Montag, 15. April 2002

Es gibt da diese Frau, die über Kleider schreibt, über Homer, Mathematik, Keuschheitsgürtel und auch sonst über einiges. Ich lese sie seit langem, und immer noch bin ich immer wieder ein wenig eingeschüchtert von dieser Frau, wie ich sie mir vorstelle, eingeschüchtert ist das falsche Wort, ich weiß aber auch nicht, welches das richtige ist, ich bilde mir bloß ein, sie vielleicht dadurch zu stören, dass ich lese, was sie schreibt, man hat ja so seine seltsamen Einbildungen, und es ist auch nicht so, dass es mich stören würde, ein wenig eingeschüchtert zu sein, im Gegenteil, ich setze mich immer gerade hin, wenn ich sie lese und gebe acht, dass der Gürtel meines Morgenmantel, der übrigens Igor heißt, weil ich darin angeblich wie ein verarmter russischer Großfürst aussehe, festgezurrt bleibt, und sonst ist es mir völlig egal, wie nachlässig ich vor meinem Computer sitze, aber bei dieser Frau mag ich mir nichts durchgehen lassen.

Hier einige Passagen aus ihrem Tagebuch 2002, die erste spricht zu ihrer im Herbst 2001 geborenen Tochter:

Sicher möchtest du wissen, wo du eigentlich hergekommen bist. Nun, die Sache ist die, daß du aus einem Paralleluniversum kommst. Dort warst du eine berühmte Kriegerprinzessin, die auszog, die Geheimnisse eines Paralleluniversums, nämlich unseres Universums, zu ergründen. Nun möchtest du wissen, warum du dich daran nicht erinnern kannst. Nun, die Sache ist die: über Paralleluniversen sind viele falsche Vorstellungen in Umlauf. Viele denken sich, Universum und Paralleluniversum verhielten sich ein wenig wie Deutschland und Österreich. Gewiß, Österreich wird von katholischen Faschisten bewohnt, die einen ekligen Akzent sprechen und völlig tanatosfixiert sind, es gibt dort keine Krabbenkutter, und überhaupt ist vieles anders. Aber letztlich gibt es auch dort Banken, Kirchen, Staatsoberhäupter, Schulden, Rechtsanwälte und öffentlichen Personennahverkehr, das heißt, die grundlegenden Gesetze des Lebens sind die gleichen. Universum und Paralleluniversum verhalten sich nun aber gerade nicht so zueinander, daß sie im Grunde das Gleiche sind, nur anders möbliert. Universum und Paralleluniversum sind grundsätzlich verschieden und werden von anderen Gesetzen beherrscht. In unserem Universum gibt es Masse und Energie, die nach Einstein äquivalent sind, und Information, die nach A. Donda mit den beiden erstgenannten ebenfalls äquivalent ist. Ein Paralleluniversum kann aus ganz anderem Zeugs aufgebaut sein. Dort sind die fundamentalen Entitäten beispielsweise Schmieröl und Urgs. Damit ist klar, daß sich zwischen Universum und Paralleluniversum nicht beliebig Informationen austauschen lassen.
Zum Teil sind die Globalisierungsgegner aber auch ziemlich dämliche Burschen. Die Idee ist: wir, die Globalisierungsgegner, sind so schlau, wenn wir alles regulieren und bestimmen dürften, könnten wir alles viel besser und schöner und effizienter und vor allem gerechter machen als der Markt. Im Grunde handelt es sich um eine autoritäre Idee. Es ist ein bißchen schade, daß die Erziehung in den demokratischen Staaten immer wieder neu in jeder Generation autoritätsgläubige Jugendliche erzeugt, die zwar nicht an die Autorität der Etablierten (Eltern, Weltwährungsfond, Wintel) glauben, dafür aber an ihr eigene.
Armin von Arnim, der Dichter kleinerer Werke, schrieb einmal ein Gedicht, das nur siebzehn Silben lang war. „Aha“, schrien alle, „die japanische Mode.“
Gestern lag so etwas laues in der Luft, eine Ahndung von Frühling, die Erde roch wieder nach Erde und dem Saft junger Triebe statt nach Schnee und Hundepisse, da habe ich mir Strawinskys Sacre angehört. Die Kleine war wenig begeistert und hat gezetert, entweder, weil sie den Uraufführungsskandal nachspielen wollte, oder weil sie ungern Musik hört, die vom rituellen Schlachten kleiner Mädchen handelt. Zum Mitsingen ist diese Musik leider wenig geeignet, insbesondere die unregelmäßigen Rhythmen sind arg tricky.
Gespräche in der Straßenbahn: ein autodidaktisch gebildeter Mann versucht einer Frau, anscheinend einer flüchtigen oder neuen Bekanntschaft, das Universum zu erklären, insbesondere, daß unser Sensorium „Schrott“ sei, verglichen etwa mit der Gehör der Fledermäuse . Ich aber wünsche mir in diesem Moment, ich wäre taub.





