Ach ja, dachte ich müde. Jetzt werfen sie sich in diese Besorgnis, in die sie sich immer werfen, wenn das Gewebe wieder einmal gerissen ist. Wir müssten. Alle müssten wir. Noch eine Debatte, ach ja. Kaputte Familien, überforderte Lehrer, Leistungsdruck, kalte Gesellschaft. Man hat in den Abgrund geschaut, und jetzt wird mit Sätzen gefuchtelt. Als ob Abgründe sich mit Sätzen verkleben ließen. Was ihnen einfällt, ist sowieso immer nur dasselbe. Es sind die alten Ruten. Und die Werte, auf die wir alle uns besinnen sollen, werden nicht zu leben beginnen, bloß weil man sie ab sofort statt der Gewalt im Vorabendprogramm von Kabel 1 spielen will.

Das Interessante an dem Erfurter Fall, jedenfalls das mir Interessante, um mehr geht es hier ohnehin nie, steckt in den Nebensätzen der Berichte. Es kommt mir so gespenstisch deutsch vor: Keiner hat etwas falsch gemacht, und alles geht schief. Mich hat es zum Beispiel gewundert, dass man in Thüringen wegen ein paar gefälschter Unterschriften jemanden ein paar Wochen vor seiner letzten Abi-Chance von der Schule feuert, im Wissen, dass der dann kaum noch auf die Beine kommen wird können; irgendwo habe ich gelesen, dass man in Thüringen nur zwei Chancen aufs Abi hat: falls man sie nicht besteht, hat man noch nicht einmal einen Real- oder Hauptschulabschluss. Man schmeißt also so jemanden raus, weiß, dass er dann ins Leere fällt, und kümmert sich nicht um ihn. Man muss seine Eltern nicht verständigen, weil er schon volljährig ist, also tut es keiner. Keiner, der da mal zu Hause anruft, sich über den Datenschutz hinwegsetzt, und sagt, was da gerade passiert ist. Sicher, keiner rechnet damit, dass so einer dann sich ein paar Knarren schnappt und 16 Leute totschießt, aber was man sich vielleicht hätte denken können, ist, dass so einer sich selbst umbringt. Und wissen hätte man können, dass einer, dem man gerade ziemlich viel Zukunft weggenommen hat, ganz sicher unter einem barbarischen Stress stehen muss. Wahrscheinlich war keiner zuständig dafür, wahrscheinlich muss es ja hier erst zehn Jahre Kommissionen, Kultusministerkonferenzen, Lobby-Arbeit, zähe Verhandlungen mit der Gewerkschaft geben, bis man vielleicht auf die Idee kommt, dass in solchen Fällen ein Lehrer zu einem Telefon greifen könnte, um Eltern anzurufen und zu sagen: Hört mal, wir mussten den von der Schule schmeißen, da gibt es jetzt ein Problem, um das sollte man sich kümmern. Mir jedenfalls kommt das so erschreckend kalt vor; in Firmen, den modernen jedenfalls, gibt es mittlerweile an der einen oder anderen Stelle Outplacement-Programme für Leute, die gekündigt werden, man überlegt sich ein wenig, versucht es jedenfalls; bei 18jährigen: nee, dafür haben wir keine Zeit, sind wir zu überfordert, was weiß ich. Die anderen Schilderungen gehen in die selbe Richtung. Keiner mochte den wirklich, steht da zu lesen, der lief immer so mit, hatte keine Freunde, machte blöde Sprüche, war manchmal ein Großmaul. Ein Einzelgänger halt. Kennt man, hat man erlebt, gab es immer. Man rollt die Augen und ignoriert den. Dann war da dieser Satz im Spiegel: Bei Klassenreisen war der immer der Letzte bei der Zimmer- und Bettenverteilung. Ich habe mich dabei an meine Lehrer erinnert. Viele von denen waren zwar Schinder, aber ich kann mich an keinen erinnern, der so etwas zugelassen hätte. Dass man da jahrelang zusieht, wie einer immer neben den anderen steht und bei jeder Zimmer- und Bettenverteilung als der Letzte dasteht, der letzte Depp, der Übrigbleiber. Da hätte der eine oder andere schon dafür gesorgt, dass das manchmal anders abgelaufen wäre. Kann man nämlich. Aber, okay, das ist nicht der Job. Sie sind ja nicht für alles zuständig, verstehe ich schon. Kalt, das. Herzlos, das. Das war der Eindruck, der mich anwehte aus all den Erfurt-Berichten. Jeder hat alles richtig gemacht, aber alles geht schief. Und jetzt wollen wir über die Werte reden und die Waffengesetzte verschärfen und die Volljährigkeitsgrenze erhöhen. Die große Selbstzerknirschungsmühle mahlt. Ich glaube, in den 15 Jahren, in denen ich in Deutschland lebe, habe ich das Geräusch dieser Mühle jedes Jahr ein paar Mal gehört. Jedesmal habe ich gedacht: Habt ihr es nicht eine Nummer kleiner? Denkt nicht immer über die Werte, die Gesetze, die Debatten, die Videotheken, die Familien nach. Sondern kümmert euch halt um die Leute, von denen klar ist, dass sie in einer Situation stecken, die den einen oder anderen zum Austicken bringen könnte. Weiß auch nicht.

