Sonntag, 2. Juni 2002
The Library of Bernadette Tavernin.




Ror Wolf: Gerd Müller
Ich rede nicht viel, sagt Gerd Müller, aber wenn ich den Mund aufmache, dann hören Sie meine Meinung. Er verzichtet auf einen Schlafanzug und schläft auf dem Bauch. Er sagt: achtundachtzig Minuten herumstehn ist nichts für mich, das ist nicht nach meinem Geschmack. Müller, ein Frühaufsteher, der morgens die Semmeln holt, kann auch Kaffee kochen. Er hat beide Arme gebrochen, einen Wadenbeinbruch und mehrere Bauchmuskelzerrungen; die Rißwunden an seinen Beinen kann man gar nicht mehr zählen. Zu Hause lebt er ziemlich bescheiden. Er sagt: ob ich berühmt bin ist mir ganz wurscht. Niemals hätte er eine Frau mit dicken Beinen geheiratet. Kein Wunder, daß dieser Mann nun zwei Stücke Kuchen aus der Einkaufstasche holt: für Dich, mein Liebling, das magst Du doch. Ehefrau Uschi ist die liebenswerte Sekretärin von einst geblieben, auch wenn sie heute einen Nerz, einen Persianer und einen Ozelot besitzt. Die Wände sind mit dunkelbraunem Stoff bespannt; und während der Bomber seine Brötchen mit Marmelade bestreicht, liest er vornehmlich Würdigungen seiner Arbeit. Er war ein armer bescheidener Webergeselle, er sagt: ich tue nur meine Pflicht. Äußere Zeichen sind da ein dunkelblauer Mercedes 450 SE, sein Besitz in Straßlach, der Bungalow mit Schwimmbad, Sauna, Solarium und seine Werbeagentur. Die alten Freunde von früher sind auch noch heute seine Freunde. Am Abend bespricht er bei einem Glas Whisky mit Cola noch einmal alles mit seiner Frau: den Tag und seine Entscheidung. Nun ist Gerd müde. Er spricht nicht mehr viel. Gute Nacht, häng bitte noch Deine Hose über den Bügel. Um 23 Uhr gehen bei Müllers die Lichter aus. Ein Tag im Leben geht zu Ende.
Dazu: Lektüreerfahrungen von japanischen und deutschen Lesern.
Ende des Monats wird Ror Wolf übrigens 70.




Nach seinem Tod wurde ein umfangreiches Tagebuch (17.000 Seiten) entdeckt, das A. seit 1839 geführt hatte. Die beiden sorgfältig zusammengestellten Bände "Fragments d'un journal intime" sorgten bei ihrer Publikation 1882-84 für ein europaweites Echo. Mit seiner desillusionierten Sicht der eigenen Existenz, dem Rückzug in die Innerlichkeit und dem Hang zur Selbstkritik wirkte dieses Werk prägend, insbes. für die Literatur der franz. Schweiz.
Von hier.




That´s me:
Economic Left/Right: -2.25
Authoritarian/Libertarian: -7.33
Der Political Compass testet, auf welcher Seite man steht.
[via @cetera, ein Weblog mit schönen Links.]




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