Montag, 26. August 2002

career girls





Eine der sympathischsten Gestalten, die das alte Europa vor seinem Untergang im Gefrierschrank der Populärkultur deponiert hat, ist sicher der Pariser Bohémien: Unendlich rechthaberisch, spastisch im Denken wie in der Gestik, unterernährt und übernächtigt, geistert er als «Märtyrer der Konsumgesellschaft» durch das Bewusstsein der Literatur und des Films. Unverdrossen verteidigt er seinen kunsthandwerklichen Anspruch ans Leben und setzt dem kulturellen Kaufzwang das Abziehbild künstlerischer Heimproduktion entgegen.

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Schlag auf Schlag wird Antoine «Teil des Grossen und Ganzen». Die abgezirkelte Geographie des Bohémienlebens zwischen isländischem Spezialitätenrestaurant und besserwisserischem Freundeskreis weicht den Kulissen dessen, worunter sich Page die vollendete Idiotie vorstellt. Medikamentös ermutigt, dringt er «in den Hühnerhof der Bourgeoisie ein, der nach Moschus duftete und nach gesellschaftlicher Überlegenheit». Poster von Sportwagen, «jungen Frauen von sinnlicher Üppigkeit» und «unsterblichen Intellektuellen wie Alain Finkielkraut» lösen die Miyazaki-Gemälde ab; der Körper wird im Fitnessstudio gestählt, das Geld im Investmentbüro verdient. Als er in einer Art virtuellem coup de dés Millionär wird - er kippt seinen Kaffee in die Tastatur des Hauptcomputers, der Kurzschluss führt zu «genialen Finanzoperationen» -, scheint das Glück perfekt.

Die Neue Zürcher über Martin Pages Roman Antoine oder die Idiotie. Aus dem Französischen von Moshe Kahn. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2002. 135 S., Fr. 28.30.









Freitag, 23. August 2002

Man muss nicht den Makel des Rechtsradikalismus loswerden, man muss die Rechtsradikalen loswerden, und ihr müsst auch nicht die Ausländer integrieren, wie kommen die denn dazu, von euch integriert zu werden, nicht wahr, es genügt völlig, wenn ihr sie endlich in Ruhe lässt, einfach das Maul halten, die Steine liegenlassen, Benzin ins Auto tanken statt in die Imbissbude schmeissen, das würde wirklich schon genügen.





Vor zwei Jahren entstand die Idee zum Projekt "Studio24", als sich die Gründer von City-Küchen fragten, wie man dem Kunden die Küche von Morgen in einer völlig neuen Erlebniswelt präsentieren kann. Mit dem exklusiven Küchenstudio "Studio24 by City-Küchen" gelingt es den Spezialisten auf brillante Weise, den Kunden über die vertraute Küchenfunktionalität hinaus an die geheimnisvolle Wunderwelt der Technik und Darstellung heranzuführen.

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Mit dem neuen Studio ermöglicht City-Küchen dem viel beschäftigten Kunden von heute ein Shopping-Erlebnis rund um die Uhr auf höchstem Niveau. In aller Ruhe bewegt sich der Kunde durch das "Studio24", betrachtet die Exponate und entdeckt bei einem Glas Champagner oder einer Luxuszigarre die Besonderheiten der bislang teuersten und technologisch bestausgestattetsten [sic!] Küche der Welt.

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Das exklusive und futuristische Vertriebssystem des Studios basiert auf streng selektierten Distributionskanälen über Transponderkarten, die der differenzierten Zielgruppe jederzeit zugänglich sind. Die Zugangsberechtigung erhalten Stars und Persönlichkeiten aus den Bereichen Kunst und Kultur, Architekten und Bauunternehmer sowie Privatkunden mit exklusiven Ansprüchen.

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Der erlebnisorientierte Kauf einer Küche erreicht durch das "Studio24 by City-Küchen" eine neue Dimension im Einzelhandel. Vom Eintreten bis zum Verlassen des Studios wird der Kunde von elektronisch gesteuerten Effekten begleitet. Während der Begehung kann er ein Glas Dom Perignon oder eine Luxuszigarre der Marken Cohiba und Montecristo genießen und hat so Muße, sich von der atemberaubend neuen Küchenwelt inspirieren zu lassen. Die Boden-, Decken- und Wandflächen des Studios sind aufwändig mit Blattplatin belegt. Zukunftsweisende Glasfaserlichttechnik schafft durch ihr farbiges Licht eine positive Raumstimmung. Natürliche Essenzen aus Duftsäulen verströmen ihr Aroma.

