Ror Wolf: Gerd Müller
Ich rede nicht viel, sagt Gerd Müller, aber wenn ich den Mund aufmache, dann hören Sie meine Meinung. Er verzichtet auf einen Schlafanzug und schläft auf dem Bauch. Er sagt: achtundachtzig Minuten herumstehn ist nichts für mich, das ist nicht nach meinem Geschmack. Müller, ein Frühaufsteher, der morgens die Semmeln holt, kann auch Kaffee kochen. Er hat beide Arme gebrochen, einen Wadenbeinbruch und mehrere Bauchmuskelzerrungen; die Rißwunden an seinen Beinen kann man gar nicht mehr zählen. Zu Hause lebt er ziemlich bescheiden. Er sagt: ob ich berühmt bin ist mir ganz wurscht. Niemals hätte er eine Frau mit dicken Beinen geheiratet. Kein Wunder, daß dieser Mann nun zwei Stücke Kuchen aus der Einkaufstasche holt: für Dich, mein Liebling, das magst Du doch. Ehefrau Uschi ist die liebenswerte Sekretärin von einst geblieben, auch wenn sie heute einen Nerz, einen Persianer und einen Ozelot besitzt. Die Wände sind mit dunkelbraunem Stoff bespannt; und während der Bomber seine Brötchen mit Marmelade bestreicht, liest er vornehmlich Würdigungen seiner Arbeit. Er war ein armer bescheidener Webergeselle, er sagt: ich tue nur meine Pflicht. Äußere Zeichen sind da ein dunkelblauer Mercedes 450 SE, sein Besitz in Straßlach, der Bungalow mit Schwimmbad, Sauna, Solarium und seine Werbeagentur. Die alten Freunde von früher sind auch noch heute seine Freunde. Am Abend bespricht er bei einem Glas Whisky mit Cola noch einmal alles mit seiner Frau: den Tag und seine Entscheidung. Nun ist Gerd müde. Er spricht nicht mehr viel. Gute Nacht, häng bitte noch Deine Hose über den Bügel. Um 23 Uhr gehen bei Müllers die Lichter aus. Ein Tag im Leben geht zu Ende.Dazu: Lektüreerfahrungen von japanischen und deutschen Lesern. Ende des Monats wird Ror Wolf übrigens 70.
Nach seinem Tod wurde ein umfangreiches Tagebuch (17.000 Seiten) entdeckt, das A. seit 1839 geführt hatte. Die beiden sorgfältig zusammengestellten Bände "Fragments d'un journal intime" sorgten bei ihrer Publikation 1882-84 für ein europaweites Echo. Mit seiner desillusionierten Sicht der eigenen Existenz, dem Rückzug in die Innerlichkeit und dem Hang zur Selbstkritik wirkte dieses Werk prägend, insbes. für die Literatur der franz. Schweiz. Von hier.
That´s me:
Economic Left/Right: -2.25 Authoritarian/Libertarian: -7.33Der Political Compass testet, auf welcher Seite man steht. [via @cetera, ein Weblog mit schönen Links.]
Platz 1 bei wollte ich, Platz 1 bei Futurama Porno.
They say the working class is dead, we're all consumers now They say that we have moved ahead - we're all just people now There's people doing 'frightfully well' there's others on the shelf But never mind the second kind this is the age of self They say we need new images to help our movement grow They say that life is broader based as if we didn't know While Martin J. and Robert M. play with printer's ink The workers 'round the world still die for Rio Tinto Zinc And it seems to me if we forget Our roots and where we stand The movement will disintegrate Like castles built on sand Robert Wyatt, The Age Of Self, hier ein Real Audio (Ausschnitt)
Weil ich Bücher nicht wegschmeissen kann, obwohl viele von ihnen es verdient hätten, konnte ich heute in alten Martin Walser-Interviews nachlesen. Suhrkamp Taschenbuch 1871 (sic!), Auskunft: 22 Gespräche aus 28 Jahren. Sehr aufschlussreich: An seinem Geschichtsgefühl laboriert er schon seit 1986. Alles schon da, und zwar full monty. Wie er es nicht aushält, dass Nietzsche und Karl May im Ausland geboren sind, die Mutterkatastrophe Erster Weltkrieg, Versailles, und dass er das alles doch wohl sagen wird dürfen. Muss man sich mal vorstellen: Er darf seinen Seich also seit 16 Jahren sagen - Welt, Stern, öffentlich rechtliches Fernsehen - und tut immer noch, als dürfe er nicht. Na ja, egal.
Lustig sind die Interviewpassagen, in denen es aufs Territoriale hinausläuft; Geschichtsgefühle neigen ja dazu, stets aufs Territoriale hinauszulaufen. Und da sitzen sie dann, der Schriftsteller und die Journalisten und grübeln, was man jetzt berechtigterweise emotional einsacken könnte und was dann doch lieber nicht.
Drei Passagen:
I.
Also Nietzsche war kein Ausländer, aber jeder der heute in Sachsen an Nietzsches Stelle träte, wäre ein Ausländer. Da muß ich den Honecker fragen: Sind Sie wirklich für mich ein Ausländer, Erich Honecker? Und ich für ihn? Das kann ich ihm nicht abnehmen. Ich muß sagen, für mich hat Österreich seit 1945 wirklich nationale Identität entwickelt. Ich glaube einem Österreicher, daß er ein Österreicher ist, auch wenn, wie Sie sehr wohl wissen, mit Vorarlberg das Regionalistische für mich vielleicht im Vordergrund ist. Und ein Schweizer ist ein Schweizer. Aber für mich hat die DDR keine nationale Identität und die Bundesrepublik auch nicht.II.
Ja gut, aber ich meine, die Abnabelung Österreichs, die kann man nun wirklich nicht mehr rückgängig machen, man kann sie fast nicht rückgängig machen wollen. Ich kann mir das nicht vorstellen. Ich erlebe, auch wenn ich in Wien bin, oder wenn ich österreichische Verlautbarungen in Literatur oder Politik zur Kenntnis nehme, dann erlebe ich auch das tatsächlich auf k. und k. zurückbezogen, daß sich von da bis jetzt etwas Nationales gebildet hat. Und das hat auch Literatur. Wenn man da einteilt, kann man sagen, die österreichische Literatur ist zwar deutschsprachige Literatur, aber hat ein anderes Klima. Jörn Laakmann: Von der Wiedervereinigung haben Sie sich gerade distanziert, ich glaube, Sie haben sie eher als eine Utopie, diese Idee eines wiedervereinigten Walser: eines vereinigten Laakmann: eines vereinigten, eines "einen" Deutschlands, wie Sie gerade sagten. Aber Sie wollen gleichzeitig nicht Österreich wiedereingliedern. Walser: "Wiedereingliedern" - dieses Vokabular ist nicht meines!III.
In den letzten Jahren wurde ich, nachdem ich für die Wiederereinigung war, immer wieder polemisch gefragt: Ja, und Österreich? Und da fiel dann auch das Wort Anschluß. Aber das ist ja schon insofern grotesk, als eben die allmähliche geschichtliche Verselbständigung Österreichs in keiner Sekunde und in keinem Detail vergleichbar ist mit der schmerzlichen, brutalen Trennung, dem Auseinanderschneiden eines existierenden Ganzen, und sei es noch so länderhaft gewachsen und nachher förderalistisch strukturiert.Das Wort Geschichtsgefühl stelle ich mir übrigens immer wie von Berti Vogts ausgesprochen vor: Gechichtsgefühl. Aber vielleicht habe ich das auch irgendwo gelesen....