sie hat sich das leben genommen.

vor längerer zeit hatte ich einige - wie soll man das bloß nennen? - episoden mit ihr. sie muss mich aufgrund meines weblogs, so genau habe ich das nie verstanden, für einen anderen gehalten haben. einen, den sie einmal gekannt hatte und der mir geglichen haben muss, für sie jedenfalls. die art, zu schreiben, die art, witze zu machen, zynisch zu sein, ich weiß es nicht. sie schrieb mir emails, die sehr verwirrt klangen und mich aufforderten, mich mit ihr zu treffen. ich fühlte mich überfordert, schrieb ratlos freundlich zurück, sie müsse sich irren.

es kamen verwirrtere mails, schließlich telefonanrufe, tagsüber im job, spätabends zu hause. warum ich mich verleugnen würde, ich gäbe ihr doch zeichen.

der ohrenschein nützte nichts. sie ließ sich nicht davon überzeugen, dass ich durchaus ich und kein anderer unter falschem namen war. meine stimme nützte nichts, sie war davon überzeugt, dass ich ihr etwas sagen wollte. ich erklärte ihr, dass sie sich täuschte, dass sie mich, wenn sie wolle, in augenschein nehmen könne, irgendwo in einem café. ob ich etwas tun könne für sie? sie lachte, ungläubig, legte auf.

ein paar wochen ging das so, in denen ich mich schließlich selbst verfolgt fühlte. „meine stalkerin“, nannte ich sie. es wurde mir unheimlich. überfordert, ratlos, unangenehm berührt, wie ich mich fühlte, wollte ich sie loswerden und wusste nicht, wie ich das anstellen sollte. ich wusste ja nichts über sie, wusste nicht, an wen ich mich wenden hätte können, ob es jemanden gab, mit dem sie befreundet war und den man auf sie aufmerksam hätte machen können. eines schied auf jeden fall aus: irgendjemanden zu alarmieren, der offiziell war, ärzte, man wollte ihr keine schwierigkeiten machen, sie hatte doch schon genug.

ich hielt mich zurück auf dem weblog, bloß keine "zeichen" geben, ich beantwortete die emails nicht, versuchte sie beim telefonieren abtropfen zu lassen, einsilbig, wortkarg.

dann plötzlich war das zu ende. keine emails, keine anrufe mehr. ich war erleichtert.

ein paar monate später kam eine mail von ihr: sie hätte probleme und ich wohl besonders darunter zu leiden gehabt. es täte ihr leid. ich fand das souverän, freute mich für sie, schrieb zurück, ich hätte mir so etwas gedacht, aber nicht gewusst, was ich unternehmen hätte können. viel glück.

bei einer veranstaltung habe ich sie kennen gelernt. hände schütteln, hallo sagen, ein wenig small talk. aber nicht darüber geredet: man spricht menschen nicht auf perioden an, in denen sie nicht bei sich waren. vielleicht hätte ich es doch tun sollen. ich wollte mir nichts aufladen, ich komme ja kaum mit dem bestehenden nach.

es blieb still.

vor einem viertel jahr rief sie mich wieder an, im job. sie und ein paar andere säßen an einem projekt, zu dem sie gerne meine meinung hören wollte. es klang wie ein versuch, auf andere weise dann doch noch kontakt aufzunehmen. ich sagte zu, mit der einschränkung, ich hätte zu wenig zeit, um mich an irgendetwas zu beteiligen, aber wenn es darum ginge, ein paar meinungen abzugeben: gerne. ich war gerade am verreisen, wir vertagten uns.

am nächsten tag mails: „was geht mit kino?“. „was geht mit telefonieren (quatschen)?". "i would like to talk to praschl.“
mein gott, dachte ich, es ist nun wieder so weit. vielleicht wollte sie aber auch nur ins kino, sage ich mir jetzt, vielleicht reden. ich schrieb zurück, dass ich nicht in der stadt wäre, in zehn, vierzehn tagen wieder. sie sollte mich doch auf dem laufenden halten – über das projekt.

ich verreiste, hörte nichts mehr.

ende mai: wieder emails, die letzten. ich solle mich endlich melden. oder sie in ruhe lassen. kryptisches, manchmal einsprengsel aus meinem weblog, die sich lasen, als hätten wir einander gekannt, gemeinsame erlebnisse.

ich flog nach namibia.

nach meiner rückkehr mails in meiner mailbox.

die letzte vom 5.juni: "es tut mir leid".

danach habe ich nie wieder etwas von ihr gehört.

ich dachte, sie hätte sich wieder gefangen.

bis gestern.


nein: man kann nichts tun, man weiß nicht, was man hätte tun können, nie weiß man, was man hätte tun können. man wirft sich alles mögliche vor, eine sekunde hinterher spricht man sich frei, eine sekunde danach fühlt man sich wieder verantwortlich.

das seltsame gefühl: jemandem durch so ein weblog wichtig gewesen zu sein.

es muss ihr etwas bedeutet haben.

ich wünschte, es hätte ihr nichts bedeutet.


für euch da draußen:
you gotta be careful.
unversehens bedeutet man menschen etwas. das solltet ihr wissen.
manche menschen sind zerbrechlich. das solltet ihr wissen.
man kann es nicht verhindern, dass die menschen zerbrechen, und man weiß nicht, wie man es verhindern kann.
aber man sollte wissen, dass sie zerbrechen können.


["Going, Going, Gone" ist ein Lied von Bob Dylan, das traurigste von ihm, das ich kenne.]