Nebenbei lief der Fernseher, Sloterdijks philosopisches Glashaus. Thema: Das Imperium schlägt zurück - Glaubenssache Amerika. Drei deutsche Denker und ein amerikanischer Literaturwissenschaftler, der bis vor zwei Jahren noch einen deutschen Pass hatte, haben sich vorgenommen, über das Selbstverständnis einer Großmacht zu verhandeln.

Man merkt schon an solchen Ankündigungen, dass man es eine Stunde lang vor allem mit Ressentiments zu tun bekommen wird. Deutsche, ahnt man, denen an den USA reflexhaft Großmacht und Empire einfallen, bedauern vor allem eines: dass es nicht die Deutschen sind, die der Welt Vorschriften machen können.

Drei Minuten später weiß man, dass die Ahnungen, die man hat und um derentwillen man sich selbst oft genug als paranoid verdächtigt, prima funktionieren. Sloterdijk stellt Peymann als Altabendländer vor, und Peymann legt gleich los, indem er daran erinnert, dass man in Dresden diskutiert, der Stadt der Erfahrung der anglo-amerikanischen Bombenangriffe, nach denen sie ausgesehen hätte wie Kabul. Deutsche Denker, begreift man wieder einmal, werden es den vulgären Amerikanern nie verzeihen, dass sie ihnen den Faschismus weggebombt haben. Einen Satz später wirft Peymann den Amerikanern ihr Rachebedürfnis vor. In Europa hätte es dieses Rachebedürfnis nicht gegeben, die Reaktion auf den Holocaust, , meint Peymann, wäre nicht Rache, sondern Vergebung gewesen, eindeutig die bessere Reaktion.

Man fasst es nicht. Man sitzt da und fragt sich, was da gerade passiert, ob man das alles nur träumt oder ob man einer Diskussion von Leuten zuschaut, die sich das Hirn mit Crack kaputtgeknallt haben.

Rüdiger Safranski, von den anwesenden Altabendländern noch der vernünftigste, wendet ein, man könne die Schose ja vielleicht auch anders sehen: dass nämlich die Deutschen von den Amerikanern befreit wurden, wie möglicherweise die Afghanen ja jetzt auch, und dass man vielleicht deswegen ja einen Vorteil davon hätte, von den Amerikanern angegriffen zu werden. Schöne Steilvorlage für Sloterdijk: Mitglied der Achse des Bösen zu sein, sagt er, muss nicht so schlimm sein. Man kann mit einer amerikanischen Übermacht gute Erfahrungen haben, sagt er, wenn man sich besiegen lässt wie die Europäer, insbesondere die Deutschen. Bis jetzt hatte ich zwar immer geglaubt, dass die Europäer zuerst von den Deutschen massakriert und besiegt und dann, viel zu spät, von den Amerikanern, Russen und Engländern befreit worden sind, aber dank Sloterdijk weiß ich nun, dass der zweite Weltkrieg ein Krieg der USA gegen Europa war, insbesondere gegen Deutschland.

Es kann, sagt Peymann, keine angemessene Reaktion sein, ein Land niederzubomben, gerade deswegen habe ich ja Dresden erwähnt.

Diese Momente sind es, in denen endlich auch ich in mir so etwas wie Antiamerikanismus fühle, in denen in mir eine verzweifelte Frage zu toben beginnt: Was hält die die Amerikaner eigentlich davor zurück, ihre Kriege zu Ende zu führen?

Auch Sloterdijk stellt sich Fragen: Woher kommt dieser Imperativ, fragt er sich, dass das Imperium zurückschlagen muss? Na ja. Nun kommt endlich der Literaturwissenschaftler ins Spiel, ein Überläufer, wie Sloterdijk andeutet - er führt ihn ein mit den launigen Worten: Sie haben das Lager gewechselt, Sie haben seit zwei Jahren einen amerikanischen Pass.

