtnis funktioniert immer noch prächtig, und du quälst deine drittweltpflegerin damit, dass du jedesmal, wenn sie dir deinen hintern abwischt, danke anke brüllst, und sie geht nach hause nach ihrer alzheimerpatientenhinternabwischschicht und will alles vergessen, & an diesem abend ganz besonders, weil sie ihre freundin sechs wochen lang nicht gesehen hat und einen schönen abend mit ihr verbringen will, aber gerade als ihre freundin ihr den hüftknochen streichelt, wird ihr körper ein granitmassiv statt ein nervengeflecht und ihrem kopf ist eine ewige danke-anke-echoendlosschleife losgegangen & in sich hat sie das bild dieses alzheimerpatienten, der seine körperfunktionen nicht mehr unter kontrolle hat und jedesmal, wenn sie sich um ihn kümmert, und wie mürbe es sie macht, sich jedesmal um ihn kümmern zu müssen, danke anke brüllt (und dieser danke anke brüllende patient bin einmal ich gewesen, ein junger aufstrebender weblogautor), & sie wird starr und stein und bemerkt, so sartre-nausée-mäßig, wie klebrig die existenz ist, und ihre freundin merkt es jetzt auch und es ist vielleicht immer schon ein problem zwischen den beiden gewesen, dass die eine sich nie so hat gehen und fallen und einlassen können, wie sie es nach den vorstellungen der anderen hätte tun sollen, aber nach sechs wochen trennung, in denen die freundin am meer gewesen ist und alles ganz schaumkronenleicht gewesen ist, so dass sie sich wieder freuen konnte auf sie und neuen mut geschöpft hat, war das eine steinstarre zu viel, und dieser riss, den es schon gab zwischen den beiden, ist nun endgültig durchgerissen, und das ist dann gewesen mit dem reconnaissance fuck nach sechs wochen,
& wie mürbe so eine vorstellung macht, weil du weißt ja, wie leicht alles, was du dir ausdenkst, eine wirklichkeit werden kann, das ist auch so eine ekelkonstante, dass jede fantasie sich über kurz oder lang fangzähne wachsen lässt und sich eines tages in irgendeiner gurgel verbeißt, wirst schon sehen, eines tages wirst du schon noch sehen,]
sonntags um acht waren wir in wien, und das erste gespräch, das wir dort nicht untereinander geführt haben, war mit diesem deutschen ehepaar, das von uns wissen wollte, wo man denn die tickets für den flughafen-zu-und-wegbringer-zug entwerten müsse, & ich wusste es auch nicht & sagte, es würde schon jemand kommen und falls nicht, wäre es ja auch egal, aber das beruhigte sie kein bisschen, sonntag morgens um acht in einem fremden habitat unentwertet durch die gegend zu fahren & weißt nicht, wie die ordnung geht, & wurden nervös, als würden sie übel bestraft werden & redeten untereinander geschlagene zehn minuten lang, während der zug schon anfuhr, was sie denn nun tun sollten, bis endlich die schaffnerin kam & ihre tickets ansah & sie darauf aufmerksam machte, dass sie im falschen zug saßen & ich gleich wieder dachte, dass mich das wirklich nicht überraschte, zuerst nervös wie sonstwas wegen ihrer tickets, aber dann schnurstracks in den falschen zug steigen. mein eigener ekeliger hochmut gleich wieder, aber gut, ich war ja müde, 4:30 aufgestanden, um eine stunde vor dem abflug anwesend zu sein & all die nächte zuvor auch kaum etwas geschlafen wegen meiner entzündung & meiner schwellung, "groß wie hessen", die an diesem tag glücklicherweise nur noch groß wie das saarland war. manchmal ist man regelrecht dankbar für so etwas wie die erfindung des penicillins, & wie bescheuert ist das denn: für eine episode aus der geschichte der pharmakologie dankbar zu sein, wahrscheinlich geht patriotismus genauso, du wirst in deiner kindheit mit pumpernickel gefüttert oder mit mannerschnitten, und wenn dir ein vierteljahrhundert später ein pumpernickelgeschmack unterkommt oder eine altrosa mannerschnittenpackung, denkst du vollautomatisch: ah! deutschland! oder ah! österreich! [dieses genre der heimatgefühlumfragen, bei denen die befragten kulturschaffenden immerzu erzählen, dass sie weltbürger sind, aber diese warmen gefühle, wenn ihnen mitten in brooklyn oder in der wüste gobi irgendwelche heimatlichen madeleines unterkommen]
& kurz nach zehn, nachdem wir unsere taschen in der beletage hollmann deponiert hatten, saßen wir endlich im prückel & bestellten das erweiterte frühstück, am nebentisch eine frau, die sonntags um halb zehn schon einen eisbecher verdrückte & vor jedem löffel "wie dankbar" in den eisbecher hineinschaute, als würde das eis sie von innen verwöhnen, das hasswort nummer eins in meiner hasswortkompilationsliste, & gegenüber saß ein korpulenter herr und las le monde & gleich dachte ich wieder, das ist ja ein tolles foto und nahm meine kamera und fotografierte ihn, & das ist auch so etwas ekeliges, dass man fotos macht, von denen man sich einbildet, sie hätten irgendetwas lustiges, auch wenn man auf den fotos nur einen dicken mann sieht, der eine zeitung liest, beim fotografieren fällt man sich noch weniger als sonst in den arm, jedenfalls ich nicht, & du kannst immer noch sagen: so ein tolles licht & so eine tolle komposition & so ein toller kontrast & so eine tolle typik, weil weißt eh: wien und kaffeehaus und korpulenz und zeitungsleserversunkenheit & so ein wenig altmodisches möbiliar & so eine ganz bestimmte zauberhafte stimmung & dann war da noch diese achtköpfige familie, die sich für ihr prückel-sonntagsfrühstück regegelrecht aufgemascherlt hatte, die töchter in gestärkte sommerkleider gesteckt und die frauen trugen perlen, erste bezirk-bourgeoisie, dachte ich gleich ganz warm, als der warme singsang herüberwehte, & wie hast du das gerade genannt, fragte sie & aufgemascherlt sagte ich, habe ich das denn noch nie in deiner gegenwart verwendet & sie sagte, nein & wie immer gleich wörter zurückkommen, wenn ich in wien bin und wie ich sie schon genau in der sekunde, in der sie zurückgekommen sind, retrospektiv vermisse und mich ein paar augenblicke lang frage, wie ich es überhaupt ohne ein wort wie aufmascherln aushalten habe können, my own private mannerschnitten, wie dumm von mir & wie wir dann sprachen, ob das wort aufbrezeln daher käme, dass das dekolletee einer aufgebrezelten frau von vorne oben gesehen angesehen brezelförmig sei oder ob aufbrezeln abstrakter und eine anspielung auf das ornamentale sei & an einem anderen tisch das sonntagsmorgenliebespaar & wie ihr gesicht leuchtete & wie sie alle zwei, drei minuten sein gesicht berührte (seines sah ich ja nicht, er saß mit dem rücken zu mir) & ihre handbewegungen & wie ich beim hinschauen gleich ein wenig sauer auf ihn geworden bin, völlig überzeugt davon, dass er ihrer nicht würdig wäre, einer frau, deren gesicht so sehr leuchtete
