Dienstag, 18. Januar 2005

nichtsalsdiewahrheit





Denis Robert, Das Glück, rororo, 2005 (im Original 2000)

Dämlicher kleiner "erotischer Roman", soll in Frankreich ein Bestseller gewesen sein, tatsächlich findet man im Netz eine"Lire"-Rezension, die sich angetan gibt, beim NouvelObs eine kleine Hagiographie. Erzählt wird, was in diesem Genre sicher schon sechzehntausendsiebenhundertdreiundachzig Mal heruntererzählt worden ist, Mann trifft Frau, beide verheiratet, aber das Poppen ist so leidenschaftlich schamlos schuldlos ausufernd, blablablabla, und huch! sogar bei Partouzen und beim Autofahren und vor anderen und en plein air und mit sex toys. Zwischendrin die üblichen Mittelschicht-Substandard-Meditationen über Hingabe, über Leidenschaft, über da-lieg-ich-nun-ich-kann-nicht-anders, über was-sagt-das-jetzt-alles-über-mich (das sind die Parts, die Texte erotisch machen, das Äquivalent zum Strauchtomaten-auf-dem-Isemarkt-Kaufen auf sexuellem Terrain, le Distinktionsbedürfnis). Den nächsten, der sich einbildet, er wäre ein besserer Beschreiber als der unambitionierte Kollege, weil er ein Frenulum erwähnt, soll übrigens auf der Stelle der Blitz treffen. Das Allerdämlichste in Das Glück ist, dass er ihr Nicholsons Bakers Vox schenkt und sie hinterher anruft, um sich zu erkundigen, ob ihr das Buch gefallen hätte, und Überraschung! es hat ihr auch gefallen, und schon will er von ihr wissen, was sie anhat, und dass sie das jetzt auszieht, jetzt gleich, übers Telefon. Gott, wie schäbig.





Birma Kuba Iran Nordkorea Simbabwe Weißrussland

sagt Condi.





Sándor Màrai, Die Glut, Piper, 1999 (erstmals 1942)

Der Roman, durch den Márai wiederentdeckt wurde (so heißt es; in Wahrheit wohl überhaupt erst "entdeckt"). Buchmesse 1999, Schwerpunkt Ungarn, danach auf den Bestsellerlisten.

