ob es Bücher fürs Leben gibt, was etwas gänzlich anderes ist als gute Bücher, Kanon-Bücher, wichtige Bücher und dergleichen. - Das erste, das mir einfiel, war, aber das würde mir fast immer als erstes einfallen, Der große Gatsby. Und danach Rot und Schwarz. Was immer das über mein Leben sagt.
June 5, 1942: "Morning is Criticism, the Night is Infatuated Drunkenness". Delmore Schwartz, Journal Passages - Quotations
Erstens kommt ein SofaMagazin drin vor. Schon mal nicht verkehrt. Zweitens aber ist Morbus Fonticuli von Frank Schulz ein phänomenal gutes Buch. Fett. Bringt dich dauernd zum Lachen. Hat großartige Figuren. Ist versoffen, bösartig. Viel Sex drin. Perfekt. Und doch wieder nicht. Ich bin auf Seite 200, und hasse es jetzt schon, dass das in 550 Seiten zu Ende sein wird.
Hier einige Besprechungen: jungle world | satt.org | perlentaucher digest.
(Disclaimer: Der Hitze wegen hier nur Wiederverwertung. Und zwar ein Text über eine andere Hitzewelle.)
Ich weiß nicht, wieviele Menschen es gibt, die das Glück hatten, die primären Geschlechtsmerkmale eines Oscar-Preisträgers zu sehen, aber seit dem 26. März 2000 kann ich sagen, ich gehöre zu ihnen. Und das kam so.
Vor sechs acht Jahren wurde ich vom Stern nach Manchester, Vermont geschickt, um ein Interview mit John Irving zu machen, dessen Son of the Circus kurz zuvor erschienen war.
Da ich keinen Führerschein habe, mußte ich in New York den Greyhoundbus nehmen, eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Nach Albany, wo die Afroamerikaner ausstiegen, saßen im Bus lauter Althippies, MittfünfzigerInnen mit grauen Haaren, Bandanas und Blümchenkleidern, die Gespräche wurden gedimmt geführt, Romane raschelten, in den Gepäcksnetzen schaukelten Seesäcke, während draußen eine sattgrüne Landschaft leuchtete.
In Manchester, der Hauptstadt Vermonts, quartierte ich mich im Equinox ein. Im Equinox hat schon Abraham Lincoln Ferien gemacht, eineinhalb Jahre, ehe er erschossen wurde. Seitdem gilt es als "premier summer ressort". Die Zimmer, Höhlen aus Plüsch und pastellfarbenen Vorhängen, sind nach berühmten Fliegenfischködern benannt (Green Drake, Quill Gordon, Sweeny Todd), der Rasen ist wie von der Nagelschere gekürzt, abends konnte man auf einer Veranda in Schaukelstühlen Eistee und Limonade trinken. Zum Hotel gehörte auch ein Golfplatz. Die einzigen, die dort spielten, waren New Yorker Rentner. Mit meinen 35 Jahren war ich der jüngste Equinox-Gast, alle anderen befanden sich weit jenseits der 60, manche von ihnen waren schon auf Zimmer frames angewiesen, jene Rollgestelle, mit deren Hilfe man sich fortbewegen kann, wenn man fürs Gehen schon zu hinfällig, aber für einen Rollstuhl noch zu fit ist. Die Männer, die noch einigermaßen gehen konnten, spielten Golf, ihre Frauen saßen auf der Veranda, tranken Eistee und Limonade und führten fröhliche Konversationen.
Neben dem Hotel lag das American Fly Fishing Museum: Vitrinen mit Ködern, berühmte Angelruten, Schautafeln, die den Besucher über die Geschichte des Fliegenfischens informierten. Ich erfuhr, daß es eine Catch & Release-Bewegung gibt, gleichsam die Grünen des Fischens: Man fängt Fische und läßt sie wieder frei. Man tut also nur so. Vermutlich ist das eine Metapher, ich weiß aber nicht genau, wofür. Vielleicht für die Liebesbeziehungen des ausgehenden 20. Jahrhunderts, dachte ich. Ködern, nicht festhalten. Beute machen, aber davonkommen lassen. Das Gefühl genießen, es sich noch einmal anders überlegt zu haben.