Man bewundert ihn sofort, den Literaturwissenschaftler, der ganz anders ist, als der hässliche Amerikaner, von dem Sloterdijk die ganze Zeit über geredet hat, der hässliche Amerikaner, der taktlos ist anderen gegenüber und sich nicht zurücknehmen kann. Ich weiß: Wenn ich der Literaturwissenschaftler wäre, würde ich dem altabendländischen Sloterdijk sofort über den Mund fahren für seine Manieren und mir eine Sorte europäischen Taktgefühls verbieten, die es einem deutschen Philosophen erlaubt, seinem Gast schon in der Vorstellung etwas Anrüchiges anhängen zu wollen. Aber der Literaturwissenschaftler, der zu den hässlichen Amerikanern übergelaufen ist, eine Konversion, wie Sloterdijk es nennt, bleibt erstaunlich ruhig, sagt zwar nicht besonders wichtige, aber immerhin vernünftige Sätze, er wird der einzige sein an diesem Abend, der vernünftige Sätze sagt, die gelassene Sprache der Aufklärung spricht.

Jetzt ist Peymann wieder dran. Er doziert über die römische Rolle der Amerikaner, die Amerikaner, das neue Römische Imperium. Wer sich mit Peymann ein wenig auskennt, weiß, was er uns damit sagen will. Damals, als die die alte Bundesrepublik noch Fronstaat im Kalten Krieg war, hat Peymann Kleists Hermannschlacht inszeniert, miese deutschnationale Propaganda gegen Napoleon, Hermann der Cherusker als zum Märtyertod bereiter Dschihadist gegen die Römer. Peymann hat schon damals keinen Zweifel daran gelassen, dass seine Inszenierung gegen die amerikanischen Besatzer gerichtet war, als ich es damals sah bei einem Gastauftritt während der Wiener Festwochen, konnte ich nicht glauben, dass er überall als Linker galt und nicht als neonazistischer Blut-und-Boden-Regisseur. Die römische Rolle der Amerikaner also, immer noch, immerhin ist er sich treu geblieben, nur dass der Unsinn, den er verzapft, mittlerweile längst Mainstream geworden ist. Und immer noch wendet keiner das Naheliegende ein: Dass das Römische Imperium zu seiner Zeit belegbar historischer Fortschritt war, in allen Belangen der Zivilgesellschaft, um mal ein Lieblingswort der Antiempiriker zu gebrauchen, aber mit der Empirie hat man es im Glashaus ja nicht.

Ist es nicht Terror, sagt Claus der Cherusker, was in Afghanistan geschieht. Aber das darf man gar nicht sagen, sonst wird man ausgegrenzt. Es ist das Merkwürdigste an deutschen Kulturschaffenden, dass all die Denk- und Redetabus, unter denen sie angeblich leiden, nicht existieren. Aber nur so kann man sich zum Widerstandskämpfer hochlügen: Man sagt etwas im Fernsehen, und hinten dran sagt man, dass man es eigentlich gar nicht sagen darf. Es holt ihn zwar keiner ab aus der Gläsernen Manufaktur zu Dresden, nichts wird geschehen, keine Umerziehung, keine Aufforderung zur Selbstkritik, kein Berufsverbot, aber er hat, klopft er sich auf die Schulter, ein Tabu gebrochen. Applaus von den Rängen.

Safranski ist wieder dran und erwähnt den europäischen Verdacht, dass es bei der Bush-Politik nicht um Krieg gegen Terror geht sondern um einen anderen Krieg, um Weltherrschaft vielleicht. Die deutsche Antwort, so Safranski, wäre dagegen: Man muss mit Mitteln der Verbrechensbekämpfung reagieren, mit einer großen polizeilichen Aktion. In Amerika sagen sie alle gleich: Krieg. Da geht der Reißverschluss auf zwischen Amerika und Europa.

Über dieses Motiv, das in der Kritik am Afghanistan-Feldzug der USA ja immer wieder vorkam, könnte man übrigens auch einmal reden. Bis jetzt habe ich nicht verstanden, was es eigentlich sein soll an den polizeilichen Aktionen, das sie moralisch so viel akzeptabler macht als einen militärischen Einsatz. So viel ich mich erinnern kann, behandelt eine polizeiliche Aktion ihre Objekte ja auch nicht besonders gut, zum ersten, und zum anderen als der eigenen Herrschaft unterworfen; militärische Aktionen dagegen machen klar: die Angegriffenen sind einer anderen, nicht der eigenen Souveränität unterworfen. Wenn also deutsche Denker in Afghanistan polizeiliche Aktionen fordern, dann kann das logischerweise nur bedeuten, dass sie meinen, Afghanistan wäre ein Problem der inneren Sicherheit, und schon können wir uns wieder einmal fragen, wie pazifistisch ein Pazifismus ist, der jene, mit denen Mitleid zu haben er vorgibt, gleich der eigenen Herrschaft unterworfen wissen will. Aber vermutlich sollte man nicht allzu logisch sein in diesen Dingen.