Die Geschichte: Henrik, General im Ruhestand, ein 75jähriger Eremit, Witwer seit mehr als 30 Jahren, erwartet auf seinem Schloss in den Karpaten (der Mann ist reich) seinen Jugendfreund Konrád, den er vor 41 Jahren und 43 Tagen zuletzt gesehen hat. Konrád ist damals überstürzt aufgebrochen, ohne Erklärung, ohne Abschied. Nun soll Gerichtstag abgehalten werden. Eine Nacht lang essen und trinken die beiden Herren miteinander, und während sie das tun, führt Henrik seinem Freund, als den er ihn immer noch führt, einen Monolog auf, den er lange, lange, lange, mehr als sein halbes Leben lang, sich selbst immer wieder vorgesprochen hat, in dessen absentia, aber im Wissen, dass er am Ende aller Tage seinen Adressaten schon finden wird. Konrád schweigt dazu, bis auf ein paar nicht weiter wichtige Sätze; es geht auch nicht darum, dass er etwas sagt: er sitzt da, um sich etwas anzuhören, nicht für Gegenreden. Was Henrik vorträgt, ist die Geschichte des Tages vor Konráds Abreise und der Zeit danach, von der Konrád nichts weiß. Beide sind sie damals auf der Jagd gewesen, und auf einer Lichtung hatte H. gefühlt und gewusst, aber nicht gesehen, dass K., der Freund, der Bruder, sein Pollux, in seinem Rücken das Gewehr auf ihn anlegte und auf seinen Hinterkopf zielte statt auf den Hirsch, der vor ihnen beiden auf der Lichtung stand. Eine halbe, eine ganze Minute ging das so, zwei Freunde, von denen der eine hinterrücks auf den Hinterkopf des anderen anlegte; dann verschwand der Hirsch, der Schuss fiel nicht, das Gewehr wurde wieder gesenkt, kein Wort fiel. Danach noch ein Abend zu dritt, eine rätselhafte Unterhaltung Konráds mit Henriks Frau, ein Abendessen, das nicht recht in Gang kam, ein Abschied wie immer. Am nächsten Tag ist K. verschwunden, H. inspiziert seine Wohnung, in der er nie zuvor war, es ist die Wohnung eines Künstlers, nicht eines Soldaten - der er wie H. doch damals gewesen ist -, und während H. sich in der Wohnung des verschwundenen umsieht, trifft auch seine Frau ein, fragt, ob K. abgereist sei, er bejaht es, sie sagt "Feigling" und macht sich wieder auf den Heimweg. Danach ist die Ehe, ohne dass darüber gesprochen würde, zu Ende, die Frau bleibt im Schloss, H. zieht in ein Jagdhaus ein paar Kilometer entfernt, kein Wort mehr zwischen den beiden, bis zum Tod der Frau acht Jahre später. So in etwa trägt es H., lange geprobt, seinem Freund vor, verschlungener, Détail um Détail, mäandernd und doch immer wieder im Kreis, Konrád widerspricht nicht, kein Dementi, in keinem einzigen Anklagepunkt, und wenn ihm einmal eine Frage von H. gestellt wird, bekommt er die Zeit nicht, sie zu beantworten, darum ist es auch nicht zu tun, die Antworten sind alle schon gegeben, K. hat nichts anderes zu tun, als sich das alles anzuhören, und all die Antworten, die er geben könnte, reichten ohnehin nicht aus, die Abgründe wieder zu schließen; die Frau, die beide liebten (oder auch nicht), ist tot, die zwei, die sie überlebt haben, der eine ihr davongelaufen, der andere vor ihr verkapselt, haben überlebt. Das ist ihre Schuld, kein Gespräch könnte daran etwas ändern, über einem Grab taugt eine Versöhnung nichts. Am Ende des Essens gibt man einander manierlich die Hand und geht seiner Wege, Konrád zurück nach London, Henrik zurück in sein Schloss, jetzt können beide sterben. Eine Gespenstergeschichte also; und man tut sich nicht schwer darin, in ihr allen möglichen Gespenstern beim Spuken zuzusehen. Das Jahrhundert. Das untergehende Ethos einer Aristokratie/Bürgerlichkeit, über das die Geschichte hinwegmarschiert ist. Die ausgesprochenen und die unausgesprochenen Kontrakte, die allesamt gebrochen werden, was bleibt, ist die Gefasstheit, mit der man den Konkurs eröffnet. Das löst sich nicht auf, nicht mehr, Alb bleibt Alb und sitzt den Leuten auf der Brust, c'est tout, kein Pardon, keine Entsühnung. Andererseits: did not work for me, not at all. Was Márai hier gemacht hat, kommt mir billig vor, erschlichen. Eine Maschine konstruieren, wenn sie fertig ist, anschalten und ihr beim Funktionieren zusehen. Der konstruktive Imperativ, den anderen nicht sprechen zu lassen, ist zugleich ein so verdammt billiger Trick (und wie bescheuert ist das eigentlich von mir, einem Roman in die Konstruktion grätschen zu wollen… andererseits: so liest man nun einmal, als Pflichtverteidiger des Materials… ). Mein alter Hang zu den fehlerhaften Geschichten, der anderen Sorte Spuk, dem Spuk des Materials, das sich gegen den Autor richtet. Und die Wahrheit der Geschichte ist natürlich, dass auch Márai mit dieser Geschichte schäbig über eine weibliche Leiche gegangen ist. [Die erste Hälfte des Buchs dagegen, alles vor dem Eintreffen dessen, der sich seine Anklage, sein Urteil, seine mildernden Umstände abholen muss; die erste Hälfte also, die nicht Monolog ist, sondern von außen erzählt, in einer merkwürdigen Distanz zwischen Nah- und Totalaufnahme: sagenhaft gute Prosa.]





Sonntag, 16. Januar 2005

nur kurz, um zu sagen wie TOLL dieses magazin ist: THE FENCE





Freitag, 14. Januar 2005

Der arme Hund.





Und immer so weiter.





Donnerstag, 13. Januar 2005

schuld in schuhe schieben. gäbe es tauglichere gefässe.