In einer anderen Vitrine befanden sich epochale Texte epochaler Fliegenfischer. Einer hieß Zen oder die Kunst des Fliegenfischens. Wahrscheinlich ist alles, was man tun kann, wenn man es nur mit der nötigen Hingabe tut, eine Zen-Disziplin. Darauf deutet eine kleine Bibliographie wichtiger Zen-Texte hin, die ich der Amazon-Suchmaschine verdanke:
Zen and the Art of Motorcycle Maintenance: An Inquiry into Values Zen and the Art of Insight Owning It: Zen and the Art of Facing Life Zen and the Art of Making a Living: A Practical Guide to Creative Career Design Zen and the Art of Screenwriting: Insights and Interviews Zen and the Art of Pottery Zen and the Art of Writing Zen and the Art of Calligraphy Zen and the Art of the Internet: A Beginner's Guide The Art and Zen of Learning Golf Zen and the Art of Stand-Up Comedy Zen and the Art of the Controlled Accident Zen and the Art of Postmodern Philosophy: Two Paths of Liberation from the Representational Mode of Thinking Hi Hai High: Zen and the Art of Backpacking A Beginner's Guide to Zen and the Art of Windsurfing A Beginner's Guide to Zen and the Art of Snowboarding: A Complete Step-By-Step Guide Zen and the Art of Resource Editing: The Bmug Guide to Resedit Zen and the Art of Fatherhood: Lessons from a Master Dad Zen and the Art of Changing Diapers Why Toast Lands Jelly-Side Down: Zen and the Art of Physics Demonstrations David Harp's Instant Blues Harmonica: Zen & the Art of Blues Harp Blowing The Captain Nemo Cookbook Papers: Everyone's Guide to Zen and the Art of Boating in Hard Times Illustrated, A Nautical Fantasy Zen and the Art of Street Fighting: True Battles of a Modern-Day Warrior Zen and the Art of Post-Modern Canada: Does the Trans-Canada Highway Always Lead to Charlottetown? (Food for Thought) Zen and the Art of Poker: Timeless Secrets to Transform Your Game Zen and the Art of Casino Gaming: An Insider's Guide to a Successful Gambling Experience Zen and the Art of the MonologueEs war heiß in Manchester, Vermont. Es war heiß in allen Vereinigten Staaten. In USA Today las ich, daß in Chicago jeden Tag alte Menschen am Hitzschlag starben. Ich rechnete damit, daß jeden Moment auch auf dem Golfplatz des Equinox gehbehinderte Rentner mit Hitzschlag zusammenbrechen würden. Es passierte aber nichts. Sie schwitzten nicht. Sie fühlten sich prächtig. Wenn ihnen gute Abschläge gelangen, brachen sie in Hi 5s aus. Ich sehnte mich danach, ein amerikanischer Rentner in Manchester, Vermont sein zu dürfen.
Am zweiten Tag fuhr ich mit dem Taxi zu John Irvings Anwesen, 20 Autominuten von Manchester entfernt. Bis zum Eintreffen des Taxis hatte ich in der airconditioned Lobby des Exquinox gewartet und war dann somnambul zum Wagen geschlichen. Nur keine unnötigen Bewegungen. Ich wollte nicht verschwitzt bei John Irving ankommen. Es klappte nicht. Vom Parkplatz vor John Irvings Anwesen bis zur Eingangstür lagen 20 unklimatisierte Meter. Auf diesen 20 Metern habe ich mehr geschwitzt als jemals zuvor und danach in meinem Leben. Kein schöner Anblick. Ich hätte mir kein Interview gegeben, wenn ich so vor meiner Tür gestanden hätte.
John Irvings Frau öffnete. Das erste, was sie sagte, war: "Oh, Sie sind also der Kerl, der keinen Führerschein hat." Keine Begrüßung hätte mich glücklicher machen können. Ich hatte es geschafft, bei den Irvings zum Begriff zu werden. Ich stellte mir vor, wie John beim Frühstück zu seiner Frau gesagt hatte: "Heute nachmittags kommt übrigens dieser Journalist ohne Führerschein." Und sie hatte geantwortet: "Oh, wirklich? Ohne Führerschein? Ist ja komisch."
Dann kam auch John. Kein schöner Anblick. Er trug ein weißes Feinripp-Unterhemd und eine rote Turnhose. Also KEIN weißes T-SHIRT und auch KEINE roten SHORTS, sondern Feinripp und Turnhose, das Zeug, was die Älteren unter uns im Turnunterricht tragen mußten, weil es noch keine Swooshs und keine Adidas-Streifen gab. Die Turnhose John Irvings war knapp. Sehr knapp sogar. Man konnte sehen, wie sie über dem Hintern spannte. Vielleicht hatte er bis zu meinem Klingeln gar nichts an und sich in der Eile die Sportklamotten seines Sohns gegriffen. Allerdings hätte sein Sohn diese Sachen sicher nicht getragen.
Sofort fühlte ich mich schuldig. Ich war bei John Irving eingedrungen und hatte ihn in Turnhosen und Feinrippunterhemd überrascht, ich schwitzte wie die Wände eines türkischen Dampfbades und war gezwungen, ihn von dem abzuhalten, was er lieber getan hätte. Ich hatte den Taxifahrer gebeten, mich in zwei Stunden wieder abzuholen. Keine Chance, zu Fuß zu verschwinden: ich wäre am Hitzschlag gestorben.