Ich habe ja auch zwei Kinder, die in Schulen stecken. Ich beobachte das aus größerer Ferne, als mir lieb ist, weil ich nicht mit den beiden lebe, aber ich kriege einiges mit, zweimal die Woche sehen, fast jeden Tag telefonieren, man hat das schon im Blick. Die Schulen sind okay. Man kann ihnen nichts vorwerfen, die Lehrer sind okay, man kann ihnen nichts vorwerfen, nicht wirklich. Was nicht okay ist, ist das System. Das System, kommt mir vor, ist eine komplett verrückte Fehldosierung aus Versuchen, pädagogisch gehaltvoll zu sein, und dem Bedürfnis, Stoff, Lehrpläne abzuarbeiten. Man ist liberal, nett zu den Kindern, toleriert den Lärm, die Hyperaktivität all das, man redet dann mit den Eltern darüber, ist sich einig, dass man das beobachten müsse, aber ohne Hysterie, ohne Druck usw. Gleichzeitig überzieht man die Kids mit einem Pensum, über das ich nur den Kopf schütteln kann. Neulich habe ich mit meiner Tochter, achte Klasse, das Lösen von Gleichungen mit zwei Unbekannten, geübt. Nicht besonders schwer, eigentlich. Schwer ist es nur, weil man gleich insgesamt fünf Lösungsmethoden lernen muss. Zwei geometrische, drei algebraische. Matrizen zeichnen, Geraden ziehen, Schnittpunkte lokalisieren, einen Moment später x für y substituieren, oder das y = 0 setzen. Man lernt für dasselbe Problem also fünf Lösungen, hat aber für keine wirklich Zeit. Toll. Jetzt weiß ich, was man mathematisch alles können könnte, aber kann es nicht. Es ist zu viel. In Französisch nach eineinhalb Jahren um zwei bis drei Zeiten mehr als ich damals. Dafür sitzt keine so richtig. Geografie, das war das Verrückteste, an das ich mich erinnern kann, begann mit einem Vierteljahr Maßstabsberechnungen. Wieviel ist so und so viel auf der Landkarte in Wirklichkeit? Man kann nicht abstreiten, dass das wichtig ist, aber kann sich irgendjemand vorstellen, dass man mit einer solchen Einführung Interesse fürs Fach entwickeln könnte? Könnte man denen nicht, wie mir damals, irgendwas darüber erzählen, wie es anderswo auf der Welt aussieht und was die Menschen dort so tun? Ist doch Geographie, nicht wahr?