sándor márai, tagebücher 1984-1989, piper, 2002

traumatisierende lektüre. márai notiert verfall und verluste. seine frau lola, in den aufzeichnungen immer nur l. genannt, stirbt anfang januar 1986 (alter, ausgezehrtheit), danach hält er noch drei jahre durch, er weiß selbst nicht, wie und warum, ehe er sich, mit 89, erschießt. zwischen l.'s und seinem eigenen tod sterben, in budapest, seine zwei übriggebliebenen brüder (alter, ausgezehrtheit) und, ein paar blocks entfernt, sein adoptivsohn (42, jähes herzversagen gleich nach dem aufstehen). das jahr vor dem tod l.'s: ihre zunehmende blindheit, ihre zunehmende taubheit, ihre häufiger werdenden zusammenbrüche, ihre zunehmende entkräftung, ein sturz im zimmer nebenan, ein gebrochener arm, der nicht mehr recht zusammenwachsen will, einlieferung ins krankenhaus, abende bei einer fast ständig bewußtlosen, den geliebten körper waschen, putzen, bereden, streicheln, füttern, manchmal ein wacher blick, manchmal ein halbsatz, manchmal eine antwort ("hast du schmerzen?" - "nein"), ihr letzter satz, wochen vor dem tod: "warum sterbe ich so langsam?" sein eigener verfall, die müdigkeit beim gehen von einem zimmer ins andere, die trippelschritte, die anhaltenden autokolonnen beim überqueren der straße, das eine auge völlig blind, im anderen ein glaukom. nachts noch lektüre, ungarische literaturgeschichte, die essays edmund wilsons, marc aurel, ungarische lyriker. nach ihrem tod die lektüre ihrer tagebücher, notizhefte, 120 in einer kiste. nachts träume von einer hotline, vermittels derer er mit ihr kommunizieren kann, schriftbänder, die durch sein bewußtsein laufen, totenticker. der kauf eines revolvers und 50 schuss munition. ein kurs bei der örtlichen polizei, beim ersten termin rechtsbelehrung darüber, unter welchen umständen man auf einbrecher schießen darf, beim zweiten termin schießübungen. er will es nicht verpfuschen, vorher üben. zu den jubiläen (heute ist l. vier wochen tot, drei monate tot, ein jahr tot) einträge über sie, wie sie war, wie sie ihm fehlt, dass religion eine gemeinheit ist, nichts taugt, dass nichts mehr etwas taugt, an allen anderen, immer sporadischer werdenden eintragstagen auch über l. der letzte eintrag 12 wochen vor dem schuss, auf den er sich lange vorbereitet hat: es sei jetzt bald soweit. im nachwort noch, eher nebenher, eine bemerkung über die immensen schwierigkeiten der transkription der tagebücher: márai, schon fast ganz blind, hat mit der schreibmaschine geschrieben - und oft die falschen tasten erwischt.

[beschlossen, sie zu überleben. man kann es keinem antun, nicht zu überleben.]





Mittwoch, 12. Januar 2005

der retro-player (macintosh only) [inniger dank an stackenblochen] spielt die mp3s wie früher im jugendzimmer ab. leiernd, knarzend, knackend, springend. und sofort erinnert sich der körper. wie das war, im jugendzimmer. als die innerweltliche erlösung knisterte.





Dienstag, 11. Januar 2005
  • die kleenex-box.
  • der ausfahrbare vergrößerungsschminksspiegel.
  • die nappalederbriefmappe.
  • das verzeichnis jedes einzelnen zur kette gehörenden hotels, auch jenes in dubai. man könnte ja mal in dubai sein.
  • das milchschokolade-täfelchen auf dem kopfkissen.
  • der knick im kopfkissen.
  • der schuhputzautomat knapp vor dem aufzug.
  • der einsteckschlitz für die keycard, mit der auch das licht angeht.
  • der schalter für die stehlampe, den man nie sofort findet.
  • die konturen des ansonsten nicht mehr sichtbaren teeflecks.
  • das formular zum eintragen des minibar-verzehrs.
  • der dreieckige turm auf dem fernseher mit den anfangszeiten der bezahlfilme.
  • das verzeichnis mit den vorwahlnummern der wichtigsten länder und städte.
  • das schokomüsli im transparenten kunststoffzylinder.
  • die haferflocken.
  • das telefon neben der kloschüssel.
  • die fruchtsafttanks.
  • die wärmebehälter für das rührei, die kross gebratenen frühstücksspeckscheiben, die miniwürste.
  • die beim aufschneiden krümel auswerfenden brötchen.
  • das schneidbrett mit dem angeschnittenen vollkornbrotlaib.
  • das käsebrett mit dem angeschnittenen brie.
  • die in der schüssel mit den halb geschmolzenen eiswürfel aneinander klebenden butterscheiben mit wellschnitt.
  • die in die frühstücksspeckscheiben gerutschte frühstücksspeckscheibengabel.
  • der lautsprecher für den fernsehton im badezimmer.
  • die dunkel kunstfurnierholzfurnierte steckdosenleiste über dem schreibtisch, auf dem die nappalederbriefmappe liegt.
  • die 0 oder 9 für die amtsleitung.
  • der wäschebeutel.
  • der hygienebeutel.
  • das bestellformular für das frühstück.
  • die mit einer banderole gebundene wirtschaftstageszeitung.
  • die überdecke.
  • die unterdecke.
  • die digitaluhr.
  • der weckruf.
  • der beim betreten des zimmers schon angeschaltete fernseher mit dem schwarzen schirm, auf dem links ein grünes oder weißes sektglas sektperlen in die luft perlt und herzlich willkommen, frau dingsbums-dongsbums steht.