Wir gingen einen Halbstock tiefer, in John Irvings Study, ein lichtdurchflutetes quadratisches Zimmer mit einem großen Schreibtisch, einem Bücherregal und einem Stehpult in der Mitte des Raums. Auf dem Pult lag aufgeschlagen ein Band des Oxford English Dictionary. Manchmal, wenn er nicht weiterkäme, erzählte er, läse er wahllos im OED, Wort um Wort, Eintrag um Eintrag. Ich mochte ihn sofort dafür. Als er Gottes Werk und Teufels Beitrag geschrieben hatte, erzählte er, hätte er medizinische Wörterbücher aus der Epoche gelesen. Adorno hat einmal in der Ästhetischen Theorie gesagt, daß jede einzelne Note jeder einzelnen Beethoven-Sonate in jedem einzelnen Klavier steckt. Man müsse aber Beethoven sein, um das Klavier von den Sonaten zu entbinden. Irving sah aus, wie ich mir einen Adorno-Beethoven vorstelle: Lauernd. Er stand ein wenig krumm, den Kopf zwischen die Schultern gezogen. Irving ist ein sehr bulliger Mann mit einem sehr großen Kopf. Nicht besonders groß, aber massiv. Man kann schnell Angst vor ihm haben. Aber in Wahrheit belauert er nur die Wörter, bis sich eine Gelegenheit ergibt, sie zu Romanen zusammenzufügen - deswegen seine Positur. Als Ringer wird er seinen Gegnern genauso gegenüber gestanden haben, abwartend, bis sich eine Deckungslücke auftat und sich eine Gelegenheit ergab, sie aufs Kreuz zu legen. Da ich ein paar Dutzend Interviews mit John Irving gelesen hatte, hütete ich mich allerdings davor, ihm Fragen zum Ringen zu stellen, es hätte ihn sicher gelangweilt. Wie jeder Journalist weiß, sind die nicht gestellten Fragen oft wesentlich interessanter: Man kann von den Antworten nicht enttäuscht werden.
Er setzte sich hinter seinen Schreibtisch, ich mich davor. Ein eindrucksvoller Ventilator kämpfte vergebens gegen die Hitze an. Damit er Wirkung haben hätte können, hätte er in unsere Richtung rotieren müssen. Es versteht sich von selbst, daß sich das bei einem Romancier, der noch per Hand schreibt, verbietet: das Manuskript wäre vom Schreibtisch gefegt worden. Also kühlte John Irvings Ventilator nur die Wand hinter seinem Rücken. Aber es war eine nette Geste.
Wir sprachen ein wenig über Indien, wo ich nie und er nur eine Woche lang gewesen war. Das hatte ihm genügt, um einen 500-Seiten-Roman zu schreiben, der zum Großteil in Indien spielt. Nein, ich will damit nichts gesagt haben gegen John Irvings Recherchen, wirklich nicht. Ich kann das zwar nicht beurteilen, aber er hat Indien sicher großartig beschrieben. Er hat sogar die Bougainvillen in dem Club erwähnt, in dem Doktor Daruwalla seine Nachmittage verbringt. Irving gehört zu jenen Autoren, die fast manisch detailverliebt sind, jeder seiner Romane ist eine Enzyklopädie, die eine ganze Welt ordnet. Auch darüber haben wir gesprochen. Über Dickens. Und über Grass. Ich kann Grass nicht leiden, aber Irving liebt ihn inniglich. Ich hörte ihm dabei gerne zu, wie allen Liebeserklärungen, aber ich gebe zu, ich war nicht ganz bei der Sache. Denn während er Grass liebte, mußte ich immerzu daran denken, wie sehr ich schwitzte. Ob Irving das wohl auffiel? Ob ich möglicherweise roch? Ich hatte mich zwar im Equinox noch mit Antaeus besprüht, aber mit dieser Hitze konnte kein Parfum zurechtkommen. Natürlich mußte er das riechen. Und er war nur eine Woche in Indien gewesen. Man braucht sicher länger als eine Woche, um sich an den Geruch schwitzender Menschen zu gewöhnen. Andererseits war er Ringer. Er hatte sogar Ringen unterrichtet. Und so sehr roch ich sicher nicht.