Peymann: Ich möchte kein Amerikaner sein. Ich möchte mit all dem nichts zu tun haben. Diese Auftrittsallüre. Er sei ja ein Sportfan und hätte sich die Eröffnung der Olympischen Spiele in Lake Placid angesehen. Und dann kommt dieser Bush und benimmt sich wie ein Cowboy. Da steht der mit einer Hand in der Tasche und beugt die Olympische Formel. Und dann sagt Peymann: Das hat sich der Hitler nicht getraut.

Es geht so dahin, die Hamburger kommen vor, der Imperialismus der Hamburger, derselbe Text wie immer, wenn Abendländer zu einem netten Plauderabend über die Neue Welt zusammenkommen, die Ostküste, das Theokratische, dass die Amerikaner sich selbst für das Gelobte Land halten, man sitzt vor dieser Herrenrunde und fasst es nicht, man fragt sich, wann genau es eigentlich begonnen hat, dass die Philosophie zu reden begonnen hat wie der Think Tank eines Front National, Europa, Altabendland, wir müssen uns wehren gegen das Imperium, man kennt diesen Scheiß doch, das ist doch gedankliche Geopolitik, die es schon mal gab, und man merkt, dass es so weit ist, dass sich diese Geopolitik nicht wesentlich anders mehr formulieren muss als zu den Zeiten, als es sie schon einmal gab.

Zum Schluss stellt Sloterdijk noch eine Frage. Die Frage, sagt er, die Amerika sich stellen muss, lautet: wie will es lernen, Menschen nicht so zu demütigen? Und, fragt Sloterdijk sich und den fortgeschrittenen Abend: Wir Europäer, welche Lektion können wir den Amerikanern beibringen, damit sie lernen, wie man mit anderen Völkern umgeht?

Ich würde mal sagen: Da ist das deutsche Geistesleben echt prädestiniert für.






Heart of Darkness

Joseph Conrad schreibt auf den ersten Seiten von "Heart of Darkness" über die Römer, die nach England vordrangen / über die europäischen Kolonialmächte des 19. Jahrhunderts:

"What saves us is efficiency - the devotion to efficiency. But these chaps were not much account, really. They were no colonists; their administration was merely a squeeze, and nothing more, I suspect. They were conquerors, and for that you want only brute force - nothing to boast of, when you have it, since your strength is just an accident arising from the weakness of others. They grabbed what they could get for the sake of what was to be got. It was just robbery with violence, aggravated murder on a great scale, and men going at it blind - as is very proper for those who tackle a darkness. The conquest of the earth, which mostly means the taking it away from those who have a different complexion or sightly flatter noses than ourselves, is not a pretty thing when you look into it too much. What redeems it is the idea only. An idea at the back of it; not a sentimental pretence but an idea; and an unselfish belief in the idea - something you can set up, and bow down before, and offer a sacrifice to..."


Es wird zurückgesendet.

zur Vergebung: Es gibt den inflationär zitierten und gleichwohl großartigen Satz von Zvi Rex, »die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen.« Zu Dresden (mittlerweile eine Chiffre wie »ich sag' nur: Wembley!«) könnte man in diesem Sinne anfügen: Nicht alles, was die Alliierten gemacht haben, war schlecht. Aber den Weltkrieg, den hätte Bomber Harris nicht anfangen sollen.

Befreiung kann manchmal wehtun...

zur Befreiung: Was meinen wir eigentlich damit? Die Befreiung von den Folgen eines verlorenen Kriegs, von Luftangriffen und Lebensmittelrationierung? Oder wirklich auch die Befreiung vom Faschismus, von dessen Bestialität in Deutschland doch niemand niemals nichts gewusst haben will? »Davon haben wir doch alle nichts gewusst! (Und hätte man etwas gewusst, hätte man doch auch nichts tun können, sonst wäre man ja selbst ins Lager gekommen, von dem man übrigens nichts wusste!)« Kann man einen befreien, der von seiner Unterdrückung erst nachträglich, sich verwundert die Augen reibend, erfährt? Aber die Befreiung von der eigenen Unkenntnis ist - zumal im deutschen Geistesleben - ja auch was Feines.