[1] meine merkwürdige & unverbrüchliche liebe zum girl paris hilton [she does not know how she moves me] [2] international ponyhof. [3] dass männer von mitte 30 im gesicht immer so verkleidet aussehen. [4] freundschaft, der unique selling point der mittlerweile wieder einmal aufgelösten libertines. [5] das berlinern von gottfried benn ist doch ein wenig unangenehm. [6] das rotlichtviertel in den post-tsunami-phuket-reportagen des spiegels: der beweis, dass sie wirklich da waren. ["reiben wieder tanzend ihre unterkörper an den glänzenden stangen": das musste auch gesagt werden] [7] die mittleren jahre: auch nur so eine wette. [8] korrespondenten an allen schauplätzen der welle. [9] g., die mir vor mehr als 25 jahren erzählte, ihr onkel habe ihrer tante einen abschiedsbrief in absichtlich unleserlicher handschrift hinterlassen. [10] gestern im vorübergehen einen jochen schmidt, noch eingeschweißt, für fünf euro gekauft; diese entsetzliche verramschung der literatur. [11] die angst einflößende vorstellung des zweiten buches. [12] plan einer broschüre mit je einer seite makelloser prosa über jede frau, mit der ich schlief, doch nicht schlief, schlafen wollte, doch nicht schlafen wollte. nichts über mich. [13] biografie eines mannes bis zu dem zeitpunkt, an dem er beginnt, vanilletabakpfeifen zu rauchen. [14] die peinlichkeit der auf unpeinlichkeit bedachten männern. [15] "du hast gerade mit einer frau telefoniert. das hör ich doch." [16] so great: video.antville.org [17] der spiegel-korrespondent, der nach einer formulierung dafür sucht, dass im rotlichtviertel von phuket wieder tanzend unterkörper an den glänzenden stangen gerieben werden. [18] wissenschaftler geworden, um fassung bewahren zu können. [19] ach was. [20] sofa. home of annoying mannerisms. [21] der satz "lasche nur lose einlegen" kommt mir heute so metaphorisch vor. [22] the gender fallacy. [23] frauen, die in filmen frauen sehen, die ihre köpfe auf den kissen hin- und herwerfen. "aber wenn einer erschossen wird, hältst du das doch auch nicht für echt". "das ist etwas anderes." [24] jemand, der "sex and the city" für eine serie über beneidenswerte gewinnerinnen gehalten hat. "möchtest du jeden abend mit drei freundinnen zusammensitzen und darüber reden müssen, wie es wieder nicht geklappt hat?" "aber umgehen können damit!" [25] mr. winter, starbucks-enzyklopädist. via ditmar fritze, resilienzforschung [26] - "heute wäre ich gerne so eine saint tropez-schabracke."

  • "da kann ich dir leider auch nicht helfen."




  • in der kita wird noch ein kind vermisst. und seine mutter.
  • und, fragte m., wie reagiert paul darauf?
  • indem er das vermisst wörtlich nimmt.
  • ja, aber…
  • was würdest du machen, wenn ich plötzlich weg wäre, vermisst, keine leiche? wann würdest du denken, dass ich tot bin?
  • nie. niemals.

[vorstellung von wohnungen, die jetzt leer stehen. autos, die noch in flughafenparkplätzen stehen. telefonrechnungen, die noch abgebucht werden. spinden, kinderkleiderschränken, schulbänken, kita-hausschuhen. kinder, die "das gehört aber n." sagen, leerbleibende plätze, auf die niemand sich setzt. irgendwann doch, nach den nächsten ferien.]





pinker lipgloss in den öffentlich-rechtlichen nachrichten.





jochen, der freund, hat jetzt auch ein weblog, und es fängt gut an: selbr.de.





Seit Weihnachten:

T. C. Boyle, Dr. Sex, Hanser, Februar 2005

John Milk, erster Assistent des Sex-Forschers Alfred Kinsey erzählt nach dessen Tod seine und seines Herrn Lebens- und Forschungsgeschichte - manischer Empirismus, Feldstudien in der community of investigators, Fummeln und Unaussprechlicheres mit Mr. und Mrs. Kinsey. Ein ödes Buch. Boyle will wieder einmal zeigen, dass Absolutisten einer reduktionistischen Weltsicht durch ihre Borniertheit der Wahrheit, sich selbst und ihren Mitmenschen alle mögliche Ungemach einbrocken. Als ob man das nicht schon längst gewusst hätte. Unangenehm ist die Aufdecker-Schmutzwühler-Ironie: guckt mal, was Herr Doktor Sex sich für erotische Freizügigkeiten und psychologische Schweinereien geleistet hat, und in Wahrheit war das alles ja nur eine Strategie zum fucking for free mit den Gemahlinnen der Forscherkollegen (und den Forscherkollegen selbst). Wie schon beim Kellogs-Buch: Boyle kann keine historischen Romane. Historische Romane aus der Besserwisser-Sicht des Nachgeborenen sind immer eine überflüssige Übung. Den naturalistischen sex craze Kinseys einer bloß desillusionierenden Kritik zu unterziehen ("die Gefühle hat er aber nicht bedacht"), macht die Sache noch langweiliger. Wenn Boyle wenigstens etwas gegen Sex hätte; er hat aber nur etwas gegen das ideologische und wissenschaftliche Operieren mit ihm, gegen die Vermengung von Dienst und Schnaps, gegen die doppelte Buchführung.