Vielleicht hatte es ja mit der Hitze, vielleicht mit meinem Geruch zu tun, daß Irving eine Thomas-Bernhard-Suada gegen den amerikanischen Literaturbetrieb zu halten begann. Daß niemand mehr Autoren aufbauen würde. Daß es nur noch formula books gäbe. Daß er, wenn er noch einmal beginnen müßte, keine Chance mehr hätte. Daß seine ersten beiden Bücher katastrophale Flops gewesen wären. Daß sein Verlag aber glücklicherweise an ihn geglaubt hätte. Daß er vor Garp kein Geld mit Büchern verdient hätte und erst seit dem Hotel New Hampshire so arbeiten könne, wie er wolle. Daß das heute nicht mehr möglich wäre. Daß er für Gottes Werk sogar ein Semester lang Medizin studiert hätte (ich dachte sofort "method writing" und fragte mich, ob er wohl bei einer Abtreibung assistiert hatte; manches traut man sich dann ja doch nicht zu fragen...). Es war gespenstisch: ein bulliger Mann in Feinrippunterhemd und Turnhose saß hinter seinem Schreibtisch und radierte den amerikanischen Literaturbetrieb aus. Mein Gott, dachte ich, entspann dich, es ist viel zu heiß, um so wütend zu sein. Amerika ist ein rassistisches Land, sagte Irving, Clinton ist eine einzige Enttäuschung, ich lebe lieber in Kanada, dort geht es liberaler zu, die Verleger denken nur an ihre Kohle. Kein schöner Anblick, das.
Irgendwann während seiner Rede schweifte mein Blick ab.
Und fing sich wieder an John Irvings rechtem Hodensack. Ja, genau. So knapp war seine rote Turnhose, daß sein rechter Hodensack aus dem rechten Hosenbein hervorquoll. Ich täusche mich nicht, ich habe lange genug hingesehen. Und es war nur der Hodensack, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Ein paar Falten, ein paar Haare, wie Hodensäcke eben so aussehen. Nur daß dieser Hodensack immer größer wurde, während ich ihn beobachtete. Es wird an der Hitze gelegen haben und an der narkotisierenden Wirkung, die Irvings Suada auf mich gehabt hat. An meinem Flüssigkeitsverlust. Vielleicht auch am Fliegenfischermuseum. Immer größer wurde sein rechter Hodensack, während Irving immer mehr Verachtung über den Schreibtisch ergoß, ich mußte das Band umdrehen, er verachtete immer weiter, und sein rechter Hodensack hüpfte ein wenig dabei, im Rhythmus der Verachtung.
Was tut man in so einem Fall? Nichts natürlich. Man kann ja nicht gut sagen: Herr Irving, tun Sie mal Ihren Hodensack weg, der irritiert mich. Man kann sich nur tapfer irritieren lassen. Und starren. Und hoffen, daß die zwei Stunden bald um sind. Und eine Zen-Übung daraus machen. Wie das einhändige Klatschen. Etwas anderes bleibt einem gar nicht übrig.
Manches kommt über einen wie ein Traum und löst sich nie wieder auf. Sechs Jahre lang ist mir immer wieder John Irvings Hodensack eingefallen, natürlich jedesmal, wenn ich etwas über ihn las, aber meistens völlig anlaßlos.
Am 26. März 2000 erhielt John Irving den Oscar für sein Drehbuch zu Gottes Werk und Teufels Beitrag. Bei der Zeremonie sah er genauso lauernd aus wie bei meinem Besuch in Vermont, doch diesmal trug er einen, natürlich viel zu knappen, Anzug. Als er auf der Bühne stand und seine Dankesrede hielt, fiel mir sofort wieder der Satz ein: "Übrigens habe ich John Irvings rechten Hodensack gesehen".
Vermutlich ist das eine Metapher, aber ich weiß nicht, wofür. Catch. And no release.
- Sie haben da im Schaufenster ein Kopiergerät, ein tschechisches, fünfhundert Blatt in der Stunde: sagte der Mann: kann man das kaufen? Dem Verkäufer rannen mehrere denkbare Entwürfe zu Antworten in schnelles Stottern zusammen, kurz atmend brachte er einen Laut der Bestätigung zustande. [...]
- Ich meine bloß... wird denn da die Nummer vom Personalausweis aufgeschrieben...: fuhr der Mann fort.
Uwe Johnson, Versuch ein Kopiergerät zu kaufen. Aus: Das dritte Buch über Achim, Suhrkamp, Frankfurt/Main 1961.
liest gerade Martin Monobrow Walser aus dem Tod eines Kritikers vor. Im Hintergrund der Bodensee, der nichts dafür kann. Bei manchen Sätzen sieht er so konfus aus, als würde er live, während des Vorlesens, selbst mitbekommen, wie schlecht das Zeug ist.