& im mumok grandioserweise [wir hatten uns ja nicht vorbereitet, lass uns einfach im falter nachsehen, was läuft] eine john baldessari-retrospektive, mein seltsamer und seltsamerweise immer größer ("verzweifelter") werdende hunger nach kunst (wie in "bildender kunst") (& gleich disclaimerhaft darauf erpicht, hier festzustellen, dass dieser hunger schon nagte, lange ehe die bildende kunst das neue hippe heiße ding für die illies-baby-boomer-leute geworden ist, die das eben jetzt brauchen, weil ihnen nacheinander der pop und die klamotten und die möbel langweilig geworden sind, es ist ein elendes baby-boomer-leben, irgendwann hat man alle platten und ist zu alt für das klamottengestenze und die wohnung ist schon eingerichtet, also verlegt man sich auf die kunst, aber etwas wie monopol ist dann auch nur ein baby-boomer-leben-verlängerungsinstrument mit albernen wichtigkeitslisten und albernen moritz-von-uslar-wir-lassen-es-krachen-petitessen und sammler-porträts und diesem ganzen immergleichdreck, & saatchi&saatchi-kunst). baldessari dagegen, wie immer, wenn mich etwas anspricht, etwas vernünftiges & helles & nüchternes & seine eigenen bedingungen aufschlüsselndes, & ohnehin habe ich dieses billige witzeln gegen das konzeptuelle nie verstanden, alles andere kannst du noch viel leichter bekommen, diese billige minimalistenerhabenheit beispielsweise und diesen billigen vitalistischen macker-expressionismus, aber wenn baldessari vor einer kamera auf und abgeht und manchmal aus dem kader hinaus und dann wieder halb hineingeht in den kader und dabei die ganze zeit i make art loopt, fast hospitalistisch, the joy of repetion, dann möchte ich auf der stelle vor dankbarkeit und begeisterung losschreien [ein downer, diese formulierung, das weiß ich schon selbst, aber vielleicht ist es, denke ich, eine kleinmütigkeit, die begeisterung über das einrasten von kognition von seinem körper anders behandeln zu lassen als einen freistoß in die linke obere kreuzecke]
& danach ein wenig lustige kleinkunst in den seitentrakten des museumsquartiers, autorennbahnen und autorennbahndisclaimer, & ein wenig tafelspitz mit kernöl & auf dem rückweg in die beletage hollmann noch ein zanoni-eis & endlich im bett gelegen & in diesem seitenblicke-magazin gelesen, was für ein mist, come on, gimme a break
& abends im palmenhaus & wie sie mich in wien jedes mal behandelt, als würde die stadt mir höchstpersönlich gehören und ich sie gewissermaßen durch immer noch ein zimmer meiner wohnung führen, als könnte ich etwas dafür & redet von ihrem namenlosen entzücken, wenn sie mir dabei zusieht, wie ich in wien bin, als ob ich in wien tatsächlich anders wäre, & tatsächlich sagt sie: "bist du ja auch"
& danach ins kino, kung fu hustle, & hinterher noch wein am naschmarkt. "namenloses entzücken". paartum: wie gerne ich das noch verstehen würde.
& montags bei sterngasse 4 & im adidas store [der letzte schuh von muhamad ali, ehe er ins gefängnis musste] & helmut lang & im steffl-basement & was für eine schande, dass in einem halben jahr es dann gewesen sein wird mit helmut lang [& die schau, die ich damals in paris gesehen habe mit elfie semotan & all den anderen aus seinem tribe & wie man das immer sofort merkt, wenn jemand klamotten macht für, ich weiß ja auch nicht, tomboys & nüchtern intelligente menschen & wie es sofort immer nicht gestimmt hat, wenn irgendsoeine dumpfbacke helmut-lang-sachen getragen hat, weil sie gelesen hatte, dass man das jetzt tut oder weil sie die ellbogenschlitze sexy fand, als ob es darum gegangen wäre] & auf dem weg zum museumsquartier, wo wir meinen bruder trafen, an einem plakat mit cordula reyer vorbeigegangen, and still, after all these years & nach dem essen mit meinem bruder zu park in der mondscheingasse, & wie groß war das denn, fast alle edgy fashion designer in einem einzigen laden gesammelt, sehr idiosynkratisch & wie jedesmal, wenn ich den raf simons-schmuck sehe, ein paar minuten darüber nachgedacht, ob ich mir nicht doch so einen punkismus leisten sollte & es wie jedes mal dann doch gelassen
& abends bei hader, seltsames stück, das er da aufführte, so outriert plötzlich & sie sagte: "ich hasse es, wenn einer eine frau spielen will und seine stimme so hochquetscht" & zwischendurch als er dann aber mit dieser ganz schäbigen fistelstimme ein mozart-lied sang in einer russennuttenrolle, ging es dann doch wieder [& sowieso meine seltsame rührung, wenn eine männerkörpermasse mit hoher stimme lieder singt, die bierbichler-rührung], & warum er diesmal die ganze zeit so schreien muss & dieses sich nach wiedererkennbarkeiten strecken wollen plötzlich, der blöde falco-part & das sind natürlich nur petitessen, denn es ist ja immer noch hader gewesen & dann wieder diese hadersätze: das leben besteht aus lauter katastrophen und dazwischen is fad &
& wie wir noch ein fluchtachterl getrunken haben im garten des hotel rivera & der kellner erzählte, dass seine kollegin sich so verliebt hätte & die kellnerin nicht protestierte, sondern ja sagte, zu uns fremden, und ich ihr beim gehen noch viel glück wünschte und sie danke, das werd ich brauchen sagte & wie jedesmal ihre wienabschiedstraurigkeit auf dem weg ins hotel & wann müssen wir raus & den wecker schon wieder auf sechs
& meine tochter, die gestern 17 geworden ist und sagte, ich geh dann von der party gleich in die schule
& heute immer noch diese müdigkeit zu wenig schlaf immer noch. aber jetzt. blöder schluss, suppt einfach so weg
& das glaubt mir auch keiner, aber ich bin jung gewesen in einer epoche, in der einem die unbekanntesten und entferntesten reisbauern & fabrikarbeiterinnen schwestern & brüder sein konnten & man liebte sie sogar & in meiner erinnerung bilde ich mir ein, man liebte sie tatsächlich & arglos & wie man eben lieben soll: einfach so & wenn man etwas las über sie & wenn man fotos sah von ihnen, dachte man: schwester! bruder!
seltsam schäbige welt, die sich das nehmen ließ
we met when we were almost young.
Im Outplacement-Seminar gewesen, emotionale Mobilmachung für den Arbeitsmarkt. Seltsam: Ein Psychologe wird von dem Laden, der uns nicht mehr benötigt, dafür bezahlt, uns die Selbstsuggestion anzutrainieren, wir wären so vielschichtig, grandios und toll, dass kein Laden je auf die Idee verfiele, uns nicht mehr zu benötigen.
Übung: Zeichne deine Lebenslinie, von deiner Geburt bis jetzt. Die Krisen, die Aufschwünge, die Tief- und die Hochplateaus. Denk nach: Wie hast du es geschafft, die Täler wieder zu verlassen, welche Talente hast du in dir gefunden, welche Lehrer, welche Ratgeber haben dir geholfen, was hat dich befähigt, nicht unterzugehen?
"Macht es etwas, wenn es bei mir immerzu nur nach oben geht?" - "Nein, das macht gar nichts."
Kairos und Charisma.
"Da sind wir jahrelang achtlos aneinander vorbeigeschlurft, und jetzt, da alles vorbei ist, erfahre ich, dass du eine Geschichte hast."
Wie erstaunlich es ist, sich, einander das Leben nicht mehr in Anekdoten, sondern als eine einzige Geschichte zu erzählen. Versuchen Sie das mal. Wie ergriffen das macht. (Und, selbstverständlich, mein Wissen, dass ich das auch umgekehrt hätte anlegen können: als Untergangsgeschichte, für jeden einzelnen von uns; "sonst säßen wir ja wohl nicht hier"; "als Journalist kenne ich jeden verdammten Trick".) Immer wieder der Buch-Respekt: "Ich habe bemerkt, mein Leben könnte ein Buch sein…" - als ob es besser dran wäre, geheilt, wäre es Buch statt Leben.