Wilhelm Genazino, Liebesblödigkeit, Hanser, Februar 2005

Ein freischaffender Apokalyptiker in den späten 50ern (Wochenend-Seminare für Sinnbedürftige in besseren Hotels, Vorträge an konfessionellen Akademien etc.) hat seit Jahren fein austarierte Liebesbeziehungen zu zwei Frauen, die voneinander nichts wissen. Weil erstens das Alter dräut und zweitens das Gewissen immer wieder rumort, nimmt er sich vor, eines dieser Verhältnisse abzuschaffen und sich für das andere zu entscheiden. Die Abwägung darüber, welche Frau es denn nun sein soll, führt zu nichts. Also bleibt alles, wie es ist. Enttäuschend, vor allem, wenn man Genazino seit langem von Herzen verehrt. Alles in diesem Roman ist erbarmungslos heruntergebrochen auf Marotten, Tics, Idiosynkrasien. Ein zunehmend zauselig Gewordener möchte sich sein Zauseltum als savoir vivre retten und deswegen das Leben neu schlichten, das aber schlichtet sich auch ganz von selbst. Kleinkunst, nicht mehr. Und das verstimmende Gefühl, es mit einem Genazino-formula book zu tun zu haben. In den geliebteren Genazino-Büchern war das Marottenhafte immer eine Funktion, ein Symptom, eine Konsequenz gewesen. Jetzt ist es an die Figuren bloß angepappt. Seltsam.


Sándor Márai, Wandlungen einer Ehe, Piper, 2003 (ursprünglich 1941/1948)