[anyone lived in a pretty how town] e.e. cummings
anyone lived in a pretty how town (with up so floating many bells down) spring summer autumn winter he sang his didn't he danced his did
Women and men(both little and small) cared for anyone not at all they sowed their isn't they reaped their some sun moon stars rain
children guessed(but only a few and down they forgot as up they grew autumn winter spring summer) that no-one loved him more and more
when by now and tree by leaf she laughed his joy she cried his grief bird by snow and stir by still anyone's any was all to her
someones married their everyones laughed their cryings and did their dance (sleep wake hope and then)they said their nevers they slept their dream
stars rain sun moon (and only the snow can begin to explain how children are apt to forget to remember with up so floating many bells down)
one day anyone died i guess (and no-one stooped to kiss his face) busy folk buried them side by side little by little and was by was
all by all and deep by deep and more by more they dream their sleep no-one and anyone earth by april wish by spirit and if by yes
women and men (both ding and dong) summer autumn winter spring reaped their sowing and went their came sun moon stars rain
Ror Wolf: Gerd Müller
Ich rede nicht viel, sagt Gerd Müller, aber wenn ich den Mund aufmache, dann hören Sie meine Meinung. Er verzichtet auf einen Schlafanzug und schläft auf dem Bauch. Er sagt: achtundachtzig Minuten herumstehn ist nichts für mich, das ist nicht nach meinem Geschmack. Müller, ein Frühaufsteher, der morgens die Semmeln holt, kann auch Kaffee kochen. Er hat beide Arme gebrochen, einen Wadenbeinbruch und mehrere Bauchmuskelzerrungen; die Rißwunden an seinen Beinen kann man gar nicht mehr zählen. Zu Hause lebt er ziemlich bescheiden. Er sagt: ob ich berühmt bin ist mir ganz wurscht. Niemals hätte er eine Frau mit dicken Beinen geheiratet. Kein Wunder, daß dieser Mann nun zwei Stücke Kuchen aus der Einkaufstasche holt: für Dich, mein Liebling, das magst Du doch. Ehefrau Uschi ist die liebenswerte Sekretärin von einst geblieben, auch wenn sie heute einen Nerz, einen Persianer und einen Ozelot besitzt. Die Wände sind mit dunkelbraunem Stoff bespannt; und während der Bomber seine Brötchen mit Marmelade bestreicht, liest er vornehmlich Würdigungen seiner Arbeit. Er war ein armer bescheidener Webergeselle, er sagt: ich tue nur meine Pflicht. Äußere Zeichen sind da ein dunkelblauer Mercedes 450 SE, sein Besitz in Straßlach, der Bungalow mit Schwimmbad, Sauna, Solarium und seine Werbeagentur. Die alten Freunde von früher sind auch noch heute seine Freunde. Am Abend bespricht er bei einem Glas Whisky mit Cola noch einmal alles mit seiner Frau: den Tag und seine Entscheidung. Nun ist Gerd müde. Er spricht nicht mehr viel. Gute Nacht, häng bitte noch Deine Hose über den Bügel. Um 23 Uhr gehen bei Müllers die Lichter aus. Ein Tag im Leben geht zu Ende.Dazu: Lektüreerfahrungen von japanischen und deutschen Lesern. Ende des Monats wird Ror Wolf übrigens 70.
Der leider unbekannte und unbedingt empfehlenswerte österreichische Autor Franz Weinzettl hat ein neues Buch geschrieben. Hier die Besprechung in der NZZ.
Es gibt einen anderen Dornbusch, man muß ihn suchen – verkünden die geheimen Stimmen jener, denen die Schergen der alten und der neuen Herren auf den Fersen sind – und finden wir ihn nicht, so werden wir ihn pflanzen. Gesegnet seien, die so sprechen. Daß doch die steinigen Wege ihren Füßen nicht zu hart werden und ihr Mut nicht geringer als unser Jammer.
So sprach der Fremde, ehe er uns wieder verließ. Wir versuchten, ihn schnell zu vergessen, ihn und den bittern Geschmack seiner Hoffnung. Wir waren müde des ewigen Anfangs.Aus Sperber wieder aufgetaucht, immer noch ganz benommen, immer noch elektrisiert. Ich werde darüber mehr schreiben und das Elektrisierte und das Benommene erklären müssen, für den Anfang nur so viel. An Sperber, der doch einen Abschied an den Kommunismus (jenen Stalins, des Kalten Kriegs, Katyns, des Irgendwas-in-einem-Lande) geschrieben hat, ist mir seit langem wieder zum erstenmal die Sehnsucht nach dem Kommunismus aufgegangen, die Sehnsucht nach einer Association der Freien, mit keinerlei Chancen auf Erfolg natürlich, aber die Sehnsucht hat er mir wieder gegeben. Die Großherzigkeit Sperbers beschämt einen sowieso ein ums andere Mal; er schafft es nicht nur, dass man sich inmitten eines Buchs, das sich lossagt vom Kommunismus, zum Kommunismus gezogen fühlt, er bringt es auch zuwege, dass man alten Aristokratinnen, die mit brechender Stimme Plädoyers für die Restauration der Monarchie halten, die Gefolgschaft erklären will, und nicht nur aus Empathie für die Verlierer der Geschichte, sondern wegen ihrer Untergangs-Hellsichtigkeit, die der hübschen neuen Nachuntergangs-Welt ein paar unangenehme Wahrheiten zu sagen hat. Na ja. Man müsste mehr sagen dazu. Später.
