Ich habe überhaupt noch nicht beschrieben, wie bei uns so eine Party beginnt. Ich habe das einfach weggelassen, denn die Anfänge sind so schwer zu verfolgen. Weil wir meistens mittendrin sind. Weil nämlich einer mindestens, nämlich der jeweilige Gastgeber, schon einen Kognak zur Vorbereitung getrunken hat. Wir trinken nicht wenig. Wir sind über einundzwanzig. Wir unterliegen nicht mehr dem Jugendschutzgesetz. Wir sind vorgerückte Twens. Es kommt selten vor, daß wir, um Augenblicke der Gesellschaftsunfähigkeit zu überbrücken, Witze erzählen. Wir finden uns selber alle furchtbar komisch. Brigitte wiegt sich gerne in den Hüften. Sie sagt dann, sie fände sich so sexy. Es ist ihre Tour, es gehört dazu. Sie macht es nett. Wir lachen uns immer wieder schief. Was wir nicht haben, sind Knutschecken. Was wir nicht mögen, sind gewisse Absonderungen. Ich meine, tiefe Gespräche - siehe Tipsy und Toni -, das muß sein. Wo soll man denn schließlich seinen tiefgefühlten Kummer loswerden, wenn nicht auf der Party? Aber wir sind immer ohne Knutschecken ausgekommen, und da ist gar kein Zwang dabei. Ich weiß nicht, wie der Soziologe über die moderne Form der Geselligkeit namens Party denkt. Sind da Knutschflecken im Wesen der Party enthalten oder nicht? Aber wenn sie es wären, wir haben sie noch nicht entbehrt. Step und Boogie auf dem Tisch, das haben wir schon gehabt, auch Brandflecken. Weltschmerz und jenen englischen Gast, der kein Wort sagte, sich langsam vollaufen ließ, im Sessel einschlief und gegen zwei Uhr, als Marianne und ich auf Zehenspitzen gehend aufräumten, um ihn nicht zu wecken, der also gegen zwei Uhr blinzelte und murmelte: Isn´t it a lovely party - dieses stille Wasser aus Britannien hatten wir auch schon. Auch Elfriede, die sonst einen Knoten trägt und der Prototyp des feinsinnigen deutschen Mädchens ist, haben wir häufig dabei, und schließen heimlich Wetten ab, um wieviel Uhr es soweit sein wird, daß sich Elfriede in einen Vamp der golden twenties verwandelt, ihr Haar läst und Charleston tanzt und mit erstaunlicher Gewandtheit Chansons von sich gibt.
Das mit den Brandflecken war nicht so schlimm
Wir hatten jemand, der sagte fünf Stunden lang alle fünf Minuten, es ist alles grau-en-haft. Er hat uns alle Brote weggegessen, er war ein Werkstudent. Unsere Party endet, wie sie begonnen hat, nämlich nur irgendwie. Und wenn ich es mir recht überlege, einen wirklichen, tödliche Partykiller haben wir nie gehabt. Das mit den Brandflecken war nicht so schlimm. Heute gehören die Brandflecken auf dem Couchtisch zur Geschichte. Rührend, wie alles, was schon vorbei ist... Nur einmal, da brachte Klaus-Martin einen mit. Der sagte, Kinder, wir wollen wieder zu echten Kindern werden, laßt uns sinnvoll spielen, laßt uns ein altes Volkslied mimisch darstellen. Er hieß Egon, glaube ich. Sicher weiß ich, daß er gegen neun Uhr wegen Kopfschmerzen verschwand. Gerede brauchen wir nicht. Keine Experten für feine Freizeitgestaltung. Keine Effekte. Keine geistvollen Ambitionen. Und keinen Schmus. Weder noch. Niemand kommt als jemand. Vielmehr: Jeder kommt selbst. [Wilhelmine Flott, Müssen Parties so sein? Twen, Heft 4, Dezember 1959]
Die wenigen Male, bei denen ich Lust hatte, meinen Fernseher zu zertrümmern, waren die, als ich auf der Mattscheibe die satanische Fratze von Dr. Lacan erscheinen sah. Selbst der perverseste Filmemacher würde es sich dreimal überlegen, ehe er diesen Mann für einen Vampirfilm engagierte [Claire Goll, Ich verzeihe keinem]
Vorsatz-: die Philosophie in den Stand einer komischen Disziplin zu erheben. Als wär Disziplin nicht immer komisch! -: in den Stand einer Disziplin des Komischen - [Salzinger, Nackter Wahnsinn, 111]
Wovon man nicht sprechen kann (mp3) [Text: Ludwig Wittgenstein, Musik: M.A. Numminen] von Mauri Antero Numminen
Dann gründete ich in einem Teil des Englischen Gartens ein Geschäft. Ich vermietete hinter dem Haus der Kunst Sträucher als Stundenhotels für Liebespaare. Ich akzeptierte nicht jedes Liebespaar. Das sprach sich schnell herum und brachte mir, leider, Zulauf. Ich war ein Bettler und war wachsam; wer in meinen Sträuchern liebte, kam verändert heraus, das merkten zuerst die Betroffenen, schließlich auch ich selber. Wie das geschah, wusste keiner, ich am wenigsten. Ich nahm für jede Vermietung 50 Pfennige und es wurden mir bald höhere Geldbeträge angeboten, aber das lehnte ich ab, denn ich wollte nur der abseits phantasierende Wächter ganz bestimmter Liebespaare sein, und ich wollte es nur für eine halbe Mark und nicht für mehr sein. Ich sah mir die Pärchen nur sehr unaufdringlich an und sagte dann: "Sie können einen Strauch haben", nahm das Entgelt; oder ich sagte: "Es tut mir leid, mit meiner Einwilligung können Sie hier keinen Strauch haben." Dann bot man mir jedesmal mehr Geld, niemals gab es Empörung. Und jedesmal sagte ich dann ruhig und mit Überzeugung: "Stecken Sie ihr Geld ein, lieben Sie sich überall, aber Liebe in einem Strauch würde Ihnen schaden, und das hat nichts mit dem Wert oder Unwert Ihrer Person zu tun, vertrauen Sie mir einfach." Wenn ich einem Liebespaar einen Strauch überließ, so ging ich abseits und fantasierte. Sonst nichts. [Ernst Herhaus, Kapitulation]
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