Das erste Márai-Buch, das ich gelesen habe, weil die Signora Reski es mir so schön ans Herz gelegt hat. Erstaunlich, wie glücklich man gleich wird, wenn man es mit einem Roman zu tun bekommt, von dem man das Gefühl hat, er hätte "mit einem selbst" zu tun, er ginge einen etwas an (was immer das bedeutet). Und wie mir gleich aufgefallen ist, dass es so wenige Romane gibt (oder ich so wenige kenne), in denen es um die Liebe der mittleren Jahre geht, um das Eheliche. Hier geht es nur darum. Péter, ein von seiner Biografie zum Fabriksbesitzer gemachter Bürger, Ilonka, dessen erste, und Judit, dessen zweite Frau erzählen in je einem Drittel des Romans in langen Monologen ihre Versionen der Geschichten, die sie miteinander hatten, dazwischen liegen jeweils ein paar Jahre (zwischen dem ersten und zweiten Drittel der II. Weltkrieg). Die Stationen gehen ungefähr so (oh, Ödnis der Zusammenfassung…): I. Ilonka erzählt in einer Konditorei bei Pistazieneis einer auf Heimatbesuch weilenden Freundin die Geschichte ihrer Ehe mit P., die zehn Jahre zuvor geschieden worden ist. Es ist eine Ehe, die für sie zuerst nagend, dann unerträglich assymetrisch ist: Sie liebt ihn mehr als er sie, er ist stets ein wenig fern, unnahbar, in einem Habitus der Distanziertheit gefangen; sie nimmt das lange hin, aber nur scheinbar, in Wahrheit versucht sie ihn zu verstricken; er merkt es, entzieht sich umso mehr ins bloß formelhaft Höfliche, Korrekte, man kann ihm nichts vorwerfen. Sie bekommen ein Kind, er bemüht sich, es zu lieben, in einer Mischung aus Verzweiflung und Pflichtgefühl; nach zwei Jahren stirbt es an Fieber; sie weiß, nach dem Tod des Kindes hat sie ihn endgültig verloren, gesteht sich selbst ein, das Kind nur um seinetwillen geliebt zu haben, als Mittel, ihm näherzukommen, Hoffnung, er werde ihr sich endlich nähern. Bei einem Ferienaufenthalt in Meran eröffnet er ihr, er hätte begriffen, einer zu sein, der nicht so sehr geliebt werden wolle; sie könnten miteinander leben, aber sie solle sich bemühen, ihn nicht mehr so sehr zu lieben. Eines Tages entdeckt sie durch einen Zufall in einem Fach seiner Brieftasche ein Seidenband, findet bald heraus, dass es in seinem Leben vor ihr eine andere, die Richtige, gegeben haben muss, beschließt, ihn sich zu erobern, identifiziert die andere Frau auch schließlich: es ist Judit, das ehemalige Dienstmädchen der Familie, die immer noch bei seiner Mutter lebt. Kurz danach ist Judit verschwunden, die Ehe wird aufrecht erhalten, ein stabiles Arrangement aus zuvorkommenden Manieren und bloßem Nebeneinanderherleben, verkarstet. Dann kehrt Judit zurück, ruft an, lässt sich P. geben. Gleich danach verlässt er I., für immer. II. Péter, der Ehemann aus dem ersten Teil, erzählt einem Freund bei viel Wein die Geschichte seiner zweiten Ehe - und deren Vorgeschichte. Als er noch bei den Eltern gelebt hat, hat er, in einer Art Leidenschafts- und Desertions-Schub, Judit, dem Dienstmädchen der Familie, erklärt, warum er nicht um ihre Hand anhalten könne - und ihr damit seine Liebe (oder was auch immer), von der sie nichts ahnte und die sie nicht erwartete, überhaupt erst eröffnet (um sich in derselben Bewegung gleich wieder gegen sie zu verschließen). Judit ihrerseits nimmt den Antrag - den er ja nicht gemacht hat, jedenfalls nicht im Indikativ, sondern nur im Konjunktiv samt anschließendem Indikativ-Dementi - nicht an, weil er, P., ihr "zu feige" sei. Er geht auf seine Fabrikanten-Lehrjahre in Ausland, kehrt nach vier Jahren wieder, übernimmt die Fabrik des Vaters, heiratet Ilonka (die Erzählerin des ersten Roman-Drittels), verschreibt sich selbst das Etui einer Bürgerlichkeit, von der er längst schon ahnt, dass sie im Aussterben begriffen ist. Irgendwann kommt seine Frau dahinter, dass Judit, immer noch Dienstmädchen bei seiner (längst schon verwitweten) Mutter, ihm ein stärkerer Konjunktiv gewesen ist als sie ihm je Indikativ sein konnte, vertreibt Judit, er vergisst sie beinahe, ohnehin ist er jemand, in dem alles Abschied ist, ein Konkursverwalter der eigenen Klasse und der eigenen Möglichkeiten (die Kunst, die Leidenschaft, das commitment). Dann kehrt Judit zurück, lässt sich mit ihm verbinden, meldet sich - sie war in England - mit "hello", er legt auf, zieht aus, kehrt nie wieder zu Ilonka zurück, lässt sich scheiden, um anderntags Judit zu heiraten. Bald kommt er darauf, dass sie ihn bestiehlt: sie kauft manisch ein, Kleider, Hausratsplunder, Schmuck, rechnet nicht korrekt ab mit ihm, bringt die Differenz für sich auf die Seite; er registriert es, spricht es an, er nimmt es hin, es stört ihn nicht weiter. Eines Nachts, after fucking, sieht er ihr ins Gesicht, nimmt endlich wahr, dass sie ihn bloß bedient. Er lässt sich wieder scheiden. End of story. III. Judit, die zweite Ehefrau, die Richtige, erzählt nach dem Krieg in einem Zimmer in Rom, ihrem Liebhaber, einem Schlagzeuger, ihre Version der Geschichte. Waren die ersten beiden Drittel des Romans Spiegelbilder (die bürgerliche Ehe, Sittlichkeit, Pflicht, Entsagung, Selbsterziehung, &tc. pp.), wird nun der Spiegel zerschlagen. Was J. betreibt, ist die Beschreibung einer Klasse (und weil sie genau ist, ist sie besser, als eine Analyse es wäre). P. (und seine erste Frau und seine Mutter und sein Vater und sein bester Freund, der Schriftsteller Lázar) sind alle nur noch die Exempel, als die sie der Außenstehenden erscheinen müssen, mögen diese Exempel sich noch so individualistisch dünken; Tauschgesellschaft eben; die Reichen haben tolle Kloschüsseln, Parfum, das nach dem Heugeruch stinkt, dem man als Arme entkommen will, eigene Hühneraugenpfleger, und sie lassen ihr weibliches Dienstpersonal vom Hausarzt auf Geschlechtskrankheiten examinieren, für den Fall, dass der Sohn der Familie einen Drang empfindet; die Reichen können sich Psychologien leisten, und auch, sich ihrer Frauen zu entledigen, wenn der Psychologie nicht Genüge getan wird. That's what I learned from life, my little drummer, he wanted to fuck me, I let him pay, he did not like when he noticed that he had to pay, they don't accept having to pay for their illusions, so he filed a divorce, ah, you know, he was fair in his compensations, but they are so, I dunno, now let's kiss, my little drummer… End of story. So ungefähr geht das bei Márai, in meiner Synopsis jedenfalls, andere Leute werden darin eher den Untergang Europas, des Bürgertums, die Melancholie-Sedimente, das Schnitzlerhafte, das Thomasmannhafte für wichtig befinden, und das alles nicht zu Unrecht. Was mich ein ums andere Mal getroffen hat, in lauter kleinen, aber nachhaltigen Chocs, sind diese Dämonien der Liebe, die Márai auffältelt - und von denen in den Romanen, die ich sonst lese, selten die Rede ist. Die Abgründigkeiten von Sex: ja klar, überall, gähn; die Beschwörungen des Erotischen: Dauer-Hausse, blue chips der Literatur, ist ja auch billig, Ramsch, Verliebtsein, amours fous, die Faszination von cock & pussy kann man so leicht behaupten wie sonst kaum etwas. Bei Márai dagegen wird das Regime der Liebe, das sonst kaum einer in Frage stellt (außer die öden Evolutionsfritzen, die alles auf das Puckern der Gene reduzieren wollen), angegangen; dass es eine Zumutung ist, jemanden zu lieben, zum Beispiel; eine Eitelkeit, eine Vermessenheit, eine Hoffart. Und jedes Mal, wenn so ein Satz fällt in diesem seltsamen Parlando (das einem immer wieder einmal auf die Nerven fällt), zuckte ich zusammen und dachte: stimmt vielleicht (und wie ist das bei mir? … und bin ich auch so?), und irgendwann im ersten Drittel gibt es diese Passage, in der die wackere brave Frau so etwas wie den Anflug einer Selbsterkenntnis hat und zum Priester beichten geht und ihm dabei erzählt, wie sehr sie darunter leidet, dass ihr Mann sie nicht ebenso sehr liebt wie sie ihn (ohne dass sie, irgendjemand, überhaupt wüsste, worin das Genug-Lieben oder Gerecht-Lieben oder Genauso-Lieben denn bestünde), und der Priester hört ihr eine Zeitlang zu, & dann sagt er: "Ja, dann leiden sie eben." Ja, eben.