österreichischer Literatur werden von der Nationalbibliothek nützlicherweise hier annotiert.
Gestern beim Nachhauseweg mit M. überlegt, ob man nicht für Bücher Oscars in allen möglichen Kategorien vergeben sollte. Sofort würde Literaturkritik wieder interessant werden. In der Literaturkritik nämlich kommen ja die Qualitäten, die einem beim Lesen wichtig sind, meistens zu kurz. Die besten männlichen und weiblichen Nebenfiguren zum Beispiel (bei mir ist es gerade der Professor Steffen in Sperbers Träne im Ozean), die besten special effects, die besten ersten Absätze, der beste Dialog, die beste supporting landscape usw.
Der Vorteil, den ein solches Verfahren hätte, liegt auf der Hand: Man nähme die Literatur als Handwerk, als Technik zur Kenntnis; man könnte sich über überschaubares Material streiten; und die Produzenten, also die Autoren, hätten endlich etwas, wofür sie sich selbst interessieren würden. Autoren interessieren sich nämlich nicht für Botschaft, geistigen Abhub und ähnlichen Unsinn (sonst wären sie Pfarrer, Sonntagsredner oder Reich-Ranicki geworden), sondern für Verfahrensweisen, Tricks und ähnliches.
Heute morgen dann im Autoradio ein Bericht über die Leipziger Bücherpreis-Gala. In fünf Minuten fällt ein halbes Dutzend mal das Wort "Oscar". Biolek kriegt einen, die Harry Potter-Autorin und Christa Wolf. Die Trophäe ist von Grass zusammengestümpert worden, und Frau Wolf warnt in ihren vier Sätzen Rede-O-Ton, man dürfe den Warencharakter der Literatur nicht zu wichtig nehmen. Gähn. Und alle im Saal haben sicher ergriffen geguckt dabei. Doppelgähn.
Nicht das, was ich mir vorgestellt habe.
Schon klar, das folgende lange Zitat ist nicht wenig naiv, und beim Abtippen wollte ich oft dazwischenblöken, vom besseren Wissen zum Blöken angestachelt, wie es mir oft geschieht. Andererseits hat es mich traurig gestimmt, dass 30 Jahre später kein etablierter Schriftsteller solche Sätze schreiben, kein Film so beginnen, keiner solche Sätze anders als zynisch kommentieren, kein öffentlich-rechtlicher Fernsehsender einen Film, der so begänne, in Auftrag geben könnte. Die Zeiten sind nicht danach, sie zwingen niemanden zu solchen Sätzen. Und das kommt mir heute abend wie ein Verlust vor.
Die Sätze übrigens stammen aus Peter Handkes "Chronik der laufenden Ereignisse", einem Script für einen Fernsehfilm, der 1971 vom WDR ausgestrahlt wurde. Für 3 € am Samstag geschossen, zusammen mit Hilde Spiels "Dämonie der Gemütlichkeit", ein Titel immerhin, der zu den Zeiten besser passt.
Jetzt erscheint auf dem dunklen Bild ein Rolltitel:
"1969. Alles ist im Umbruch begriffen. Kein Wert mehr wird als gesichert betrachtet, keine Ordnung mehr gilt als endgültig. Alle Vorstellungen von Gut und Böse, Recht und Unrecht, Wahr und Unwahr sind über den Haufen geworfen. Keiner mehr ist seiner Sache sicher. Eine heilsame Verwirrung hat überall eingesetzt und jedermann nachdenklich gemacht. Verstört beginnt man sich allerorten zu fragen, wie man denn leben solle.
Das Problem, wie man die Verhältnisse zueinander neu ordnen könne, geht an niemand vorbei; es beschäftigt die Menschen in den Betrieben, in den Büros, in den Warenhäusern: kaum einer von ihnen kann sich der Überzeugungskraft der neuen Ideen entziehen. Etwas muß geschehen! ist die übereinstimmende Auffassung; was aber geschehen muß, darüber wird allenthalben nachgedacht, und die Ergebnisse werden in nie gekannter Offenheit diskutiert und in Dialogen, die von allen Seiten - Lohnabhängigen und Lohnunabhängigen, Bemittelten und minder Bemittelten, Oben und Unten - mit der gleichen Einsicht in die Notwendigkeit veranstaltet werden, miteinander abgestimmt.
Mit brennender Sorge arbeiten die offiziellen Stellen an Plänen für eine gerechte Aufteilung von Kapital, Grund und Boden, Aufwand der Arbeitskraft, und damit auch an einer gerechten Aufteilung von Gedanken, Schmerzen und Freude. Jeder ist für jedermann offen. Immer mehr Individuen erkennen die Ursache ihres Unmuts, ihrer Alpträume; immer mehr Individuen verlieren die Scham, einander Fragen zu stellen; immer mehr Individuen erkennen an sich ein Bedürfnis, durch Fragen die Voraussetzung dafür zu schaffen, daß die Verhältnisse neu geordnet werden.