Berufe, die sich nach dreieinhalb Tagen Kenntnis Leute für mich ausgedacht haben, was könnte Peter machen, und denkt daran, beim Brainstorming wird nichts gestrichen: Priester. Kultusminister. Stefan Raab. Theaterintendant, Fremdenführer, Sportreporter.
"Ich hätte aber so gerne, dass die Konjunktive endlich weniger werden."
Die sechs, sieben, acht entscheidenden Ereignisse. "Obwohl wir alles richtig gemacht hatten, gerieten wir plötzlich in Seenot." - "Am selben Tag machte ich einen Schwangerschaftstest, und, was soll ich sagen, das Ergebnis war positiv." - "Wir haben uns jeden Nachmittag zum Quarkessen getroffen und dabei über das Leben und unsere Gefühle gesprochen."
midlife wasteland.
[having fun with the who on a gymbike]
1
dieses wochenende glücklich verdämmert mit chinesischem neolithikum, beschreibung [] eleganter schwarzer keramiken, im löss wiedergefunden, ein paar tausend zeilen später, dynastien um dynastien, im zweiten und dritten jahrhundert (unserer zeitrechnung) vor dem nullpunkt (unserem nullpunkt): aufblühen der sekten, schulen, klientelen, arbeitslos gewordener niederer adel auf der suche nach einer beschäftigung als consultants (diplomatie, wellness, kriegsführung, geheimtricks fürs charisma). die alternative: der rückzug von den höfen der welt (nach dem zusammenbruch der anciennes régimes), den tanz und das spiel der tiere imitieren [] statt politik, ökonomie, weltlichkeit. ich glaube, sagte ich zu m., die, weiße straffmaske auf dem gesicht, im badewannenschaum trieb, der daoismus könnte mich interessieren, imitation der tiere, gymnastik, skepsis dem diskursiven gegenüber. sie zog sich an, ich kochte ihr heiligen scheiss, das glück, ihr doufu beigebracht zu haben nach all den jahren, wir sahen dem mathematiker nash dabei zu, wie er im pentagon mit zahlen tanzte, erregte musik, je me suis couché de bonne heure, lange ehe es beim mathematiker nash menschelnd wurde
2
nachmittags hatte ich auf dem gymrad musil gehört die lesung, die günter empfohlen hatte [*] die neue welt, die musil beschrieben hatte, als wäre sie schon bei geburt todmüde gewesen es ist gut, sagte ich zu m., auf dem gymrad musil zu hören, man kommt dabei nicht in gefahr, sich kaputtzuschinden, man will die perioden mitbekommen, musil, sagte ich zu m., ist für die grundausdauer besser als sagen wir james brown. mein held, sagte sie, ich bin froh, dass du es geschafft hast. ja, sagte ich, in den schaum hinein, in dem sie trieb, ich auch, sagte ich & hatte doch ein schlechtes gewissen, musil gehört zu haben, während ich einen imaginären berg hochtrat, die stelle, an der ulrich in seinem durch die geschichte verdorbenen palais am fenster steht und zu berechnen versucht, ob der moderne mensch zum nichtstun mehr kraft aufbringen muss als atlas, wenn er die welt stemmt, & später, höher im imaginären berg, fast schon auf seinem gipfel, während ulrich, gerade zusammengeschlagen, in einer kutsche seine retterin erröten lässt, indem er (mag sein, er hat eine gehirnerschütterung) das boxen mit der liebe vergleicht, erwischte ich mich dabei, darüber nachzudenken, ob die frau auf dem seitbeugengestell unter ihren sweatpants noch etwas trug oder nicht. eher: nicht. als ob: es wichtig gewesen wäre, die vollautomatischen körper-scans, aber: wer weiß?, trat wieder in die pedale den gipfel hoch, moderner mensch, noch anderthalb minuten ins kakanien-kapitel hinein, moosbrugger schaffte ich nicht mehr.
3
davor hatte ich mir die haare schneiden lassen, 12 millimeter maschine, wie immer, & wenn wie immer am montag danach die leute fragen ob ich beim friseur gewesen wäre, obwohl sie es sehen können, kann ich es eigentlich gleich selbst sagen, in dieses weblog hinein, damit jeder es weiß [& wie ich ihn vermissen werde, den watercooler talk mit diesen leuten, jeder tag jetzt ein gig in der abschiedstournee] hallo welt! ich habe mir die haare schneiden lassen!
4
danach hatte ich in mian mian [*] weitergelesen in einem dieser coffeeshops, die längst zu wartezimmern des niederen adels geworden sind, schulen, sekten, klientelen & gespräche über restrukturierung & den rest des lebens, am nebentisch zwei moderne menschen, die über den darius-fight redeten und die erstaunlichen diskrepanzen in den zählungen der punktrichter, holte mir noch einen kaffee, ehe ich in mian mian weiterlas, kein buch, das man lesen muss, dachte ich, aber ich war dennoch einigermaßen gerührt, überall, dachte ich, wenn die welt zu ein wenig reichtum & nachtleben kommt, beginnen junge menschen drogen zu nehmen & kaputtzugehen & junge schriftstellerinnen texte zu schreiben über junge menschen, die an drogen kaputtgehen & die bücher junger schriftstellerinnen die über junge kaputt gegangene menschen geschrieben haben, als authentischer underground gepriesen zu werden, du in mir, ich in dir, die stunde, in der wir einander erkannten
5
wenn es die schrift nicht gäbe wäre das weg jetzt alles weg & na und dann wäre es eben weg
6
aber da es die schrift gibt kann es jetzt jeder lesen nur einen mausklick entfernt!
7
wieder nachgedacht über die überschrift in der süddeutschen letzte woche, dass weblogs die große bühne der einsamen wären & noch einmal nachgelesen im artikel, der so hieß, ob da wirklich nirgendwo die rede gewesen ist über die einsamkeit, aber wieder nichts gefunden & dabei wäre es doch das interessante gewesen: über einsamkeit und weblogs nachzudenken, im vergleich zu, sagen wir: einsamkeit und journalismus; einsamkeit und keine weblogs; einsamkeit, ehe es weblogs gab, und: was daran falsch sein könnte, dass einsame eine bühne haben, und: warum das wort einsamkeit, wenn es in zusammenhang mit dem internet vorkommt, meistens eine beleidigung, eine verachtung, ein mitleid ist & damit alles gesagt. [die vermutung: nicht einmal begonnen damit, irgendetwas zu sagen.]
8
der journalist der seinen lesern mitteilt dass weblogger ihren lesern mitteilen dass sie sich die haare schneiden lassen kaffee trinken beschreibungen der keramiken im chinesischen neolithikum lesen. der weblogger der seinen lesern mitteilt dass journalisten ihren lesern mitteilen dass weblogger ihren lesern mitteilen dass sie sich
&tc.
9
beijing bicycle gesehen: welt, in der menschen beinahe wegen eines fahrrades einander umbringen, ursprüngliche akkumulation, na toll.
10
me, the 50-quid-guy. telling his weblog how he spent his weekend.
11
dass einem journalisten nie verdächtig sein darf, warum er schreibt, was er schreibt. es sei denn, auf der medienseite.
12
das schönste wort dieses wochenendes stand auf einem nana-mouskouri-plakat:
the night they drove old elektro schmidt old schöneberger old subito old stattwerkstatt old nuttenthai old s-bar old badcafé old general guglhupf down
12 monate, 25 bilder, 25 title-tags.
Nachmittags: Das Haar mit deinen bürsten (schönste Dinge der Welt), auffliegende Vögel (ihnen nach! ihnen nach! stalk an animal today!)