Marcelle Sauvageot, Fast ganz die Deine, Nagel & Kimche, Februar 2005 (Original 1933)

Auch so ein Verhängnis-der-Liebe-Buch. Eine Frau, 30, Französischlehrerin in Paris, begibt sich in ein Sanatorium, um ihre Tuberkulose zu kurieren - es wird ihr nicht gelingen, 1934 stirbt sie. Kurz vor ihrer Abfahrt hat der Mann, den sie liebt, mit ihr Schluss gemacht. Nun schreibt sie ihm einen langen, langen Brief. Das Buch ist dieser Brief, kein Roman, sondern tatsächlich ein Abschiedsbrief, Abrechnungsbrief, nach dem Tod Marcelle Sauvageots veröffentlicht und damals von Leuten wie Paul Valéry oder Paul Claudel hoch gelobt. Mit Grund: Fast ganz die Deine ist von einer sehr genauen Bitterkeit und von einer Unerbittlichkeit, die nicht nur dem Adressaten, sondern auch dem Leser arge Gewissensbisse macht. Zwei Zitate:
Wenn Ihnen danach ist, einen ganzen Tag lang ins Wasser zu spucken, um Kringel zu machen, wird die Frau, die Sie liebt, den ganzen Tag an Ihrer Seite bleiben, ohne etwas zu sagen, und Ihnen dabei zusehen, wie Sie Wasserkringel machen; sie wird glücklich sein, weil Ihnen dieser Zeitvertreib gefällt. Und wenn Ihnen jeden Tag danach ist, Wasserkringel zu machen, wird diese Frau jeden Tag dabeisitzen und Ihnen zusehen. Sie haben hinzugefügt, ich würde das nicht fertigbringen. das muß ich wohl oder übel zugeben. Ich würde erst einmal versuchen zu schlafen oder selbst irgend etwas zu tun; wenn das nicht ginge, könnte ich es mir nicht verkneifen, Ihnen zu sagen, daß sie ein Dummkopf sind und daß Sie mich lieber küssen sollten.

Es ist eigenartig, wie oft ein Mann in dem Moment, da er sich mit der Frau zu verbinden gedenkt, die er seit langem liebt, plötzlich von moralischen und gesellschaftlichen Prinzipien heimgesucht wird. Er liebte diese Frau, weil sie stark, unabhängig und voll eigenwilliger Gedanken war; wenn er ins Auge faßt, sie zu heiraten, verwandeln sein Beherrschungswille, seine Eigenliebe und seine Sorge um die öffentliche Meinung die Stärke in Revolte, die Unabhängigkeit in Stolz und schlechten Charakter, die eigenwilligen Gedanken in Egoismus und Ansprüche. Er weist darauf hin, daß das Leben aus alltäglichen kleinen Vorfällen besteht, denen man sich beugen muß und angesichts derer man sich eine "vernünftige Einstellung" zulegen muß. Es empfiehlt sich, die Rollenverteilung von vornherein zu klären, denn die Zeit der Kinderspiele ist vorbei.