Wie also soll man leben? Wie miteinander leben? Wie einander und sich selbst lebend ein Bedürfnis sein? Wie falsche Bedürfnisse durchschauen? Wie echte Bedürfnisse erkennen? Wie die Schmerzen so im Gleichgewicht halten, daß sie notwendig zur Entstehung der Freude gehören? Und wie die Freude so im Gleichgewicht halten, daß sie nicht übermäßg schmerzhaft wird? Und wie Schmerzen und Freude so im Gleichgewicht halten, daß sie nicht beide die Gedanken verhindern? Und wie die Gedanken so im Gleichgewicht halten, daß sie gerade so schmerzhaft sind, daß man sich an ihnen gerade so freuen kann, daß man sie weiterdenken möchte? Wie soll man leben?"
Als der Rolltitel verschwunden ist, setzt sofort erregte Musik ein...
Alexander Kluge. In den Glossen, einem immer wieder gerne gelesenen Ezine zu Literatur, Film und Kunst am Dickinson College in Carlisle (USA) fast die Beiträge von und über Alexander Kluge übersehen: Ein langes Interview von Mitte 1999, ein kleiner Text über biographische Spuren im Werk, drei kurze Erzählungen - Heidegger | Ein Leitfaden, wie man glücklich wird | In den Tiefkellern der Museen am Spreeufer - letztere auch als Video und Audio zum Download.
Als sie sich im Bett räkelte, wachte Haku halb auf und murrte: "Hatte ich einen eigenartigen Traum!" Mayuko wußte: Erzählt er mir jetzt zuerst seinen Traum, geht mein eigener Traum unweigerlich verloren. [Minako Obe, Träume fischen]
Der Schauspieler ahmt sinnlos den Menschen nach, er differenziert im Ausdruck und zerrt eine andere Person dabei aus seinem Mund hervor, die ein Schicksal hat, welches ausgebreitet wird. Ich will keine fremden Leute vor den Zuschauern zum Leben erwecken. Ich weiß auch nicht, aber ich will keinen sakralen Geschmack von göttlichem zum Leben Erwecken auf der Bühne haben. Ich will kein Theater. Vielleicht will ich einmal nur Tätigkeiten ausstellen, die man ausüben kann, um etwas darzustellen, aber ohne höheren Sinn. Die Schauspieler sollen sagen, was sonst kein Mensch sagt, denn es ist ja nicht Leben. Sie sollen Arbeit zeigen. Sie sollen sagen, was los ist, aber niemals soll von ihnen behauptet werden können, in ihnen gehe etwas ganz anderes vor, das man indirekt von ihrem Gesicht und ihrem Körper ablesen könne. Zivilisten sollen etwas auf einer Bühne sprechen! Vielleicht eine Modeschau, bei der die Frauen in ihren Kleidern Sätze sprechen. Ich möchte seicht sein! [Elfriede Jelinek, , Theater Heute Jahrbuch 1983]
Of critics, the one I can least stomach is the thunderstealer who slyly and regularly goes in for the "As someone has aptly remarked" and the "As someone has cleverly observed" stuff. He is the kleptomaniac of criticism, the shoplifter in the literary jewelry store, the left-handed glory grabber. He is a critic in the sense that a phonograph is an opera singer. He is the oyster in the pearl. He borrows the cigar, borrows the tip-clipper, borrows the holder, borrows the match - and then congratulates himself warmly on achieving by himself the climacteric grand spit. [George Jean Nathan, Répétition Générale]
So sehr mir Heine im Gespräch unter vier Augen gefiel, eben so sehr mißfiel er mir, als wir ein paar Tage später bei Rothschild zu Mittage waren. Man sah wohl daß die Hauswirthe Hein'e fürchteten, und diese Furcht mißbrauchte er um sich bei jeder Gelegenheit verdeckt über sie lustig zu machen. Man muß aber bei Niemand essen, dem man nicht wohlwill, und wenn man Jemand verächtlich findet muß man nicht bei ihm essen. Es setzte sich daher auch von da an unser Verhältniß nicht fort. Unter den Gästen bei Rothschild befand sich auch Rossini. Ich hatte ihn vor Jahren flüchtig in Italien gesehen. Jetzt war er ganz Franzose geworden, sprach die fremde Sprache wie ein Eingeborner und war unerschöpflich an Witz und Einfällen. Seine Feinschmeckerei ist bekannt. Er war, obwohl Hausfreund, dießmal vornemlich geladen um die Proben einer anzukaufenden Partie Champagner zu versuchen, worin er als ein vorzüglicher Kenner galt. Beim Nachhausegehen giengen wir eine Strecke mitsammen. Ich fragte ihn ob das Gerücht wahr sey, daß er für die Krönung des Kaisers von Östreich zum König von Italien eine Oper schreibe. Musikalisch merkwürdig war mir seine Antwort. Wenn man Ihnen jemals sagt, erwiederte er, daß Rossini wieder etwas schreibe, so glauben Sie´s nicht. Erstens habe ich genug geschrieben, dann giebt es Niemand mehr der singen kann. Im Übrigen habe ich in Paris gesehen was Jedermann sieht, es ist daher darüber nichts zu sagen. [Franz Grillparzer, Selbstbiographie]
"What a dream it was," Kismine sighed, gazing up at the stars. "How strange it seems to be here with one dress and a penniless fianc_!