Sehr aufschlußreich für mich sind die Geschichtsbücher meiner Tochter. Meine Tochter geht nämlich in ein Gymnasium, in dem Jahr für Jahr ein wenig mehr nicht mehr auf Deutsch, sondern auf Englisch unterrichtet wird. Zuerst Englisch, dann Sport und Englisch, dann Geschichte, Sport und Englisch. Und so weiter. Am Ende der Schulzeit hat sie dann klasse Sprachkenntnisse und einen Abschluss, der sie für englische und amerikanische Unis qualifiziert. Das führt unter anderem dazu, dass sie auch englische und amerikanische Schulbücher hat. Das für Geschichte stammt aus England und ist großartig. Nicht besonders dick, aber immens konzentriert. An Fragestellungen orientiert statt an Zahlen, Herrschern usw. Das letzte Kapitel, das ich mit ihr gelernt habe, handelte von der Aufhebung der Leibeigenschaft. War alles erstens korrekt, zweitens nachvollziehbar, drittens außerordentlich spannend dargestellt. Wie das Land in den englischen Dörfern neu aufgeteilt wurde; dass viele in den freien Bauernstand Entlassenen ihren Besitz verloren, weil sie sich die Gerichtsschreibergebühren nicht leisten konnten, usw. Gesetzeslage, Interessenslagen, Prozeduren, Folgen, Probleme. Alles auf 10 Seiten, gut illustriert, klasse layoutet, interessant geschrieben. Sofort stieg das Interesse, der Enthusiasmus, das Verständnis. Die deutschen Schulbücher, die sie hat, sind alle längst nicht so gut. Schlechter als die, die ich damals in Österreich hatte. Das Erstaunlichste ist, wie gesagt, wie viel die lernen müssen. Immer Neues, immer weiter. Alles sehr exzessiv vom Vollständigkeitswahn charakterisiert. Als sollten die Kids Enzyklopäden werden. Den Lehrern bleibt nicht viel anderes übrig, als das irgendwie durchzukriegen. Gut, man kann da oder dort auf etwas verzichten, aber im Grunde ist es eine barbarische Paukerei. Selbst das wäre nicht besonders schlimm, falls es noch so wäre wie damals bei mir. Ich konnte mir leisten, eine Null in Physik, Chemie, Bio zu sein, das hat mich nie interessiert, ich hab halt gerade mit Müh und Not so viel gelernt, dass ich nie sitzenblieb. Die Lehrer haben das akzeptiert, irgendwie versteht ja jeder halbwegs vernünftige Mensch, dass einen nicht alles interessiert, was soll´s. Hier ist es aber so, dass man von klein auf mit diesem Durchschnittsnotenscheiß traktiert wird. Ist noch nicht so entscheidend in der achten Klasse, aber ich weiß, dass es auf die Kids zukommen wird. Wieviele Punkte. Welche Gesamtdurchschnittsnote. Der reine Irrsinn. Ich merke das immer im Job, wenn ich Bewerbungen für Volontariate oder Praktika auf den Schreibtisch bekomme. Diese Lebensläufe, in denen dann immer die Gesamtnoten stehen. Als ob man mit 1,4 oder 1,1 ein besserer Journalist werden könnte als mit 4,0. Ich sage denen dann immer, dass mir ihre Zeugnisse egal sind und dass sie mir dafür lieber drei selbstverfasste Texte schicken sollen, von denen sie überzeugt sind. Dann sind sie enttäuscht. Unter anderem, weil sie oft keine Texte geschrieben haben. Sie wollen zwar Journalisten werden, haben aber noch nie irgendwas geschrieben. Das hat ihnen nämlich keiner je gesagt, und deswegen wissen sie das nicht, dass es vielleicht nur darum gehen könnte. Man hat sie immer nur hingetrimmt auf Gesamtnotenwerte, Zahlen mit Stellen hinter und vor dem Komma. Hat mich immer schon verstört, dass man sich hierzulande einbildet, man könnte damit bessere Ärzte, Rechtsanwälte, Philosophen, Biologen ziehen. Na ja, man muss halt objektivieren. Also muss keiner sich mit der Subjektivierung Mühe machen. Gucken, ob einer ein grandioser Arzt werden könnte, obwohl er Geographie, Geschichte, Ethik und Mathe komplett versaut hat. Bei meiner Tochter geht das schon los. Die Zwei Minus, die Vier plus, die irgendwas irgendwas, die sie nach Hause bringt. Als ob es nicht eine Zwei, eine Vier tun würden. Bei mir damals gab es höchstens einen Römischen Einser, wenn du einen besonders tollen Aufsatz geschrieben hast, als Extrabelohnung, oder es gab eine Vier minus, wenn der Lehrer nett war und die keinen Fünfer geben wollte, obwohl man ihn verdient hätte (in Österreich ist die Fünf, was bei Euch die Sechs ist...). Differenzierungswahnsinn, Zahlenfetischismus. Da sitzen die Lehrer dann und denken darüber nach. Seltsam.

Das Ermüdende an all dem ist: Jeder weiß das. Jeder hält das für falsch, für nicht zielführend, für kontraproduktiv. Es ist ja alles schon hunderttausendmillionenmal gesagt worden. Und nicht erst seit den Ergebnissen der Pisa-Studie. Die liegt den Leuten hier eh nur im Magen, weil sie es jetzt statistisch aufgeschlüsselt haben, dass sie die größeren Deppen sind als die Engländer, die Amerikaner oder die Österreicher. Aber obwohl sie das wurmt, wird nichts geschehen. Weil hier die Erwachsenen genau so sind wie die Schulbücher, die sie ihren Kindern zumuten. Alles drin, auf nix verzichten wollen, in Detailhuberei versunken, Pensum bringen. Probleme sind nur dazu da, dass dann in der Zeit und in den wenigen anderen Blättern, wo man sich noch ernsthaft Gedanken macht über derlei Fragen, ellenlange Abhandlungen übers Allgemeine stehen. Es geht aber nicht ums Allgemeine. Nicht in der Schule. In der Schule geht es ums Einzelne, und um einzelne Kinder. Das eine wie die anderen verschwinden sofort, wenn die Erwachsenen darüber nachzudenken beginnen. Also wird es so bleiben wie es ist. Und jeder wird sich an die Vorschriften halten und keiner wird was falsch machen und alles geht schief.