Abends: Muss dich drücken, sagt sie, ich lese dich doch schon so lange. Danach (Körper an Körper) Zergliederung der Zeit, am Tag danach werde ich mir einbilden, die Erzählungen wären im Uhrzeigersinn gesprungen. Man müsste so etwas immerzu dokumentieren. Das Archiv ist das wahre Leben, wie er sagt. (Archiv: "An Everlasting Club was so called 'because its hundred members divided the twenty four hours of day and night among themselves in such a manner that a club was always sitting, no person presuming to rise until he was relieved by his appointed successor'."). Stationen: Dinge, die dich ansprechen können, aus ihrer opaken Dingwelt heraus; gehend Sätze in die Stadt hineinschreiben, ah! GPS; die Baumzeitschrift (Baumkletterer-Szene!); ein Tablett, das auf den Boden scheppert; die Diskretion von AbiturientInnen, ein viertel, halbes Leben danach: einander nicht mit Scheidungen, Konkursen, Tumoren überziehend, eine Sache der Höflichkeit; frühe Jahre vor den Rundfunk- und Fernsehgeräten (Kurt Cobain, John Lennon, Elvis Presley, Challenger, Jochen Rindt etcetera); frühe Jahre im Staatsdienst; frühe Jahre in der Publizistik (jähe Erinnerung an einen jüngst im DLF gelobten Dichter, der damals lange Traktate darüber schrieb, dass Adolf Hitlers numerologische Summe 666 ergäbe, vorausgesetzt, man schriebe Adolf mit ph); Flämingskate ("alle 20 Kilometer ein Schnitzel"); ein Berufsschullehrer ("ein Berufsschullehrer also, aha.."); Anstemmen gegen den körperlichen Verfall; etc etc.. Dazwischen Vermisstengedenken (blackandwhiteandblue) & things like that. Irgendwann gegen zwei Aufbruch, den Everlasting Club zurücklassend, schon trunken, immer noch genau.
Auf dem Foto im Hotelzimmer steht das World Trade Center noch.
Anderntags: Tour de Trance, ein Café mit Kleiderhaken an der Theke, Kaffee, Zigaretten. Tiere & Heilige: beide kürzere Wege zum Göttlichen. Erzählung von einem Pferd, das sich aus der Herde löste, um sie anzusehen: erkannt. Erzählung vom Sechstagerennen, Kreise ziehen in der Dunkelheit. Mit dem Rauchen aufhören, Villa Aurora, Polnisch lernen. Ping Pong d'Amour (später Ping vs. Pong), Love Project, die Schönheit des Polnischen, der Regen im Slowenischen, we don't care, we are poets, Verzückte Distanzen, gleich in der S-Bahn gelesen. Interlinearübertragungen.
Nachmittags: Sophie Calle. Das Verblassen der Erinnerungen, grau in grau, Raum der Schmerzen, Fake-Hochzeiten, Überwachungen en gros & en détail. Kein anderer Künstler weckt in mir so viel Bedürfnis auf, alles kaputtmachen. Bei dir auch? .- Ja, klar.
Abends: Curry, White Trash Fast Food.
Auf dem Foto im Hotelzimmer steht das World Trade Center noch.
Anderntags: A. & A.. A. erzählt von ihrem Besuch bei Sophie Calle in Paris, draußen im banlieu, in der Nachbarschaft Boltanskis. In der Küche Grabplatten von einem Urnenfriedhof. In der ganzen Wohnung ausgestopfte Tiere, dazwischen eine einzige lebendige Katze. Danach: Spaziergang im Hansaviertel. Auf der Wiese ein Haus, von Oscar Niemeyer erbaut. Nachts, erzählen A. & A., schwebt es zwei Meter über dem Boden.
[life caching, münchen, 25./26.11.]
hin und her fliegen in der welt, alles aufschreiben.
das kleine schwarze buch:
wann wer wie warum. wow!
müde ohne besonderen grund, der körper lebt sein eigenes leben. seltsame vorstellung übrigens, dass der körper "einem etwas sagen will".
[manchmal jetzt das erstaunen über meine radfahrerbeine. wie sie tarantula tanzen, meter unter mir, wie sie das hamsterrad mögen. self-induced fordism.]
im flugzeug jean rhys, voyage in the dark.
(die müdigkeit, mit der rio reiser gimme shelter singt. er weiß schon, dass er nicht mehr erhört werden wird.)
der dicke junge vor mir auf der rolltreppe trägt einen eastpack-rucksack, auf den er FUCK OF geschrieben hat. so geht das nicht, sagt etwas in mir, du musst ihm sagen, dass das mit zwei f geschrieben werden muss. natürlich sage ich es ihm doch nicht, wieder eine gute tat verpeilt, voyage in the dark.
die alten städte in der dämmerung, absätze über kopfsteinpflaster, wörterwehen, verabredungsaufregung. prompt wieder der wunsch, in münchen zu leben. eine stadt muss um einen sein wie ein etui.
[beim übertragen der notizen aus dem kleinen schwarzen buch gedacht, von wie viel biografie man noch in den nebensächlichsten empfindungen wie alte städte gleich wieder umstellt wird; privilegierten-sensibilität; musst nicht nur viel herumgekommen sein, sondern auch die ideologie ausgebildet haben können, dass eine stadt organisch sein muss, eine spiegelung einer bestimmten abgerundeten gelungenen person, das wohnzimmerhafte, das man dabei immer voraussetzt, man geht so hübsch zwischen bücherregalen, kühlschränken, lichtschaltern, vorhängen herum, setzt sich auf ein sofa, an einen schreibtisch und es ist immer nur ein flanierfluss, impulshaft, keinen anderen imperativen folgend als den eigenen launen; diese privilegierten-ideologie auch, man hätte auf so etwas ein recht, nicht bloß zu hause im privatimen, sondern auch im öffentlichen, in der stadt; und wie persönlich beleidigt man sich fühlen kann, wenn städte anders sind als jene, auf die der körper - der ins somatische verwobene eigene irrsinn - ein recht zu haben meint: "in los angeles kann ich nicht gehen", "hamburg ist mir zu weit", "ich kann doch nicht in einer stadt unter einer million menschen leben".- das anmaßende des eigenen sensoriums in all dem: beschämend albern.]
am nebentisch in der bar centrale sitzen zwei unsagbar schöne junge frauen, sich selbst und einander genießend, die zigaretten tanzen mit ihren handbewegungen mit. das glück der und dann-sätze (… und dann hab ich und dann hat er und dann hab ich und dann und dann …)
[das & und was ist dein lieblingszeichen?]
[was bedeutet es, dass einer "die frauen mag"?]
[dieses weblog müsste endlich delirischer werden.]
rem koolhaas im audimax der lmu [hier als quicktime-film]
"the void is taking the place of the centre"
seit es computer gibt, kann jeder ein architekt sein und sich mit photoshop eine welt zusammenrühren, in der alles vorkommt, was er gerne hat: golfplatz, bäume, schwimmbecken.
"casualness of assembly"
photoshop: the medium that cancels the world. (kann aber auch sein, dass er nicht cancel, sondern etwas ganz anderes gesagt hat, ich kann die handschrift in meinem kleinen schwarzen buch nicht mehr lesen)
der prada shop in los angeles: "gesture of nothingness". "it is impossible to escape. even if you declare what you made is just the emeperor's new clothes".
die niederländische botschaft in berlin: "kind of passive". "almost non-existent". "designed to observe Germany".
das amo-projekt: "the act of non interfering"
danach ein empfang, schöne gespräche.