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Sobald der Kunde, der im Besitz einer platinfarbenen VIP-Card ist, an die Studiotür herantritt, betätigt ein in die Kundenkarte integrierter Transponder die automatische Türöffnung. Durch diese computergesteuerte Technik ermöglicht "Studio24 by City-Küchen" als exklusiver Einzelhändler erstmals seinen Kunden den uneingeschränkten 24-stündigen Eintritt in ein Küchenstudio.

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Tritt man an die Küche heran, kommen parallel zwei Flachbildmonitore aus der Arbeitsplatte herausgefahren. Einer für die mediale TV-Unterhaltung und einer mit Netzzugang für das Internet. Über die Henry-Technik sind TV, Internet, Licht sowie die gesamte Küchen- und Haustechnik spielend leicht steuerbar.

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Kein Wunder, dass der Kundenkreis von City-Küchen weit über die Grenzen von Berlin hinausreicht.

City-Küchen-Kunden findet man in vielen Teilen Europas, sogar weltweit. Referenzen kommen aus den USA (Washington DC), aus Südfrankreich und Chile (Santiago de Chile), auf Mallorca (Port Andraixt) und Sylt (Kampen), in Köln, Stuttgart, München, Hamburg, Hannover und Dortmund.

Zu den weiteren Leistungen von City-Küchen gehört daher auch ein eigener Shuttle-Service, und darüber hinaus übernimmt City-Küchen auch die komplette Organisation des Berlin-Aufenthaltes von der Hotelunterkunft bis zur Abendgestaltung.

Zum erlesenen Kundenkreis von City-Küchen gehören die Berliner Gesellschaft und Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und Entertainment ebenso wie Architekten und Bauunternehmer.

Nur 500 ausgewählte Persönlichkeiten weltweit aus den Bereichen Kunst und Kultur, Entertainment, Architektur und Wirtschaft erhalten in diesen Tagen die VIP-Card, mit der sie jederzeit die Wunderwelt der Technik im Studio24by City-Küchen entdecken können.

Hier ein kleiner Auszug von Personen mit Zugangsberechtigung für das Studio:

Boris Becker Iris Berben Senta Berger Alfred Biolek Shawne Borer-Fielding & Dr. Thomas Bohrer Sabine Christiansen Tamara Comolli Alexander Erbprinz zu Schaumburg-Lippe Heino Ferch Katja Flint Karl Heinz Richard Fürst von Sayn-Wittgenstein Fredrik Graf von Plauen Thomas Gottschalk Jette Joop Wolfgang Joop Gudrun Landgrebe Wolfgang Ley Jean Nouvel Franz Xaver Ohne-Sorg Caroline von Monaco Dr. Friedrich Wilhelm Prinz von Preussen Otto Sander Maria Schrader Michael Schumacher Sir Norman Foster Erich und Regine Sixt Gabriele Strehle Prinz Michael und Prinzessin Sabine von Anhalt Gundilla von Bismarck Gloria von Thurn und Taxis Udo Walz Katharina Witt





Gestern noch beim IKEA-Krebsessen gewesen. Sehr merkwürdiges Ritual. Lätzchen vor die Brust, Hütchen auf den Kopf, Flußkrebse auf den Teller. Ein Krebs, ein Aquavit, ein Lied. Ach, die Lieder, alter Schwede. Ich zitiere mal eines, die Melodie ist dieselbe wie bei Oh Tannenbaum.

En taggatråd, En taggatråd, det är en tråd med taggar på. Och är det inga taggar på så är det ingen taggatråd. En taggatråd, En taggatråd, det är en tråd med taggar på.
Zu deutsch:
Ein Stacheldraht, ein Stacheldraht, das ist ein Draht mit Stacheln dran. Und hätt´der keine Stacheln dran, dann wär´ es auch kein Stacheldraht. Ein Stacheldraht, ein Stacheldraht, das ist ein Draht mit Stacheln dran.





Donnerstag, 22. August 2002

Ist Schach ein sauberer Sport? Nein, wirklich nicht, weiß der grandiose Herr Seidel.