Damit das hier nicht einfach wieder so eine kreuzblöde Lamentiererei bleibt, mache ich hier, sinnloserweise, zwei ganz praktische Vorschläge zur Reform des Schulsystems. Reine Fleißaufgabe, aber sie zeigen, worum es mir geht.

  1. Wenn ein Schüler von der Schule gefeuert werden soll, gibt es einen Outplacement-Zuständigen in der Lehrerschaft, der für jede Klasse zu Beginn des Schuljahres festgelegt wird. Sein Job ist es, mit dem Gefeuerten zu besprechen, wie dessen Leben weitergehen kann und ein psychisches Sicherheitsnetz aufzubauen. Außerdem hat er die Aufgabe, ein halbes Jahr lang jedes Monat einmal bei dem Gefeuerten und bei einer Person, die ihn kennt, anzurufen und sich nach dem Befinden zu erkundigen. Kann sein, dass er statt Dank nur Beleidigungen, Hohn und dergleichen erntet, aber da muss er durch, und es dennoch versuchen. Für jede Outplacement-Betreuung bekommt der Lehrer zwei Tage Extraurlaub oder sonst eine Gratifikation.

  2. Jeder Lehrer weiß, dass an Montagen Kinder aufgedreht sind. Zappelig, unkonzentriert, unfähig für anständigen Unterricht. Die Kids haben übers Wochenende zu viel ferngesehen, zu lange an den Konsolen gesessen, zu viel erlebt. Tausende Male beklagt, hunderte Male beschrieben, jeden Montag neu erlebt. Die Behörden wissen es, die Schulen wissen es, die Theoretiker wissen es, alle wissen es. Deswegen wird ab nächstem Schuljahr in jeder Schule der Republik der Wir-gehen-die-Woche-langsam-an-Montag eingeführt: Mindestens eine Stunde Sport (und zwar irgendwas wie Volleyball oder Basketball, keine Einzelkämpferleistungen), mindestens eine Stunde irgendwas Kreatives (Theater, Malen, Musik), mindestens eine Stunde, in der man eher diskutiert als paukt, kein einziger Hauptgegenstand, keine Schularbeiten. Erst wieder dienstags. Einfache Lösung, funktioniert, muss man bloß organisieren, aber das kann ja der Computerkurs machen.






Gutes Stück Text!

Hmm, nachdenklich macht mich nur der Widerspruch, dass Du Dich oben über das "müsste man" beschwerst, und unten selber ein "müsste man" bringst. Auch die Beschwerde über die "Kalte Gesellschaft" stört Dich oben, unten aber sagst Du, wie kalt und herzlos Du die Lehrer findest.

Ansonsten stimme ich Dir voll zu, ich gehe sogar einen Schrit weiter: Warum muss man die Kinder von der Schule schmeißen? Noch dazu wegen soetwas? Ein problematischer Schüler, an die anderen Kinder ihr Sozialverhalten erlernen können, das ist doch besser als jedes Schulbuch. Muss halt auch wieder bezahlt werden mit ein wenig "Dummheit" bei der nächsten PISA-Studie.

Ich hab es schon in meinem Log geschrieben: Was ist das für ein Land, das immer nur alles Schwache rausschmeißt, ausweist, ausgrenzt, absondert? Anstatt zu integrieren. Wir brauchen mehr Behinderte, Ausländer, Problemkinder, Geisteskranke an den Schulen, damit dort etwas über die Gesellschaft gelernt werden kann.

War auch ein "müsste man". Find ich aber nicht schlimm...

Gruß, KerLone


ich finde

lieber eiswürfel kalt als eisberge. so ungefähr. nicht die gesellschaft, sondern manches an ihr, und die lehrer auch nicht, bloß einiges an einigen von ihnen. das problem bei solchen dingen ist es, glaube ich, dass man allgemein zu sprechen genötigt ist, während man weiß, dass man damit nicht besonders weit kommt.

Deinen letzten Absatz würde ich sofort in mein Schul-Reformprogramm aufnehmen.


Spezielle SchülerInnengeister

erfordern spezielle LehrerInnengeister. Vor allem, wenn sie "krank" sind.

Was macht der durchschnittliche LehrerInnengeist, der von einem "verhaltensauffälligen" Schüler bedroht wird? Wie liebevoll sieht da die Reaktion aus? Und was für Folgen hat diese Reaktion auf das weitere Zusammenarbeiten zwischen den beiden?

Wir sind doch alle weit offen für die gegenseitigen Suggestionen, die da sagen: "Du bist nicht gut genug. Du bist nicht perfekt/lieb/intelligent/schnell/technisch versiert/pädagogisch gebildet/professionell/ad infinitum../ genug." Und der Typ steht vor Dir, mit der hocherhobenen Waffe in der Hand, und sagt: "Und was wäre, wenn ich...". Alles schon dagewesen.