"und was machen Sie so?" "ich katalogisiere mittelalterliche handschriften. und Sie?" "ich schreibe ein weblog"
am nächsten morgen auf dem weg zur ubahn-haltestelle: ein mann steht auf der müllerstraße, ruft zu einer frau, die im vierten stock aus einem fenster schaut, hoch: "ich liebe dich!" die frau: "mehr! mehr!"
IV.
Beeindruckend an Robert Frank: wie ungeheuer produktiv er war (und immer noch ist). Für The Americans 28.000 Fotos, von denen nur 83 im Buch landen, der Rest: Kontaktbögen (von denen einige in der Tate zu sehen sind), eine gigantische Halde von Kontaktbögen. Es ist, als könnte er nur durch eine Kamera sehen, als würde er durch Kameras ein- und ausatmen.
Wie sehr das Künstlerische zur organischen Sprache werden kann, den Begriff des Künstlerischen damit schleifend. Wie sehr die Äußerungen über die Werke Auskünfte über das Handwerkliche oder die Umstände sind: das habe ich so und so, dann und dann gemacht. Anekdotisch, chronologisierend; eher so, wie man über ein Leben, eher nicht so, wie man über ein Werk redet. Das Streunerhafte an solch einem Werk, völlig entäußert an das Fahren, Fahren, Fahren - und vielleicht gerade dadurch auch so bewegend innerlich, ganz bei der Autorenperson statt bei den Dingen; die Bewegung zwischen den Dingen statt die Dinge ("man sieht aber nur die Dinge"; "ceçi ne pas un Americain").
[Gleich die Verbindung zu Dylan geschlagen, dessen Autobiografie ich in der Woche zuvor gelesen hatte. Auch da diese fast beängstigenden Ausstöße. Jeder Tag ein Song, jede Nacht ein Konzert, dazwischen diese Sessions mit jedem, der seinen Weg kreuzt. Das lange, mäandernde, penibel erzählende Kapitel über die Aufnahmen der ersten von Lanois produzierten und für Dylan gescheiterten Platte, reines Handwerkerprotokoll: dann haben wir versucht, meine Gitarre rauszufiltern, dann haben wir sie wieder reingemacht, dann waren die Drums im Weg, dann bin ich rausgegangen, dann habe ich nachts Radio gehört, ein paar Dutzend Seiten lang.]
Angenehme Haltung, ganz und gar nicht experimentell (experimentelle Künstler sind immer schlecht), nicht suchend, sondern findend, eher etwas Mimetisches, den Regeln von Verliebtheit folgend, Flows dem Material entlang. Auch: das ständige Remixen bei Dylan und Frank, "die Serie", "das Set", "die Version", "die Tournee".
[Diese Sind-Weblogs-Popliteratur?-Platitüden da und dort jetzt, irgendwo zwischen Wirtshausschlägerei ohne Wirtshaus, Brand Manager-Geschwalle, Sortierdrang, Ich-mach-auch-Kunst-Willen: erinnert doch ein wenig an die Demarkationskämpfe zwischen der Enver Hoxha- und der Hua Guo Feng-Fraktion im Kommunistischen Bund. Und niemand wird klüger, schöner, besser davon. Und die Welt wird nicht klüger, schöner, besser davon. Territoriums-Mist.]
V.
Im Tate-Shop außer dem Robert-Frank-Katalog (bestens gedruckt, highly recommended) und seinem Thank You-Band (eine Sammlung von Postkarten an Robert Frank, very moving, highly recommended) noch zwei Bücher gekauft. Emma Kay: Worldview (London: Book Works, 1999) und Sophie Calle: Exquisite Pain (London: Thames & Hudson, 2004, davor Paris 2003).
Emma Kay, von der ich zuvor nie etwas gehört hatte, unternimmt in Worldview den Versuch, ohne Zuhilfenahme von Nachschlagewerken, nur aus der Erinnerung, eine Geschichte der Welt zu schreiben, von der Entstehung des Universums bis zur Jahrtausendwende ("But for a large part of the world's population the millenium had no relevance, although it was difficult to ignore. Many religions followed a different calendar. The year 2000 AD simply marked 2000 years after the birth of Christ, which made it a Christian celebration"). Sehr faszinierend: denn natürlich ist so eine Geschichte lückenhaft, fehlerhaft, "verzerrt"; wie jede, aber diesmal eben eingestandermaßen. Gleich den Wunsch gehabt, das auch zu machen, meine Weltgeschichte schreiben. Oder ein Weblog zu gründen, in dem alle möglichen Menschen ihre Weltgeschichten deponieren. Hat man aber eh nie die Zeit für.
Exquisite Pain, Geschenk für M., von der schon immer innig verehrten Sophie Calle: noch eine persönliche Geschichtsschreibung. Sophie Calle verliebt sich in einen Mann, muss aber eine dreimonatige Reise nach Japan antreten, um ein Stipendium nicht verfallen zu lassen, drei Monate lang Sehnsucht, das Unglück, getrennt zu sein, man verabredet sich in einem Hotel in New Delhi, als sie dort eingetroffen ist, übergibt man ihr einen Brief, in dem steht, er würde nicht nach Delhi kommen, als Ausrede ein Unfall, der sich später, in Paris, als lächerliche Bagatelle herausstellt. Irgendwann in ihrem Unglück beginnt Calle jeden, der ihr unterkommt, nach seinem eigenen unglücklichsten Augenblick im Leben zu befragen. Das Buch ist die Erzählung ihrer eigenen Liebeskatastrophe und die Sammlung der Katastrophen anderer Menschen. Wie immer bei Sophie Calle: like a corkscrew in your heart. Beschlossen, die Retrospektive in Berlin einmal nicht zu verpassen. Ohnehin in London wieder einmal festgestellt, wie therapeutisch Kunst, Bilder, Visuelles für mich geworden ist. Keine Ahnung, wann das begonnen hat; man bemerkt das ja immer erst hinterher. Diese körperliche Aufgeregtheit vor manchen Bildern seit ein, zwei Jahren, das Im-Museum-Tanzen-Wollen vor Bildern, dem Pinselstrich, dem Licht hinterher, die Flächenklumpen-Spiegelungen im Wahrnehmungsgeflecht. Wie das Innerlich-Mitsingen bei Texten oder das Gedicht-Dirigieren. Talking in tongues, looking in tongues.
VI.
Über die Millenium Bridge in die City hinein, am Firefighter-Denkmal inne gehalten, den Blitz verflucht, mit den Tränen gekämpft. Das Blumen-Hinlegen, Jahr um Jahr, in die Stadt hinein, dass man immer zwischen Gräbern hin- und hergehen muss.
Ich mach mich jetzt auf den Weg, sagte das Handy. Fahr vorsichtig, sagte ich, komm schnell.
[to be continued]
I.
Der Flughafen draußen auf den Äckern vor Lübeck.
Das passt schon, dachte ich. Leuchtende Nicht-Orte in immer weiteren Schleifen rund um die Städte gelegt.
Erstaunlich, wie der Kapitalismus und die Wirklichkeit Ende 2004 wieder zusammenpassten. Wir hatten kein Geld, aber wir hatten Zeit. Also konnten wir 75 Kilometer fahren, um irgendwohin abzufliegen, wo es besser war, ein paar Tage lang.
"Vorstudien zu einer politischen Ökonomie des Wartens."
Auf der Fahrt im Shuttlebus gleich warme Gemeinschaftsgefühle, auch das müsste ich mir endlich abgewöhnen, die Reisenden-Zusammengehörigkeits-Empfindungen, die Zuneigung zu den Karawanen. Dabei las die eine neben mir im Ryanairflugzeug doch Cicero (die Zeitschrift).
Der Flug im Ryanairflugzeug: ja schön, nur zu viel Werbung, aber das nehme ich schon in Kauf, geht ja nicht anders.