"Under the stars," she repeated. "I never noticed the stars before. I always thought of them as great big diamonds that belonged to some one. Now they frighten me. They make me feel that it was all a dream, all my youth."
"It was a dream," said John quietly. "Everybody's youth is a dream, a form of chemical madness."
"How pleasant then to be insane!"
"So I'm told," said John gloomily. "I don't know any longer. At any rate, let us love for a while, for a year or so, you and me. That's a form of divine drunkenness that we can all try. There are only diamonds in the whole world, diamonds and perhaps the shabby gift of disillusion. Well, I have that last and I will make the usual nothing of it." He shivered. "Turn up your coat collar, little girl, the night's full of chill and you'll get pneumonia. His was a great sin who first invented consciousness. Let us lose it for a few hours."
So wrapping himself in his blanket he fell off to sleep.
[F. Scott Fitzgerald, The Diamond as Big as the Ritz.]
Die wenigen Male, bei denen ich Lust hatte, meinen Fernseher zu zertrümmern, waren die, als ich auf der Mattscheibe die satanische Fratze von Dr. Lacan erscheinen sah. Selbst der perverseste Filmemacher würde es sich dreimal überlegen, ehe er diesen Mann für einen Vampirfilm engagierte [Claire Goll, Ich verzeihe keinem]
Dann gründete ich in einem Teil des Englischen Gartens ein Geschäft. Ich vermietete hinter dem Haus der Kunst Sträucher als Stundenhotels für Liebespaare. Ich akzeptierte nicht jedes Liebespaar. Das sprach sich schnell herum und brachte mir, leider, Zulauf. Ich war ein Bettler und war wachsam; wer in meinen Sträuchern liebte, kam verändert heraus, das merkten zuerst die Betroffenen, schließlich auch ich selber. Wie das geschah, wusste keiner, ich am wenigsten. Ich nahm für jede Vermietung 50 Pfennige und es wurden mir bald höhere Geldbeträge angeboten, aber das lehnte ich ab, denn ich wollte nur der abseits phantasierende Wächter ganz bestimmter Liebespaare sein, und ich wollte es nur für eine halbe Mark und nicht für mehr sein. Ich sah mir die Pärchen nur sehr unaufdringlich an und sagte dann: "Sie können einen Strauch haben", nahm das Entgelt; oder ich sagte: "Es tut mir leid, mit meiner Einwilligung können Sie hier keinen Strauch haben." Dann bot man mir jedesmal mehr Geld, niemals gab es Empörung. Und jedesmal sagte ich dann ruhig und mit Überzeugung: "Stecken Sie ihr Geld ein, lieben Sie sich überall, aber Liebe in einem Strauch würde Ihnen schaden, und das hat nichts mit dem Wert oder Unwert Ihrer Person zu tun, vertrauen Sie mir einfach." Wenn ich einem Liebespaar einen Strauch überließ, so ging ich abseits und fantasierte. Sonst nichts. [Ernst Herhaus, Kapitulation]
Ich schreibe das Buch gegen mich, gegen die Zeit, gegen die Gesellschaft und vor allem gegen die Wahrheit sozusagen und gegen die Jugend, gegen alles was nachdrängt und dem Platz gemacht werden soll. Nicht daß ich etwa länger bleiben will, ich schreibe nur gegen die Unwahrheit, daß eine Zeit kommt etc., wo alles besser sein wird. Es soll gar nicht besser werden. Das wird dabei viel verlangt von einem Verleger, der ja auf Leser Rücksicht nehmen muß. Ich weiß das alles. Ich bin doch selber Geschäftsmann. Man muß also den Leser einlullen und beschwindeln. Das muß sehr vorsichtig angefangen werden, das muß gut ausgewogen sein, wie weit man da gerade noch gehen kann. Schließlich ist doch die Sache so: Wenn jemand zu einem Bekannten kommt und erklärt, er werde jetzt Selbstmord begehen, so ist die Antwort einleuchtend genug: aber nicht hier in meinem Zimmer - so ungefähr ist es doch mit dem Leser. [Franz Jung, Schriften und Briefe II, 1087]