Wer vertraut denn schon der inneren Stimme, die sagt: "Jetzt ist's genug, so nicht". Wenn gleichzeitig das professionelle Über-Ich sagt: "Du musst ihn respektieren, so wie er ist. Nur keinen Druck."

Respekt vor den Mitmenschen, Respekt vor sich selbst. Die eigene Kälte erkennen. Sich der eigenen Wahrheiten bewusstwerden. Sachzwänge hinterfragen. Jeder. Jetzt gleich, bitte, und keine Ausreden mehr.


Tja

Im Zeitalter der Ökonomie werden die Grenzen getestet. Wieviel muss ich machen, damit ich durchkomme?


apropos rausschmeißen

ich hab die letzten drei schuljahre (im österreichischen waldviertel) jede elternunterschrift selbst gemacht und war das letzte jahr gerade mal so viel in der schule, dass sie mich nicht (weil 50% der unterrichtszeit mußte man da sein) rauswerfen konnten. gerade vor der matura ist bei uns geschwänzt worden, was das zeug hielt. wir sind in die schule gekommen und dann haben wir uns ausgemacht, wer dableibt und wer ins kaffeehaus geht - nicht immer die gleichen, würd sonst auffallen, nicht gar zu viele, würd auch auffallen. haben irgendwie auch die lehrer gewußt (die wir beim schwänzen gelegentlich im kaffeehaus getroffen haben), obwohl offiziell natürlich nicht. wegen eines gefälschten attests wär bei uns keiner rausgeflogen. schon gar nicht ein paar wochen vor matura. sanktionen, strafpredigten (so wie nach der sportwoche, während derer wir als fünfzehnjährige verdammt viel rumgesoffen haben und, äh, in betten erwischt wurden, die nicht unsere eigenen waren), elternbriefe, elterndiskussionen, für den einen oder die andere ein paar elternwatschen. schon ernsthaft. schon bestrafung. schon trauma. aber rausschmiß? nein.


Ich erinnere mich

bei diesem Text daran, wie mich die Schule körperlich krank gemacht hat, wie ich dieses System des Zwangslernens gehasst habe, wie ich in den meisten Fächern niemals verstanden habe, was ich da überhaupt lerne, wie mich die letzten, quälend langen Jahre unfähig gemacht haben, jemals wieder in hierarchischen, organisierten Systemen klar zu kommen, und mit welcher Erleichterung ich an dann an der Uni die Freiheit genossen habe, mich einfach nur Dingen zu widmen, die mich interessieren. Überhaupt glaube ich, dass mir die Schule massiv weniger als ein Zehntel dessen beigebracht hat, was ich weiß, bin usw. Vielleicht könnte man auch sagen, alles was ich an Wissen und Fähigkeiten angehäuft habe, habe ich trotz der Schule angehäuft. Das ist jetzt 20 Jahre her und vieles wird sich in der Zeit verändert und gebessert haben - aber ein bisschen, ein klitzekleines bisschen kann ich diesen Steini verstehen, der da reingeht und tabula rasa macht. Ich wette, ich hatte ähnliche Rachefantasien zu der Zeit. Die Leistungsrationalität, der Quasi-Feudalismus des Lehrertums und die Alternativlosigkeit des Schulsystems können junge Menschen durchaus in den Wahnsinn treiben, auch wenn sich die Schuld nicht auf einen bestimmten Punkt lokalisieren oder fixieren lässt. Die meisten werden halt krank, verweigern sich, werden aus dem System ausgesondert oder werden dann halt an anderer Stelle gesellschaftlich auffällig. Die wenigsten kommen mit der Knarre zurück. Aber man kann Erfurt glaube ich nur verstehen, wenn man sich die enorme Macht verdeutlicht, die Schule vor allem im negativen Sinn auf das Leben eines Jugendlichen ausübt. Sie kann relativ wenig gestalten, aber sie kann unendlich viel zerstören.


der rausschmiß

Ja, einen Outplacement-Experten braucht man. Leute, die weiterhelfen, die Augen öffnen, auf alternative Bildungswege, Ausbildungschancen, auf Chancen generell.
Aber das fällt für mich auch etwas unter die Tätigkeit einen an vielen Schulen fehlenden Schulpsychologen / Sozialarbeiter / Tutor.
Man kann wirklich nicht alles den Lehrern aufhalsen, es sei denn, man will die Lehrerkollegien wirklich massiv aufstocken. Denn Lehrer leisten neben dem Vormittagsunterricht doch ziemlich viel. (Ja, ich schreibe das, als teilweise einseitiges belastetes Lehrerkind.) Und es gibt sowas ja schon. Kontakt zwischen den Schulen, die Klassenlehrer natürlich, Beratungslehrer.