Ich möchte einmal einen Platz haben, an dem mir ein einziges Mal keiner sagt, was ich kaufen besitzen genießen soll, einen völlig botschaftslosen Platz.
Aber dann hätte ich sicher gleich wieder so eine Art Bedeutungs-Agoraphobie. Man hält es ja doch nicht lange durch, dass einem keiner sagt, was man kaufen haben besitzen genießen empfinden soll.
Neben der Cicero-Frau las ich Malcolm Gladwells Tipping Point.
[Das hektische Herumrennen jedesmal in den letzten Minuten vor der Abreise. Welches Buch noch dringend mit muss für den Flug die Fahrt die Hotelzimmernacht. Als ob etwas davon abhinge.]
Bei Gladwell jedenfalls wurde eine Bio-Feedback-Studie erwähnt.
Eine große Gruppe von Studenten wurde angeworben, bei dem es, so wurde ihnen gesagt, um eine Marktforschungsstudie einer Firma für High-Tech-Kopfhörer ging. Jedem der Teilnehmer wurde ein Kopfhörer übergeben. Dann teilte man allen mit, dass die Firma prüfen wollte, wie gut die Geräte arbeiteten, wenn der Hörer oder die Hörerin in Bewegung seien - wenn sie tanzten oder den Kopf rhythmisch bewegten. Alle Studenten hörten Songs von Linda Ronstadt oder den Eagles, dann folgte ein Radiokommentar, in dem die Meinung vertreten wurde, die Studiengebühren an ihrer Universität sollten von gegenwärtig 587 Dollar auf 750 Dollar pro Jahr erhöht werden. Einem Drittel der Studenten wurde gesagt, sie sollten während des Kommentars den Kopf kräftig nickend auf und ab bewegen. Dem zweiten Drittel wurde gesagt, sie sollten den Kopf energisch schütteln. Das dritte Drittel fungierte als Kontrollgruppe, deren Teilnehmer wurden aufgefordert, den Kopf nicht zu bewegen. Als der Test abgeschlossen war, bekamen alle Studenten einen kurzen Fragebogen, in dem sie nach ihrer Meinung zur Qualität der Songs und der der Wirkung der Bewegung auf die Tonqualität gefragt wurden. Ganz am Ende bauten die Veranstalter des Tests die Frage ein, um die es ihnen in Wirklichkeit ging: "Was ist Ihrer Meinung nach eine angemessene Summe für die jährlichen Studiengebühren?" [...] Die Studenten, die den Kopf nicht bewegt hatten, ließen sich von dem Kommentar nicht beeinflussen. Die Studiengebühr, die sie für angemessen hielten, waren die 587 Dollar, die sie bereits bezahlten. Diejenigen, die den Kopf geschüttelt hatten, während sie den Kommentar gehört hatten, vermeintlich um die Qualität des Kopfhörers zu erproben, wandten sich entschieden gegen die vorgeschlagene Erhöhung. [...] Die Studenten, denen gesagt worden war, sie sollten nicken, fanden den Kommentar sehr überzeugend. Sie waren dafür, die Studiengebühr im Durchschnitt auf 646 Dollar anzuheben. Der einfache Akt des Kopfnickens, der doch vordergründig einem ganz anderen Zweck diente, reichte aus, um sie dazu zu bringen, eine Erhöhung zu empfehlen, die sie selbst Geld kosten würde. [...] Eine der Schlussfolgerungen der Kopfhörerstudie [...] war denn auch, dass "Fernsehwerbung dann am wirkungsvollsten wäre, wenn die visuelle Darstellung den Zuschauer dazu bringt, den Kopf auf und ab zu bewegen - zum Beispiel durch einen aufspringenden Ball."Man müsste, dachte ich gleich, jede Nachrichtensendung mit einem Tischtennismatch hinterlegen.
Und ist, fragte ich mich, das Lesen von Texten in den mir bekannten Sprachen nicht ein einziges Kopfschütteln und Nein-Denken?
Und würde mich, fragte ich mich, das Lesen japanischer Texte die Welt bejahen lassen?
Auch sonst: Tipping Point, starkes Buch, da kannst du viel denken während so eines Ryanairfluges, es hatte sich bezahlt gemacht, dass ich kurz vor der Abreise noch über die Flugzeugbücher nachgedacht hatte.
Man braucht, steht da zum Beispiel, einen bestimmten Prozentsatz von Vorbildern, Leitbildern, role models, wenn nicht alles kippen soll. Wenn man, nur jetzt als Beispiel, in einer Weblogstadt nicht mindestens sechseinhalb Prozent angenehme Menschen findet, wird man selbst zu einem unangenehmen Ungustl, oder man wandert aus in eine andere Stadt.
Ich bin, wollte ich nur durchgeben, so was von gerade dabei, mir ein Ticket in eine andere Stadt zu reservieren.
Und, wieder Gladwell jetzt, die Six Degrees of Separation, weiß ich jetzt auch nicht so genau, warum mir diese Theorie (die small world-Theorie) in den letzten anderthalb Jahren so oft untergekommen ist. Dass man von jedem Menschen zu jedem Menschen nur sechs Zwischenverbindungen braucht, auf der ganzen weiten Welt, wirklich. Und jedes Mal wieder, wenn diese Theorie erwähnt wird, begehe ich den Fehler, Ketten zwischen mir und allen möglichen Menschen auszulegen. Und jedes Mal wieder staune ich darüber, dass ich mit vier Links bei George Bush wäre, kein Problem. Obwohl ich ja ganz genau weiß, dass solche Gedankenketten unzulässig sind, weil man das Ende der Kette gar nicht kennen dürfte.
Na ja, egal jetzt, war eh nur für den Ryanairflug.
II.
In London Paddington wieder raus.
Gleich wieder angenehme Stadtgefühle.
Körperschatullenempfindungen.
Mir ist das ja völlig gleichgültig, dass London eine Stadt voller Closed Circuit TVs ist und einem bei jeder Bewegung angeblich irgendwelche Beobachter zuschauen, ich finde es ja viel grausamer, dass man in Hamburg immer nur plane menschenleere Flächen durchqueren muss, leere Innenstadt, weite Alleen, Agoraphobie. Und wenn man ein Weblog hat und bei jedem Aktualisierungsping ein paar hundert Bürgerrechtler gleich nachschauen, was er denn schon wieder geäußert hat, und sich dann ihr Teil denken, so jurymäßig, dass das jetzt aber ein Scheiss war, oder dass er heute nachts wieder so einen konfessionalistischen Schub hat, dass er jetzt zu Hause sitzt und man ihm eine email schreiben könnte oder einen Kommentar, damit er weiß, man hat es genau gesehen, dass er jetzt was hingeschrieben hat, dann stört einen kein CCTV in London mehr, pinglos geht man die Sussex Gardens hoch und freut sich über das Imperial College auf dem Weg und das angenehme Wetter und die Paare, die einem entgegenkommen, am nächsten Abend wird man auch wieder eines sein.
Das Pavillon, ein funky place für flashbacker wie M. und mich.
Ich tauge ja eh nichts für eine botschaftslose Welt, wenn ich mich gleich wieder so freuen kann über ein Hotelzimmer, dass nicht 6 oder 345 heißt, sondern Cosmic Girl.
Ein wenig Herumlaufen noch auf den Straßen, die Edgware Rd hinauf und wieder hinunter, ziemlich zerschlagen, zu viel Alkohol, Zigaretten, Präsidentschaftswahlenfernsehstarren in den Nächten davor, im Sinkflug auf Stanstead auch noch den Restschleim in alle Neben- und Stirnhöhlen gepresst bekommen, nur ein wenig Driften noch in der Körperschatulle.