Frank Schulz, Kolks blonde Bräute, Haffmans bei Zweitausendeins, 2004 (erstmals 1991)

Hält man lange Zeit für eine Biersäufer-Burleske, ist auch eine, musst oft lachen, weil so albern und so norddeutsch, kippt dann irgendwann um in so eine Alkoholiker-Tragödie und glücklicherweise wieder retour, so etwas glücklich Ausgestandenes, Ehe jetzt, Kinder jetzt, nur noch manchmal, ganz selten um die Häuser, besser so, gerade noch dem Kaputtgehen entkommen. Sehr gerne gelesen. Ich bin da aber befangen, ich hab sieben Jahre gegenüber der Glocke gewohnt, die bei Schulz Glucke heißt, und zehn Fußminuten vom Maibach, das im Buch als Reibach vorkommt, samt Piranha-Aquarium, Lokalkoloritwiedererkennungsglück, bin ja auch manchmal bei dieser Hamburger Polizeirevier-Serie glücklich, weil das Serien-Polizeirevier bei mir um die Ecke liegt. Hätte ich aber wahrscheinlich auch so gerne, sehr gerne gelesen.


Peter Leissl, Die legendären Anstiege der Tour de France, Covadonga 2004

Drin ist, was draufsteht: 20 Gipfel, auf die Tour de France-Fahrer sich quälen, Streckencharakteristiken, Bergprofile mit kilometergenauen Prozentangaben, entscheidende Antritte, legendäre Etappen, schöne Schwarzweißfotos, dazu Porträts legendärer Bergfahrer und Tabellen. Gut geschrieben, solide Recherche, liest man gerne, wenn man die passende Obsession in sich spuken hat.


Oliver Lubrich, Reisen ins Reich 1933-1945, Eichborn, 2004

50 Texte von Ausländern, die zwischen 1933 und 1945 das nationalsozialistische Deutschland bereist haben - als Journalisten und Korrespondenten (Simenon, Shirer usw.), als Schriftsteller (Sartre, Genet, Camus, Beckett, Isherwood, Thomas Wolfe), als Diplomatentöchter (Martha Dodd), als Nazi-Sympathisanten und -mitkämpfer. Großartige, gespenstische Anthologie, man wundert sich, dass es das nicht schon längst gibt.


Julie Orringer, How to Breathe Underwater, Knopf 2004 (erscheint Ende Februar als kiwi-Paperback)

Phänomenal gute Kurzgeschichten über Kindheit und coming-of-age. Literarisch nicht weiter erwähnenswert, classical mode eben, unerhörte Ereignisse, Anfang-Mitte-Ende, handwerklich einwandfrei - aber ohmegod, kann die beobachten, hat die tolle Figuren, sieht die Sachen, hat die einen Seismographen für Kindheits- und Pubertätstragik. Toll.





Samstag, 8. Januar 2005

an diesem 8.1. fünfzehn (!) Grad tagsüber, Fische gegrillt, ausstehende Herbstarbeiten nachgeholt: Flugeschen im Winterschlaf kaltlings beseitigt, das Walnußlaub (sauer! böse!) gebunkert, und nichtsahnenden Löwenzähnen und dem heimtückischen Girscht böse mitgespielt.





Donnerstag, 6. Januar 2005
fake foto tz tsunami

Seit zwei Tagen weiss die halbe Welt und die FAZ, dass dieses Foto mit der Flutwelle nix zu tun hat. Da rennen lauter Chinesen. Hättet ihr mal kucken sollen. Ihr druckt das trotzdem. Ts ts TZ.





anton tantner > galerie der hausnummern





osman khan: kunst aus kreditkarten





Dienstag, 4. Januar 2005

Wenn Ihre Pumpe Windows fährt, dann können Sie hier sehen, wie weit ebenjenes offen steht.





lebt es sich nicht schlechter, merke ich.





Sonntag, 2. Januar 2005

keine ahnung, ob das für andere nützlich sein könnte [ich bin darauf nur zufällig gestoßen, weil ich den ausdruck eigenvalue nachgeschlagen habe]: in den papers von taher h. haveliwala und sep kamvar geht es häufig um berechnungen von page ranks, google vektoren und all so was, mit dem ein nicht-mathematiker nicht mehr anfangen kann, als sich seine ungebildetheit einzugestehen.





werbespot, der garantiert funktioniert hat: hospitalisierte zootiere, bob dylan, audi (quicktime movie)





erst heute bemerkt, dass david pogue bei der nyt ein weblog führt: pogue's posts.





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