Trotzdem muß der Rausschmiß erhalten bleiben. Bei Schule denkt jeder, an liebe, nette 12, 13jährige und vergißt meist dabei, daß Schule auch später mit fast-schon-Erwachsenden stattfindet. 19jährigen. Leuten, die kriminelle Handlungen begehen, von Urkundenfälschen (Moment, dazu komme ich noch gleich), Drogendealer, Anfixer, bis hin zu seelischer, körperlicher Gewalt und Gewalt mit Waffen, Stickwaffen und Schußwaffen. Integrieren?
(Alles passiert und das in einer beschaulichen Kleinstadt)

Ja, die Urkundenfälschung. Es ist ein Delikt, besonders in so einem sensiblen Bereich wie der Medizin. Aber für ein simples gefälschtest Attest gibt es doch durchaus auch andere Möglichkeiten der Bestrafung. Klassenkonferenz mit Tadel oder so. Ich glaube das "Schulstrafrecht" (Keine Ahnung, wie das Ding heißt) hält da Massen an Möglichkeiten zur Verfügung.
Gerade passend:
www.acheta.de

(Und es ist geradezu peinlich für Thüringen, daß man in so einem Fall, nach einem Rausschmiß aus der 12 nur einen noch nicht mal qualifizierenden Hauptschulabschluß hat.)

Wenn ich mich recht erinnere gibt es im "Schulstrafrecht" neben dem üblichen Kleinzeugs folgende abgestufte Verweise:

  • Androhung des Verweises von der Schule
  • Verweis von der Schule
  • Androhung des Verweises von allen Schulen des Landes
  • Verweis von allen Schulen des Landes

Letzteres muß man sich mal auf der Zunge vergehen lassen. Schrecklich.


übrigens

gerade in der faz einen artikel gelesen, der angibt, einige der kursierenden informationen über den typ in erfurt wären nicht ganz richtig gewesen. so hätte man ihn zwar rausgeschmissen, das wäre aber unter dem stichwort versetzung an ein anderes gymnasium gelaufen. man konnte dann kein passendes finden (weil ein in frage kommendes keinen physik-leistungskurs hatte, und das scheint wichtig gewesen zu sein). auf jeden fall scheint es von seiten der schule nach dem rausschmiß schon hilfeleistungen gegeben zu haben, ganz so grauslich waren die also auch wieder nicht.


hm, ich habe es nur..

bis zu punkt 2 gebracht, dies aber 2 mal, denn bremen ist ja sehr liberal.
die androhung des verweises von allen schulen des landes stand im raum, aber ich hatte schon abgeschlossen mit dem thema und musste lediglich eine schule fuer hauswirtschaft besuchen, um meine schulpflicht (bis 18. lebensjahr oder 10.schuljahr (vollendet)) zu verrichten.
damit hatte ich nach der 9.klasse (10.klasse gym nach 3 wochen abgebrochen) einen hauptschulabschluss, waere mein durchschnitt ueber 3,2 (ich hatte viele 6en wg. fehlzeiten) gewesen, haette ich einen sog. qualifizierten hauptschul- abschluss gehabt, dem realabschluss gleichgestellt.
frustriert hat mich das alles nicht, denn ich habe es ja selbst soweit kommen lassen. und wenn ich auch schueler kannte, die gerne mal in der schule gezuendelt haben, wenn man auch selber gerne mal dem einen oder anderen lehrer in einer dunklen gasse getroffen haette:
was fuer einen lebensentwurf muss man haben, um wegen einem vergeigten abi massenhaft menschen umzubringen? was fuer eine sicht auf die welt ist noetig, um einfach andere fuer das eigene unvermoegen haftbar zu machen (btw: wer muss denn atteste faelschen? in jeder stadt gibt es mindestens einen doc holiday..)?
ob es nun die lehrer sind, die einen ums abi bringen, vermeintlich, oder die auslaender, die einem frauen und jobs abspenstig machen: da will jemand nicht erkennen, das an der eigenen misere zwar viele faktoren schuld sein koennen, aber letztlich liegt es doch an einem selber, ob man sich dadurch laehmen laesst oder immer noch versucht, das beste daraus zu machen.


i don`t like mondays..

was mich immer wieder wundert:
kaum einer fragt mal danach, wieso denn einige durchdrehn, andere aber, die ebensoviel probleme haben, das nicht tun. warum werden kinder nazis, warum laufen sie amok?
die schuld-seiende gesellschaft, das schuld-seiende system, warum bringt es die einen um und die anderen nicht?

einfache antworten gibt es darauf nicht.

und auch der "outplacement-beamte"(warum klingt das so verdammt nach outsourcing?) kann da nicht viel reissen, wenn es fuer den gefeuerten schueler einfach nichts gibt, was er weiter mit seinem leben anfangen kann/will.