Freitag, 12. April 2002

Muss ihr aber eh nicht ähnlich sehen. Madonna oder so nackt oder so. Die Hintergründe im Guardian.





So einen Satz würde ich zwar selber nie schreiben, aber stimmen tut er. Man kann diese Musik aber auch tagsüber beim Arbeiten hören. Oder beim Musikhören. Von Jun Miyake ist bei Tropical Music im vergangenen Jahr das wunderbare Album Mondo Erotica! erschienen und jetzt gerade das ebenso wunderbare Album Innocent Bossa in the mirror. Stylisher Avantgarde-Bossa Nova, Arto Lindsay spielt mit, Peter Scherer und Vinicius Cantuaria.

Zwei Klangproben als mp3s: Aus Mondo Erotica!: hier Aus Innocent Bossa: hier





stammt das eBiz Weblog.





wenn man die Kollegin fragt, ob sie die neue Neil Young gehört hätte, von der jetzt überall die Rede ist, und man 2 Minuten später in den Referrers einen Link von der Süddeutschen findet, der zu einem Adrian Kreye-Artikel über die neue Neil Young führt. Sowieso verstehe ich Referrer manchmal nicht. Vom Perlentaucher war auch heute jemand hier.





Donnerstag, 11. April 2002

Gelegentlich habe ich schon erwähnt, wie sehr mich Wolken faszinieren. Immer noch rumort in mir der Plan, ein Buch über sie zu schreiben; nichts darüber, was sich meteorologisch, physikalisch oder sonstwie naturwissenschaftlich, sondern über das an ihnen, was sich nur schwer, fast oder möglicherweise gar nicht über sie sagen lässt: das Flüchtige, das Verschwindende und dergleichen, das Naturschöne also, das sich sofort wieder verzehrt. Es müsste, bilde ich mir ein, darüber viel zu sagen geben, es müsste, bilde ich mir ein, eine Wahrnehmungsgeschichte der Wolken geben. Allerdings weiß ich nicht genau, wie es zu sagen wäre und ob ich dazu imstande wäre. Es hat ja auch sonst noch keiner gemacht, ein paar verstreute Bemerkungen da oder dort, Landschaftsmalerei, Turner, Constable und ähnliches, aber nichts Monografisches. Wie auch immer: Hier ist eine französische Website, die Wolkenfotografien sammelt. Das Interessante an Wolkenfotografien ist übrigens, dass sie viel weniger an eine Erfahrung (oder wie immer man es nennen soll) von Wolken herankommen als etwa Gemälde vor der Erfindung der Fotografie. Dabei ist die Vorstellung, Wolken malen zu wollen, milde gesagt etwas vermessen. Aber für ein Wolkenbuch gilt das ja auch.





Mittwoch, 10. April 2002

29 Fundstellen für "Du wirst dich noch schämen". Und alle gehören mir!





Vor einer Woche fragte ich nach einem Chaossortier-Mindmap-Programm für mein Hirn und für den Mac. Hannes empfahl die Tinderbox. Es war einer der nützlichsten Ratschläge seit langem, wollte ich durchsagen. Die Tinderbox erledigt genau das, wofür ich dringend ein Arbeitserleichterungs-Werkzeug brauchte, nämlich die Organisation von Arbeit, die aus vielen Einfällen, vielen Kleinigkeiten, vielen Einzelschritten besteht und an der mehrere Leute beschäftigt sind. Projektarbeit also. Man kann mit der Software aber ziemlich sicher - so weit habe ich sie schon getestet, um das zu ahnen - auch Non-Fiction-Bücher, Studien, Dissertationen u.dgl. strukturieren, Bibliotheken und andere Sammlungen erfassen oder Gartenanbaupläne erstellen und überwachen. Und Weblogs basteln kann man auch. Oder sich rss-newsfeeds anlegen. Länger als zwei halbe Tage habe ich fürs Ziemlich-gut-Verstehen nicht gebraucht (für die ganz banalen Grundlagen eine halbe Stunde), die Dokumentation ist klasse, die Bedienung sehr intuitiv. Ein Wunderwerkzeug also, und die 95 Dollar sind gut angelegt.





Der leider unbekannte und unbedingt empfehlenswerte österreichische Autor Franz Weinzettl hat ein neues Buch geschrieben. Hier die Besprechung in der NZZ.





Jumpcut in Wien, Bruno Haid über: in was man für Gespräche so reingerät dieser Tage.





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