Die Gegend ist arabisch, viele libanesische Restaurants, ein Büro, an dessen Tür Visas für den Irak annonciert werden, in den Restos sitzen viele WassenpfeiferraucherInnen, in den Schaufenstern des Maroush Deli hängen abgezogene Schafe, in den Internet-Telefonzellen leuchten die Monitore, das Curry bei Inder ist scharf genug, zwei Tische weiter sagt eine Engländerin auf französisch zu einem Araber: Je déteste les Americains & der Araber reagiert darauf nicht im geringsten, sondern legt ihr Essen hin und versucht weiter zu flirten, die Frau versucht es noch ein wenig, gegen die Amerikaner zu ätzen, vielleicht würde ein auf- und abspringender Ball sie ein wenig zufriedener machen, que sais-je?
Im Cosmic Girl-Zimmer noch ein wenig im Guardian gelesen, die üblichen Post-Election-Kommentare, zweigeteiltes Land, die einen zum Meer hin und weltoffen, die anderen im Binnenland verschanzt und verstockt, montagnards eben. Beim Lesen nach so und so viel Jahren endlich bemerkt, dass Timothy Garden Ash in Wahrheit Timothy Garton Ash heißt, schade eigentlich. Immerhin, sein Kommentar ist der erste, in dem nicht der Europäer Mitleid mit sich selbst hat oder der Europäer den Amerikaner nicht versteht oder gar verachtet, sondern in dem so etwas wie Mitgefühl mit den working poor zu lesen steht. Aber ehrlich gesagt, ich habe auch höchstens vier, fünf Kommentare zu dieser Wahl gelesen, was soll man da auch groß kommentieren, das einzige, was man kommentieren könnte, wäre die Selbstvergessenheit der europäischen Fernsehwahlbeobachter, denke ich. Dass man eine Regierung wiederwählte, die unter Vorspiegelung falscher Tatsachen ein Krieg gegen ein souveränes Land geführt hat; dass man jemanden wiederwählte, der gelogen hat; dass man jemanden wiederwählte, der vor der Wahl ankündigt hat, er würde Steuern für die Wohlhabenden senken; dass man jemanden wiederwählte, der in der Konkurrenz der Nationen die eigene mächtiger machen will: diese Dämlichkeiten sind alle auch hierzulande vorgekommen, sagt mir mein Kurzzeitgedächtnis.
Vormitternächtlicher langer traumloser Schlaf.
III.
Am nächsten Morgen zur Robert Frank-Retrospektive in die Tate Modern.
[sick of goodbys]
[these images of Independence Day are wistful and desolate, often depicting drunken merry-makers crashed out on the beach as dawn gradually breaks. many of the photographs show lone individuals, or couples clinging to each other in an otherwise deserted vista]
[destroy that image, that perfect image]
[the footage shows his second wife June in hospital and a visit to his son Pablo in a psychiatric clinic]
[ordered according to a personal logic]
[Deutsche Börse Group is delighted to sponsor Robert Frank: Storylines at Tate Modern and to be involved in showing such a significant number of his works to a European audience for the first time. our sponsorship underlines our commitment to photographic art. in 2000 Deutsche Börse Group started its own collection of predominantly large-scale contemporary photography. the collection has grown along with the company and now comprises over 500 works; its creativity, transparency and innovation reflect our corporate culture. at Deutsche Börse Group, we value Robert Frank for his dynamism, innovative use of technology and challenging approach - which are also fundamental in our industry. Werner G. Seifert Chief Executive Officer, Deutsche Börse]
Auf derselben Etage Time Zones: Recent Film & Video
[Vor den Projektionswänden sitzen Paare]
[couples clinging to each other in an otherwise deserted area]
[wie ich wünschte, Du wärst schon dagewesen statt noch auf dem weg]
[coney island baby glory of love]
[remember fire island the dunes]
[& wie ich immer knapp vor dem weinen bin wenn es so ist wie es da oben gewesen ist und ich mir sage: wie bei uns different time, different places, aber sonst]
[und draußen vor der tür dann diese mädchen in uniform
nach ihrer robert frank-kunstsafari die ihre fragebögen ausgefüllt haben das eine lieblingsbild aus der ausstellung, das sie beschreiben sollten & das irgendwann wieder kommen würde in ein paar jahren bei einer von ihnen &]
[to be continued]
Eines Tages beschloss er, sein kleines Dorf zu verlassen und die Welt zu sehen. [...] Am 21. Oktober brach er, 20 Dollar in der Tasche, nach Bagdad auf.Eine traurige Geschichte: der Nachruf in Le Monde auf Shosei Koda, japanischer Rucksacktourist, im Irak enthauptet.
heute mit großer dankbarkeit festgestellt, dass ich von den schriftstellern, die ich irgendwann, manche von ihnen, wie handke oder bachmann oder mayröcker, schon mit 14, 15 aus irgendeinem, manchmal mir selbst nicht erklärbaren grund innig zu lieben begonnen habe, nie & niemals verraten worden bin. [vermutlich sagt das aber bloß, dass ich nur wenige deutsche schriftsteller geliebt habe.]
I. viscontis leopard wiedergesehen. oder zum allerersten mal, ohnehin nie verstanden, was man sich merkt, wenn man sich filme merkt. oder romane. man erkennt sie wieder, aber das, woran man sie wiedererkennt, ist nicht, woran man sich erinnert hat*. egal, viscontis leopard. das grandiose daran: diese impuls-ökonomie, die langen passagen, die dem fortgang der erzählung nicht wichtig werden, eine halbe minute schlacht, eine halbe minute tschilpender und fächernder mädchen im ballsaal hätten ja auch genügt. ihm nicht. es ist keine ausschweifung, kein schwelgen, es ist ein schauen, es geht auch nicht um die details, du hättest nichts verstanden, wenn die augen zu wandern begännen, bloß ein schauen, die zeit tut den rest, effekt durch dauer, etwas in dieser art [**]. vielleicht kann man irgendwann kinogeschichte schreiben als eine geschichte der rationalisierungen: irgendwann tauchen überall die mckinseys auf und die norm-anheber, stellen sich hinter den regisseuren auf und hetzen sie zur eile. [lola rennt: so etwas wie das industriellenvereinigungsprogramm auf den film angewandt, standortwettbewerb: geschichtsnebenkosten senken, dafür drei-statt-eins in derselben zeit.]
mein hang zu den untergangserzählern immer wieder, auch so late 19th century. beim leoparden jedenfalls gleich der gedanke: wenn diesmal die herrschende klasse untergeht (der einzelhandel-handelsspannen-kapitalismus, der klingelton-kapitalismus, der angestellten-schikanier-kapitalismus), dann wird es die erste herrschende klasse gewesen sein, der man kein mitgefühl hinterherempfinden wird können. (m. beim frühstück gleich wieder: "da wird aber nichts untergehen!" und ich: "aber wenn sie unterginge…". - "geht aber nicht!")
schön perfide am leoparden sind die besetzungs-skin wars: dass die verschmähte fürstentochter unansehnlich, die erkorene bürgermeistertochter eine strahlende claudia cardinale sein muss, shiny like a princess. die erste gestalt des schreckens ist immer die schönheit. oder so ähnlich. ah, neue welt! so viel aufwärts-mobilität!
[* vielleicht noch so ein verstocktes in mir: kunstwerke immer noch mit menschen verwechseln zu wollen, organizitätshuberei.]