Man kann Schach riechen!! Verantwortlich sind, so nennen wir das, die "Schachhormone", die jede intensive Partie unweigerlich freisetzt. Dabei handelt es sich um einen typischen und einzigartigen Schweißgeruch, der sich durch seine Penetranz deutlich vom normalen Fußballschweiß unterscheidet. Jener ist süßlich und weich, sehr wässrig, dieser hingegen hart, säuerlich und ein bisschen aggressiv, beißend gar, wenn er erkaltet und wiedererhitzt wird, daher auch kaum durch kosmetische Behandlung zu beseitigen. Im Gegenteil, ein ausgeprägter Schachduft gepaart mit einem moosigen Deodorant macht jedermann zum heimlichen Star eines Turniers, so zumindest ist die Befürchtung, wenn die eigenen Ausdünstungen in die Nase steigen, wenngleich ich beruhigender- und beängstigenderweise bei meinem meist männlichen Gegenüber oft ein ähnliches Phänomen feststellen muss. Bei mehrrundigen Turnieren habe ich es mir mittlerweile angewöhnt, die Wäsche in den Spielpausen zu wechseln, was zumindest den Effekt temporär verringert.





Ein langer, sehr schöner Text von Olu Oguibe: Radiohören im Biafrakrieg, die Sehnsucht nach Welt und frei fließenden Informationen, Postkolonialismus und westafrikanische Kunst und Götter mit Transistor-Radios. Zwei Teaser:

At the height of the Biafra war when a throttling economic blockade made it impossible to import items like electronics into the fledgling republic, my father began to deal in transistor radios. The odd hours at which he brought home his wares always left me with a disquieting feeling that there was something illicit about the trade, but I also saw and lived with some of the most beautiful transistor radio sets ever made: the Philipses, the PYEs, the Grundigs, some of them as old as radio technology itself, dug up by desperate, war ravaged families who pawned them for food. I inspected them, compared them, marveled at them and when no one was watching, touched and caressed them. I marveled at the magic behind the invisible, little people who were buried in those boxes, yet spoke and sang and made music like normal humans.

Other than the inevitable British Broadcasting Corporation from which my father and the rest of the Biafran citizenry gathered their news of the outside world and the progress of the war, and the local stations to which he turned every Sunday morning for songs by Jim Reeves and other American gospel singers, my father's favorite station was Radio Santa Isabel, a Spanish service which broadcast out of Santa Isabel, Fernando Poo in the tiny, newly independent African Republic of Equatorial Guinea. Although the strict Christian sect that my father ministered to forbade dancing, which he never engaged in, he and his friends nevertheless loved the fast, loopy Central and East African guitar music out of Santa Isabel which was far more exciting and danceable than the more sedate and philosophical war-time Biafran 'highlife' music.

In same way that they effortlessly switched between the war propaganda on the Voice of Biafra and the diplomatic propaganda on the BBC, so did they navigate with equal ease between patriotic fervor for homegrown music and the genuine desire for the uplifting guitar wizardry of music from far beyond the Bight of Biafra. As the war raged and the death-tolls rose, my father's friends would come around of an evening and request that I turn on the radio and tune them into Radio Santa Isabel, and they would sit around, occasionally dance, not understanding a word of the Spanish broadcast yet reveling in the window of freedom that the little box on the mantle opened to them. While they fought war and famine in that hinterland of Igbo country with neither electricity nor other basic utilities that are commonplace in the West, the transistor radio broke them through an otherwise impregnable blockade and the attrition that was waged on them daily, and reunited them with the rest of the world which was theirs by right.

[...]

The radio is a metaphor for innovation, communication, reception, exchange, dissemination and circulation, and though it is never entirely innocent or free, on the level of signs the radio is nevertheless symbolic of the free flow of elements and ideas between and across locations. The image of the young god with a radio tells us of a culture that is invested in this free flow, a culture that is eager to listen, to keep abreast, to tune into the wavelengths of human heritage and open its feelers to ethereal signals from other cultures and other lands, a culture with a ready handshake. Certainly, a culture that is willing to trust its gods with radios indicates to us that it is an open and receptive culture, a republican society where elements, viewpoints, inventions and innovations may circulate and flourish irrespective of their provenance; because curiosity is alive and healthy and curiosity is the sparkplug of culture.





Was ich mich natürlich auch gefragt habe: Ob es diese Plünderer, die da immer wieder mal als Angst beschworen werden, wirklich gibt, und falls ja, wie sie es denn schaffen sollen, unbeobachtet in Schlauchbooten durch überschwemmte Straßen zu paddeln.





Mittwoch, 21. August 2002

Ich habe nicht allzuviele dieser Sondersendungen über die große Flut gesehen, aber einige doch, und gestern ist mir dann endlich aufgefallen, was ich in den vergangenen 14 Tagen unter all den Abgesoffenen, Nichtversicherten und Panzer fordernden Bürgermeistern nie, kein einziges Mal gesehen habe: Immigranten. Als wären dort, wo das Wasser war, keine gewesen. Oder als wären sie mit weggespült worden, vom Wasser und vom großen neuen Wir.





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