je länger man arbeitslos ist, desto weniger interessiert das jemanden.
Eine traurige Wahrheit
... und an der Stelle geht es noch weiter. Denn neben immer weniger Reaktionen ('ach, immer noch arbeitslos?') werden die Reaktionen die noch kommen immer seltsamer. Z.B. "so langsam mußt Du aber mal wieder etwas tun" oder "ja findest Du denn nichts in einem anderen Beruf? (Du bist doch so vielseitig)" oder "ja dann mach halt irgendetwas". Die Unschuldsvermutung vom Anfang der Arbeitslosenzeit ("Du, den X hat's auch erwischt, kann der gar nichts dafür...") wird immer mehr Geschichte ("Du, der X ist immer noch arbeitslos") und oft sogar Verleugnung ("Hab ich ja gleich gesagt...").
Was ich zu Beginn als persönlichen Sport verstand, das coming out auf die Frage "... und was machen Sie so ..." mit "... bin arbeitslos" zu beantworten, verliert sich. Ist kein Spass mehr. Jetzt sage ich "... bin an einigen Projekten dran." Ist zwar geradeaus gelogen aber vermeidet einen peinlichen Moment. Ich bin an gar nichts dran, bewerbe mich routiniert auf immer abstrusere Jobangebote und erhalte postwendend die immergleichen Absagen. Schmerzt schon gar nicht mehr. Viel machen und alles versuchen bringt nicht mehr Effekt. Ich will gar nicht mehr wissen, mit wem ich konkurriere und welche gedrechselten Lebensläufe am Ende den Zuschlag erhalten. Ich wollte, ich könnte mir einen Lebenslauf bauen, mein Leben konstruieren und mich downgraden. Mich ganz klein machen, jung, billig und willig. Ich wollte, ich könnte ein anderer sein, ein kantenlose und geschmeidige, eine angepasste und willfährige Vita. Ich wollte, ich hätte wieder Arbeit.
das wird alles immer bizarrer. größtes problem bleibt aber, dass man seine scheinbare untätigkeit laufend glaubt, legitimieren zu müssen. mindestens vor sich selbs! da is ga keine chance auf müßiggang mehr!
arbeit kann ich ihnen jede menge geben. die lässt sich überall finden. leider wird sie nicht bezahlt. nicht mal von mir.
Man kann aber auch wenig dazu sagen, ohne gleich peinlich zu werden. Was man in so einer Situation wirklich hören will, ist doch konkrete Hilfe.
... und die konkrete Hilfe gibt es nicht. Ende Geschichte. So kurz, so wahr.
Es gibt aber auch noch andere Themen. Man muss sich gegen diese Identität wehren, die einem Gesellschaft und Bürokratie überstülpen wollen. Aber das ist auch schon wieder verkniffene Arbeit, für die keiner bezahlt. Es ist scheisse. Basta. Das mit dem billigwillig oben würde ich nicht unterschreiben. Diese ganzen Leute, die jetzt frisch von der Uni kommen und direkt arbeitslos werden, haben nämlich auch keine Credits. Nee, das ist noch viel beschissener. Mehr Chancen haben die auch nicht. Keine Kontakte. Nichts.
... in meiner persönlichen asset allocation nimmt die politische Grundsatzarbeit nicht gerade einen oberen Listenplatz ein. Ich habe eine Liste von Dingen, die uns Geld zum Weiterleben bringen. Ausgaben einsparen, Versicherungen kündigen, Fonds auflösen, billigst einkaufen, eBay, Arbeitslosengeld, Kindergeld, Erziehungsgeld, fall-back Strategien ausdenken, Überbrückungsgeld anleiern (Apropos: ueberbrueckungsgeld.com ist vielleicht ein wenig gesellschaftlich-politische Arbeit, aber das nur am Rande, mir fehlte die zündende Geschäftsidee schon während dotcom). Ohne absichtliche Reihung das alles. Mir ist es bei Leibe nicht langweilig, arbeitslos sein ist tagesfüllend. Ich muss mich nicht zusätzlich mit einer diffusen Gesellschaft reiben, mir reicht der kleine Mr Hyde in meinem Kopf, die roten Zahlen auf meinem Onlinekonto und die wiederkehrenden Panikattacken.
Aber ich wollte nicht mehr jammern. Die armen Uniabgänger? Bin ich solidarisch mit denen, die mit mir? Solidarität war gestern, wir buhlen um dieselben unterbezahlten Jobs da draussen. Ich tu´denen, die tun mir nicht leid. Wir treffen uns an der Aldi-Kasse.
Um die Solidarität ging's mir nicht. Nur darum, dass die nicht bessere Karten haben.
... sag´ ich ja nicht. Ich möchte jetzt nicht kurz vor dem Examen stehen. Mir wäre noch himmelangster als mir ohnehin ist.
komischerweise
interessiert es immer noch den einen oder anderen sadistischen sachbearbeiter beim arbeitsamt, koennse glauben. wenn man garnicht mehr damit rechnet, dann schicken die jeden tag 3 briefe etc... das einzige problem bei der arbeitslosigkeit ist doch in wirklichkeit eh nur das bankkonto. ansonsten ist sommer und das leben schoen.
... und die TTL wird zweistellig.
selbstbestimmtes Leben?
Ein Paar Links zur Kritik der Arbeit gibts hier: ameisen.arranca.de
Die sklavische Bindung an Lohnsklaverei ist ein Symptom von verfestigter "Biomacht" im Sinne von Empire (Negri/Hardt).
negri und hardt
müssen ja au nich arbeiten. die ham gut reden
Wir definieren einfach die Welt als Freiraum und den mobilen Compound der G8 etc. als Knast. Schon sitzen Berlusconi und Co dort, wo sie hingehören.