Max A. Höfer, Meinungsführer Denker Visionäre. Wer sie sind, was sie denken, wie sie wirken. Eichborn 2005

Ein lächerlicheres Buch habe ich lange nicht gelesen. Höfer ("Wirtschaftswissenschaftler und Politologe") beantwortet die nicht gestellte

"Frage, wer die Menschen sind, die in Deutschland die Debatten bestimmen. Unter mehr als 2000 Denkern, Meinungsführern und Visionären wurde ein Ranking ermittelt. Die Kriterien sind: Wie oft wird ein Denker in Zeitungen und Zeitschriften zitiert, wie stark ist seine Präsenz im Internet, und wie weit reicht sein Arm im Networking hinter den Kulissen?“
Und so geht das dann dahin: Meinungsführer, Internetpräsenz, peinigend schlimme Sprache. Das Top-200-Denker-Ranking (Platz 31: Klaus Staeck, Platz 128: Fritz J. Pleitgen) ist das Ergebnis trister, aber immerhin "gewichteter" Erwähnungszählerei in 83 "meinungsbildenden Medien" (Spiegel, Geo, NZZ, Rheinische Post &tc.), bei Google ("über 50 Prozent Marktanteil") und - für den Vernetzungskoeffizienten - im Munzinger-Archiv. Dass diese Methode schon deswegen albern ist, weil sie nur die "Rangstellung" (also Erwähnungshäufigkeit) jener ermitteln kann, die dem Ermittler selbst eingefallen sind, hat Höfer nicht mitbekommen - so wenig wie den Tod Derridas (Platz 3 in der G-Liste; "G" für Geisteswissenschaftler) am 8. Oktober 2004, obwohl doch er doch jeden Toten aus dem Buch (Erscheinungstermin: Februar 2005) eliminiert hat; vermutlich hatte Munzinger noch nicht aktualisiert. Zu jedem der wichtigsten 60 nach seiner eigenen Methode ermittelten Top-Denker liefert Höfer ein kurzes Portrait, in dem er dessen Sendung im deutschen Geistesleben skizziert. Wie in Talkshows - nach deren Muster Höfer sich Debatten vorzustellen scheint - hat jeder seine Rolle zu spielen. Claus Peymann ist der "Regisseur des Radical Chic" (dass er weiß, woher die Wendung stammt, steht nicht zu befürchten), Harald Schmidt "der ergraute Dirty Harry", Gerhard Richter "der Virtuose des Scheins". So erbärmlich wie diese Brandings sind die Erläuterungen. Im Derrida-Porträt etwa leistet Höfer sich folgendes:
"Derrida begeistert besonders den Feminismus. Denn nach seiner Theorie ist der Westen nicht nur logozentristisch, sondern auch "phallokratisch": Der Mann werde als das Grundmodell der Menschheit genommen und die Frau als Abweichung davon betrachtet. Das kommt in der Sprache zum Ausdruck, wenn beispielsweise das Wort "Studenten" in der männlichen Pluralform verwendet wird, obwohl es doch Männer wie Frauen bezeichnet. In den Achtzigerjahren versuchen feministische Gruppen die Gesellschaft zu ändern, indem sie fordern, künftig nicht mehr Politiker und Polizisten, sondern PolitikerInnen und und PolizistInnen zu schreiben. Doch bleibt das "Innen" nur eine kurze Mode. Was sich aber sehr wohl in der Gesellschaft durchsetzt, ist die Auffassung, dass bestimmte Berufe keineswegs nur Männern vorbehalten sein sollten."
Und so weiter und so fort, es ist so grotesk schlimm, dass man sich beim Lesen schämt.