individuelle unterschiede

sind evident - der eine zwilling geht vor die hunde, der andere macht karriere (ist das tatsächlich so?).

ein paar komplexitätsreduzierende schubladen, die mir dazu einfallen:

  • manche haben von menschen, bei/mit denen sie aufwachsen, gelernt, mit krisen umzugehen. andere haben das nicht gelernt.
  • einige von denen, die es nicht gelernt haben, kommen von selbst drauf. andere nicht.
  • es gibt unterschiede im körperbau, die sich auf die individuelle wahrnehmung auswirken. manche davon sind erworben, manche angeboren. jedenfalls können sie dazu führen, dass die gleiche situation von einem als aussichtslos, vom anderen als herausforderung gesehen wird.

stimmt, einfache antworten darauf gibt es nicht. und das wäre ja eine ziemlich einfache antwort: nicht schubladisieren, sondern nachfragen. sich die zeit nehmen, bei einem betroffenen einfach nachzufragen, anstatt auf das schlaue buch zu warten, das mir sagt, wie ich mich verhalten sollte.

wenn ich alle 10228 oder wievielesimmerauchsind problemfälle befragen müsste - nein danke, da strecke ich die patschen. aber bei dem einen, den ich kenne, sollte es doch möglich sein.


ich freund!

mir wäre es jetzt peinlich, aufzuzählen, was man alles verbessern könnte, da mir immer gleich viele argumente dagegen einfallen, und außerdem gesagt wird: zu teuer.

auf jeden fall bin ich der meinung, das bildung die wichtigste ressource für ein land, staat, kultur ist, in jeder hinsicht (außer vielleicht der bevölkerungsdichte - selbstgenozid?). und das sich durch gute bildung so ungefähr alles verhindern lässt, was die guten christen von heute als schlecht annehmen ( - und ich ja des öfteren auch nicht mag).

aber auch meine matura ist jetzt erst ein halbes jahr vorbei, und ich möchte davon erzählen, weil ich finde, dass ich eine schöne schulzeit hatte.

  • wir haben gesoffen, in massen, weil das unter schülern so üblich ist. es ist von den lehrern (stillschweigend) akzeptiert worden, wenn nichts auf den spiel stand (dann haben sie manchmal auch mitgetrunken), und wenn was auf dem spiel stand, dann nicht (wir tatens aber trotzdem).

  • wir haben geschwänzt, weil einem dadurch das gefühl der freiheit und selbstbestimmung bleibt. wir haben argumentiert, dass wir alt genug sind, selbst zu bestimmen, da wir auch unsere entschuldigungen selbst unterschreiben könnten, und es ist von ihnen akzeptiert worden oder nicht.

  • wir haben die frischlinge terrorisiert, weil wir damals selbst von großen schülern terrorisiert wurden,- die lehrer haben uns davon abgehalten oder mitgeholfen, je nachdem.

  • und wir haben auch alles andere gemacht.

es war die beste zeit meines lebens (auch wenn ich sonst noch nicht viel erlebt hab; von 20 jahren 14 jahre in der schule, und 1s im kindergarten). was das ganze aber so wunderbar gemacht hat, selbst die zeiten, in denen in der klasse dank eines ('scheißoaschsaudrecksau')-lehrers von 25 leuten 22 ein nichtgenügend hatten, - das waren ebenfalls die lehrer.

und zwar die, die uns als kunden und freunde, nicht als gegner und schmarotzer sahen. die, die uns als förderungswürdig betrachteten, und sich ihren respekt von uns verdienten. die, die sich für uns eingesetzt haben, und auch unsere eigenheiten akzeptierten. die, die uns beigebracht haben, das unsere zukunft echt geil werden könnte, und dass das nicht nur eine leere versprechung ist.

trotzdem hängt immer noch 1, 2 mal pro jahr die schwarze flagge auf dem platz vor der schule, weil sich wieder mal einer (seltsamerweise noch nie eine!?) erhängt hat. und die geschichte mit der pumpgun-androhung hatten wir auch schon (obwohl dann natürlich nichts war, aber wir waren froh drüber, weil wir so einen grund zum schwänzen hatten, und nachher sind wir ein bier mit dem möchtegernamokläufer trinken gegangen).

und mir tut es leid, denn wenn man als schüler die lehrer zu schätzen lernt, die praschls englisches geschichtebuch verkörpern, dann wäre vielen geholfen. aber so genau weiß ich das nicht, denn ich war bisher nie in der situiation, nicht eine handvoll dieser viel zu seltenen spezies zu haben.

aber eigentlich hat das fast nichts mit dem ganzen thema zu tun. trotzdem dank an die alten, die aus uns früchtchen spalierobst machten.