Dennoch ist der Begriff der Befreiung, für dessen Aufnahme in den Kanon der offiziösen Staatsphrasen viele Linke in den vergangenen Jahren schwer gekämpft haben, reichlich infam. Der 8. Mai 1945 war sicherlich ein später und herbeigesehnter Tag der Befreiung für die unterworfenen Völker und für die wenigen Juden, die den Holocaust überlebt haben. (Inwieweit die Deutschen sich diesen Tag herbeigesehnt haben, lassen wir mal dahingestellt.) Wenn sich nun aber Deutsche als Befreite wähnen, dann stellen sie sich, dickfellig und dummdreist, in eine Reihe mit ihren Opfern und rufen »Haltet den Dieb!«

Die Frage muss doch lauten: Kann man Täter von ihren Taten, von ihrer Schuld befreien? Offensichtlich kann man es, denn es gab in der Tat viel Vergebung seit 1945, es wurde wenig zur Verantwortung gezogen, statt dessen kam das Wirtschaftswunder, und zum großen Staatsakt am 50. Jahrestag dieser Befreiung durften die Deutschen wie selbstverständlich neben den Siegermächten stehen, während ein befreites Volk wie die Polen von den Feierlichkeiten ausgeschlossen blieb. 80 Prozent der Deutschen hielten den 8. Mai damals (1995) für einen Tag der Befreiung, rund 65 Prozent den gleichen Tag aber auch für »nicht wichtig« oder »nicht sehr wichtig«. Für uns Deutsche ist der 8. Mai ein Tag der Befreiung von Schuld, Verantwortung und militärischer Schmach. Es ist der Tag, an dem wir von der Verlierer- auf die Siegerstraße wechseln durften. Es ist ein Tag der Geschichtsentsorgung, und die wirklich Befreiten dürfen uns bei unserer – wie immer vorbildlichen – Mülltrennung zugucken. Und lernen.

zur Lektion: Wie man mit anderen Völkern umgeht, diese Lektion zu erteilen steht den Deutschen natürlich besonders gut an. Da sind wir ein richtiges Kompetenzzentrum für. Zum Deutschen Sloterdijk könnte man in Anlehnung an Woody Allen (oder?) sagen: »Der macht mit der deutschen Sprache das, was Hitler mit Polen gemacht hat.« Seit gestern abend wird zurückgesendet.


Sinn des Terrors

Eine Frage ist jedoch in der Öffentlichkeit selten diskutiert, gerade jetzt, wenn die Bombenangriffe in Afghanistan kritisiert werden. Weder der Bombenterror der Deutschen (initial Guernica, Coventry) noch der der Engländer und Amerikaner gegen deutsche Großstädte erfüllte doch seine geplante psychologische Wirkung. Eher wurde der Kampfes- oder Durchhaltewille noch verstärkt. Selbst die Atombombenangriffe auf Japan sollen angeblich gar nicht die Kapitulation beschleunigt haben. Wieso glauben Militärs (und Terroristen?) an solche Wirkungen?


Solche Diskussionen...

...verlaufen übrigens immer etwas anders, wenn sich die Diskussionsleitung dazu entschlossen hat, auch einen leibhaftigen Amerikaner dazu einzuladen. Solcherlei Konflikte in Absentia der wichtigsten Konfliktpartei abzuhandeln ist eh müssig. Stammtisch, halt.


Empörend,

dass das pazifistenkartell dich schon wieder belagert hat. Aber wie ich höre, sind die briten entschlossen, dich und den belegbaren historischen fortschritt notfalls mit atomwaffen zu verteidigen. Also keine sorge. Jetzt wäre noch interessant zu erfahren, was du gemacht hast, während nebenbei der fernseher lief.


Notfalls entschlossen.

Während der Fernseher nebenbei lief, wollte ich entschlossen schreiben. Dann setzten die Sätze ein, und es wurde ein Notfall daraus. Es verhält sich übrigens nicht so, dass ich die neuen militärischen Strategien für akzeptabel hielte; neu sind sie ja auch nicht. Manchmal frage ich mich, ob das immer wieder von vorne das Schlimmere ist oder das immer noch.