[** vielleicht auch nur das ausnutzen einer neuen technologie: die 70mm-projektion, dazu ein publikum, das vermutlich zum größten teil noch nicht einmal fernsehen zu hause hatte, jedenfalls farbfernsehen. folglich wäre es bescheuert, nicht diese langen panoramatischen passagen in einem film zu haben. du kannst ja damit dein publikum überwältigen. mediengeschichte als körperüberwältigungsgeschichte. kenne ich ja selbst noch aus meiner zeit beim stern: institution der "großen farbe", 6 oder 8 doppelseiten mit randabfallende fotos, der konkurrenzvorteil. genau da setzt du die landschaftsbilder hin, die exotismen, die indischen fakire, die ballkleider, das große bunte bild, das schon wirkte, weil es ein großes buntes bild war, das gab es ja sonst nicht, noch nicht einmal wirklich im fernsehen. als wochenillustrierte dann plötzlich durchgängig auf 4c gedruckt wurden, als jeder 20 fernsehkanäle empfing, hatte sich das erledigt. [manche ressortleiter brauchten länger, um das zu verstehen, titelten immer noch zeilen wie "die neue bademode: bunt und sexy", als ob bunt immer noch gezogen hätte. anyway: wie technologische konkurrenzvorteile bestimmte ästhetiken hervorbringen, die oft noch funktionieren, lange, nachdem sich der stand der produktion geändert hat und die konkurrenzvorteile schon längst wieder verschwunden sind. interessant bei langen passagen in filmen, in denen "nichts passiert": es stellt sich immer die empfindung der melancholie ein. als dürfte man etwas noch einmal schauen, ehe es verschwindet. ist auch bei james bening so. oder heaven's gate. und den wahrhol filmen. und und und. könnte sein, dass dem bewusstsein bei langeweile melancholisch zumute wird? ]
II.
motherless brooklyn von jonathan lethem gelesen. seltsamer roman: immer dann grandios, wenn er kindheits-, waisenhaus-, jugend-, freundschafts-, stadtarchäologie-, liebes-, tourette-geschichte ist (der held ist ein im waisenhaus aufgewachsener junge/mann mit tourette-syndrom, der von einem mafioso der unteren ränge gerettet/erzogen/respektiert wird [respekt: subjektivitätsformationskategorie, sometimes important, especially when having a tic…]). und immer dann schlecht, wenn er zum kriminalroman wird. das wer-wars völlig unwichtig, der fall keine wucht, who the fuck cares who did the crime? man ahnt so sehr den inneren literaturagenten, ah, das braucht ne form, das muss ware werden!
andererseits: wenn das kein krimi wäre, hättest du sofort das problem, wie du den helden von einer welt in die andere kriegst. kriminalromane sind ja oft so etwas wie journalismus: ein vorwand, neugierig zu sein, menschen (oder dich selbst) herumzuschicken, nicht nur von a nach b, sondern auch nach x, y und z zu bekommen. reiseromane auf stadt-terrrain. vielleicht vertragen manche romanfiguren das reisen nicht.
festung der einsamkeit dagegen bis jetzt (150 seiten von 600) sagenhaft gut.
III. pattern recognition von william gibson angefangen und nach 100 seiten wieder weggelegt. komm ich nicht rein, geht nicht. mag die figur (wie sie "ist"), aber alles, was sie tut, redet, erlebt: ödnis, manische ödnis.
IV. die sonne scheint uns von georg klein gelesen. hui, ist das ein kunstwille! parabelrhabarber, ich glaub, in 30 jahren werden sie das lesen müssen in den gymnasialen oberstufen und dann deutungsaufsätze drüber schreiben, und wenn so ein wisecrack, der auf die studienstiftung des deutschen volkes hinlebt, zehn- oder zwölfmal die engführungen mit dem projektorientierten geschichtsunterricht hinschreibt, hat er eine eins mehr für den abischnitt. und ich persönlich, ich glaub, einmal möcht ich dabei sein, wenn so ein parabulöser zeitgenössischer deutscher autor bei seiner goethe-instituts-tournee in seoul oder new delhi auftritt und aus seinem werk vorträgt und hintennach die diskussionen über die traditionen der phantastik in der deutschen literatur, das müsst man sich wirklich einmal anschauen.
V.
bangkok 8 von john burdett ist ein toller kriminalroman. pageturner, erfährst beim lesen viel über thailand, westerners in thailand, das jade-business, das schwarzbrenner-business (alkohol, nicht cds), das drogen-business, das sex-business, bist gleich verliebt in den helden, einen aus schuld und sühne in die polizei verschlagenen mordkommissar, der das verbrechen, das er aufklären soll, eh nur aufklären will, weil dabei nicht nur das mordopfer, das ihm eigentlich wurscht ist, ums leben gekommen ist, sondern auch sein soul brother, den er nun rächen will, was dann aber doch nicht passiert, und der beim verbrechenaufklären recht häufig meditiert, über reinkarnation nachdenkt, parfums erkennt, garderoben aufzählt (kindheitssache bei ihm...) und viele schöne gedanken denkt. ach egal, sagen wir: sehr handlungsstark, sehr viele menschen, von denen Sie es nicht bereuen würden, Sie kennengelernt zu haben.
VI. mir reichen manchmal schon die kommentare im eigenen weblog (der katholisch-erkenner zum beispiel: ui, hat eine gebetsstelle identifiziert, wart, kriegst gleich ein zuckerl…), aber wenn du jetzt statt des eigenen den noch größeren irrsinn begangen hättest, ein sexweblog anzufangen wie belledejour und dann würdst diese zausel-appläuse und diese frauenseelengesundheitsbescheidwisserinnen-schimpfe kriegen, du würdst doch nie wieder sex oder sonst einen rausch haben wollen, musst dir nur einmal vorstellen, dass dir so eine kommentarstimme hinüberrutscht dabei.
VII.
hinter montana ortiz, zur linken hand drei berge, öffnet sich rechts ein schwarzes lavafeld, den feuerbergen zu. manchmal überholt dich ein auto, der fahrer hupt kurz vorher, um dich zu warnen, aber meistens bist du alleine, das rad surrt dahin, die steigung ist sachter geworden, so dass du dich schon ein wenig ausruhen kannst, du weisst, du hast jetzt nur noch 50 kilometer vor dir, zwei für deine kettenraucher-lunge fiese berge drin, aber du wirst sie schaffen, sieht ja keiner, wenn du auf halber höhe kurz anhältst, doch jetzt, zur rechten das lavafeld den feuerbergen zu, jetzt schaust du bloß, übers geröll, zu den feuerbergen hin. zwei nächte und eine lepoarden-dvd später wirst du davon träumen, von einer claudia cardinale, die in einem rollstuhl in einem schwarzen lavafeld sitzt, wie eine prinzessin scheint, während du auf deinem fahrrad an ihr vorübersurrst. und wirst nie erfahren, wie lange sie dir nachgesehen hat.
VIII. morgen el golfo. mancha blancha, die feuerberge, ans meer, yaiza, wieder zurück. zwei noch fiesere berge drin.
And yes it's come to this, it's come to this, and wasn't it a long way down, wasn't it a strange way down?
Descendants of Adam in Genesis (diagram)
heute ist es mir dann doch noch aufgefallen: ich (ich!) bin der typ geworden, der die treppen nimmt statt des aufzugs, aus schierer ungeduld. unsympathisch, denkt man und hat so ein arschlöchernes grinsen dabei, ein strunzenes.
am wochenende erschrocken darauf gekommen, dass ich alte augen habe. ah, digitale fotografie!
dreimal im jahr, hat er gesagt, als ich ihm mein verwundetes rad brachte, dreimal im jahr sieht er so was, den lenker abgeschraubt und das schaltwerk ausgebaut. aber die laufräder, die ich im laden sähe, und zeigte dabei auf zwei reihen, die quer über die decke hingen, die würde er locker zehnmal verkaufen. ich hatte folterfantasien, sagte ich. kann ich verstehen, sagte er, heute abend kannst du's wieder haben.