Der gute alte Steiner

ja den text fand ich gut, hat mich stark daran erinnert was versucht wird in der Waldorf Schule zu machen - den Kindern mehr Zeit geben. Das soll jetzt kein Plädoyer für Waldorf werden, denn ich hör schon wieder die ganzen Anfeindungen bezüglich Herrn Steiners mutmaßlicher brauner Ideen - wie auch immer: Es wird versucht an Waldorf Schulen, die offiziell zu den freuen Schulen zählen, etwas anders zu machen, den Menschen mehr Raum zu geben z.B. Gleichzeitig werden den freien Schulen die Gelder gekürzt damit Computer für Staatsschulen gekauft werden können und heute steht auf der Website der SZ ganz oben was von Rundem Tisch und TV Gewalt und weiter unten liest man, dass es wieder an Leuten für die Kinderbetreuung in Kitas und so fehlt. Gespart wird wieder am falschen Ende, denn Kinder haben keine Lobby, außer wenn sie als Konsumenten gesehen werden, dann werden sie geliebt von der Industrie.
So - das ist jetzt alles auch keine Lösung aber es sind meine Gedanken zum Thema. Grüsse Arkadij


Waldorfs...

vielen mir auch spontan ein, als ich das mit dem vielen Stoff zu lernen bei Deiner Tochter las.
Da wird wenigstens versucht, den Kindern den Stoff ihrem Alter gemäß zu vermitteln, also kein stures auswendig lernen von Klasse 1 - 12, sondern verschiedene Methoden je nach Alter bzw. Klassenstufe.

Was mich wundert: Wenn er volljährig war (der Robert S.), warum musste er dann die Unterschrift seiner Eltern für eine Entschuldigung fälschen? Während meiner Schulzeit brauchte ich ab der Volljährigkeit keine Entschuldigung der Eltern mehr, da konnte ich mich selbst entschuldigen.

????


Atteste

es hieß, er habe Atteste gefälscht.


ja ja, so lesense im internetz

nich richtich hingucken, aber schon mitter eigenen meinung am start. bestimmt waldorf. aba nich waldorf astoria!


Ach ja, die Anthros

Die "Anfeindungen" gegen die Waldörfler (die auf rassistischen Zitaten von Steiner beruhen) werden so lange bestehen, bis es in Anthroposophenkreisen üblich ist (oder wenigstens kein Tabu mehr), den eigenen Meister auch mal kritisch zu lesen und die z.t. recht obrigkeitsgläubig-ehrfurchtsvolle, etwas kindlich anmutende Haltung gegenüber den "echten Anthroposophen" (Zitat einer ehem. Waldorfschülerin, die gar nicht weiß, was Anthroposophie ist) abzulegen.

Vielleicht bewegt sich da so wenig, weil dieser Anthro-und-Waldorf-Mikrokosmos bei vielen Menschen die Sehnsucht nach der heilen Welt befriedigt, wo nicht sein kann, was nicht sein darf.

Klar, es gibt auch Pragmatiker: Viele schicken ihre Kinder in Waldorfschulen, ohne sich überhaupt mit der zugrundeliegenden Lehre auseinandergesetzt zu haben, nur weil die "Anthros" ein so nettes, softes Alternativ-Image haben. Auch seltsam. Man schickt ein Kind ja auch nicht einfach in eine Klosterschule und behauptet, es sei doch ganz gleich, wer der Papst ist.

By the way: Es gibt auch Montessoripädagogik, die sich durch das auszeichnet, was gern allein den sog. Waldörflern zugeschrieben wird. Aber Steiner zu loben, ist halt verführerischer, als die solide Maria Montessori. Und Frauen mit Sachkompetenz taugen ja auch von vornherein nicht, um sie aufs Podest zu stellen und ehrfurchtsvoll-unkritisch hochzusehen.....


schnüff

Wenn nur eine einzige Person vor 3 Jahren auch nur einen Gedanken des Textes verstanden hätte, dann hätte ich jetzt nicht nur ein Abitur sondern wäre entweder mit einer Lehre fertig oder hätte einen guten Job. So bin ich arbeitssuchend, unverstanden und allein mit meiner Meinung. Die Vorwürfe ich hätte in der Schule nicht getan, gelten nicht bei dem psychischem Druck dem ich ausgesetzt war. Jetzt bin ich kaum älter als 20 und muss mein Leben alleine meistern. Oft sehr schwer, und alles ohne Rückenhalt. Helfende Hände oder ein verständnisvolles Gespräch gab es nie, obwohl ich oft darum gebeten habe.
Was mir bleibt ist eine Träne im Auge.
Und der Willen es besser zu machen. Und der eiserne Wunsch es zu schaffen, wenn auch allein.